Jaguar I-Pace: Auto- und Crashtest des Elektro-SUV

17.4.2019

Der Jaguar I-Pace ist ein 400 PS starker Elektro-SUV, der in 4,8 Sekunden auf 100 km/h spurtet. Er soll mit großer Reichweite, tollen Fahrleistungen und viel Sicherheit überzeugen. Im Auto- und Crashtest muss er zeigen, wie gut er tatsächlich ist

  • 90-kWh-Batterie ermöglicht 365 Kilometer Reichweite im ADAC Ecotest
  • Fahrspaß: Dynamik und Fahrleistungen wie bei einem Sportwagen
  • Hoher Preis: ab 78.240 Euro

 

"Wer kann von Reichweitenangst betroffen sein?" Diese Frage trieb dem Kandidaten bei Günther Jauch die Schweißperlen auf die Stirn. Er entschied sich falsch und musste bei "Wer wird Millionär?" gehen. Ein E-Autofahrer hätte die 1000-Euro-Antwort gewusst. Denn wer die oft recht magere Fahrdistanz auf der Autobahn oder im Winter rasend schnell dahinschmelzen sieht, kennt die Angst, mit leerem Akku stehenzubleiben. Als Gegenmittel hilft nur ein E-Auto mit dicker Batterie.

Zwar gibt es schon einige mit annehmbarer Reichweite (Renault Zoe, Nissan Leaf, Hyundai Kona Elektro, Opel Ampera-e), aber im Alltag knacken bislang nur Tesla Model S, Tesla Model 3 und das  Model X die 400-Kilometer-Marke. Nun soll das auch der Jaguar I-Pace schaffen. Der Hersteller verspricht bis zu 480 Kilometer mit einer Akkuladung. Ist es also vorbei mit der Reichweitenangst?

Reichweite im ADAC Ecotest: 365 Kilometer

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Jaguar iPace fahrend, von der Seite
Mix aus SUV und Limousine: Der 4,68 Meter lange I-Pace

Grundsätzlich ja. Denn mit seiner 90 kWh-Batterie, die komplett im Unterboden verbaut ist, kann der Brite aus dem Vollen schöpfen. Wer nicht die maximale Geschwindigkeit von 200 km/h ausreizt, sondern höchstens 140 km/h fährt, braucht die Reichweitenanzeige kaum im Auge zu behalten. Zum Vergleich: Ein Elektro-Golf hat knapp 36 kWh.

Doch auch beim Jaguar existiert die nach dem neuen WLTP-Zyklus gemessene Reichweite im Grunde nur auf dem Papier. Es mag sein, dass Sparkünstler mit einem Auto in Basisausstattung, kleinen Rädern (18 bis 22 Zoll sind beim I-Pace möglich) und bei günstigen Bedingungen (dauerhaft 50 km/h im fließenden Verkehr, 20 Grad Außentemperatur) auf 480 Kilometer kommen.

Doch unter normalen Umständen sind höchstens 400 Kilometer drin, wie unsere Testfahrten gezeigt haben. Nicht schlecht, aber eben nicht der werbewirksam versprochene Wert. Im Alltag kann’s einem aber egal sein, die Reserve ist groß genug, um zur nächsten (Schnell-)Ladestation zu gelangen.

Im standardisierten ADAC Ecotest, dem sich alle Fahrzeuge – ob Verbrenner oder Elektroauto – gleichermaßen unterziehen müssen, schafft der Brite 365 Kilometer. Für ein Elektroauto immer noch ein guter Wert, doch ein Reichweitenwunder ist der Jaguar nicht. Grund ist sein hoher Verbrauch, der noch höher ausfällt, wenn die Ladeverluste einkalkuliert werden: Im ADAC Test mussten bei komplett leerer 90-kWh-Batterie 100,8 kWh nachgeladen werden. Auf 100 Kilometer umgerechnet bedeutet das ein Stromverbrauch von 27,6 kWh.

