Jaguar I-Pace: Erste Testfahrt im Tesla-Jäger

20.6.2018

400 PS, 4,8 Sekunden auf 100 km/h, 480 km Reichweite, Allradantrieb: Der Jaguar I-Pace hat das Zeug zum Tesla-Jäger. Noch vor Audi e-tron, Mercedes EQ und BMW iX3 kommt das Elektroauto im August 2018 auf den Markt. Erster Fahrbericht

"Wer kann von Reichweitenangst betroffen sein?" Diese Frage trieb dem Kandidaten bei Günther Jauch die Schweißperlen auf die Stirn. Er entschied sich falsch und musste bei "Wer wird Millionär?" gehen. Ein E-Autofahrer hätte die 1000-Euro-Antwort gewusst. Denn wer die oft recht magere Fahrdistanz auf der Autobahn oder im Winter rasend schnell dahinschmelzen sieht, kennt die Angst, mit leerem Akku stehenzubleiben. Als Gegenmittel hilft nur ein E-Auto mit dicker Batterie.

Zwar gibt es schon einige mit annehmbarer Reichweite (Renault Zoe, Nissan Leaf), aber im Alltag knacken bislang nur Tesla Model S und X die 400 Kilometer-Marke. Nun soll das auch der Jaguar I-Pace schaffen, der ab sofort bestellbar ist und Anfang August offiziell in den Handel kommt. Der Hersteller verspricht bis zu 480 Kilometer mit einer Akkuladung. Ist es also vorbei mit der Reichweitenangst?

400 km Reichweite sind realistisch

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Jaguar iPace fahrend, von der Seite
Mix aus SUV und Limousine: Der 4,68 Meter lange I-Pace

Grundsätzlich ja. Denn mit seiner 90 kWh-Batterie, die komplett im Unterboden verbaut ist, kann der Brite aus dem Vollen schöpfen. Wer nicht die maximale Geschwindigkeit von 200 km/h ausreizt, sondern höchstens 140 km/h fährt, braucht die Reichweitenanzeige kaum im Auge zu behalten. Zum Vergleich: Ein Elektro-Golf hat knapp 36 kWh.

Doch auch beim Jaguar existiert die nach dem neuen WLTP-Zyklus gemessene Reichweite im Grunde nur auf dem Papier. Es mag sein, dass Sparkünstler mit einem Auto in Basisausstattung, kleinen Rädern (18 bis 22 Zoll sind beim I-Pace möglich) und bei günstigen Bedingungen (dauerhaft 50 km/h im fließenden Verkehr, 20 Grad Außentemperatur) auf 480 Kilometer kommen. Doch unter normalen Umständen sind höchstens 400 Kilometer drin, wie unsere ersten Testfahrten gezeigt haben. Nicht schlecht, aber eben nicht der werbewirksam versprochene Wert.

Im Alltag kann’s einem aber egal sein, die Reserve ist groß genug, um zur nächsten (Schnell-)Ladestation zu gelangen. Dort sollte es dann recht flott klappen – theoretisch kann der I-Pace mit 100 kW aufgeladen werden. Gut, dass Jaguar nicht an der Ladetechnik gespart hat. Zwar gibt es noch wenige Säulen, die so viel Power haben, doch bis 2020 will das Autohersteller-Joint-Venture Ionity 400 Stationen in Europa mit bis zu 350 kW Ladeleistung aufgestellt haben. Mit den heutigen Säulen (bis 50 kW) soll der I-Pace laut Jaguar in 40 Minuten bei 80 Prozent landen.

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Dass es sich in dem neuen SUV so entspannt wie in kaum einem anderen Auto fährt, liegt nicht nur an der großen Akku-Reserve. Es herrscht eine wohltuende Stille – Balsam für die Seele gestresster Autofahrer. Seine beiden Elektromotoren arbeiten flüsterleise, der I-Pace setzt sich nahezu lautlos in Bewegung. Sie leisten jeweils 200 PS und sitzen an Vorder- und Hinterachse, so dass alle vier Räder angetrieben werden.

Mit insgesamt 400 PS ist der I-Pace so reichlich mit Kraft gesegnet, dass er bei jedem beherzten Druck auf das Gaspedal spontan nach vorne schießt und die Insassen eindrucksvoll in die opulenten Sessel presst. Bei einer Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in 4,8 Sekunden fährt der Brite auch reinrassigen Sportwagen um die Ohren – mit einer Lockerheit, die fasst schon irreal wirkt. Die Zeit, als ausschließlich ein dröhnender V8 für so ein Fahrerlebnis gesorgt hat, ist hiermit beendet.

2,2 Tonnen Leergewicht

Knapp 700 Nm Drehmoment sind schon beim Anfahren abrufbar und lassen schnell vergessen, dass man in einem 2,2 Tonnen schweren Fahrzeug sitzt. Weil das Gewicht mit 50:50 auf Vorder- und Hinterachse gut verteilt ist und der Schwerpunkt durch die Batterie im Unterboden weit unten liegt, ist das Fahrverhalten des I-Pace beeindruckend.

Er schnürt wie auf Schienen mit aberwitzigem Tempo durch die Kurven, hat dabei kaum Seitenneigung (die Testwagen waren mit Luftfederung für 1580 Euro extra ausgestattet) und lässt noch nicht mal die Reifen quietschen. Die Fahrsicherheit ist enorm. Solch eine Straßenlage kennt man sonst nur von Supersportwagen, die ihre Fahrdynamik aber immer mit einem brettharten Fahrwerk erkaufen. Nicht so beim I-Pace, der mit dem Federungskomfort der oberen Mittelklasse verwöhnt.

