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Der ADAC

Tachomanipulation: Vorsicht beim Gebrauchtwagenkauf

Mit einem Gerät wird der Tachostand des Autos manipuliert
Kinderleicht: Mit einfach zu bedienenden Geräten manipulieren Betrüger Tachometer ∙ © ADAC/Ralph Wagner

Bei jedem dritten Gebrauchtwagen ist der Tacho manipuliert. Erfolge der Polizei im Kampf gegen Betrüger und Tipps des ADAC, wann Sie misstrauisch werden sollten.

  • Die meisten Opfer sind private Gebrauchtwagenkäufer

  • Gesamtschaden jährlich in Deutschland: rund 6 Milliarden Euro

  • ADAC fordert zeitgemäßen Schutz vor Manipulation

Das Drehen am Tachometer ist kinderleicht, geht schnell und wird ab 50 Euro angeboten. Die Polizei geht davon aus, dass an jedem dritten in Deutschland verkauften Gebrauchtwagen der Tacho manipuliert wird. So steigern die Betrüger den Wert im Durchschnitt um 3000 Euro pro Auto, täuschen Gebrauchtwagenkäufer oder die Leasingfirma. Geschätzter Gesamtschaden in Deutschland: jährlich rund sechs Milliarden Euro.

So arbeiten die Tacho-Betrüger

Die Tacho-Trickser verwenden handliche, leicht bedienbare Manipulationsgeräte, die ab etwa 150 Euro legal erhältlich sind. Diese Geräte enthalten Software, mit der die allermeisten Autos binnen Sekunden auf einen beliebigen Kilometerstand manipuliert werden können. Nach Erscheinen neuer Fahrzeugmodelle gibt es rasch auch für diese eine Manipulationsmöglichkeit.

Bei der Mehrzahl der Autos kann der Kilometerstand ohne Ausbau des Tachos oder anderer Teile beliebig verstellt werden: durch Anschluss des Manipulationsgerätes an die gesetzlich vorgeschriebene Diagnose-Buchse.

Tachos werden nicht nur kurz vor dem Verkauf eines Gebrauchtwagens manipuliert. Kilometerstände zu frisieren ist, weil es so einfach geht, auch während der Nutzung des Autos üblich, damit die falschen Daten in der "Fahrzeug-Historie" der Hersteller-Werkstatt eingetragen werden und so weniger Laufleistung vortäuschen. So werden etwa Leasingfirmen bei der vereinbarten Laufleistung oder beim Restwert betrogen.

Viele Opfer sind private Gebrauchtwagenkäufer. "Die kann es neben dem überhöhten Kaufpreis noch ein zweites Mal treffen", sagt Markus Sippl, Leiter der ADAC Fahrzeugtechnik, "wenn sie etwa meinen, dass der Zahnriemenwechsel laut Tachostand noch Zeit hat."Sippl: "Wenn dann der Zahnriemen wegen nicht erkanntem Überschreiten des Wechsel-Intervalls reißt, kann dies schlimmstenfalls zu einem tausende Euro teuren Motorschaden führen.“

So entdecken Sie gefälschte Tachostände

Eine Manipulation des Kilometerstandes lässt sich selbst durch Fachleute nicht immer aufdecken. Daher sollten Gebrauchtwagen-Käufer prüfen, ob sich Unstimmigkeiten ergeben:

  • Überprüfen Sie Reparaturrechnungen, AU- und TÜV-Berichte, Tankbelege (bei Verwendung einer Tankkarte steht dort der Kilometerstand), Eintragungen im Inspektionsheft und Ölwechsel-Aufkleber bzw. Anhänger auf Plausibilität. So ist ein Ölwechsel spätestens nach 40.000 km fällig. Wenn also ein Auto angeblich erst 100.000 km auf der Uhr hat und der nächste Ölwechsel bei 180.000 km fällig ist, stimmt etwas nicht.