Theoretisch kann der I-Pace mit 100 kW laden

Das Laden sollte recht flott klappen – theoretisch kann der I-Pace mit 100 kW aufgeladen werden, so dass eine Vollladung in knapp einer Stunde erledigt wäre. Zwar gibt es noch wenige Säulen, die so viel Power haben, doch bis 2020 will das Autohersteller-Joint-Venture Ionity 400 Stationen in Europa mit bis zu 350 kW Ladeleistung aufgestellt haben.

Mit dem Schukostecker an der gewöhnlichen Haushaltssteckdose kommt man jedenfalls nicht sonderlich weit: Hier bräuchte eine volle Ladung mehr als 40 Stunden. Enttäuschend ist leider auch, dass sich der I-Pace an einer gewöhnlichen Ladesäule mit 22 kW nur sieben kW ziehen kann.

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Dass es sich in dem neuen SUV so entspannt wie in kaum einem anderen Auto fährt, liegt nicht nur an der großen Akku-Reserve. Es herrscht eine wohltuende Stille – Balsam für die Seele gestresster Autofahrer. Seine beiden Elektromotoren arbeiten flüsterleise, der I-Pace setzt sich nahezu lautlos in Bewegung. Sie leisten jeweils 200 PS und sitzen an Vorder- und Hinterachse, so dass alle vier Räder angetrieben werden.

Mit insgesamt 400 PS ist der I-Pace so reichlich mit Kraft gesegnet, dass er bei jedem beherzten Druck auf das Gaspedal spontan nach vorne schießt und die Insassen eindrucksvoll in die opulenten Sessel presst. Bei einer Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in 4,8 Sekunden fährt der Brite auch reinrassigen Sportwagen um die Ohren – mit einer Lockerheit, die fasst schon irreal wirkt. Die Zeit, als ausschließlich ein dröhnender V8 für so ein Fahrerlebnis gesorgt hat, ist hiermit beendet.

Leichtfüßig trotz 2,2 Tonnen Leergewicht

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Jaguar iPace fahrend, von hinten
Der tiefe Schwerpunkt des I-Pace sorgt für eine gute Straßenlage

Knapp 700 Nm Drehmoment sind schon beim Anfahren abrufbar und lassen schnell vergessen, dass man in einem 2,2 Tonnen schweren Fahrzeug sitzt. Weil das Gewicht mit 50:50 auf Vorder- und Hinterachse gut verteilt ist und der Schwerpunkt durch die Batterie im Unterboden weit unten liegt, ist das Fahrverhalten des I-Pace beeindruckend.

Er schnürt wie auf Schienen mit aberwitzigem Tempo durch die Kurven, hat dabei kaum Seitenneigung (die Testwagen waren mit Luftfederung für 1580 Euro extra ausgestattet) und lässt noch nicht mal die Reifen quietschen. Die Fahrsicherheit ist enorm: Den ADAC Ausweichtest durchfährt der I-Pace stets gut beherrschbar. Solch eine Straßenlage kennt man sonst nur von Supersportwagen, die ihre Fahrdynamik aber immer mit einem brettharten Fahrwerk erkaufen. Nicht so beim I-Pace, der mit dem Federungskomfort der oberen Mittelklasse verwöhnt.

"Die zwei Elektromotoren sorgen für eine ideale Drehmomentverteilung", sagt Wolfgang Ziebart, der Vater des I-Pace. Wo also andere Autos durch ESP-Eingriffe das Auto einbremsen, schickt der I-Pace das Drehmoment genau zu dem Rad, wo es gebraucht wird. Der Wagen wird stabilisiert und kommt erst gar nicht in den Grenzbereich.

Noch einen Nebeneffekt haben die zwei Motoren: Geht man vom Gas oder bremst, kann der Jaguar wesentlich mehr Energie zurückgewinnen ("Rekuperation") als andere E-Autos. Selbst bei zackiger und wenig vorausschauender Fahrweise ist der Energieverlust also gering.

