Ganzjahresreifen 205/55 R 16 im Test: Alleskönner oder Kompromiss?

Im Video erklärt ADAC Experte Christoph Pauly die Ergebnisse des Ganzjahresreifentests ∙ Bild/Video: © ADAC e.V.

Es gibt mittlerweile eine gute Auswahl an Ganzjahresreifen. Doch was können sie wirklich? Sind sie nach wie vor nur rollende Kompromisse? Der ADAC hat 16 aktuelle Modelle der Dimension 205/55 R 16 getestet. Mit überraschendem Ergebnis.

  • Getestet wurde im Sommer und Winter

  • Erstmalig ein Ganzjahresreifen mit "gut" bewertet

  • Bewertung von Sicherheit und Umweltbilanz

Ganzjahresreifen hatten lange ein Problem, galten sie doch als schaler Kompromiss zwischen Sommer- und Winterreifen. Mit den Jahreszeit-Spezialisten konnten sie es nie aufnehmen. Warum, ist klar: Sommer- und Winterreifen haben ein konträres Anforderungsprofil und unterscheiden sich daher konstruktiv.

Wo Sommerreifen mit ihrer härteren Gummimischung und den großen Profilblöcken selbst bei sehr hohen Temperaturen für sicheren Grip sorgen, bei Schnee aber ins Rutschen kommen, muss sich ein Winterreifen mit seiner weicheren Mischung und den feinen Lamellen gut in Schnee und Eis krallen können. Bei hohen Temperaturen ist er aber zu weich.

Dass ein Reifen beides perfekt kann, ist also so gut wie unmöglich. Aber: Es tut sich was auf dem Markt für Ganzjahresreifen. Die höhere Kundennachfrage lässt das Angebot steigen – und offenbar auch die Qualität der Pneus. Erstmalig wurde ein Ganzjahresreifen im ADAC Test mit der Note "gut" bewertet.

Testergebnisse Ganzjahresreifen

16 Reifen wurden unter sommerlichen und winterlichen Bedingungen und auch bei Nässe auf verschiedenen Prüfgeländen getestet. Bei den getesteten Reifen beträgt der Geschwindigkeitsindex V (240 km/h) und der Lastindex 94 (670 kg). Diese Werte entsprechen den typischen Anforderungen für viele moderne Pkw und leichte SUVs. Klicken oder tippen Sie in der Tabelle auf das gewünschte Reifenmodell, und Sie erhalten die ausführlichen Testergebnisse:

Hersteller/ModellPreis in EuroADAC UrteilFahrsicherheitUmweltbilanzzum Vergleich hinzufügen
Goodyear Vector 4Seasons Gen-3
120
2,4
2,7
1,8
Pirelli Cinturato All Season SF2
114
2,6
2,3
3,3
Hankook Kinergy 4S²
98
2,7
2,9
2,2
Michelin CrossClimate 2
131
2,7
2,9
2,2
Kumho Solus 4S HA32+
89
2,8
3,0
2,3
Vredestein Quatrac
105
2,8
3,1
2,2
Falken EuroAll Season AS210
96
3,1
3,2
2,7
Firestone Multiseason2
97
3,6
3,6
3,1
Sava All Weather
93
3,7
3,7
2,3
Nankang Cross Seasons AW-6
79
3,7
3,7
2,9
Toyo Celsius AS2
96
3,8
3,8
2,3
Semperit AllSeason-Grip
99
3,9
3,9
2,9
UNIROYAL AllSeasonExpert 2
98
4,0
4,0
2,2
Yokohama BluEarth-4S
98
4,0
4,0
3,3
Kenda Kenetica 4S
78
5,1
5,1
2,8
Infinity Ecofour
81
5,4
5,4
2,4

    sehr gut

    0,6 - 1,5

    gut

    1,6 - 2,5

    befriedigend

    2,6 - 3,5

    ausreichend

    3,6 - 4,5

    mangelhaft

    4,6 - 5,5

    © ADAC e.V.