  • Nehmen Sie Kontakt mit dem Vorbesitzer auf, der in Zulassungsbescheinigung Teil II eingetragen ist. Fragen Sie diesen nach den im ersten Punkt genannten Unterlagen. Klären Sie, mit welchem Kilometerstand das Fahrzeug verkauft wurde. Weitere Vorbesitzer stehen teilweise auch im Service-Heft.

  • Verlassen Sie sich nicht auf Verkäuferangaben wie "Kilometerstand laut Tacho" oder "Kilometerstand abgelesen". Sie sind weitgehend unverbindlich. Bestehen Sie auf der schriftlichen Angabe der "tatsächlichen Laufleistung" in einem ADAC Kaufvertrag.

  • Lassen Sie einen Gebrauchtwagen-Check durchführen: In einem ADAC Prüfzentrum oder einem ADAC Sachverständigen.

  • Achten Sie bei einem Gebrauchtwagen nicht nur auf den Kilometerstand, sondern auch auf den Pflegezustand und die Betriebsbedingungen bei den Vorbesitzern. Ein Fahrzeug mit wenigen Kilometern, die auf Verschleiß fördernden Kurzstrecken-Fahrten absolviert wurden, kann mehr strapaziert sein als ein Fahrzeug mit vielen Kilometern, die vor allem schonend auf Langstrecken gefahren wurden.

  • Lassen Sie in der Werkstatt Fehler- und Wartungsintervall-Speicher auslesen. Vergleichen Sie die bei Fehlereinträgen teilweise mitprotokollierten Kilometerstände mit dem im Tacho angezeigten.

  • Lassen Sie im Verdachtsfall das Produktionsdatum von Tacho und Steuergeräten in der Werkstatt ermitteln: Es könnte sein, dass diese bei der Manipulation beschädigt und danach ersetzt worden sind. Ein Tacho oder ein Steuergerät mit Herstellungsjahr 2015 (meist ins Gehäuse eingeprägt oder per Aufkleber hinterlegt) passt nicht zu einem 2013 hergestellten Fahrzeug. Es sei denn, der Vorbesitzer kann einen Tausch wegen Defekt belegen.

Erfolg für den ADAC Verbraucherschutz

Neue Fahrzeugmodelle müssen ab 1. September 2017 systematisch gegen Manipulation des Kilometerstandes geschützt werden; seit 2018 gilt das für alle Neuwagen. Das schreibt eine neue "Verwaltungsvorschrift für die EG-Typgenehmigung" vor – ein Erfolg für die ADAC Verbraucherschützer, die das seit vielen Jahren gefordert hatten.

Doch dies ist nur ein Zwischenschritt. Der ADAC appelliert an den Gesetzgeber, der neuen Regelung rasch konkrete Ausführungsbestimmungen folgen zu lassen:

  • detaillierte Vorgaben, wie gut der Kilometerstand gegen Manipulation geschützt sein muss

  • international anerkannte und bewährte Prozesse wie z.B. Common Criteria/ISO 15408* nutzen

  • die Autohersteller dürfen sich nicht selbst zertifizieren, sondern müssen ihre Schutzmaßnahmen von neutraler Seite überprüfen lassen: z.B. durch das Bundesamt für Informationssicherheit in der Informationstechnik*

  • der Verbraucher muss erkennen können, ob ein Auto zeitgemäß gegen Tacho-Betrug geschützt ist

Datenbanken sind keine Lösung

Die EU hat sich beim Kampf gegen Tacho-Betrug klar gegen Kilometerstands-Datenbanken ausgesprochen. Auch die ADAC Experten halten Datenbanken für keine gute Lösung:

  • Unsicher: Kilometerstände können vor dem Eintrag technisch nicht auf Richtigkeit geprüft werden. Somit bleibt verborgen, wenn das Fahrzeug bereits vorher manipuliert wurde.

