Im Kia EV6 auf Testfahrt: 800 Volt in der Mittelklasse

Ein Fahrbericht über das neuen E-Auto von Kia, der EV6
Kia EV6: Das Schwestermodell des Hyundai Ioniq 5 tritt optisch wuchtig auf ∙ © Kia

Der Hyundai-Kia-Konzern hievt das E-Auto der Mittelklasse technologisch an die Spitze: Nach dem Hyundai Ioniq 5 kommt das sportliche Schwestermodell Kia EV6 – ebenfalls mit der innovativen 800-Volt-Architektur. Der erste Fahrbericht mit allen Daten und Preisen.

  • Batterietechnik und Fahrleistungen wie ein Porsche Taycan

  • Zum Marktstart drei Versionen von 170 bis 325 PS

  • Basispreis: 44.990 Euro, minus Elektroprämie: 35.400 Euro

Seit Mai 2021 ist der Hyundai Ioniq 5 auf deutschen Straßen unterwegs, jetzt zieht die Konzernschwester Kia mit einem technisch weitgehend baugleichen Modell nach: dem Kia EV6. Auch der EV6 basiert – wie der Ioniq 5 von Hyundai – auf der Konzern-Plattform E-GMP (Electric-Global Modular Platform). Doch innen wie außen präsentiert sich der Kia deutlich sportlicher. Ob er dieses optische Versprechen auch einlösen kann, mussten die ersten Testfahrten beweisen.

Batterietechnik mit doppelter Spannung: 800 Volt

Ein Fahrbericht über das neuen E-Auto von Kia, der EV6
Das auffällige Heck zielt auf maximale Aerodynamik ab. ∙ © Kia

Das Besondere an dieser technischen Plattform ist die Systemarchitektur, die mit doppelter Spannungslage arbeitet: Statt mit 400 Volt, wie üblich bei Elektroautos, operieren Hyundai und Kia mit 800 Volt. Vorreiter dieser Architektur ist Porsche mit dem Taycan, ein Elektrosportwagen der Oberklasse für einen Kaufpreis von (je nach Version) bis weit über 100.000 Euro. Nun setzt Hyundai die revolutionäre Technik schon in der Mittelklasse ein, sowohl im Ioniq 5 als auch im Kia EV6. Aber die Autos aus Korea kosten grob nur die Hälfte.

Die Vorteile der hohen Spannungslage bestehen zum einen darin, dass die Verkabelungen mit kleinerem Querschnitt möglich sind. Das spart Material, Bauraum, Kosten und vor allem Gewicht. Zum anderen können mit 800 Volt Betriebsspannung extrem hohe Ladeleistungen und damit kurze Ladezeiten realisiert werden.

So lädt der Porsche Taycan im Moment mit einer Ladeleistung von bis zu 270 kW auf. Der Ioniq 5 und der Kia EV6 machen das mit immerhin bis zu 225 kW, was für 18 Minuten Ladezeit von zehn bis 80 Prozent gut ist. Natürlich nur an einer entsprechend leistungsfähigen High-Power-Ladesäule (HPC = High Power Charging).

Es gibt auch eine sogenannte "Vehicle-to-load-Funktion", mit der man etwa ein anderes E-Fahrzeug aufladen oder auch einen großen Fernseher, einen Elektrogrill oder Ähnliches betreiben kann.

Um die externen Verbraucher mit dem EV6 zu verbinden, benötigt man einen kleinen Adapter, der vorn im Frunk (Kofferraum unter der Fronthaube) verstaut ist. Augenfälliger als damit lässt sich kaum untermauern, dass die Koreaner technologisch Anschluss gefunden haben an die Weltspitze.

