Nio ES8: Europastart In Norwegen

Seitenansicht des Nio ES 8 stehend
Nio ES8 – Elektroantrieb, sieben Sitze, gut fünf Meter Länge: Selbst für einen SUV ein Riese ∙ © ADAC

Der Nio ES8 wird demnächst nicht nur in China, sondern auch in Norwegen verkauft. Ob der Wagen das Zeug dazu hat, auch in Europa zu bestehen? Fahrbericht, technische Daten, möglicher Preis.

  • Nio ES8: In München designed, in China gefertigt 

  • Riesen-SUV mit beindruckenden Fahrleistungen  

  • Dank Wechselakku in 5 Minuten wieder startklar

Die Industrie in China kann vieles, aber richtig gute Autos bauen, das gelingt den Chinesen bisher noch nicht. Sätze wie diese galten lange Zeit als Gesetz. Seit Start-ups wie Byton und Nio innovative Elektroautos entwickeln, steht die bisherige Gewissheit jedoch sehr in Frage.

Im Gegensatz zur Firma Byton, die auf den letzten Metern vor dem ersten Produktionsstart gescheitert ist, kommt Nio mit dem Modell ES8 jetzt auch nach Europa. Wie gut der Wagen sich fahren lässt und ob er auf dem anspruchsvollen europäischen Markt Fuß fassen könnte, davon hatten wir uns schon vor geraumer Zeit ein Bild gemacht.

Nio startet Verkauf in Europa

Das erste europäische Land, in dem der chinesische Automobilhersteller Nio Elektroautos verkauft, ist Norwegen. Der Nio ES8, ein luxuriöses Elektro-SUV, wird seit September 2021 an Kunden ausgeliefert. Im Jahr 2022 folgt die Limousine Nio ET7. Exklusiver Showroom, aber auch zentrale Begegnungsstätte für interessierte Kunden ist das sogenannte "Nio-House" in Oslo, unweit des königlichen Schlosses. Vier weitere Verkaufs- und Servicepunkte werden über Norwegen verteilt errichtet. Im Großraum Oslo sollen zudem mehrere Akkuwechselstationen installiert werden. Besonderen Wert legt Nio auf den Kundenservice und die Kundenbindung. So ist zum Beispiel geplant, Kundenautos für eine Wartung oder die Reparatur in die Werkstatt abzuholen und wieder zum Kunden zurückzubringen. Das Gesamtkonzept soll ab Ende 2022 auf Deutschland übertragen werden.

Nomi: Sprachbedienung mit lustiger Mimik 

Cockpit des Nio ES 8
Zwei Displays im Cockpit informieren den Fahrer ∙ © Nio

Beeindruckend sind schon die Außenabmessungen: Mit rund fünf Meter Länge und zwei Metern Breite reiht der Nio ES8 sich nahtlos in die Riege von Audi Q7 und BMW X5 ein. Ein Tesla Model X auf dem Parkplatz wirkt neben dem China-Import fast ein wenig zierlich. Nahezu auf das Gramm identisch ist das Leergewicht des Nio ES8 zu Tesla: 2460 Kilogramm geben die Chinesen an, 2459 Kilo wiegt das Model X.

Model X und ES8 sind zudem nicht nur gleich groß und gleich schwer, beide sind auch siebensitzig sowie mit Allrad ausgelegt. Außerdem weisen beide atemberaubende Leistungsdaten aus: Während Tesla seinem Model X Performance zwei E-Motoren mit einer Maximalleistung von 449 kW/611 PS mitgibt, legt Nio mit 480 kW/652 PS Gesamtleistung noch etwas drauf.

Die Power des China-Riesen (840 Nm Ausgangs-Drehmoment verspricht das Datenblatt) soll reichen, um von null auf 100 km/h in nur 4,4 Sekunden zu beschleunigen. Und genauso atemberaubend fühlt sich die Beschleunigung an. (Anmerkung der Redaktion: Der Technik-Stand des Nio-Testwagens entsprach nicht exakt dem Stand, mit dem das Modell nun in Europa verkauft werden soll.)

Kommt der Fahrer wieder zur Ruhe, kann er sich endlich auch dem Sprachbedienungssystem namens "Nomi" zuwenden. Nomi schaut uns nämlich die ganze Zeit schon mit lächelnden Augen an. Die Kommunikation erweist sich jedoch als schwierig. Denn die Nomi in unserem Testwagen versteht bislang nur das chinesische Mandarin. Na gut, dann starte ich eben das Soundsystem, das ich auf dem tabletgroßen Display an der Mittelkonsole erkenne. Unverzüglich wippt Nomi mit einer Gitarre im Arm im Takt der Musik.

Fahrwerk und Lenkung wie im BMW X5

Heck des Nio ES 8
Richtig groß, richtig schwer, richtig schnell: Nio ES8 ∙ © ADAC

Designed wurden die Fahrzeuge von Nio in München. Die technische Entwicklung befindet sich im Großraum von Shanghai. Die Fahrzeugproduktion hat der chinesische Automobilhersteller JAC übernommen. Gründer von Nio ist der Internet-Milliardär William Lee. An Geld und Know-how mangelt es der Firma ganz offenbar nicht.