    Bester Reifen: Goodyear Vector 4Seasons

    Der Testsieger kommt von Goodyear. Der Vector 4Seasons Gen-3 wurde als erster Ganzjahresreifen überhaupt mit der Note "gut" bewertet. Die 2,4 im Endergebnis zeigt, dass der Reifen grundsätzlich gut abgestimmt ist und in keinem Bereich eklatante Schwächen aufweist. Perfekt ist er aber trotzdem nicht: Er liefert zwar auf nasser und winterlicher Fahrbahn gute Ergebnisse ab, weist auf trockener Fahrbahn bei hohen sommerlichen Temperaturen aber leichte Schwächen auf, sodass es bei der Fahrsicherheit nur für eine 2,7 reicht.

    Zum Gesamtsieg verhilft ihm seine gute Umweltbilanz (Note 1,8), die mit 30 Prozent in das Ergebnis eingeht. Seine hohe Effizienz senkt den Kraftstoffverbrauch, der Reifenabrieb ist gering und die prognostizierte Laufleistung mit mehr als 60.000 Kilometern überdurchschnittlich hoch.

    Für Wenigfahrer: Pirelli Cinturato All Season

    Zum Vergleich: Der ebenfalls empfehlenswerte Pirelli Cinturato All Season SF2 auf Rang zwei im Gesamtergebnis kommt nur auf 33.000 Kilometer Laufleistung – den Goodyear könnte man also doppelt so lang fahren.

    Für Wenigfahrerinnen und -fahrer ist der zweitplatzierte Pirelli Cinturato All Season SF2 aber definitiv eine gute Wahl. Er sichert sich als Einziger im Test eine gute Note (2,3) bei der Fahrsicherheit. Das heißt: Der Reifen überzeugt bei sommerlichen wie auch bei winterlichen und nassen Bedingungen mit guten Fahr- und Sicherheitseigenschaften. Sowohl beim Nassbremsen als auch im Handling fährt er die besten Noten im Test ein.

    Allerdings: Der Pirelli Cinturato All Season SF2 ist bereits durch den Nachfolger Pirelli Cinturato All Season SF3 ersetzt worden, zu dessen Performance das Test-Team leider noch keine Aussage treffen kann. Beim nächsten Ganzjahresreifentest wird der Nachfolger aber auf jeden Fall dabei sein. Der ADAC testet ihn bereits.

    Dass ein Reifen zur Veröffentlichung der ADAC Testergebnisse bereits durch ein Nachfolgemodell ersetzt wurde, lässt sich nicht immer ganz vermeiden. Grund: Die Reifen werden gut ein Jahr vor der Publikation anonym im Handel gekauft – so lange dauern die umfangreichen Tests des ADAC. "Testreifen" vom Hersteller noch vor der Markteinführung verwendet der ADAC grundsätzlich nicht für seine Tests, um eine Manipulation auszuschließen. Sollte ein Hersteller bereist ein Nachfolgemodell angekündigt haben, ist wiederum der Test des Auslaufmodells nicht mehr sinnvoll.

    Reifen mit spezifischen Stärken

    Auf den Pirelli folgen vier weitere Reifen mit einer Zwei vor dem Komma: der Hankook Kinergy 4S², der Michelin CrossClimate 2, der Kumho Solus 4S HA32+ und der Vredestein Quatrac. Alle vier überzeugen bei der Umweltbilanz mit guten Ergebnissen, leisten sich aber leichte Schwächen bei der Fahrsicherheit: Der Hankook auf nasser und schneebedeckter Fahrbahn, der Michelin auf nasser Fahrbahn, der Kumho auf nasser und trockener Fahrbahn und der Vredestein auf trockener, nasser und schneebedeckter Fahrbahn.

