Nio ES8: Elektro-SUV mit Wechselakku

19.7.2019

Vom Nio ES8 wurden in China schon viele tausend Stück verkauft. Zu uns kommt das Auto aber nicht. Schade, denn der Elektro-SUV fährt beeindruckend gut. Fahrbericht, technische Daten, möglicher Preis.  

Nio ES 8 stehend
Nio ES8 – Elektroantrieb, sieben Sitze, gut fünf Meter Länge: Selbst für einen SUV ein Riese
  • Dank des Wechselakkus ist der Nio in 5 Minuten wieder startklar
  • Das chinesische Start-up-Produkt wurde in München designed 
  • Mit 480 kW in 4,4 Sekunden auf 100 km/h
  • Marktstart in Deutschland ist sehr unwahrscheinlich 

 

Die Industrie in China kann vieles, aber richtig gute Autos bauen, das gelingt den Chinesen bisher noch nicht. Sätze wie diese galten lange Zeit als Gesetz. Seit Start-ups wie Byton und Nio innovative Elektroautos entwickeln, zerbröselt die Gewissheit. Der Nio ES8 ist der beste Beweis dafür. Wir konnten den Elektro-SUV einen Tag lang ausprobieren – und waren ziemlich beeindruckt. 

Nomi: Sprachbedienung auf Mandarin 

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Cockpit Nio ES 8
Zwei Displays im Cockpit informieren den Fahrer

Beeindruckend sind schon die Außenabmessungen: Mit rund fünf Meter Länge und zwei Metern Breite reiht der Nio ES8 sich nahtlos in die Riege von Audi Q7 und BMW X5 ein. Ein Tesla Model X auf dem Parkplatz wirkt neben dem China-Import fast ein wenig zierlich. Nahezu auf das Gramm identisch ist das Leergewicht des Nio ES8 zu Tesla: 2460 kg geben die Chinesen an, 2459 kg wiegt der Tesla.

Vom Karosseriedesign her ist der Nio zweifellos gut gemacht, aber Köpfe, die sich nach dem in Deutschland exotischen Modell umdrehen, haben wir auf der Testfahrt in und um München keine gesehen.    

Wegen des Elektroantriebs bietet sich der Vergleich mit dem Model X am besten an. Beide sind zudem nicht nur gleich groß und gleich schwer, sie sind auch siebensitzig sowie mit Allrad ausgelegt. Vor allem aber weisen beide atemberaubende Leistungsdaten aus: Während Tesla seinem Model X Performance zwei E-Motoren mit einer Maximalleistung von 449 kW/611 PS mitgibt, legt Nio mit 480 kW/652 PS Gesamtleistung noch etwas drauf.

Die Power des China-Riesen (840 Nm Ausgangs-Drehmoment verspricht das Datenblatt) soll reichen, um von null auf 100 km/h in nur 4,4 Sekunden zu beschleunigen. Und genauso atemberaubend fühlt sich die Beschleunigung auch auf der Testfahrt an.

Kommt der Fahrer wieder zur Ruhe, kann er sich endlich auch dem Sprachbedienungsystem namens "Nomi" zuwenden. Nomi schaut uns nämlich die ganze Zeit schon mit lächelnden Augen an. Die Kommunikation erweist sich jedoch als schwierig. Nomi versteht nämlich ausschließlich das chinesische Mandarin.

Na gut, dann starte ich eben das Soundsystem, das ich auf dem tabletgroßen Display an der Mittelkonsole erkenne. Unverzüglich wippt Nomi mit einer Gitarre im Arm im Takt der Musik. Die Chinesen scheinen ein lustiges Volk zu sein.

Bildergalerie: Klicken oder tippen Sie auf das Foto für eine größere Darstellung und mehr Informationen. 

Fahrwerk und Lenkung wie im BMW X5

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Nio ES 8 Heck
Richtig groß, richtig schwer, richtig schnell: Nio ES8

Designed werden die Fahrzeuge von Nio in München. Die technische Entwicklung befindet sich im Großraum von Shanghai. Die Fahrzeugproduktion übernimmt der chinesische Automobilhersteller JAC. Gründer von Nio ist der Internet-Milliardär William Lee. An Geld und Know-how mangelt es der Firma ganz offenbar nicht.

Die Idee, Elektroautos zu entwickeln und zu bauen, kam William Lee schon 2012. Zwei Jahre später legte das Start-up los, stieg unter dem Namen NextEV in die Formel E ein und erzielte im Jahr 2017 mit dem 1000 kW starken Straßensportwagen EP9 einen Rundenrekord für Elektrofahrzeuge auf dem Nürburgring. Parallel entwickelt Nio inzwischen Technologien zum autonomen Fahren. 

Auf diesem Hintergrund wirkt das Model ES8 fast schon sehr konventionell. Als Kernkompetenz haben die Chinesen sich die Entwicklung der Elektromotoren und der Batterien vorgenommen. Das notwendige Know-how zum Autobauen kauft man sich in der ganzen Welt ein. Der aktuelle Entwicklungschef kommt aus Schweden, viele leitende Ingenieure wurden aus Italien angeheuert.