  • Lückenhaft: Viele Datenbanken beginnen mit der ersten Hauptuntersuchung (Fahrzeugalter: drei Jahre). Zu diesem Zeitpunkt sind insbesondere Leasing-Fahrzeuge oft schon manipuliert.

  • Teuer: Jeder Abruf eines Kilometerstandes kostet Geld (etwa 10 bis 20 Euro). Außerdem müssen Werkstätten und andere meldende Stellen erst einmal Gebühren bezahlen, bevor sie Einträge vornehmen dürfen. Letztlich werden diese Kosten auf den Verbraucher umgelegt. Demgegenüber wäre die zeitgemäße technische Sicherung des Kilometerstandes im Auto deutlich billiger (etwa ein Euro pro Fahrzeug).

  • Kriminalitätsfördernd: Eine Verbreitung von Kilometerstands-Datenbanken würde wahrscheinlich dazu führen, dass Kilometerstände noch systematischer manipuliert werden.

Warum gibt es kein Verbot der Geräte?

Herstellung und Verkauf der Manipulations-Geräte sind aufgrund eines Urteils des Bundes-Verfassungsgerichtes erlaubt. Ein Verbot der Geräte in Deutschland würde nichts bringen, da die Anbieter vielfach im Ausland sitzen. Eine Tacho-Manipulation an sich ist auf Initiative des ADAC seit 17. August 2005 gesetzlich verboten und wird mit bis zu einem Jahr Gefängnis geahndet. Das Straßenverkehrsgesetz wurde hierzu durch § 22 b ergänzt.*

Auch direkte Werbung für Tacho-Manipulation in Zeitungen und im Internet ist verboten, da das Gesetz bereits das Angebot einer rechtswidrigen Dienstleistung untersagt. Dieses Verbot wird jedoch vielfach unterlaufen, so dass solche Anzeigen und Internetseiten in der Praxis weiterhin stark verbreitet sind (meist unter den Stichworten "Tacho-Justierung" oder "Tacho-Anpassung").

Tachomanipulation: Das fordert der ADAC

Mit den abgebildeten HSM-Chips (Hardware-Secure-Modul) könnte Tacho-Betrug gestoppt werden.
Mit dem Einbau von HSM- Chips würde sich Tacho-Betrug nicht mehr lohnen ∙ © ADAC/Ralph Wagner

"Die Hersteller müssen endlich für einen zeitgemäßen technischen Schutz der Gesamtwegstrecke sorgen", sagt Markus Sippl, Leiter der ADAC Fahrzeugtechnik. Denn der Aufwand für eine Manipulation müsse so hoch sein, dass sie sich in Relation zur Preissteigerung des Gebrauchtwagens nicht mehr lohne. Sippl: "Dies soll durch die EU-Typgenehmigung für jedes neue Fahrzeugmodell vorgeschrieben werden, beispielsweise durch Computerchips mit HSM (Hardware Secure Module), deren Speicherinhalt sich nicht mehr mit vertretbarem Aufwand fälschen lässt." Solche Chips werden laut Sippl heute schon in vielen Fahrzeugen verbaut, das HSM jedoch entweder gar nicht oder nicht gegen Tacho-Betrug verwendet.

Außerdem fordert der ADAC einen neutralen Nachweis für die Wirksamkeit dieses Schutzes. Zum Beispiel durch eine Common-Criteria-Zertifizierung beim Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). "Dass ein hinreichender elektronischer Schutz möglich ist, zeigt die Zahl der Fahrzeug-Diebstähle", betont Sippl. Durch zeitgemäße Elektronik (Wegfahrsperre) sei sie über viele Jahre von ehemals über 100.000 pro Jahr auf heute rund 20.000 in Deutschland gesunken.

