Green NCAP 2022: Zehn Modelle im verschärften Ökocheck

Green-NCAP-Messung: Der Honda HR-V auf dem ADAC Prüfstand
Green-NCAP-Messung: Der Honda HR-V auf dem ADAC Prüfstand© Green Euro NCAP

In Sachen Umwelt haben es Autokäufer jetzt etwas leichter: Green NCAP bewertet die Umweltfreundlichkeit von Autos. Jetzt wurden die Mess- und Bewertungskriterien noch verschärft: Die ersten zehn Modelle im Test.

  • Fünf Sterne für den elektrischen Audi Q4 e-tron

  • Benziner und Diesel schneiden schwach ab

  • Mit Zusatzauswertung: Lebenszyklusanalyse (LCA)

  • Plus: Liste mit 61 Modellen aus 2020/21

Die Initiative Green NCAP (New Car Assessment Programme) bewertet seit 2019 die Umweltfreundlichkeit von Pkw nach einheitlichen und zukunftsorientierten Standards – nach dem Vorbild des ADAC Ecotest. Schwerpunkte für die Green-NCAP-Sternewertung sind die Schadstoffemissionen, der Kraftstoff- bzw. Energieverbrauch und die klimaschädlichen Treibhausgase.

Was ist Green NCAP?

Green NCAP ist eine Initiative von Euro NCAP © Green NCAP

Green NCAP ist eine Initiative von Euro NCAP, die seit Jahren die Sicherheitsstandards von Autos testet und bewertet. Der ADAC ist Mitglied im internationalen Testkonsortium und überprüft auf seinen Anlagen seit zwei Jahrzehnten die Sicherheit von Pkw. Vergleichbares soll nun bei der Umweltfreundlichkeit von Autos geschaffen werden. Der ADAC bringt sich mit seinen langjährigen Erfahrungen aus dem ADAC Ecotest intensiv in der Green-NCAP-Arbeitsgruppe ein. Ausführliche Informationen zum Projekt und den Test- und Bewertungsverfahren finden Sie auch auf der Green-NCAP-Homepage.*

Die bei Green NCAP durchgeführten Testprozeduren teilen sich auf in einen Teil mit Abgasmessungen im Labor und einen Teil mit Abgasmessungen auf der Straße (RDE, Real Driving Emissions). Bei den Labortests werden neben den Standard-Abgaskomponenten Kohlenmonoxid (CO), Kohlenwasserstoffe (HC), Stickoxide (NOₓ), Partikelanzahl (PN10) und Partikelmasse (PM) auch nicht-limitierte Schadstoffe wie Ammoniak (NH₃) und Lachgas (N₂O) gemessen und bewertet.

Neues Test- und Bewertungsverfahren

Das PEMS-Messgerät für die RDE-Straßenfahrten im Link & Co 01 © Green Euro NCAP

2022 wurden für die Labortests verschärfte Prozeduren entwickelt, basierend auf dem aktuellen Abgasmessverfahren WLTP (Worldwide harmonized Light-Duty Test Procedure) und dessen neuen Prüfzyklus WLTC (Worldwide harmonized Light Duty Test Cycle), im Falle von Green NCAP WLTC+ genannt, weil er u.a. mit dem vom ADAC Ecotest übernommenen Autobahnzyklus BAB130 über die gesetzlichen Anforderungen hinausgeht.
Neu ist ab 2022 ein zweistufiger Ansatz für die Tests. Drei Mal müssen alle Testautos auf den Prüfstand und einmal auf die Straße. Nur wer in diesen Basis-Tests in jeder der drei Kategorien mindestens 3,5 von 10 Punkten und zudem im Durchschnitt mindestens 5 Punkte holt, der muss sich auch noch vier weiteren Tests stellen, um die Robustheit seiner guten Leistung unter Beweis zu stellen.

Dann trennt ein WLTC-Zyklus bei -7 °C die Spreu vom Weizen: Nur Fahrzeuge mit einer äußerst robusten Abgasnachbehandlung haben eine Chance, diesen Test zu bestehen. Zudem geht es noch drei weitere Male auf die Straße. Eine hohe Zuladung und sportliche Fahrweise, sowie Tests mit möglichst sparsamer Fahrweise oder auch eine Stausimulation runden die zweite Teststufe 2022 ab.

Und ganz wichtig: Ab diesem Jahr zählen auch die Treibhausgasemissionen, die für die Bereitstellung der Energie (also Kraftstoff, Gas, Wasserstoff oder elektrischer Strom) anfallen (Well-to-Wheel-Basis WTW).

Schon seit Anfang 2022 neu sind die zusätzlichen Ergebnisse der Lebenszyklusanalyse (Life Cycle Assessment, LCA), in denen die tatsächlichen Umweltauswirkungen der Autos über ihre gesamte Lebensdauer ermittelt werden. Diese Beurteilungen fließen zwar (noch) nicht in die Sternewertung ein, sind aber für die Fahrzeuge bei Green NCAP* einzeln abrufbar.

Ökocheck 2022: Zehn Modelle im neuen Test

Nach dem neuen Green-NCAP-Verfahren 2022 wurden bisher zehn Modelle getestet, darunter acht Benziner-Modelle (eines davon mit Mild-Hybridantrieb, eines mit Voll-Hybridantrieb und eines als Plug-in-Hybrid), ein Dieselmodell und ein Elektrofahrzeug. Weitere Modelle (und vor allem noch mehr E-Fahrzeuge) werden im fortlaufenden Test geprüft und in mehreren Paketen im Lauf des Jahres veröffentlicht.

