Tesla Model 3: Wie gut ist das Elektroauto wirklich?

11.3.2019

Das Tesla Model 3 ist endlich in Deutschland angekommen. Erste Testfahrt im amerikanischen Mittelklasse-Elektroauto. Plus: Preise, Reichweite, Bilder, technische Daten und Lieferzeit

  • Seit Anfang 2019 kann das Model 3 konfiguriert werden
  • Zunächst werden die vorbestellten Long-Range-Versionen ausgeliefert
  • Die Standard-Variante mit kleinem Akku lässt leider noch auf sich warten
  • Die 4000-Euro-Elektroprämie wird für das Model 3 gewährt 
     

Jetzt wird es so langsam ernst in Europa – für die Elektromobilität im Allgemeinen und für Tesla-Chef Elon Musk genau wie für seine Konkurrenten im Besonderen. Immerhin ist jetzt endlich das Model 3 auf dem Weg über den Atlantik, um das Elektroauto auch in Europa zu einer alltäglichen Erscheinung zu machen.

Mit dem Model 3 wollen die Amerikaner beweisen, dass man auch ohne großes Vermögen im Rücken ein Elektroauto bekommt, das vernünftige Reichweiten erzielt und ohne Kompromisse gefahren werden kann. Das ist ein Versprechen, an dem sich Mr. Musk genauso messen lassen muss wie die etablierten Hersteller aus Europa, die weitestgehend noch in den Startlöchern feststecken. 

Fans warten auf das Einstiegsmodell

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Der neue Tesla Model 3 2018 in Fahrt
Die Standard-Version mit kleinem Akku soll weniger als 40.000 € kosten

Vom angekündigten Einstiegsmodell für knapp 40.000 € ist aber noch nichts zu sehen in Deutschland. Obwohl Tesla-Chef Elon Musk bekräftigt, er wolle schnellstmöglich ernst machen mit dem Basismodell und es den Kunden auch in Europa kredenzen. Gleichzeitig kündigte er jedoch an, in Zukunft auf Verkaufspersonal in den Showrooms verzichten zu wollen. Aus Kostengründen. Offenbar ist Tesla in finanziellen Schwierigkeiten. Bestellen müsse man die Tesla-Modelle fortan ausschließlich übers Internet. Probefahrten? Brauche es nicht. Wer ein Auto bekommen habe und feststellt, dass es ihm doch nicht so richtig passt, könne es innerhalb einer Woche zurückgeben, so die Vision von Chef Elon Musk. Vorausgesetzt das Auto hat nicht mehr als 1000 Meilen auf dem Tacho, heißt es.  

Der Grundpreis für die Long Range-Version in Deutschland liegt aktuell bei 53.280 Euro laut Konfigurator. Mit ein paar Extras ist man bei über 60.000 Euro. Die Performance-Variante lässt sich auf bis zu 77.000 Euro aufrüsten mit Extras. Damit ist der Tesla abgesehen von der halbwegs konventionellen Karosserieform Konkurrenten wie dem EQC von Mercedes, dem Audi e-tron quattro oder dem I-Pace von Jaguar näher als einem Volksstromer wie dem ID von VW, für den Preise um 30.000 Euro angenommen werden.

Sieht man einmal von der Preisfrage ab, kommt das Model 3 dem Ideal von einem elektrischen Alltagsauto allerdings schon ziemlich nahe. Denn der Viertürer bietet – bei 4,69 Metern Länge und 2,88 Metern Radstand – gefühlt mehr Platz als ein 5er BMW. Hinten liegt er auf dem Niveau einer Mittelklasse-Limousine. 

Reichweite: 530 km, Leistung: 487 PS, Akku-Kapazität: 75 kWh

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Tesla Model 3
Dual Range-Performance-Modell: Teuer, aber überzeugend

Die günstigste der aktuell zwei angebotenen Konfigurationen bietet mit einer Batteriekapazität von 75 kWh und zwei E-Motoren von zusammen 351 PS eine Normreichweite von 560 Kilometern und ein Spitzentempo von 233 km/h.

Und wenn man im Top-Modell "Performance" unterwegs ist, fühlt man sich eher wie in einem BMW M3 als in einem 318d. Immerhin drehen dann zwei E-Maschinen mit 487 PS alle vier Räder, so dass die knapp zwei Tonnen schwere Limousine in 3,4 Sekunden auf Tempo 100 kommt und erst bei 261 km/h Schluss sein soll.