    Ebenfalls mit einer noch befriedigenden Gesamtnote schneidet der Falken EuroAll Season AS210 ab. Er kommt sowohl bei der Fahrsicherheit als auch bei der Umweltbilanz nicht über befriedigende Resultate hinaus, kann aber trotzdem ein empfehlenswerter Reifen für jemanden sein, dessen Fahrprofil passt: Auf Nässe ist er gut, im Schnee liefern andere Reifen jedoch eine bessere Performance ab. Beim Bremsen auf trockener Fahrbahn liegt der Falken zum Beispiel im Mittelfeld.

    7-mal ausreichend, 2-mal mangelhaft

    Auch im Schnee müssen sich Ganzjahresreifen beim ADAC Test beweisen© ADAC/Marc Wittkowski

    Dass es wohl doch nicht so trivial ist, einen ausgewogenen Ganzjahresreifen zu bauen, der im Winter wie im Sommer gleichermaßen gut funktioniert, zeigt leider immer noch die Mehrheit der getesteten Reifen: Sieben Modelle kommen mit Gesamtnoten von 3,6 bis 4,0 nicht über ein "ausreichend" hinaus, zwei werden sogar mit "mangelhaft" (Note 5,1 und 5,4) bewertet.

    Die mangelhaften Reifen liefern in manchen Testdisziplinen indiskutable Ergebnisse ab: Im Schnee versagt der Kenda Kenetica 4S beim Handling. Er verliert früh die Traktion, neigt zum Untersteuern und hat kaum Reserven im Grenzbereich – mit ihm schlittert man also schnell von der Straße. Und auch der Infinity Ecofour kann nicht empfohlen werden. Er fährt sich auf winterlicher Fahrbahn zwar besser als der Kenda, hat auf Nässe jedoch ein Problem, neigt früh zum Über- bzw. Untersteuern und ist nur schwer kontrollierbar. Beide Reifen werden aufgrund ihrer spezifischen Schwächen abgewertet.

    Und wie seht es mit den sieben mit "ausreichend" benoteten Pneus aus? Auch sie sind eher nicht zu empfehlen, weil sie zu große Schwächen besonders auf trockener Fahrbahn haben. Zu unpräzise zeigen sich die Reifen bei sommerlichen Temperaturen und fordern den Fahrenden auch bei Ausweichmanövern im Grenzbereich, indem sie recht deutlich zum Übersteuern neigen und sich nicht so schnell stabilisieren, wie es für die Person am Steuer noch akzeptabel wäre.

    Fazit

    ADAC Projektleiter Martin Brand wertet am Computer Ergebnisse des Reifentests aus
    Projektmanager Martin Brand wertet die Ergebnisse aus© ADAC/Marc Wittkowski

    Durch die Bank Alleskönner sind Ganzjahresreifen längst noch nicht. Es gibt zwar sehr erfreuliche Entwicklungen, wie insgesamt sieben empfehlenswerte Modelle und vor allem der erste mit "gut" bewertete Ganzjahresreifen zeigt. Doch dass neun von 16 Reifen nicht zu empfehlen sind, ist ebenfalls Fakt.

    Bei der Reifenwahl sollte jedem bewusst sein, dass es sowohl bei der Fahrsicherheit als auch bei der Umweltbilanz große Unterschiede bei der Performance gibt. Wichtig: Das Hauptaugenmerk beim Reifenkauf muss die Leistung sein und nicht der Preis. Dabei sollte im Idealfall die Ergebnistabelle entsprechend dem eigenen Fahrprofil gedeutet werden. Ist man stets auf sein Auto angewiesen und spult zahlreiche Kilometer im Jahr ab, sollte der Reifen bei der Fahrsicherheit und auch bei der Umweltbilanz möglichst gut abschneiden.