Der neue Kia EV6 in Bildern

Der Kia EV6 bietet vorne und hinten viel Platz

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Sieht gut aus: das Cockpit mit breitem Panoramadisplay ∙ © Kia

Bei der ersten realen Begegnung mit dem EV6 stellt man fest: Während die Ioniq-5-Schwester sich kühl und nüchtern gibt, tritt der 4,68 Meter lange Kia sehr viel sportlicher und engagierter auf und wirkt ein bisschen wie ein aufgebockter Shooting-Brake. Dazu gibt es einen Innenraum, der nicht nur reichlich Platz bietet für Mensch und Gepäck. Schließlich misst der Radstand 2,90 Meter, der leider etwas flache Kofferraum fasst 490 bis 1300 Liter.

Vorne sitzt man mit der "schwebenden" Mittelkonsole mit viel Kopf- und Schulterfreiheit extrem luftig. Das gilt auch für die Fondpassagiere, doch Kia hat hier – wie die meisten anderen E-Autohersteller auch – das Problem der Batterie unterm Fahrzeugboden. Die Füße stehen deshalb sehr hoch, weshalb die Oberschenkel keine Auflage haben – und das ist bei längeren Fahrten unbequem.

Immerhin verspricht die ansprechend gestaltete Kabine ein gutes Gewissen: Nicht umsonst haben die Koreaner pro Auto über 100 PET-Flaschen recycelt, um daraus die Sitzbezüge zu weben. Eine Lederausstattung bekommt der Kunde beim Händler weder für viel Geld noch gute Worte. Dafür erhält er serienmäßig jede Menge Ablagen mit einem großen Mittelfach und obendrein noch einen kleinen Frunk, also ein 52-Liter-Staufach unter der "Motorhaube".

In puncto einfacher Bedienung hat Kia in der Branche Vorbildcharakter. Und kiatypisch ist zum Beispiel im EV6 die klar gezeichnete mittige Bedienkonsole, die per Tastendruck entweder für die Klima- oder Audiosteuerung genutzt wird – funktioniert prima. Weniger intuitiv lässt sich dagegen auf dem großen Display die kleine "Home"-Taste finden, die in Ermangelung einer Rücktaste häufig aktiviert werden muss.

Sinnvolles Zubehör wie Head-up-Display mit Augmented-Reality-Funktion, Matrix-LED-Licht oder Rundumsichtkamera bietet der EV6 natürlich auch. Doch die gibt's nur mit aufpreispflichtigen Paketen oder kosten wie die winternützliche Wärmepumpe Aufpreis (1000 Euro).

Kia EV6 mit beeindruckenden Fahrleistungen

Ein Fahrbericht über das neuen E-Auto von Kia, der EV6
Dynamische Beschleunigung und gute Reichweite: geht beim EV6 zusammen ∙ © Kia

Serienmäßig liefert der Kia EV6 dafür jede Menge Fahrspaß – und nicht nur, weil der EV6 sportlicher gezeichnet und strammer abgestimmt ist als der Ioniq 5. Die vom Tester gefahrene GT-Line mit 325 PS und Allrad beschleunigt spontan und direkt in 5,2 Sekunden auf Tempo 100 und hat Auslauf bis 185 km/h. Je nach Laune lassen sich drei Fahrmodi von Eco bis Sport vorwählen, die Lenkung bleibt dabei immer trendgemäß leichtgängig, ist aber trotzdem direkt und auch in der Mittellage noch relativ stabil.

Das straff ausgelegte Fahrwerk macht trotzdem einen recht komfortablen Eindruck und bügelt Fahrbahnunebenheiten satt weg. Allerdings zeigte das Testfahrzeug in spitz gefahrenen Kurven einen leichten Hang zum Übersteuern. Aber das kann auch ein Problem der vorproduzierten Fahrzeuge sein. Hier wird der erste ADAC Test des Serienfahrzeugs Aufschluss liefern.

Zum Marktstart kommt der Kia EV6 in drei Versionen: als Hecktriebler mit der "kleinen" 58-kWh-Batterie und 125 kW/170 PS Leistung (ab 44.990 Euro), mit der großen 77,4-kWh-Batterie mit Heckantrieb und 168 kW/229 PS (ab 48.990 Euro) sowie mit Allrad und 239 kW/325 PS (ab 52.890 Euro). Im Herbst 2022 legt Kia mit dem GT als Flaggschiff nach – und der kommt sogar auf Sportwagenniveau. Schließlich ist Tempo 100 schon nach 3,5 Sekunden erreicht, und den Stecker ziehen die Koreaner erst bei progressiven 260 km/h (ab 65.990 Euro).