Ein Raumwunder mit nur 4,68 Meter Länge

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Jaguar iPace offroad fährt einen Hügel hinauf, seitliche Ansicht
Auch im Gelände fühlt sich der Jaguar nicht unwohl

Weil der I-Pace immer Allradantrieb hat und bei den Versionen mit Luftfederung auch die Bodenfreiheit erhöht werden kann, eignet er sich sogar fürs Gelände, kraxelt unbeeindruckt geröllhaltige Steigungen hoch, pariert (seichte) Wasserdurchfahrten und wühlt sich durch den Schlamm. Auch das ist für ein Elektroauto keine Selbstverständlichkeit.

Die meisten Käufer werden im Briten aber eher einen komfortablen Reisewagen sehen. Auf überschaubaren 4,68 Metern Länge (ein BMW X5 ist 21 Zentimeter länger) bietet er fünf Personen so viel Raum wie ein deutlich größeres Fahrzeug, Jaguar spricht sogar von Platzverhältnissen wie in einem XJ.

Die ADAC Messwerte sehen etwas differenzierter aus: Vorn reicht das Platzangebot für etwas über 1,90 m große Personen, wobei nur die Beinfreiheit limitierend ist, die Kopffreiheit würde auch für knapp 2,15 m große passen. Und im Fond? Sind die Vordersitze für 1,85 m große Menschen eingestellt, hätten auf den Rücksitzen auch Zwei-Meter-Riesen Platz – doch wegen der eingeschränkten Kopffreiheit hinten fühlen sich dort nur 1,90 m große Personen wohl.

Der Kofferraum schluckt laut Jaguar 656–1453 Liter. Doch nach ADAC Messung passen bis unter die Kofferraumabdeckung nur magere 370, dachhoch immerhin 490 und umgeklappt bis zu 1330 Liter. Unter der Fronthaube befindet sich zusätzlich ein kleines Gepäckfach mit 27 Litern, doch für mehr als das Ladekabel eignet sich der kleine Schacht nicht.

Die Bedienung ist gewöhnungsbedürftig

Auf dem Fahrersitz findet sich schnell eine passende Sitzposition, die Automatik wird über Knöpfe statt über einen Hebel gesteuert und gleich drei Bildschirme informieren den Fahrer. Während das Display hinter dem Lenkrad noch recht übersichtlich wirkt, verwirrt der Touchscreen auf der Mittelkonsole mit unstrukturierten Menüs, die sich optisch nur schwer voneinander unterscheiden.

Und warum es für das Einstellen von Klimaanlage und Radio noch einen Bildschirm etwas oberhalb der Kniehöhe braucht, erschließt sich nicht. Das Ganze sieht zwar modern aus, ist aber nicht frei von Spiegelungen, so dass manche Piktogramme schlecht zu erkennen sind. Zudem fällt die Sicht nach hinten durch das kleine Heckfenster eher dürftig aus.

Der I-Pace macht äußerlich zwar auf SUV, aber eigentlich baut er kaum höher als eine gewöhnliche Limousine. Dennoch sind die paar Zentimeter mehr von Vorteil für das Ein- und Aussteigen. Die Türausschnitte sind groß genug und die Sitzflächen vorn liegen knapp 50 Zentimeter über der Straße in angemessener Höhe. Nur auf das spitz zulaufende Armaturenbrett sollte man achten, um sich nicht die Knie zu stoßen.

78.240 Euro Grundpreis

Viel mehr zu kritisieren gibt es nicht – vom Grundpreis von 78.240 Euro einmal abgesehen. Allerdings war ein Jaguar noch nie günstig. Dieser spielt mit seiner beeindruckenden Leistung immerhin in der Oberliga mit und ist schon in der Basis mit Keyless, LED-Licht, Allrad, Assistenzsystemen und Navi ordentlich, aber immer noch ausbaufähig ausgerüstet. Mehr Luxus wie elektrisch verstellbare Ledersitze oder Assistenzsysteme wie Totwinkel- oder Spurhalteassistent bieten erst die besseren Ausstattungslinien SE (ab 86.190 €) und HSE (ab 92.180 €).

