Auto & Innovation

Kleinwagen im Vergleich: Wahre Alleskönner

01.12.17

Kleinwagen sind längst keine Spielzeugautos mehr, sondern ernst zu nehmende Alternativen zu VW Golf und Opel Astra – nicht nur für kurze Strecken. VW Polo, Ford Fiesta, Kia Rio und Nissan Micra im ADAC Test

Können Kinderaugen heutzutage noch glänzen, wenn ein Modellauto unter dem Weihnachtsbaum steht? Früher war es jedenfalls so. Feuerwehrauto, Porsche 911 oder ein knallgelbes ADAC Mobil hatten ihren besonderen Reiz. Ein ganz normaler Kleinwagen stand aber damals wie heute bei den lieben Kleinen sicher nicht ganz oben auf der Wunschliste.

Ein echter Fehler. Wenn die Kinder wüssten, was aktuelle Kleinwagen alles können, wären sie total begeistert! Auf rund vier Metern bieten sie erstaunlich gute Platzverhältnisse – zumindest zu viert. Ob Notbremsassistent, Müdigkeits- oder Totwinkelwarner: An Elektronik für mehr Fahrsicherheit fehlt es nicht. Rückfahrkameras sorgen für gute Sicht nach hinten. Und gegen kalte Hände im Winter hilft oft ein beheizbares Lenkrad. 

Kurz: Wer nicht auf den Platz eines Vans oder Kombis angewiesen ist, braucht eigentlich kein größeres Auto und dürfte auch mit einem Kleinwagen glücklich werden. Aber welcher soll es sein? Der ADAC hat vier neue Modelle getestet.

Das teure Navi kann sich im Polo sparen, wer über Android Auto oder Apple CarPlay navigiert

VW Polo: Optisch hat sich wenig getan

Der VW Polo ist Deutschlands meistverkaufter Kleinwagen. Vielleicht wollten die Wolfsburger deshalb kein Risiko eingehen und haben das Design nur behutsam weiterentwickelt. Das seit Herbst erhältliche neue Modell sieht dem Vorgänger jedenfalls sehr ähnlich. Außen zumindest, innen ist vieles neu. Wie bei anderen VW-Modellen ist es zum Beispiel möglich, die analogen Instrumente für 400 € durch einen Bildschirm zu ersetzen. Vorteil: Das Display ist individuell konfigurierbar, sodass sich etwa die Navikarte ins direkte Blickfeld holen lässt. 

Wie bei den Konkurrenten – mit kleinen Einschränkungen für den Nissan – können Smartphones nicht nur kabellos aufgeladen (ab 120 €), sondern auch mit Apple CarPlay und Android Auto gut gekoppelt werden (ab 225 €). Der schwarz eingerahmte Touchscreen wirkt edel und ist gut zu bedienen, farbige Applikationen sorgen für Pfiff. Bei der Materialqualität im Innenraum sticht der Polo die Mitstreiter nicht aus: Harter Kunststoff zeugt vom spitzen Bleistift, weggelassene Haltegriffe am Dach (wie beim Fiesta) ebenfalls. 



Weil der Polo acht Zentimeter länger und sechs breiter geworden ist, herrscht innen spürbar mehr Platz als im Vorgänger. Da kann keiner der Konkurrenten mithalten, am ehesten noch der Kia Rio, auf dessen Rückbank man recht angenehm untergebracht ist. 

In Sachen Komfort setzt der Polo Maßstäbe, er federt fast so gut wie ein Großer. Der anspruchsvolle ADAC Ausweichtest bringt das Auto aber an seine Grenzen: Das Heck wird nervös, sodass ESP zwar viel zu tun hat und früher eingreifen könnte, ein Schleudern aber letztlich verhindert. Ford und Kia meistern das Manöver souveräner.

Chic, aber nicht praktisch: In der C-Säule "versteckte" Türgriffe. Das Armaturenbrett gib es zweifarbig

Beim Ausweichtest patzt der Nissan Micra

Der Nissan Micra zeigt im Ausweichtest erhebliche Schwächen. Was umso mehr verwundert, als er im Alltag recht fahraktiv wirkt und mit seinem eher straffen Fahrwerk auch flotte Kurven nicht zu scheuen braucht. In der vom ADAC simulierten Notsituation aber drängt das Heck stark nach außen und lässt sich nur von einem versierten Fahrer wieder einfangen. Ein spontanes Ausweichmanöver vor einem Hindernis könnte so im Straßengraben enden! 

Mit dem unerfreulichen Ergebnis konfrontiert, verspricht Nissan, nachzubessern und das ESP-System neu abzustimmen. Leider nicht sofort: Erst ab Mitte 2018 soll es zum Einsatz kommen. Ob Nissan der ADAC Forderung nachkommt, bereits produzierte Fahrzeuge nachzurüsten, war bis Redaktionsschluss noch unklar.



Insgesamt fehlt es dem Micra an Feinschliff – der progressiven Optik zum Trotz. Hinten herrscht wenig Platz, und die in der C-Säule versteckten Fondtürgriffe lassen sich schlecht greifen. Nach dem Umklappen der Rücksitze entsteht eine Stufe. Der 90 PS starke Dreizylinder ist kein Leisetreter, verbraucht mit 6,0 Litern Super vergleichsweise viel und nervt im Alltag mit seiner unharmonischen Kraftentfaltung. Unter 2000 Touren passiert erst mal wenig – das können die Konkurrenten besser.

Gut: Ein Notbremsassistent, der auch Fußgänger erkennt, ist serienmäßig, die Bedienung funktionell. Und auch die Ausstattung des N-Connecta kann sich mit serienmäßigem Navigationssystem und Klimaautomatik sehen lassen.