Aber die Chinesen lernen schnell, und bald – so ist zu vermuten – sind sie technologisch in allen Bereichen auf Augenhöhe. Bei der Produktion von Lithium-Ionen-Batterien haben sie ohnehin die Nase vorn.       

Ein existierendes perfektes Fahrwerk, so das Credo, muss man nicht noch einmal neu entwickeln. Und so stammt die serienmäßige Luftfederung des Nio ES8 vom deutschen Zulieferer Continental. Auch die Lenkung stammt aus Deutschland, wird von Thyssen geliefert. Beide Komponenten werden auch im BMW X5 verbaut, sind im Nio aber anders abgestimmt, wie es scheint. Nämlich komfortabler, weicher, weniger direkt. So, wie der durchschnittliche chinesische Autofahrer es gerne hat. Die Batteriezellen dagegen werden von CATL, dem großen chinesischen Akkuhersteller, geliefert. Das Geschäft mit Autos ist schon lange extrem international, die Grenzen für Know-how werden immer durchlässiger.  

Das schwere Akkupaket im Fahrzeugboden hat eine Energiekapazität von 70 kWh und ermöglicht eine Reichweite (nach NEFZ) von bis zu 355 Kilometer. Nur darf man dann nicht ständig 200 km/h auf der Autobahn fahren. Wer es doch tut, stellt fest, dass der Nio ES8 sehr gut und spurstabil auf der Straße liegt. Ob der Antrieb dabei über Gebühr erhitzt, konnten wir auf der kurzen Testfahrt nicht ausprobieren.

Elektroautos: Schon gefahren und bewertet

Batterie: Wechsel-Akku in fünf Minuten   

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Nio ES 8 Front
Trotz markanter Front erregt der China-Riese wenig Aufsehen 

Das Tesla Model X Performance kommt laut Hersteller 485 Kilometer weit mit einer Akkufüllung, schafft eine Höchstgeschwindigkeit von 250 km/h und den Spurt von null auf 100 km/h in 2,9 Sekunden. Insofern wäre da auch noch Luft nach oben. Beim Preis jedoch muss sich das Model X auf jeden Fall geschlagen geben. Während das Flügeltür-SUV aus Kalifornien über 100.000 € kostet, würde der Nio ES8 laut Pressesprecher in Europa in der Basisversion nur 59.000 €, in der Top-Ausstattung 72.000 € teuer sein. 

Der Konjunktiv "würde" ist deshalb gewählt, weil Interessenten den Wagen auf eigene Faust aus China importieren müssten. Nio bietet das Auto hier nicht an. Dass das Auto in den nächsten Jahren offiziell hier verkauft wird, gilt als äußerst unwahrscheinlich. Nio will das Exportgeschäft erst dann starten, wenn die Firma auf dem chinesischen Markt schwarze Zahlen schreibt. Ist das der Fall, wird man wahrscheinlich ein Fahrzeug der nächsten Plattform hernehmen, das wäre dann der Nio ES6, ein etwas kleinerer SUV, der auch besser zum europäischen Markt passen würde.    

Insofern hätte man auch noch Zeit, die Akkuwechselstationen vorzubereiten, die es in China längst gibt. So wie andere zur Waschanlage fahren, steuern ES8-Kunden eine Tauschstation an. Hier wird ihr Auto automatisch aufgebockt, ein Roboter löst von unten zehn Schrauben, nimmt den leeren Akku heraus und tauscht ihn gegen einen vollen aus dem Lager. Das Ganze dauert keine fünf Minuten und soll mittelfristig dank eines Autopiloten sogar funktionieren, während der Fahrer beim Essen sitzt.

Das klingt alles nach großer Zukunftsmusik. Aber warten wir es ab. Hinsichtlich großer struktureller Veränderungen, technologischer Brüche und unternehmerischen Wagemuts ist den Chinesen einiges zuzutrauen.

Technische Daten und Preise

Technische Daten (Herstellerangaben) Nio ES8
Motor  zwei Elektromotoren, 480 kW/652 PS, 840 Nm, Allradantrieb
Fahrleistungen
4,4 s auf 100 km/h, 200 km/h Spitze
Verbrauch pro 100 km/Reichweite   19,7 kWh / 355 km 
Maße  L 5,02 / B 1,96 / H 1,76 m
Kofferraum  312 l (7-sitzig) – 873 (5-sitzig) – 1863 l (2-sitzig) 
Leergewicht 2460 kg
Preis* von 59.000 (Basis) bis 72.000 € (Top-Ausstattung)


  • Das hat uns gefallen: Großzügiges Raumangebot. Üppige Beinfreiheit im Fond. Liegesitze. Verschiebbare Rückbank. Exorbitante Beschleunigung. Hoher Fahrkomfort. Viele Sicherheitsassistenten. Akkuwechsel möglich.
  • Das hat uns nicht gefallen: Mäßige Reichweite. Etwas zu leichtgängige Lenkung. AC-Laden nur einphasig. 

Text: Wolfgang Rudschies. Fotos: ADAC Motorwelt (3), PR

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