Gespannt sein darf man auch auf die deutschen Konkurrenten Audi e-tron, VW I.D. Neo, Mercedes EQC und BMW iX3/iNext, die bereits verfügbar sind oder in naher Zukunft in den Handel kommen. Dann werden die Karten neu gemischt. Momentan ist die Auswahl an Elektroautos immer noch überschaubar.

Laden Sie hier das Test-PDFherunter: Jaguar I-Pace EV400 S AWD.

Technische Daten
Jaguar I-Pace EV400 S AWD
Antrieb  Zwei Permanentmagnet-Elektromotoren, 294 kW/400 PS, 696 Nm Drehmoment ab 1 U/min, Allradantrieb, 90 kWh Batteriekapazität
Fahrleistungen  4,8 s auf 100 km/h, 200 km/h Spitze
Verbrauch (nach WLTP)
21,2 kWh/100 km, 0 g CO2/km
Reichweite (nach WLTP)  480 km 
Maße
L 4,68 / B 1,90 / H 1,57 m
Kofferraum
656 – 1453 l hinten, 27 l vorn 
Leergewicht
2208 kg 
Preis
ab 78.240 Euro
ADAC Messwerte (Auszug)

Überholvorgang 60-100 km/h
2,2 s 
Bremsweg aus 100 km/h
37,1 m
Wendekreis 12,7 m
Verbrauch / CO2-Ausstoß ADAC EcoTest
27,6 kWh/100 km , 160 g CO2/km (well-to-wheel)
Reichweite
365 km
Innengeräusch bei 130 km/h 65,8 dB(A)
Leergewicht / Zuladung
2225 / 445 kg
Kofferraumvolumen normal / geklappt / dachhoch 370 / 805 / 1330 l

 

ADAC Testergebnis
Gesamtnote: 2,0
Karosserie/Kofferraum 2,7 
Innenraum 2,2
Komfort 2,0
Motor/Antrieb 0,9
Fahreigenschaften 
2,5
Sicherheit
1,9
Umwelt/EcoTest
2,0

 

  • Das hat uns gefallen: Gute abgestimmter Antrieb. Tolle Fahrleistungen. Hohe Fahrdynamik. Laden bis 100 kW möglich. Relativ hohe Reichweite.
  • Das hat uns nicht gefallen: Sehr hoher Preis. Hoher Verbrauch. Ohne optionalen elektrischen Antrieb schwere Heckklappe. Magere Serienausstattung bei Basisversion.

Jaguar I-Pace im Crashtest: Volle Punktzahl

Der Jaguar I-Pace erreicht volle 5 Sterne. Das Fahrzeug ist mit Gurtkraftbegrenzern, Gurtstraffer, Kopfairbags sowie optischen und akustischen Gurtwarnern in der ersten und zweiten Sitzreihe ausgestattet. Für die vorderen Plätze sind zusätzlich Seitenairbags verbaut.

Der Insassenschutz ist gut, das Verletzungsrisiko ist für Erwachsene und Kinder überwiegend mittel bis sehr gering. Für den 10-Jährigen auf dem Sitzerhöher besteht jedoch ein hohes Verletzungsrisiko für die Halswirbelsäule im Frontalcrash. Es sind ISOFIX-Halter an den äußeren hinteren Sitzplätzen montiert mit i-Size-Kennzeichnung, für den Beifahrersitz sind sie nicht erhältlich. Der Frontairbag auf der Beifahrerseite ist deaktivierbar.

Der I-Pace ist mit einem umfassenden Assistenzpaket mit automatischem Notbremsassistenten und aktivem Spurhaltesystem serienmäßig ausgestattet.

Text: Jochen Wieler. Fotos: Land Rover Jaguar.

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