Schnellladen an der Autobahn: Die Kurven bestimmen das Tempo

Mercedes EQC an der Schnellladesäule
Mercedes EQC an der Schnellladesäule© ADAC/Uwe Rattay

Schnellladen, was die Säule hergibt? So einfach ist das nicht – denn das Ladetempo wird vom E-Auto mitbestimmt. Worauf man achten muss, wenn man ein langstreckentaugliches Elektroauto sucht.

  • Ladetechnologie und Effizienz des Fahrzeugs sind entscheidend

  • Langstreckentauglich: E-Autos, die in 30 Minuten Energie für 300 Kilometer laden

  • Ladekurven im Vergleich: Vom Porsche Taycan bis zum Renault Zoe

Zeit ist ein kostbares Gut. Besonders im Beruf, zunehmend aber auch im Privatleben. Kein Wunder also, dass wir auch unterwegs mit dem Auto stets darauf bedacht sind, möglichst zügig ans Ziel zu kommen. Ganz gleich, ob zum Geschäftstermin, auf dem Weg ins Kino oder an den Urlaubsort.

Auf der Langstrecke stoßen viele Elektroautos in diesem Punkt leider noch an ihre Grenzen. Die Notwendigkeit, etwa auf dem Weg von Hamburg nach München mehrmals langwierig nachladen zu müssen, macht das Reisen zur Geduldsprobe.

Doch inzwischen haben aktuelle Modelle häufig größere Akkus, damit größere Reichweiten, und auch die Schnellladetechnologie der Fahrzeuge wird immer besser. Schade nur, dass die Fahrzeughersteller oft nur vage Angaben dazu machen und zum Teil einen Aufpreis für die CCS-Schnellladebuchse verlangen. Die sollte heute zur Serienausstattung gehören.

Schnellladen mit bis zu 350 Kilowatt

Neben den Modellen von Tesla, die an den eigens installierten Super-Chargern seit Jahren schon hohe Ladeleistungen von mehr als 100 kW bereitgestellt bekommen, bieten jetzt endlich auch andere Autohersteller Fahrzeuge zum Verkauf, die hohe Ladeleistungen verkraften. So bieten High Power Charger (HPC) dank gekühlter Ladekabel eine Energiezufuhr mit einer Leistung von 150 bis hin zu 350 kW an.

Erste Autos, die eine Ladeleistung von mehr als 150 kW verdauen können, waren zum Beispiel das Tesla Model 3, der Audi e-tron sowie der Porsche Taycan, inzwischen gibt es eine ganze Reihe mehr. Des Weiteren häufen sich auch Modelle, die mit 70 bis 150 kW laden können.

Wichtig: Die Batterie soll sich wohlfühlen

Fürs Schnellladen gemacht: CCS-Stecker © Daimler

Also alles gut? Leider nicht, denn trotz allen technischen Fortschritts hat das Schnellladen noch Tücken. So beobachten Fahrer immer wieder, dass ihr E-Auto mal schneller, mal weniger schnell lädt – und das sogar an ein und derselben Schnellladesäule. Die Autohersteller erklären das Phänomen mit der Regelungsstrategie des Batteriemanagement-Systems, das über die tatsächliche Ladeleistung entscheidet. Denn das Batteriemanagement hat dafür Sorge zu tragen, dass der Akku beim Laden nicht zu sehr belastet wird. Wird er durch das Aufladen geschädigt, könnte das seine Lebensdauer negativ beeinflussen – und ­das wollen die Hersteller möglichst verhindern.

Wie der Mensch kennt auch eine Batterie eine Art Wohlfühltemperatur und leidet unter Stressfaktoren. Um die ideale Ladeleistung und somit kurze Ladezeiten zu erreichen, muss die Temperatur der Antriebsbatterie beim Ladevorgang stets im Wohlfühlbereich sein. Ist der Akku beispielsweise im Winter ausgekühlt, wird sich die Ladedauer beim Schnellladen deutlich verlängern, da er erst auf Temperatur gebracht werden muss.

Die Autohersteller geben die Ladezeiten bei der Schnellladung üblicherweise für bis zu 80 Prozent der Batteriekapazität an. Das ist sinnvoll, weil die Ladeleistung zur Schonung der Antriebsbatterie umso mehr reduziert wird, je voller die Batterie ist. Ausgewiesen wird meist aber nur die Spitzenladeleistung, und dieser Wert ist nur die halbe Wahrheit. Tatsächlich laden Elektroautos nur eine kurze Zeit mit maximaler Leistung – und das auch nur, wenn die Batterie ziemlich leer ist.

