Der Kia Niro EV im ADAC Test: Geräumig, praktisch, schnell

Neuer Kia Niro: Die Elektroversion erkennt man am geschlossenen Kühlergrill
Neuer Kia Niro: Die Elektroversion erkennt man am geschlossenen Kühlergrill© Kia

Die zweite Generation des Kia Niro gibt es weiterhin in den Varianten Hybrid, Plug-in-Hybrid und als Elektroauto. Test des elektrischen Kia Niro EV plus alle Infos zu Preisen, Technik und Reichweite

  • Neuer Kia Niro: Als Hybrid, Plug-in-Hybrid und Elektroauto

  • Über 400 Kilometer Reichweite: Der Niro EV im Test

  • Niro EV zum Basispreis aktuell nicht verfügbar

Eines muss man den Koreanern lassen: Schnell sind sie, wenn es darum geht, alternative Antriebe zu entwickeln und zu den Kunden zu bringen. Bestes Beispiel: Der Kia Niro, der 2016 auf den Markt kam und ausschließlich mit alternativen Antrieben angeboten wurde. Zunächst war er als Hybrid und Plug-in-Hybrid zu haben, später folgte der rein elektrische e-Niro. Und zwar lange vor dem VW ID.3, in dessen Größenklasse sich der Niro bewegt.

Eine halbgare Lösung war er aber nicht: Mit seiner 64-kWh-Batterie hat er zusammen mit seinen Technikbrüdern Kia e-Soul und Hyundai Kona Elektro sogar Maßstäbe in Sachen Reichweite und Verbrauch gesetzt.

Der neue Kia Niro: Keckes Design

Sein Nachfolger zeigt schon optisch ein noch größeres Selbstbewusstsein mit der ausdrucksstarken Front, den großen Heckleuchten im Bumerang-Design und der keck geschwungenen C-Säule, die es auch in einer Kontrastfarbe gibt. Bei dem motorischen Dreiklang von Hybrid, Plug-in-Hybrid und einer vollelektrischen Variante bleibt's.

Kia Niro Hybrid: Preise ab 30.690 Euro

Beim Antrieb des Niro Hybrid hat sich nichts Wesentliches geändert. Nach wie vor arbeiten ein 32-kW-Elektromotor und ein 77 kW starker 1,6-Liter-Benziner Hand in Hand, sodass es auch bei der Systemleistung von 104 kW/141 PS bleibt. Zudem erfolgt die Kraftübertragung wieder über ein sechsstufiges Doppelkupplungsgetriebe, was alle gern zur Kenntnis nehmen, die von den aufheulenden Motoren mit CVT-Getriebe bei Toyota oder Honda genervt sind. Der Niro schaltet dagegen ganz normal und automatisch, wie man es von einem Automatikgetriebe kennt. Interessantes Detail am Rande: Weil der Niro Hybrid rückwärts nun ausschließlich elektrisch fährt, konnte man sich einen Rückwärtsgang im Getriebe sparen – und somit 2,3 Kilogramm Gewicht.

Niro Plug-in-Hybrid im Video: 65 km E-Reichweite

Der Kia Niro PHEV im Video ∙ Bild: © news to do GmbH, Video: © ADAC e.V.

Wo der Niro Hybrid aber mit seiner kleinen 1,32-kWh-Batterie nur sehr kurze Strecken rein elektrisch fahren kann, etwa durch eine 30er-Zone, geht der Niro Plug-in-Hybrid in Sachen Elektrifizierung noch einen Schritt weiter. Mit einer 11,1-kWh-Batterie soll er nach WLTP-Norm 65 Kilometer ohne den Verbrennungsmotor auskommen, ein E-Kennzeichen ist ihm somit sicher. Wenn davon in der Praxis 45 bis 50 rein elektrische Kilometer übrig bleiben, ist das ebenfalls ein guter Wert für diese Fahrzeugklasse.

Pendler können dann meist auf den Benziner verzichten, vorausgesetzt, sie laden den Plug-in immer auf. Eine neuartige Hochvoltheizung soll dafür sorgen, dass im Winter die elektrische Reichweite nicht zu sehr abnimmt.

Dem Plug-in-Hybrid gönnt Kia zudem mehr Leistung: Statt vormals 141 PS leistet er nun stolze 183 PS, was zumindest die Beschleunigung von 0 auf 100 km/h deutlich verbessert (9,6 statt 10,8 Sekunden), sich aber nicht auf die Höchstgeschwindigkeit auswirkt. Sie ist bei 168 km/h begrenzt. Der Plug-in-Hybrid wird zum Listenpreis von 36.690 Euro angeboten.