Natürlich sind die 530 Kilometer Reichweite vom Prüfstand für das "Performance"-Modell in der Praxis nicht zu halten. Und erst recht nicht, wenn man das Model 3 tatsächlich wie einen M3 bewegt. Trotzdem kann man die Ladestandsanzeige geflissentlich ignorieren. Spätestens nach ein, zwei Stunden merkt man nämlich, wie lässig das Elektroauto den Alltagsverkehr bewältigt.

Das dürfte auch für die Variante mit ca. 60 kWh gelten, die Tesla mittelfristig nachreichen will, und ebenso für das Einstiegsmodell mit 50 kWh. Denn 250 echte Kilometer Reichweite sollten auch dort drin sein.

Tesla führt bei der Digitalisierung des Autos

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Tesla Model 3 Cockpit
Cockpit: Klares Design, großer 15-Zoll-Monitor an zentraler Stelle

Das Model 3 fühlt sich übrigens deutlich souveräner und stimmiger an als das Model S, sodass man den Amerikanern durchaus eine gewisse Lernkurve für Aufbau und Abstimmung attestieren kann. Doch weder ist der elektrische Herausforderer so komfortabel wie ein Mercedes, noch ist er so handlich und bestimmt wie ein BMW und spätestens ab 160, 170 km/h wird das Rauschen des Windes fast so laut wie in einem Cabrio. Da ist also genau wie bei der Materialauswahl noch immer ein bisschen Luft nach oben.

Doch wahrscheinlich hat Elon Musk recht, wenn er die Aufmerksamkeit seiner Mannschaft auf andere Eigenschaften lenkt. Denn die Zeiten, in denen Fahrdynamik kaufentscheidend war, gehen unweigerlich zu Ende. Und mehr als mit Torque-Vectoring oder variabler Dämpfung beeindruckt man heute mit einem großen Touchscreen und einer weitreichenden Digitalisierung – und da ist Tesla ganz vorn.

Man fühlt sich deshalb fast schon verloren im Model 3, so leer ist das Cockpit. Hinter dem Lenkrad? Nichts! Auf dem Mitteltunnel? Nichts! Auf dem Armaturenbrett und in der Mittelkonsole? Nichts. Bis auf die Fensterheber in den Türen, die zwei Bedienhebel hinter und die zwei Drehwalzen im Lenkrad gibt es im Tesla keine haptischen Bedienelemente mehr.

Innenraum: Dominanter Bildschirm

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Tesla Model 3 Touchscreen
Zentrales Touchdisplay für Fahrzeugeinstellungen, Navigation & Infotainment

Selbst für die Höhen- und Längsverstellung des Lenkrads muss ein Menü im Touchscreen aufgerufen werden. Ist der Menüpunkt angewählt, kann das Lenkrad über die dortigen Drehwalzen justiert werden. Gleiches gilt für die Einstellung der Außenspiegel.

Der Schlüssel ist eine etwas fragile Chip-Karte, die man nur noch selten aus dem Portemonnaie holen muss. Technikbegeistert wie sie sind, werden Tesla-Besitzer aber selbstverständlich die zugehörige App benutzen, um aufzusperren oder das Auto aus der Ferne zu kontrollieren und zu bedienen. So kann man zum Beispiel schon mal die Sitzheizung einschalten, bevor man überhaupt ins Auto einsteigt.

Alles, was es in diesem Auto noch zu bedienen gibt, macht man über den 38 cm großen Touchscreen, der größer ist als die meisten Tablet-Computer und zugleich als Fenster in eine umfassende Infotainment-Welt fungiert. Für den schnellen Zugriff auf Funktionen wie die Einstellung der Innentemperatur, die Lautstärke oder die Heckscheibenheizung gibt es eigene Buttons am unteren Rand des Touchdisplays. Ganz neu: Die Strömung der Belüftung kann per Fingerwisch in jede gewünschte Richtung gelenkt werden.

Wow-Effekte dieser Art finden sich einige im Model 3. Verblüffend: Man kommt trotz aller Finessen und möglicher Kunstgriffe schnell zurecht mit dieser neuen Welt. Hier haben Entwickler und Designer perfekt Hand in Hand gearbeitet – und die Bedienung tatsächlich revolutioniert.

Aktuelle Bilder: Tesla Model 3 im Detail

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Tiefe Rücksitze, kleiner Kofferraum

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Tesla Model 3
Hinten sitzen Erwachsene leider mit hoch aufgestellten Knien

Das Model 3 ist 29 Zentimeter kürzer als das Model S. Trotzdem sitzen immerhin Passagiere bis 1,80 Meter auf der Rückbank nicht übermäßig eingezwängt. Allerdings führen die niedrigen Sitze dazu, dass die Knie der Fondpassagiere in die Höhe ragen. Und das ist – zumindest auf längeren Strecken – einfach unbequem.