"Die zwei Elektromotoren sorgen für eine ideale Drehmomentverteilung", sagt Wolfgang Ziebart, der Vater des I-Pace. Wo also andere Autos durch ESP-Eingriffe das Auto einbremsen, schickt der I-Pace das Drehmoment genau zu dem Rad, wo es gebraucht wird. Der Wagen wird stabilisiert und kommt erst gar nicht in den Grenzbereich.

Noch einen Nebeneffekt haben die zwei Motoren: Geht man vom Gas oder bremst, kann der Jaguar wesentlich mehr Energie zurückgewinnen ("Rekuperation") als andere E-Autos. Selbst bei zackiger und wenig vorausschauender Fahrweise ist der Energieverlust also gering.

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Die Konkurrenten im Vergleich

Ein Raumwunder mit nur 4,68 Meter Länge

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Jaguar iPace offroad fährt einen Hügel hinauf, seitliche Ansicht
Auch im Gelände fühlt sich der Jaguar nicht unwohl

Weil der I-Pace immer Allradantrieb hat und bei den Versionen mit Luftfederung auch die Bodenfreiheit erhöht werden kann, eignet er sich sogar fürs Gelände, kraxelt unbeeindruckt geröllhaltige Steigungen hoch, pariert (seichte) Wasserdurchfahrten und wühlt sich durch den Schlamm. Auch das ist für ein Elektroauto keine Selbstverständlichkeit.

Die meisten Käufer werden im Briten aber eher einen komfortablen Reisewagen sehen. Auf überschaubaren 4,68 Metern Länge (ein BMW X5 ist 21 Zentimeter länger) bietet er fünf Personen so viel Raum wie ein deutlich größeres Fahrzeug, Jaguar spricht sogar von Platzverhältnissen wie in einem XJ.

In den Kofferraum passen stolze 656 Liter, bei umgeklappter Bank sogar 1453 Liter – praktisch ist der SUV also auch. Unter der Fronthaube befindet sich zusätzlich ein kleines Gepäckfach mit 27 Litern, doch für mehr als das Ladekabel eignet sich der kleine Schacht nicht.

Auf dem Fahrersitz findet sich schnell eine passende Sitzposition, die Automatik wird über Knöpfe statt über einen Hebel gesteuert und gleich drei Bildschirme informieren den Fahrer. Während das Display hinter dem Lenkrad noch recht übersichtlich wirkt, verwirrt der Touchscreen auf der Mittelkonsole mit unstrukturierten Menüs, die sich optisch nur schwer voneinander unterscheiden.

Und warum es für das Einstellen von Klimaanlage und Radio noch einen Bildschirm etwas oberhalb der Kniehöhe braucht, erschließt sich nicht. Das Ganze sieht zwar modern aus, ist aber nicht frei von Spiegelungen, so dass manche Piktogramme schlecht zu erkennen sind. Zudem fällt die Sicht nach hinten durch das kleine Heckfenster eher dürftig aus.

77.850 Euro Grundpreis, gute Ausstattung

Viel mehr zu kritisieren gibt es nicht – vom Grundpreis von 77.850 Euro einmal abgesehen, der sich über weitere Ausstattungsstufen (es gibt S, SE, HSE, First Edition) auf bis zu 101.850 Euro schwingt. Allerdings war ein Jaguar noch nie günstig. Dieser spielt mit seiner beeindruckenden Leistung immerhin in der Oberliga mit, ist schon in der Basis mit Keyless, LED-Licht, Allrad, Assistenzsystemen und Navi ordentlich ausgestattet und wird bereits gut nachgefragt: Bis Januar/Februar 2019 hat der I-Pace Lieferzeit.

Gespannt sein darf man aber auch auf die deutschen Konkurrenten Audi e-tron, VW I.D., Mercedes EQ und BMW iX3/iNext, die in den nächsten zwei bis drei Jahren auf den Markt kommen. Dann werden die Karten neu gemischt.

 

Technische Daten
Jaguar I-Pace EV400 S
Antrieb  Zwei Permanentmagnet-Elektromotoren, 294 kW/400 PS, 696 Nm Drehmoment ab 1 U/min, Allradantrieb, 90 kWh Batteriekapazität
Fahrleistungen  4,8 s auf 100 km/h, 200 km/h Spitze
Verbrauch (nach WLTP)
21,2 kWh/100 km, 0 g CO2/km
Reichweite (nach WLTP)  480 km 
Maße
L 4,68 / B 1,90 / H 1,57 m
Kofferraum
656 – 1453 l hinten, 27 l vorn 
Leergewicht
2208 kg 
Preis
ab 77.850 Euro

 

  • Das hat uns gefallen: Viel Platz, Tolle Fahrleistungen. Sehr sportliches und sicheres Fahrverhalten. Akzeptable Reichweite. Gute Ausstattung. Schnelllademöglichkeit Serie.
  • Das hat uns nicht gefallen: Hoher Preis. Unübersichtliche Bildschirm-Menüs. Hohes Leergewicht. Schlechte Sicht nach hinten.

 

Text: Jochen Wieler. Fotos: PR.

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