Kia Niro EV: Die Elektro-Version im ADAC Test

Die Ladekabel des Niro EV finden im 20 Liter großen "Frunk" Platz © Kia

Zum ersten ADAC Test des neuen Niro ist die rein elektrische Variante angetreten, die nun auf den Namen Niro EV (vorher e-Niro) hört. Was in den ersten Preislisten als Basisversion für 39.990 Euro zu finden war, gibt es aber leider nicht. Aktuell ist der Niro EV nur in der Top-Ausstattungsversion Inspiration zu haben – und die kostet 47.590 Euro (vor Förderung).
Für das Geld bekommt man einen praktischen und geräumigen Elektro-SUV mit einer nominellen Reichweite von immerhin 460 Kilometer (nach WLTP). Auf Basis des ADAC Ecotest-Verbrauchs sind 410 Kilometer realistisch – für ein Elektroauto der unteren Mittelklasse ein sehr guter Wert. Dahinter steckt ein durchschnittlicher Stromverbrauch von 17,9 kWh pro 100 Kilometer inklusive Ladeverluste. Damit ist der Kia Niro EV sparsam unterwegs und schafft ein Fünf-Sterne-Ergebnis im ADAC Ecotest.

Dabei hat die Strom-Version sogar Platzvorteile gegenüber dem Hybrid und dem Plug-in: Weil der elektrische Niro keinen Benzintank braucht, fällt der Kofferraum größer aus. Im Vergleich zum Hybrid passen laut Kia 24 Liter, im Vergleich zum Plug-in sogar 127 Liter mehr hinein. Laut ADAC Messmethode sind es 374 bis 1227 Liter. Dazu kommt der sogenannte Frunk unter der Fronthaube, in dessen 20-Liter-Fach man die Ladekabel gut verstauen kann.

Kia Niro Elektro mit guten Fahrleistungen

Die 150 kW Leistung des Elektromotors im Niro EV wirkt auf dem Papier fast etwas unterdimensioniert. Ist sie aber nicht, wie sich im Fahrbetrieb herausstellt. Der Niro beschleunigt zügig und kräftig genug, auch wenn es beim Einfädeln an der Kreuzung oder beim Überholen drauf ankommt. So vergehen beispielsweise von 60 bis 100 km/h nur 3,6 Sekunden. Für die Beschleunigung aus dem Stand auf 100 km/h gibt Kia einen Wert von 7,8 Sekunden an. Und auch die Höchstgeschwindigkeit von 168 km/h wird man im Alltag selten voll ausnutzen.

Der Niro EV bietet insgesamt eine gute Fahrstabilität und beruhigt sich nach plötzlichen Lenkmanövern zügig wieder. Spurrinnen beeinflussen die Richtungsstabilität des Kia nur
wenig. Aufbaubewegungen und leichtes Wippen nach Bodenwellen sind zu spüren, halten sich jedoch in Grenzen. Im ADAC Ausweichtest quittiert der Koreaner das erste Anlenken mit leichtem Schieben über die Vorderräder. Das ESP regelt anschließend nur soviel wie notwendig und das zudem dezent und effektiv.

Fahrerinnen und Fahrer, die vor allem sparsam unterwegs sein möchten, wählen die Stufe Eco. Neben den weiteren Stufen Normal und Sport gibt es noch die "Snow" – falls die Räder bei winterlichen Bedingungen mal ihre Haftgrenzen überschreiten sollten. Mit den beiden Schaltpaddles am Lenkrad lässt sich die Kraft der Bremsvorgänge durch Rekuperation vorwählen, je nachdem, was situativ vom Fahrer gewünscht wird. Mit etwas Übung macht das richtig Spaß und kann tatsächlich ein Plus an Reichweite generieren.

360-Grad-Blick in den Innenraum des Kia Niro

In Sachen Bedienbarkeit gibt der Niro dagegen zunächst Rätsel auf. Jedenfalls solange bis man die "Multimode Control"-Leiste verstanden hat. Diese separate Leiste auf der Mittelkonsole hat nämlich zweierlei Grundeinstellungen. In der einen lassen sich die Funktionen der Klimatisierung und Heizung über Touchsymbole bedienen. In der anderen verschwinden diese Funktionen und es taucht die übergeordnete Menüstruktur zum Anwählen im Bildschirm auf: Karte/Navigation, Radio/Medien oder auch das Setup. Das Umschalten der beiden Grundebenen erfolgt über einen ziemlich unscheinbaren, wenn auch orangefarbenen Menüpfeil auf der Funktionsleiste. Aber die immense Bedeutung des Menüpfeils erklärt sich eben nicht von selbst.

Erfreulich ist, dass der neue Niro nun auch mit einem Head-up-Display für die wichtigsten Fahrerinformationen in der Windschutzscheibe aufwartet. Weniger erfreulich sind die Türtafeln, die deshalb ins Auge stechen, weil sie großflächig aus billigem Hartplastik bestehen. Überhaupt ist der optisch wilde Materialmix im Innenraum zu bemängeln. Dass der Dachhimmel aus recyceltem Papier besteht, die Sitze aus Eukalyptusblättern gefertigt werden, der Lack der Türverkleidungen frei von Benzol, Toluol und Xylol bleibt und Kia damit auf Nachhaltigkeit setzt – all das bleibt dem Kunden indes vollkommen verborgen, wenn man es ihm nicht erklärt.