DC-Ladekurven: Messungen

Die Spitzenladeleistung sagt also nur bedingt etwas darüber aus, wie lange der Ladevorgang tatsächlich dauert. Insofern ist es für Elektroautofahrer und Kaufinteressentinnen viel wichtiger, das konkrete Ladeverhalten eines Elektroautos zu kennen und zu verstehen. Folglich dokumentiert der ADAC die Ladekurven im ADAC Autotest mit und zeigt diese transparent auf. Im Fokus ist dabei der für Schnellladungen relevante Bereich zwischen 10 und 80 Prozent Batterieladung.

Ergebnis: Die Ladestrategien zur Schonung des Akkus fallen bei Modellen verschiedener Hersteller sehr unterschiedlich aus. So lädt der Audi e-tron im relevanten Bereich erstaunlich konstant mit einer recht hohen Leistung von knapp 150 kW. Absolut top ist der Porsche Taycan, der bis zu einem Füllstand von 45 Prozent mit mehr als 250 kW lädt und dadurch innerhalb von 30 Minuten Strom für eine Reichweite von 345 Kilometern in den Akku pumpt (siehe Diagramm unten). Das Tesla Model Y lädt anfangs mit über 180 kW, mit zunehmendem Akkufüllstand reduziert sich die Ladeleistung immer weiter.

Beim Ioniq 5 gibt es ein Plateau von über 200 kW Ladeleistung bei einem Akkufüllstand zwischen 21 und 53 Prozent. Anschließend senkt sich die Ladeleistung in Stufen ab. Das Ergebnis ist jedoch sogar noch besser als das des Taycan: 30 Minuten laden bedeutet, die nächsten 351 Kilometer weit fahren zu können. Wenig langstreckentauglich dagegen ist der Peugeot e-208. Zum Vergleich sehen Sie im Diagramm zudem die Kurve eines elektrischen Kurzstreckenautos wie dem Renault Zoe (gebaut bis Februar 2022).

Langstreckentauglich: 300 Kilometer in 30 Minuten

Um Elektroautos hinsichtlich ihrer Schnellladefähigkeit zu bewerten, hat der ADAC eine Definition der Langstreckentauglichkeit eingeführt und dafür die Messlatte noch einmal angehoben: Ein Elektroauto kann aktuell als absolut langstreckentauglich angesehen werden, wenn es eine nach ADAC Ecotest ermittelte Reichweite von mehr als 400 Kilometern und eine nachladbare Reichweite von mindestens 300 Kilometern in 30 Minuten bietet.

Diese Definition bedeutet in der Praxis, dass bei einer Autofahrt etwa alle zwei bis drei Stunden eine Ladepause erforderlich wird. Das ist ein Pausenintervall, das auch beim Reisen mit einem Verbrenner eingehalten werden sollte. Und insofern hält sich die Reisezeit mit dem Elektroauto in vergleichbaren Grenzen.

Fazit: Ab 150 kW langstreckentauglich

Grob über den Daumen kann man sagen, dass verbrauchseffiziente Elektroautos mit Akkus ab etwa 70 kWh Kapazität und Ladeleistungen ab etwa 150 kW ausreichen, um die vom ADAC definierte Langstreckentauglichkeit zu erreichen.

Tipps für E-Auto-Fahrer

  • Je besser die Schnellladefunktion ist, umso flexibler kann ein Elektroauto im Alltag sowie für längere Strecken genutzt werden.

  • Vor dem Kauf sollte man überlegen, wie häufig ein Fahrzeug für Strecken über die Fahrzeugreichweite hinaus eingesetzt werden soll. Je häufiger, desto wichtiger ist die Qualität der Schnellladefunktion.

  • Die Schnellladefunktion sollte immer mitbestellt werden, falls diese nicht zum Serienumfang gehört.

  • Der Akku sollte unterwegs stets nur bis 80 Prozent aufgeladen werden, darüber hinaus dauert das Laden unverhältnismäßig lang.

  • Ein E-Auto sollte für längere Strecken mindestens 400 Kilometer Reichweite gemäß ADAC Ecotest und ca. 300 Kilometer nachgeladene Reichweite in 30 Minuten haben.

  • Zur Schonung der Antriebsbatterie sollte nur dann schnell geladen werden, wenn es wirklich erforderlich ist.

  • Bei kalten Temperaturen ist es sinnvoll, die Batterie vorzutemperieren bzw. längere Ladezeiten einzukalkulieren.

Wolfgang Rudschies
Wolfgang Rudschies
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