    Auf diese Autos passt 205/55 R 16 

    Ein Mechaniker wechselt die Reifen an einem VW Golf während dem ADAC Reifentest
    Die Größe 205/55 R 16 ist typisch für die Kompaktklasse ("Golfklasse")© ADAC/Marc Wittkowski

    Die getestete Reifengröße 205/55 R 16 ist die Dimension mit der größten Nachfrage. Sie passt auf eine Vielzahl von Modellen vornehmlich aus der Kompaktklasse. Das Spektrum reicht von der Mercedes A-Klasse über den Fiat 500L, den Mini und den Mazda 3 bis zum Opel Meriva, Škoda Octavia und VW Passat. Und natürlich ist sie auch für den VW Golf geeignet, auf dem die Ganzjahresreifen getestet wurden. Welche Größe für Ihr Fahrzeug zugelassen ist, lässt sich in Ihrer Zulassungsbescheinigung und im CoC-Papier ersehen.

    Lieber doch einen Sommer- oder Winterreifen? Hier können Sie die aktuellen Testergebnisse nachlesen:

    ADAC Empfehlungen

    • Achten Sie auf Ihr Fahrprofil. Fahren Sie häufig und viel auf der Autobahn und/oder bei hohen Temperaturen und hoher Beladung (z.B. Sommerurlaub), sind Sie mit Sommer- und Winterreifen besser beraten. Fahren Sie dagegen hauptsächlich auf Bundesstraßen und nur gelegentlich Autobahn und legen nicht allergrößten Wert auf Präzision und Rückmeldung am Lenkrad, finden sich auch geeignete und empfehlenswerte Ganzjahresreifen.

    • Verwenden Sie immer vier Reifen des gleichen Modells und Typs.

    • Überprüfen Sie regelmäßig den Reifendruck.

    • Erhöhen Sie bei schwerer Ladung den Reifendruck entsprechend den Vorgaben des Fahrzeugherstellers in der Bedienungsanleitung.

    • Montieren Sie bei unterschiedlicher Profiltiefe die besseren Reifen auf die Hinterachse, da diese durch ihr Seitenführungspotenzial die Fahrstabilität insbesondere bei Kurvenfahrt bestimmt.

    • Winterreifen sollten ab einer Profiliefe von weniger als 4 Millimeter zugunsten der Fahrsicherheit getauscht werden, damit Sie im Falle von Aquaplaning noch eine Sicherheitsreserve haben.

    • Verlassen Sie sich beim Kauf nicht auf das Label – die Tests zeigen, dass das Label nicht die Gesamtperformance auf Nässe widerspiegeln muss.

    • Kaufen Sie keine neuen Reifen, die älter als drei Jahre sind. Auskunft über das Herstellungsdatum der Reifen gibt Ihnen die DOT-Angabe.

    Gewichtung, Testkriterien, Methodik

    Umweltschutz ist auch bei der Mobilität ein wichtiges Thema. Deshalb spielen bei den ADAC Reifentests nicht nur Fahrsicherheit und Wirtschaftlichkeit, sondern auch Nachhaltigkeits-Gesichtspunkte eine Rolle. Die Details zum Bewertungsschema werden in den Klappelementen erklärt:

    Hauptkriterium

    Sommerreifen

    Ganzjahresreifen

    Winterreifen

    Fahrsicherheit

    70 %

    70 %

    70 %

    Trockene Fahrbahn

    40 %

    35 %

    30 %

    Nasse Fahrbahn

    60 %

    45 %

    40 %

    Winterliche Fahrbahn


    20 %

    30 %

    Umweltbilanz

    30 %

    30 %

    30 %

    Laufleistung

    40 %

    40 %

    40 %

    Reifenabrieb

    20 %

    20 %

    20 %

    Effizienz

    20 %

    20 %

    20 %

    Geräusch

    10 %

    10 %

    10 %

    Nachhaltigkeit

    10 %

    10 %

    10 %

    Test und fachliche Beratung: Martin Brand, Andreas Müller, ADAC Technik Zentrum

    Hier finden Sie alle aktuellen Reifentests des ADAC