Der Kofferraum fasst nach Angaben des Herstellers 425 Liter. Abzüglich der 85 Liter, die davon unter der Fronthaube zur Verfügung stehen, bleiben 340 Liter hinten übrig – das ist wenig für ein Auto der Mittelklasse. Für alle, die mehr Platz benötigen, bietet Tesla als Extra eine umklappbare Rückbank an. Der Wendekreis von 11,6 Meter geht in Ordnung.

Richtig punkten kann das Model 3 mit der Tesla-eigenen Infrastruktur von Superchargern. Zwar gibt es statt Gratisladungen auf Lebenszeit, wie früher beim Model S, wenn überhaupt nur noch ein Maximalkontingent von 400 kWh kostenlosem Strom pro Jahr. Aber die Tatsache, dass das Navigationssystem weiter entfernte Ziele so ansteuert, dass garantiert eine Tesla-Ladestation auf der Strecke liegt, ist Gold wert.

Der Supercharger realisiert Ladeleistungen von bis zu 120 Kilowatt, und das macht Langstrecken erheblich angenehmer, als wenn man auf die 50 Kilowatt mit CCS-Stecker angewiesen ist.

Tipp Icon

Elektroautos: Schon gefahren und bewertet

Silberner Mercedes EQC stehend von der Seite

Autopilot im Tesla ist kritisch zu sehen

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Tesla Model 3
Tesla Model 3: Blick von oben auf die Front und das Glasdach

Was Tesla neben dem bedingungslosen Bekenntnis zur Elektromobilität noch ausmacht, das ist das Vertrauen in die Assistenzsysteme. So sucht sich das Model 3 auch dort selbst seinen Weg, wo ein BMW Siebener oder eine Mercedes S-Klasse das Kommando an den Fahrer übergibt. Und wo die Autopiloten bei den Deutschen den Fahrer nach ein paar Sekunden Untätigkeit wieder in die Pflicht nehmen, kann man im Tesla die Hände minutenlang in den Schoß legen – selbst wenn einem der Gesetzgeber in dieser Zeit keine Nebentätigkeiten erlaubt. Aus Sicht des ADAC eine sehr bedenkliche, weil potentiell gefährliche Freiheit der Tesla-Fahrer.

Die reservierten bzw. lange im Voraus bestellten Fahrzeuge werden zur Zeit sukzessive ausgeliefert in Deutschland. Laut Kraftfahrtbundesamt waren das im Februar 2019 immerhin 959 Exemplare. Die Wartezeit für den, der heute ein Model 3 bestellt, dürfte sich jedoch hinziehen. Die auf der Homepage kundgetane Lieferzeit von wenigen Wochen klingt aus rein praktisch-logistischen Gründen wenig realistisch. Um die Wartezeit zu verkürzen, müsste Elon Musk wohl noch mehr Gas geben in seinen Fabriken.

Technische Daten

Technische Daten*  Standard  Mid Range Long Range Dual Motor Performance 
Motor/Leistung 1 Elektromotor
192 kW (261 PS)

1 Elektromotor
192 kW (261 PS)

2 Elektromotoren
258 kW/351 PS
2 Elektromotoren
358 kW/487 PS
Batteriekapazität 50 kWh 60 bis 65 kWh 75 bis 80 kWh 75 bis 80 kWh
Antrieb Heck, 1-Gang-Getriebe Heck, 1-Gang-Getriebe Allrad, 1-Gang-Getriebe Allrad, 1-Gang-Getriebe
Fahrleistungen

5,6 s von 0 auf  100 km/h, Spitze 209 km/h

n.b. von 0 auf 100 km/h, Spitze 209 km/h  4,7 s von 0 auf 100 km/h, Spitze 233 km/h 3,4 s von 0 auf 100 km/h, Spitze 261 km/h 
Reichweite   350 km 420 km  560 km 530 km  
Maße  L 4,69 / B 1,85 / H 1,44 m L 4,69 / B 1,85 / H 1,44 m   L 4,69 / B 1,85 / H 1,44 m L 4,69 / B 1,85 / H 1,44 m
Radstand 2,88 m  2,88 m   2,88 m 2,88 m 
Leergewicht 1610 kg  1730 kg 1847 kg  1847 kg 
Kofferraum (vorn/hinten) 85/340 Liter 85/340 Liter   85/340 Liter 85/340 Liter 
Preis ab 39.745 € n. b.  ab 53.280 € ab 63.980 € 

* teilweise noch inoffiziell

Text: Thomas Geiger, Wolfgang Rudschies. Fotos: PR (9), ADAC/Wolfgang Rudschies (2).

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