Nur 72 kW Ladeleistung an Schnellladesäulen

Als aerodynamische Finesse sei die C-Säule erwähnt. Spezielle Öffnungen lassen nämlich die Luft, die die Karosserie eng umfließt, vorn in die C-Säule hinein- und hinten wieder herausströmen. Dadurch verwirbelt die Luft am Heck weniger, die Säule macht das Fahrzeug strömungsgünstiger und sorgt damit letztlich für eine etwas größere Reichweite.

Wichtig für ein Elektroauto sind freilich nicht nur eine gute Aerodynamik und eine gute Reichweite, fast genauso wichtig sind die verschiedenen Lademöglichkeiten und Ladegeschwindigkeiten. Doch mit einer DC-Ladeleistung von nominell bis zu 72 kW (vornehmlich beim Schnelladen an der Autobahn) gehört der Niro nicht gerade zu den Trendsettern. Im Test waren kurzfristig sogar knapp über 80 kW zu schaffen, die Ladung von 10 auf 80 Prozent der Akkukapazität dauerte dank der durchschnittlichen Ladeleistung von 62,6 kW 45 Minuten. Und immerhin zieht der Niro an AC-Säulen in der Stadt 11 kW.

Wird eine Ladesäule über das bordeigene Navi angewählt, bringt das Fahrzeug die Batterie an kalten Tagen schon mal auf die optimale Temperatur, damit die volle Ladeleistung erzielt werden kann. Über eine "Vehicle to load"-Funktion kann der Niro EV auch Strom abgeben. Ob Elektrogrill oder Staubsauger: Externe Geräte lassen sich mit bis zu 3 kW betreiben.

Fazit

Obwohl sich die Antriebe nicht revolutionär weiterentwickelt haben, kann man auch dem Niro Nummer zwei eine gute Karriere als Hybrid, Plug-in-Hybrid und Elektroauto vorhersagen. Für welchen Antrieb sich die meisten Kunden entscheiden, wird man sehen. Kia erwartet, dass sich 70 Prozent aller Kunden für den EV entscheiden, 20 Prozent für den Plug-in-Hybrid und nur noch 10 Prozent für den Benzin-Hybriden.

Der Testkandidat jedenfalls taugt laut der ADAC Ingenieure uneingeschränkt als familientaugliches Alltagsauto. Er ist geräumig, komfortabel und solide verarbeitet. Und weil es ihn derzeit nur in der (teuren) Inspiration-Variante gibt, sind sowohl Abstandsregeltempomat als auch das große Navi, etliche Sicherheits-Assistenten und eine induktive Ladeschale serienmäßig an Bord.

Kia Niro EV: Technische Daten, Preis

Technische Daten (Herstellerangaben)

KIA Niro EV (64,8 kWh) Inspiration (ab 07/22)

Motorart

Elektro

Leistung maximal in kW (Systemleistung)

150

Leistung maximal in PS (Systemleistung)

204

Drehmoment (Systemleistung)

255 Nm

Antriebsart

Vorderrad

Beschleunigung 0-100km/h

7,8 s

Höchstgeschwindigkeit

167 km/h

Reichweite WLTP (elektrisch)

460 km

CO2-Wert kombiniert (WLTP)

0 g/km

Verbrauch kombiniert (WLTP)

16,2 kWh/100 km

Batteriekapazität (Netto) in kWh

64,8

Ladeleistung (kW)

AC:2,7-10,5 DC:50,0-80,0

Kofferraumvolumen normal

475 l

Kofferraumvolumen dachhoch mit umgeklappter Rücksitzbank

1.392 l

Leergewicht (EU)

1.757 kg

Zuladung

443 kg

Anhängelast ungebremst

300 kg

Anhängelast gebremst 12%

750 kg

Garantie (Fahrzeug)

7 Jahre oder 150.000 km

Länge x Breite x Höhe

4.420 mm x 1.825 mm x 1.570 mm

Grundpreis

47.590 Euro

ADAC Messwerte

ADAC Messwerte (Auszug)

Kia Niro EV (64,8 kWh) Inspiration

Überholvorgang 60 – 100 km/h

3,6 s

Bremsweg aus 100 km/h

34,8 m

Wendekreis

11,2 m

Verbrauch/CO₂-Ausstoß ADAC Ecotest

17,9 kWh/100 km, 90 g CO₂/km (Well-to-Wheel)

Bewertung ADAC Ecotest (max. 5 Sterne)

*****

Reichweite

410 km

Innengeräusch bei 130 km/h

71,6 dB(A)

Leergewicht / Zuladung

1728 / 472 kg

Kofferraumvolumen normal / geklappt / dachhoch

347 / 747 / 1227 l

ADAC Testurteil

ADAC Testergebnis

KIA Niro EV (64,8 kWh) Inspiration (ab 07/22)

Karosserie/Kofferraum

2,7

Innenraum

2,3

Komfort

2,6

Motor/Antrieb

1,1

Fahreigenschaften

2,4

Sicherheit

1,7

Umwelt/EcoTest

1,2

Gesamtnote

1,9
Sicherheit und Umwelt werden doppelt gewertet

sehr gut

0,6 - 1,5

gut

1,6 - 2,5

befriedigend

2,6 - 3,5

ausreichend

3,6 - 4,5

mangelhaft

4,6 - 5,5

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