Testfahrt im Elektroauto MG4: Wird das der neue Volkswagen?

Mit der Konkurrenz auf Konfrontationskurs: Der elektrische MG4
Mit der Konkurrenz auf Konfrontationskurs: Der elektrische MG4© MG Motor Deutschland GmbH/Marcus Werner

Dass chinesische Marken wie MG bei Elektroautos ganz vorn dabei sind, zeigt der neue MG4. Er macht dem VW ID.3 Konkurrenz und stiehlt ihm in manchen Punkten sogar die Schau. Testfahrt, Reichweite, Daten, Bilder.

  • Mit 4,29 Metern Länge gleiche Maße wie Konkurrent VW ID.3

  • Zwei Batterien: 51 und 64 kWh für 350 und 450 Kilometer Reichweite

  • Preis: Zwischen 31.990 und 37.990 Euro

Sie sind so etwas wie die Shootingstars unter den chinesischen Newcomern. Denn während andere Marken aus dem Reich der Mitte momentan viel Lärm um noch nicht viel machen, hat sich MG wieder fest auf dem Kontinent etabliert: Knapp zwei Jahrzehnte nachdem die britische Traditionsmarke im chinesischen SAIC-Konzern aufgegangen ist und nicht einmal zwei Jahre nach dem Verkaufsstart in Deutschland, ist MG in Sachen Neuzulassungen an Marken wie Alfa Romeo oder Subaru vorbeigezogen. Rund 10.000 Autos wird MG Ende 2022 in Deutschland verkauft haben, 2023 plant die Marke sogar 20.000 Einheiten.

China-Konkurrenz: Wie der VW ID.3 – nur preiswerter

Das Heck des MG4 wirkt sehr breit © MG Motor Deutschland GmbH/Marcus Werner

Nach den eher konventionellen, da vom Verbrenner auf Elektroantrieb umgebauten Fahrzeugen wie MG5, MG ZS, MG EHS und Marvel R haben die Chinesen ihr erstes Auto auf einer eigenen neuen E-Plattform aufgebaut und zielen auf Volkswagens ID.3 ab. Der MG4 will mit der besseren Technik zum günstigeren Preis zum wahren Volks-Wagen werden. Diese Positionierung ist brisant – schließlich sind VW und die MG-Mutter SAIC in China enge Partner und bauen gemeinsam die Volkswagen-Modelle für die Volksrepublik.

Schon der Blick aufs Außendesign offenbart eine gewisse Angriffslust, denn im Vergleich zu den eher rundgelutschten VW-Modellen kommt der MG4 recht schnittig und kantig daher. Der zweigeteilte Spoiler an der Dachkante, das super breit wirkende Heck und die stromlinienförmigen Elemente sind jedenfalls so eigenständig im Design, wie man es chinesischen Herstellern bisher nicht zugetraut hat.

Die Bedienung des MG4 ist nicht optimal

Ganz ähnlich – und das natürlich rein zufällig – wie bei den ID-Modellen spielen ein kleiner Bildschirm hinter dem Lenkrad und ein größerer über der Mittelkonsole zusammen. Allgemein fällt die sehr schlichte Gestaltung auf, die dem Innenraum ein eher technisches Antlitz verleiht und zwar dem Auge gut tut, der Bedienbarkeit aber eher weniger. Denn der Verzicht auf eine Vielzahl von Tasten zieht den ein oder anderen Umstand nach sich, der nicht hätte sein müssen.

So zeigt der Bildschirm hinter dem Lenkrad zwar die wichtigsten Infos, und es fehlt einem eigentlich nichts Wesentliches. Und auch die Gestaltung des Bildschirms in der Cockpitmitte ist an sich sehr aufgeräumt, und nach ein paar Minuten Übung erschließt sich dessen logischer Aufbau.

Doch spätestens wenn man die Laustärke über die Joysticks am Lenkrad regulieren will, stattdessen aber das Klimamenü am Bildschirm aufpoppt, merkt man, dass je nach Voreinstellung doppelt belegte Tasten nicht der Weisheit letzter Schluss sind. Zwar gibt es am Fuß des Bildschirms noch "richtige" Tasten, doch auch die hätte man sinnvoller belegen können als mit einer An-/Aus-Taste für die Klimaanlage, einem Home-Knopf (der sich noch einmal im Bildschirm wiederfindet) und Plus/Minus für die Lautstärke (ein Drehknopf wäre ohnehin besser).

Und warum ist die Ablage und zugleich induktive Ladestation für das Smartphone so rutschig, dass das Telefon in schnellen Kurven oder beim flotten Beschleunigen herunterfällt? Weit kommt es zumindest nicht, denn Android Auto und Apple Car Play (Standard bei allen Varianten) sind kabelgebunden.