Je nach Antrieb und Akku-Paket kommt der Kia EV6 laut WLTP-Messung 394 bis 528 Kilometer weit, der Verbrauch des Allradlers pendelte sich bei den Testfahrten bei etwa 24 kWh/100 km ein.

Eine intelligente Rekuperation sorgt dafür, dass die Diskrepanz in der Praxis nicht allzu groß wird. Die Elektronik regelt in Abhängigkeit von Abstand, Tempo, Topografie und Streckenbeschilderung die maximale Effizienz ein, lässt den Wagen mal ausrollen oder bremst elektrisch ab – und macht das so feinfühlig, dass sich selbst Skeptiker auf Anhieb wohlfühlen.

Skeptisch nachgefragt wurde bei der ersten Präsentation des neuen EV6 nach dessen Lieferzeit. Und Thomas Djuren, der neue Geschäftsführer von Kia Deutschland, konnte angesichts der allgemeinen und speziellen Lieferschwierigkeiten in der Automobilindustrie nur wenig Hoffnung verbreiten: Ein halbes oder ganzes Jahr werde man wohl warten müssen. Wahrscheinlich ist wohl Letzteres.

Kia EV6: Technische Daten und Preise

Technische Daten (Herstellerangaben)

KIA EV6 (58 kWh)

KIA EV6 (77,4 kWh)

KIA EV6 (77,4 kWh)

KIA EV6 (77,4 kWh)

Motorart

Elektro

Elektro

Elektro

Elektro

Leistung maximal in kW (Systemleistung)

125

168

239

430

Leistung maximal in PS (Systemleistung)

170

229

325

585

Drehmoment (Systemleistung)

350 Nm

350 Nm

605 Nm

740 Nm

Antriebsart

Heck

Heck

Allrad

Allrad

Beschleunigung 0-100km/h

8,5 s

7,3 s

5,2 s

3,5 s

Höchstgeschwindigkeit

185 km/h

185 km/h

185 km/h

260 km/h

Reichweite WLTP (elektrisch)

394 km

528 km

506 km

400 km

CO2-Wert kombiniert (WLTP)

0 g/km

0 g/km

0 g/km

0 g/km

Verbrauch kombiniert (WLTP)

16,6 kWh/100km

16,5 kWh/100km

17,2 kWh/100km

22,7 kWh/100km

Batteriekapazität (Netto) in kWh

58,0

77,4

77,4

77,4

Ladeleistung (kW)

AC:2,3-11,0 DC:50,0-180,0

AC:2,3-11,0 DC:50,0-240,0

AC:2,3-11,0 DC:50,0-240,0

AC:2,3-11,0 DC:50,0-240,0

Kofferraumvolumen normal

490 l

490 l

490 l

480 l

Kofferraumvolumen dachhoch mit umgeklappter Rücksitzbank

1.300 l

1.300 l

1.300 l

1.260 l

Leergewicht (EU)

1.875 kg

1.985 kg

2.090 kg

2.200 kg

Zuladung

465 kg

440 kg

440 kg

410 kg

Anhängelast ungebremst

750 kg

750 kg

750 kg

750 kg

Anhängelast gebremst 12%

750 kg

1.600 kg

1.600 kg

1.600 kg

Garantie (Fahrzeug)

7 Jahre oder 150.000 km

7 Jahre oder 150.000 km

7 Jahre oder 150.000 km

7 Jahre oder 150.000 km

Grundpreis

44.990 Euro

54.990 Euro

58.890 Euro

65.990 Euro

Länge x Breite x Höhe

4.680 mm x 1.880 mm x 1.550 mm

4.695 mm x 1.890 mm x 1.550 mm

4.695 mm x 1.890 mm x 1.550 mm

4.695 mm x 1.890 mm x 1.545 mm

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