Mercedes EQS: Bis 780 Kilometer Reichweite

Riesengroß und schwer, trotzdem schnell: Elektro-Limousine Mercedes EQS ∙ Dieses Video wird über YouTube abgespielt. Es gelten die Datenschutzbestimmungen von Google. Bild: © Mercedes

Mit dem EQS will Mercedes neue Maßstäbe beim Elektroauto setzen – nach der ersten Testfahrt beurteilt, scheint das weitgehend gelungen. Fahrbericht mit allen Daten, neuen Bildern, Reichweite, Preis.

  • Elektrischer Mercedes EQS mit neuartigem Cockpit

  • Akku: 108 kWh für bis zu 780 Kilometer Reichweite

  • Marktstart im Herbst 2021 ab 106.374,10 Euro

Wenn Mercedes im Herbst 2021 den EQS an den Start bringt, wollen sich die Schwaben an die Spitze der elektrischen Revolution setzen und nicht nur Porsche Taycan und Audi e-tron GT parieren, sondern endlich auch Tesla am Zeug flicken. Kein Wunder also, dass sie in Stuttgart nicht an Vorschusslorbeeren sparen und stolz vom Beginn einer neuen Ära sprechen.

Das liegt zum einen an der Rolle des EQS als elektrischem Flaggschiff und Technologieträger auf dem Niveau der S-Klasse. Zum anderen liegt es am Konzept: Nachdem die Schwaben für ihren Erstling Mercedes EQC und den darauffolgenden EQA als eher halbherzige Übernahmen aus der alten Welt Kritik einstecken mussten, bauen sie den EQS nun zum ersten Mal auf einer dezidierten Plattform mit der typischen Skateboard-Architektur, wie sie auch VW für den MEB und Tesla als Basis für Model S & Co. gewählt hat.

108-kWh-Batterie für mehr als 700 Kilometer Reichweite

Diese Electric Vehicle Architecture (EVA), auf der es bald auch eine elektrische Alternative zur E-Klasse sowie zwei große SUVs mit Akku-Antrieb geben soll, ist flexibel in Radstand und Batteriegröße, kann mit einem Motor für reinen Heckantrieb oder zwei Motoren und Allrad-Traktion bestückt werden. Im EQS bedeutet das bei einem Radstand von 3,21 Metern Länge eine Batteriekapazität von 107,8 kWh netto. Damit soll das Elektro-Flaggschiff auf eine Reichweite nach WLTP von bis zu 780 Kilometern kommen. Dieser Wert hat sich bei der letztgültigen Homologation sogar um 10 Kilometer erhöht gegenüber der ersten Angabe von Mercedes.

EQS zeigt außergewöhnliche Energieeffizienz

Der neue weisse Mercedes EQS 580 4MATIC von hinten während der Fahrt
Auf Testfahrt in der Schweiz: Reichweiten kein Problem ∙ © Mercedes

Und in der Tat scheint das neue Vorzeigeprodukt aus Stuttgart sehr effizient zu sein. So jedenfalls ist der Eindruck, den der EQS bei ersten Testfahrten in der Schweiz hinterlassen hat. Denn der Verbrauch auf dem Bordcomputer des EQS 580 4Matic wies zwischen 16,5 und 20 kWh pro 100 Kilometer aus. Ein überaus guter Wert für ein Fahrzeug dieser Größen- und Gewichtsklasse.

Grund für die außergewöhnliche Energieeffizienz sind eine Reihe von Faktoren, die man unter dem Begriff Feinschliff zusammenfassen kann. Dazu gehört erstens ein Aerodynamikbestwert von 0,2 Cw. Dieser geringe Luftwiderstand zahlt sich vor allem bei hohen Geschwindigkeiten auf der Autobahn aus. Zweitens wurden beim EQS sämtliche Lager und natürlich die Reifen auf geringe Fahrwiderstände hin optimiert. Drittens findet ein intelligenter Wärmetausch von Systemkomponenten statt. Michael Weiß, Mercedes-Verantwortlicher für den elektrischen Antriebstrang, erklärt: "Wir versuchen aus jedem infrage kommenden Bauteil Energie zu ziehen und sie gewinnbringend ans Gesamtsystem zu verteilen."

Und viertens gehört zur Energieeffizienz eine möglichst hohe Ausbeute bei der Rückgewinnung von Energie beim Bremsen und Bergabfahren. Mercedes beziffert die Rekuperationsleistung für den EQS 450+ auf bis zu 186 kW. Die Topversion EQS 580 4Matic soll Bremsenergie mit bis zu 290 kW in die Batterie zurückspeisen. Das ist mehr als der Porsche Taycan (265 kW) oder der Audi e-tron (220 kW) zu leisten imstande sind.