Kompaktes Elektroauto mit viel Platz

Die Platzverhältnisse sind bei knapp 4,30 Metern Länge, großem Radstand und kurzen Überhängen sowie der komplett im flachen Boden verstauten Elektrotechnik mehr als ausreichend. Die Batterie ist mit 11 Zentimetern Höhe besonders flach gestaltet, folglich ist der MG4, wie alle dezidierten E-Autos, innen geräumiger, als man es ihm von außen zutraut. Das Kofferraumvolumen fällt mit 363 Litern deshalb auch zufriedenstellend aus. Die Ladekante ist niedrig, und das Umklappen der Rücksitzlehnen geht leicht von der Hand. Zahlreiche Ablagen im Innenraum sorgen dafür, dass auch Kleinkram nicht zu Hause bleiben muss.

Der MG4 fährt sich sehr angenehm

Straffe Linienführung: Der MG4 setzt auf sportliches Design © MG Motor Deutschland GmbH/Marcus Werner

Und wie fährt sich der MG4? Sehr angenehm: Bei der ersten Ausfahrt gab sich der Wagen keine Blöße. So ist vom Elektromotor nie etwas zu hören und auch die Wind- und Abrollgeräusche bei schneller Fahrt sind gut weggedämmt – im MG4 geht es recht leise zu. Zudem arbeitet die Federung sehr kommod, was den Komforteindruck weiter verstärkt, aber nicht zu Lasten der Agilität geht. Flotte Kurven verschmäht der MG4 nicht, zeigt nur leichte Lastwechselreaktionen mit einem leichter werdenden Heck. Dank ESP ist das aber kein Problem.

Die Lenkung macht einen etwas schwammigen Eindruck, was sich zumindest etwas lindern lässt, wenn man sich in die Bildschirmmenüs begibt und die Lenkkraft statt auf "leicht" und "normal" auf "schwer" stellt. Interessant auch, dass MG auf "Brake-by-wire" setzt – der Bremsbefehl wird also elektronisch statt mechanisch übertragen. Dadurch lässt sich das Pedalgefühl den individuellen Vorlieben der Fahrerin oder des Fahrers anpassen, doch auch hier belässt man es am besten bei "mittel". Bei "schwach" bremst der MG4 zu wenig, bei "stark" zu kräftig.

Assistenzsysteme sind zwar zahlreich vorhanden, doch richtig ausgereift wirken sie noch nicht. Spurhalteassistent und Verkehrszeichenerkennung funktionieren nicht zuverlässig genug. Was auch an den Vorserienmodellen liegen könnte, die zur ersten Testfahrt zur Verfügung standen.

64-kWh-Batterie für 450 Kilometer Reichweite

Komfortable Federung, gute Straßenlage – nur die Lenkung ist zu leichtgängig © MG Motor Deutschland GmbH/Marcus Werner

Treibende Kraft im MG4 ist eine E-Maschine, die genau wie bei VW 150 kW/204 PS leistet und an der Hinterachse montiert ist. Sie ist stark genug, den Fünftürer in weniger als acht Sekunden auf Tempo 100 zu bringen und die auf 160 km/h abgeregelte Höchstgeschwindigkeit zu erreichen. Es gibt zwar noch eine schwächere Version mit 125 kW/170 PS mit fast identischen Fahrleistungen, doch die ist an die kleinere Batterie mit 51 kWh gekoppelt.

Empfehlenswerter ist ohnehin die größere Nickel-Kobalt-Mangan-Batterie mit 64 kWh, schon weil sie nach WLTP für rund 450 Kilometer und im wahren Leben für 360 bis 380 Kilometer Reichweite sorgt. Die kleinere Lithium-Eisenphosphat-Batterie reicht nur für 350 Kilometer nach WLTP.

Die angegebene Ladezeit von 35 Minuten von 10 auf 80 Prozent Akkustand an Schnellladestationen scheinen kein leeres Versprechen zu sein. Wir haben es ausprobiert: Die maximale Ladeleistung liegt bei 135 kW, was an sich schon sehr gut ist für diese Fahrzeugklasse. Bemerkenswert ist aber, wie lange die Ladeleistung hoch gehalten wird. Bis 70 Prozent Akkustand powert der MG4 noch mit deutlich mehr als 100 kW. An AC-Säulen kann der MG4 allerdings maximal 11 kW ziehen, das Basismodell ("Standard") sogar nur mit 6,6 kW.

Weitere Varianten des MG4 geplant

Auch ein Rücklicht will gestaltet sein. In diesem Fall sehr interessant © MG Motor Deutschland GmbH/Marcus Werner

Zukünftig sollen zwei zusätzliche Varianten mit Allradantrieb bzw. einer 77-kW-Batterie mit mehr als 500 Kilometern Reichweite erhältlich sein. Und auch eine Sportversion mit mehr als 300 kW Motorleistung hat MG bereits in Aussicht gestellt. Und auch für die künftigen Schwestermodelle hat SAIC alle Möglichkeiten: "Mit Radständen von 2,65 bis 3,10 Metern können wir vom Kleinwagen bis zum großen SUV alle Segmente abdecken", sagt Entwicklungschef Zhu Jun. "Und bei den Batteriegrößen reicht das Spektrum von 40 bis 150 kWh."