Verhindert Schrammen: Beim Öffnen der Tür klappt eine Schutzleiste aus. Der große Touchscreen ist gut positioniert

Ford Fiesta: Fahrwerk top, Platzangebot flop

Der Ford Fiesta ist nicht mehr ganz so extravagant gestaltet wie sein Vorgänger, sowohl außen als auch innen. Der Bedienung tut das gut: Im neuen Modell findet man sich schneller zurecht. Besonders gut gelungen ist der Touchscreen mit großen Drückflächen, serienmäßiger Freisprecheinrichtung und einer vernünftigen Smartphone-Anbindung über Apple CarPlay und Android Auto.

Musikstreamingdienste lassen sich so zum Beispiel über das Display bedienen. Durch seine angenehme Federung, das unkritische Fahrverhalten und das geringe Geräuschniveau eignet sich der Fiesta auch sehr gut für lange Strecken, vorausgesetzt, man will das Auto nicht allzu vollpacken. Denn das Platzangebot ist besonders in Fond und Kofferraum eher knapp geblieben, und die Sitze könnten vorn etwas breiter ausfallen.



Sein Dreizylindermotor mit 100 PS hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Er ist zwar genauso sparsam wie der Antrieb des Polo (5,4 l Super/100 km) und läuft insgesamt auch kultiviert. Doch unterhalb von 1900 Umdrehungen brummt er derart, dass man nicht gern im hohen Gang bummelt und lieber einen niedrigeren einlegt – mit entsprechenden Folgen für den Verbrauch.

Bei den Assistenzsystemen ist der Fiesta gut gerüstet und bietet alles, was in höheren Klassen up to date ist, wenn auch nur gegen Aufpreis: zum Beispiel eine Verkehrszeichenerkennung oder Notbrems-, Fernlicht- und Spurassistent.

Angenehme Sitzposition mit guter Schenkelauflage. Im Cockpit gibt es allerdings viel billiges Plastik 

Sieben Jahre Garantie – das bietet nur der Kia Rio

Und der Kia Rio? Er kann nicht mit ganz so vielen Helfern geordert werden, beschränkt sich auf Notbrems- und Spurhaltesystem. Abgesehen davon liefert er eine solide Leistung mit dem kürzesten Bremsweg im Vergleich, gutem Platzangebot und ordentlicher Komfortausstattung – zu meckern gibt es wenig.

Sieben Jahre Garantie sind für viele ein gewichtiges Argument. Und wenn der angenehm spritzige Motor nicht so laut und noch etwas sparsamer wäre (5,7 Liter im Schnitt), hätte der Rio das Zeug, am Ford Fiesta vorbeizuziehen. So bleibt es aber beim Gleichstand mit einer Gesamtnote von 2,7 und einem zweiten Platz.



Dass es Qualität aber nicht zum Dumpingpreis gibt, demonstriert gerade der aktuelle Rio. Waren seine Vorgänger noch echte Schnäppchen, liegt der Koreaner in der getesteten Version mit 18.790 € nun auf dem Niveau der Konkurrenz.

Allerdings sind Kleinwagen heute mit vernünftigem Motor und guter Ausstattung ohnehin keine Sonderangebote mehr – wer fleißig in den Aufpreislisten wühlt, knackt rasch die 20.000 €-Schwelle. Doch zur nächsthöheren Klasse bleibt noch ein gehöriger Abstand von einigen Tausend Euro. Den preislichen Sprung auf VW Golf, Ford Focus & Co. können sich rational denkende Kunden daher sparen.


Der VW Polo fährt auf Platz eins

Trotz Schwächen beim ADAC Ausweichtest gewinnt der VW Polo. Er ist der beste Allrounder, hat viel Platz, verbraucht wenig und fährt komfortabel. Auch Ford Fiesta und Kia Rio sind empfehlenswerte Kleinwagen. Der Nissan Micra erst mit überarbeitetem ESP.


ADAC Urteil / ADAC EcoTest (maximal 5 Sterne)  Bewertung

1. Platz

VW Polo 1.0 TSI
Comfortline



2,5 / ✶✶✶✶                    
 
  • Sehr günstig im Unterhalt. Gutes Platzangebot. Viele Assistenzsysteme zu haben. Gute Lenkung.

  • Mäßiges Halogenlicht. Schwächen beim ADAC Ausweichtest.

2. Platz

Ford Fiesta 1.0
ecoboost Titanium



2,7 / ✶✶✶✶
 
  • Günstig im Unterhalt. Sicheres und agiles Fahrverhalten. Viele Assistenzsysteme zu haben.  

  • Mäßiges Halogenlicht. Wenig Platz im Fond. Brummiger Motor.

2. Platz

Kia Rio 1.0 T-GDI 100 Spirit



2,7 / ✶✶✶
 
  • Günstig im Unterhalt. Sicheres Fahrverhalten. 7 Jahre Garantie.
     
  • Relativ hohes Geräusch­niveau. Harte, kratz­empfindliche Kunststoffe am Armaturenbrett.

4. Platz

Nissan Micra 0.9 IG-T N-Connecta



3,0 / ✶✶✶
 
  • Günstig im Unterhalt. Gute Lenkung. Serienmäßiger Notbremsassistent. 
     
  • Sehr kritisches Verhalten beim Ausweichtest. ­Unkultivierter Motor. Erhöhter Partikelausstoß.

Text: Jochen Wieler. Fotos: Uwe Rattay. Illustration: ADAC Motorwelt.

Kritik, Lob, Anregungen? Schreiben Sie uns: redaktion.motorwelt@adac.de