Raumschiff mit himmlischem Fahrkomfort

Die elegante Rückbank des neuen weißen Mercedes EQS 580 4MATIC mit den weißen Gurten und Ledersitzen
EQS steht für Bequemlichkeit, auch im Fond ∙ © Mercedes

Gekleidet ist der EQS in eine Designerrobe, die so ziemlich mit allem bricht, was man bislang in der Oberklasse kannte. Statt in einer traditionellen Stufe gezeichnet, fährt der EQS mit einem einzigen Bogen vor. Während die Hinterbänkler vom riesigen Radstand und den kurzen Überhängen profitieren, freuen sich auch die Lademeister. Mit einer Kofferraumklappe bis ins Dach und einer umklappbaren Rückbank bietet der EQS zwischen 610 und 1770 Liter Stauraum. Andererseits opfern die Schwaben den Frunk im Bug und nutzen den Platz für einen raumgreifenden Hepa-Filter, mit dem sie den EQS-Fahrern die sauberste Luft versprechen, die es bis dato in einem Auto gegeben hat. Selbst Corona-Viren bleiben so angeblich draußen.

Vor allem aber beeindruckt der EQS mit einem Maß an Fahrkultur, wie es bislang allenfalls die Maybach-Versionen der S-Klasse geboten haben. Wer den künstlichen Raumschiff-Sound und das imitierte V8-Grummeln deaktiviert hat, reist in absoluter Stille. Weil der Wind so wenig Widerstand findet und sämtliche Antriebskomponenten noch einmal umschäumt wurden, wird man eher die Digitaluhr ticken hören, als dass ein Fahrgeräusch an die Ohren dringt. Und weil es natürlich serienmäßig eine Luftfederung gibt, wähnt man sich wie auf Wolken gebettet.

Und während der EQS sich für die Insassen nach einem riesigen Auto anfühlt, macht er sich für den Fahrer klein: Dank Hinterradlenkung schlagen die Räder beim Rangieren um mehr als zehn Grad ein. Das fühlt sich im ersten Moment ungewohnt an, macht den Wagen aber deutlich wendiger.

"Hyperscreen": Das neue Hightech-Cockpit im EQS

Das Cockpit des Mercedes EQS
Neuartiges Cockpit: drei Bildschirme wie aus einem Guss ∙ © Mercedes

Neben der absoluten Stille an Bord, der Seriosität und der Souveränität beeindruckt der EQS zudem mit seinem Ambiente. Sogar das Türzuziehen nimmt der Wagen seinem Fahrer ab. Man setzt sich hinein, berührt den Sensor am Türgriff oder drückt den Startknopf – und wie von Zauberhand schließt sich die Pforte.
Mit dem neuen Hyperscreen stellen die Schwaben so ziemlich alles in den Schatten, was es bis dato an Infotainment gegeben hat. Der erste Blick auf die gebogene Glasfläche, die sich von Tür zu Tür spannt und gleich drei Bildschirme umfasst, ist ganz großes Kino.

Um die Bedienung radikal zu vereinfachen und die Menüebenen zu reduzieren, bekommt das bekannte MB UX-System reichlich künstliche Intelligenz und eine wissbegierige Beobachtungsgabe: Mit jedem Kilometer lernt das System die Vorlieben, Gewohnheiten und Routinen von bis zu sieben Fahrern genauer kennen und schlägt je nach Anlass automatisch bestimmte Bedienschritte vor. Wie gut das gelingt, werden die ADAC Ingenieure sobald wie möglich testen.

Preis für den Mercedes EQS: ab 106.374,10 Euro

Ein Schnäppchen ist "die elektrische S-Klasse" natürlich nicht. Die Preise beginnen für den EQS 450+ bei 106.374,10 Euro und enden derzeit bei 135.529,19 Euro für den EQS 580 4Matic. Eine noch teurere AMG-Version steht auch schon in den Startlöchern.

Mercedes EQS: Daten, Reichweite, Preis

Technische Daten (Herstellerangaben)

EQS 450+

EQS 580 4Matic

Motor/Antrieb

Elektromotor mit 245 kW/333 PS, 568 Nm, Heckantrieb

2 Elektromotoren mit 385 kW/523 PS, 855 Nm, Allradantrieb

Fahrleistungen

6,2 s auf 100 km/h, 210 km/h Spitze

4,3 s auf 100 km/h, 210 km/h Spitze

Batterie

108 kWh netto

108 kWh netto

Verbrauch (WLTP)

19,8 - 15,8 kWh/100 km, 0 g CO₂/km

21,8 - 17,4 kWh/100 km, 0 g CO₂/km

Reichweite

bis 780 km

bis 676 km

AC-Laden / DC-Laden

11 oder 22 kW / 200 kW

11 oder 22 kW / 200 kW

Maße

L 5,22 / B 1,93 / H 1,51 m

L 5,22 / B 1,93 / H 1,51 m

Kofferraum

610 - 1770 l

610 - 1770 l

Leergewicht / Zuladung

2480 /465 - 545 kg

2585 /475 - 550 kg

Preis

ab 106.374,10 €

ab 135.529,10 €

Text: Thomas Geiger, Wolfgang Rudschies

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