Die Idee, Elektroautos zu entwickeln und zu bauen, kam William Lee schon 2012. Zwei Jahre später legte das Start-up los, stieg unter dem Namen NextEV in die Formel E ein und erzielte im Jahr 2017 mit dem 1000 kW starken Straßensportwagen EP9 einen Rundenrekord für Elektrofahrzeuge auf dem Nürburgring. Parallel entwickelt Nio inzwischen Technologien zum autonomen Fahren. 

Als zu entwickelnde Kernkompetenz haben die Chinesen sich die Elektromotoren und die Batterien vorgenommen. Das notwendige Know-how zum Autobauen kauft man sich in der ganzen Welt ein. Ein existierendes perfektes Fahrwerk, so das Credo, muss man nicht noch einmal neu entwickeln. Und so stammt die serienmäßige Luftfederung des Nio ES8 vom deutschen Zulieferer Continental. Auch die Lenkung stammt aus Deutschland, wird von Thyssen geliefert. Beide Komponenten werden auch im BMW X5 verbaut, sind im Nio aber anders abgestimmt, wie es scheint. Nämlich komfortabler, weicher, weniger direkt. So, wie der durchschnittliche chinesische Autofahrer es gerne hat. Das Geschäft mit Autos ist schon lange extrem international, die Grenzen für Know-how werden immer durchlässiger.  

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Batterie: Akku-Wechsel in fünf Minuten   

Front des Nio ES 8
Trotz markanter Front erregt der China-Riese wenig Aufsehen ∙ © ADAC

Das Akkupaket mit einer Energiekapazität von 70 kWh (Das norwegische Exportmodell bekommt einen Akku mit mehr Energieinhalt) ermöglicht eine Reichweite von bis zu 355 Kilometer. Nur darf man dann nicht mit 200 km/h auf der Autobahn fahren. Wer es doch tut, stellt nicht nur fest, dass der Akku in Windeseile leer wäre, sondern auch, dass der Nio ES8 sehr gut und spurstabil auf der Straße liegt.

Um das Nachladen für den Kunden so bequem und sorglos wie möglich zu gestalten, hat Nio in China Akkuwechselstationen errichtet. So wie wir zur Waschanlage fahren, steuern ES8-Kunden in China eine Tauschstation an. Dort wird das Auto automatisch aufgebockt, ein Roboter löst von unten zehn Schrauben, nimmt den leeren Akku heraus und tauscht ihn gegen einen vollen aus dem Lager. Das Ganze dauert keine fünf Minuten. Also etwa so lange wie das konventionelle Benzintanken inklusive Bezahlvorgang an der Kasse.

Fazit: Erst Norwegen, später auch Deutschland

Der Nio ES8 aus China hat gute Karten, auch unter den Augen von europäischen Kunden zu bestehen. Der ES8 bietet – neben viel Platz, viel Komfort und sportlichen Fahrleistungen – technische Innovationen wie das Sprachbediensystem Nomi. Nebenbei verspricht Nio dank Akkuwechsel-Stationen und Service-Netz ein ganz neues Kundenerlebnis.

Wenn Nio sich erfolgreich in Norwegen etabliert, dürfte es eine Frage der Zeit sein, bis der Hersteller sein Verkaufskonzept auf andere europäische Länder überträgt. Man darf gespannt sein, wann Deutschland an der Reihe ist. Vielleicht ja mit Produktionsbeginn des Nio ET7, dem ersten Elektroauto mit Feststoffbatterie.

Nio ES8: Technische Daten und Preise*

Technische Daten (Herstellerangaben)

Nio ES8

Motor

zwei Elektromotoren, 480 kW/652 PS, 840 Nm, Allradantrieb

Fahrleistungen

4,4 s auf 100 km/h, 200 km/h Spitze

Verbrauch pro 100 km/Reichweite

19,7 kWh / 355 km (nach NEFZ)

Maße

L 5,02 / B 1,96 / H 1,76 m

Kofferraum

312 l (7-sitzig) – 873 (5-sitzig) – 1863 l (2-sitzig)

Leergewicht

2460 kg

Preis**

von 59.000 (Basis) bis 72.000 € (Top-Ausstattung)

Das hat uns gefallen: Großzügiges Raumangebot. Üppige Beinfreiheit im Fond. Liegesitze. Verschiebbare Rückbank. Exorbitante Beschleunigung. Hoher Fahrkomfort. Viele Sicherheitsassistenten. Akkuwechsel möglich.

Das hat uns nicht gefallen: Mäßige Reichweite. Etwas zu leichtgängige Lenkung. AC-Laden nur einphasig. 

Hier finden Sie viele weitere Fahrberichte und Autotests.

* Testwagen mit Technik-Stand 2019/2020
** Einkaufspreis bei Selbstimport aus China