Schon 2012 hat der ADAC die "Initiative gegen Tacho-Betrug"gegründet. "Seither informieren wir Verbraucher und laden Auto-Hersteller, Kfz-Gewerbe und Experten zu Fachgesprächen ein“, sagt Sippl, "und wir sensibilisieren den Gesetzgeber auf nationaler und auf EU-Ebene für dieses Thema. Wir werden auch künftig alles tun, um Gebrauchtwagenkäufer vor Tacho-Betrügern zu schützen.“

Kampf der Polizei gegen Tachomanipulation

Großrazzia der Polizei bei einem Gebrauchtwagenmarkt in München
Der größte Schlag gegen Tacho-Betrüger gelang der Polizei 2011, zuletzt gelangen der Kripo Augsburg Erfolge ∙ © ADAC/Benno Grieshaber

Der bislang größte Schlag gegen die bandenmäßig organisierte Tacho-Mafia gelang der Kriminalpolizei im März 2011: In München durchsuchen mehr als 500 Polizeibeamte Wohnungen, Werkstätten, große Gebrauchtwagen-Märkte. Auch in Köln und Dortmund greifen Fahnder und Staatsanwälte zu. Ebenso in Österreich, der Schweiz, Bulgarien und Italien. Im Frühjahr 2012 wird ein 41-jähriger Ingenieur, "das elektronische Hirn der Tachodreher" nach fast einem Jahr Untersuchungshaft und einem Geständnis zu einer Freiheitsstrafe von zweieinhalb Jahren verurteilt.

Der jüngste Erfolg gegen Tacho-Betrüger gelang der Kriminalpolizei Augsburg. Ein Hinweis aus einer anderen Ermittlung führte die Fahnder zum Chef einer Chip-Tuning-Firma. Für 150 bis 250 Euro manipulierten er und zwei "Außendienst-Mitarbeiter" bundesweit Tachometer von Privatleuten oder Kleinunternehmern. So erinnert sich einer der ermittelnden Beamten, der namentlich nicht genannt werden möchte, an einen Taxi-Unternehmer, der "in großem Stil drehen ließ": 100.000 Kilometer oder mehr pro Fahrzeug.

Insgesamt deckten die Beamten in rund 160 Fällen Manipulationen auf, in vielen Fällen waren die Auftraggeber geständig. Mehr als 50 Autos wurden bundesweit beschlagnahmt, in eine Verwahrstelle gebracht und dort auf der Suche nach Beweisen wie Speichern oder Dateien "komplett zerpflückt".

Die Kosten fürs Abschleppen in die Verwahrstelle, fürs Zerlegen der Autos, Gutachter und Strafbefehl – insgesamt mehrere tausend Euro – zahlten am Ende die verurteilten Auftraggeber. "Uns ist es wichtig, öffentlich zu machen, dass wir Tacho-Betrug nachweisen können", sagt der Kripo-Beamte, "und dass es für die, die manipulieren lassen, sehr teuer werden kann.“"

Auch für die Tacho-Trickser wurde es teuer: Ihr gesamtes Equipment und auch die zur Manipulation benutzten Computer im Wert von Tausenden von Euro wurden ihnen abgenommen und eingezogen.

Der Kopf der Augsburger Tacho-Trickser wurde im September 2018 festgenommen, saß für drei Monate in Untersuchungshaft. Ende 2019 wurde er vom Amtsgericht Augsburg schließlich zu einer Freiheitsstrafe von 22 Monaten (auf Bewährung) verurteilt. Als Bewährungsauflage wurde eine Zahlung von 2500 Euro an eine gemeinnützige Einrichtung angeordnet. Zudem wurde die Einziehung von Taterträgen in Höhe von knapp 10.000 Euro ausgesprochen.

Die Augsburger Staatsanwaltschaft ist sicher, dass es sich bei den aufgedeckten Fällen nur um die Spitze des Eisbergs handelt. "Auf Grund der Erkenntnisse, die in diesem Verfahren gewonnen wurden, gehen wir davon aus", sagt Oberstaatsanwalt Matthias Nickolai, "dass es bundesweit bei Tacho-Manipulation eine nicht unerhebliche Dunkelziffer gibt."

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