Wo der MG4 aktuell noch mit einem 400-Volt-Netzwerk arbeitet, könnte die Spannung bald auf 800 Volt steigen, und selbst für Batterie-Wechselsysteme ist die Plattform vorbereitet. Am Horizont winkt außerdem schon der MG Cyberster, ein vollelektrischer Roadster.

MG4 mit sieben Jahren Garantie

Natürlich weiß MG, dass VW ein Big Player ist, dem man nicht so schnell am Zeug flicken kann. Doch zumindest die Elektroautos aus dem Stellantis-Konzern (u.a. Opel, Peugeot, Fiat) sind mit ihrem schwachen Motor und ihrem kleinen Akku da schon dankbarere Gegner. Noch bevor er 2023 in den Handel kommt, könnte etwa ein elektrischer Opel Astra im Vergleich zum MG4 ziemlich alt aussehen.

MG hat zudem noch einiges vor. Bis 2025 wollen die Chinesen 10 Modelle anbieten, und auch das Händlernetz soll kontinuierlich erweitert werden. In Deutschland peilt MG 150 Händler an, momentan sind es knapp 130. Sieben Jahre oder 150.000 Kilometer Garantie auf Fahrzeug und Antriebsbatterie soll Vertrauen in die Marke schaffen.

Würden nicht auch Image, Händlernetz und Restwert den Kauf mitbestimmen, gäbe es bei dem Preisvorteil der Chinesen nicht mehr viele gute Gründe für den VW ID.3. Der Grundpreis der bereits gut ausstaffierten Basisversion mit 51-kWh-Batterie beläuft sich (ohne Umweltbonus) auf 31.990 Euro. Damit startet der MG deutlich günstiger als das entsprechende ID.3-Modell. Die Version mit 64-kWh-Batterie steht ab 35.990 Euro in der Liste.

Ölverlust am MG4: Stellungnahme von MG

Einige Besitzer des MG4 berichteten von einem "Ölverlust" bei ihrem Fahrzeug. Wie kann das sein bei einem Elektroauto? Der ADAC hat die MG-Pressestelle um eine Stellungnahme gebeten. Hier ist sie:

"Bei einer internen Qualitätskontrolle wurde eine geringe Anzahl von MG4-Electric-Fahrzeugen identifiziert, bei denen Getriebeöl austritt. Nach gründlicher und intensiver Untersuchung dieser Einzelfälle wurde festgestellt, dass dies auf eine leichte Überfüllung des Getriebes mit Öl während der Produktion zurückgeht. Das überschüssige Öl kann durch ein Entlüftungsventil ausgestoßen werden. Dieser Getriebeölverlust ist unbedenklich und beeinträchtigt die Fahrfähigkeit und Funktionalität der betroffenen Fahrzeuge nicht. Betroffene Kunden wenden sich bitte an ihren MG-Motor-Agenturpartner und -Servicestützpunkt."

Video: Testfahrt im MG4

Motorjournalist Lars Hönkhaus unterwegs im MG4 ∙ Bild: © news to do GmbH, Video: © ADAC e.V.

MG4: Technische Daten und Preis

Technische Daten (Herstellerangaben)

MG MG4 Electric Standard Range (ab 09/22)

MG MG4 Electric Maximum Range Comfort (ab 09/22)

Motorart

Elektro
Elektro

Leistung maximal in kW (Systemleistung)

125
150

Leistung maximal in PS (Systemleistung)

170
204

Drehmoment (Systemleistung)

250 Nm
250 Nm

Antriebsart

Hinterrad
Hinterrad

Beschleunigung 0-100km/h

7,7 s
7,9 s

Höchstgeschwindigkeit

160 km/h
160 km/h

Reichweite WLTP (elektrisch)

351 km
452 km

CO2-Wert kombiniert (WLTP)

0 g/km
0 g/km

Verbrauch kombiniert (WLTP)

17,0 kWh/100 km
16,0 kWh/100 km

Batteriekapazität (Brutto) in kWh

51,0
64,0

Batteriekapazität (Netto) in kWh

50,8
61,7

Ladeleistung (kW)

AC:2,2-6,6 DC:50,0-117,0
AC:2,2-11,0 DC:50,0-135,0

Kofferraumvolumen normal

363 l
363 l

Kofferraumvolumen dachhoch mit umgeklappter Rücksitzbank

1.177 l
1.177 l

Leergewicht (EU)

1.655 kg
1.685 kg

Zuladung

448 kg
448 kg

Anhängelast ungebremst

500 kg
500 kg

Anhängelast gebremst 12%

500 kg
500 kg

Garantie (Fahrzeug)

7 Jahre oder 150.000 km
7 Jahre oder 150.000 km

Länge x Breite x Höhe

4.287 mm x 1.836 mm x 1.504 mm
4.287 mm x 1.836 mm x 1.504 mm

Grundpreis

31.990 Euro
35.990 Euro

Text: Jochen Wieler, Thomas Geiger

Hier finden Sie noch viele weitere Neuvorstellungen, Fahrberichte und Autotests.