Das Ergebnis ist wie beim Euro-NCAP-Crashtest eine einfach nachvollziehbare Bewertung mit bis zu fünf Sternen (Bestwertung) für jedes Auto. Zusätzlich zur Sternebewertung werden Fahrzeuge nach den Schadstoffen (Clean Air Index), dem Kraftstoff-/Energieverbrauch (Energy Efficiency Index) sowie den Treibhausgasen (Greenhouse Gases) bewertet. Alle Detailergebnisse sind auch über die Homepage des Green NCAP* abrufbar.

Elektro-Audi vorn, Benzin-Genesis Schlusslicht

Fünf Sterne im Test: Audi Q4 e-tron © Green Euro NCAP

Als einziges Fahrzeug im Testfeld 2022 konnte sich der Audi Q4 e-tron bisher die vollen fünf Sterne sichern. Negativ fällt der Audi Q4 e-tron lediglich mit hohen Verbräuchen um die 30 kWh/100 km im Autobahntest sowie bei kalten -7 °C auf.
Die reinen Benzinfahrzeuge sammeln sich im Mittelfeld. Nur der Genesis GV70 als schwerer SUV mit starkem Motor rutscht in der Bewertung ab und erreicht nur einen Stern. Besonders der hohe CO₂-Ausstoß belastet die Bewertung dabei sehr, in der Kategorie für Treibhausgase holt der Luxusableger aus dem Haus Hyundai/Kia daher keine Punkte. Knapp besser mit 1,5 Sternen schneidet der Subaru Outback ab. Vor allem ein hoher Verbrauch und zu viel CO₂-Emissionen kosten den stark motorisierten Allrad-Kombi viele Punkte.

Trotz aerodynamisch ungünstigem Aufbau sichern sich der Volkswagen Caddy und der Renault Kangoo mit jeweils 2,5 Sternen solide Bewertungen. Der Kangoo weist dabei vor allem eine sehr gute Abgasreinigung auf. Abstriche muss der Testwagen hingegen bei den Treibhausgasen hinnehmen. Der VW Caddy kann ausgeglichener in den drei Testkategorien punkten. Am meisten Probleme hat der Wolfsburger dabei mit Verbräuchen zwischen sieben und acht Litern pro hundert Kilometer100km und ebenfalls hohen CO₂-Emissionen.

Der Peugeot 208 als vierter reiner Benziner kommt auf zwei Sterne. Dem Franzosen gelingt vor allem die Reinigung von Partikeln eher mäßig. Bei den CO₂-Emissionen schneidet er ähnlich schlecht ab wie die anderen Autos mit Verbrennungsmotor.

Der einzige Diesel im bisherigen Testfeld, der Genesis G70 Shooting Brake, schafft im Vergleich zu seinem SUV-Pendant immerhin zwei Sterne. Doch auch der lange und flache Aufbau hat stark mit CO₂-Emissionen zu kämpfen. Zudem wird bei zwei der Tests im Labor zu viel N₂O ausgestoßen, was die Gesamtbewertung für Treibhausgase schrumpfen lässt.

Nicht alle Hybrid-Modelle sind sehr sauber

Nur ein Stern: Der SUV Genesis GV70 mit seinem Benzinmotor © Green Euro NCAP

Die Marke Lynk & Co tritt mit dem Modell 01 als Plug-in zum ersten Mal bei Green NCAP an und holt respektable 3,5 Sterne. Auffällig sind lediglich erhöhte Partikel sowie Probleme mit CO₂-Emissionen.
Mit dem HR-V von Honda tritt zudem der erste Voll-Hybrid im Jahr 2022 an. Seine 3-Sterne Bewertung verdankt der Japaner vor allem einer guten Abgasreinigung, die im Schnitt fast drei Viertel der Punkte holt. Schwächen leistet sich der SUV hingegen beim Verbrauch und den Autobahn-Tests.

Auch ein Mild-Hybrid, der Hyundai Bayon mit einem 48-Volt-System, ist bei Green NCAP im Jahr 2022 vertreten. Mit 2,5 Sternen schneidet der kompakte Koreaner dabei nicht besser ab als der Renault Kangoo oder VW Caddy, die jeweils gänzlich ohne Hybrid-System an den Start gehen. Partikel gehören zu den größten Problemen des Bayon, sowohl auf dem Prüfstand als auch auf der Straße. Bei der Energieeffizienz kann das Mild-Hybrid System etwas helfen.

Abrufbar: Die Lebenszyklusanalyse (LCA)

Um die Klimawirkung der verschiedenen Antriebsarten ehrlich beurteilen zu können, müssen aber alle relevanten Energieaufwendungen über den gesamten Lebenszyklus eines Fahrzeugs berechnet werden. Dazu gehören die Treibhausgas-Emissionen, die bei Fahrzeugherstellung und -recycling entstehen, und alle Emissionen, die bei der Bereit- und Herstellung des Kraftstoffs oder Stroms frei werden (Well-to-Tank) sowie bei der Fahrzeugnutzung (Tank-to-Wheel).

Neben Kohlendioxid (CO₂), das vor allem bei der Verbrennung fossiler Energieträger anfällt, sind auch Methan-Emissionen (CH₄), die beispielsweise bei der Förderung von Erdgas entstehen, und Lachgas (NO) aus dem Anbau von Biomasse relevant.

Green NCAP hat jetzt in einem ersten Schritt die geschätzten Gesamtlebenszyklus-Treibhausgasemissionen und den Primärenergiebedarf für alle getesteten Autos berechnet. Für die vergleichende Betrachtung wird eine nominelle Fahrzeuglebensdauer von 16 Jahren und eine Gesamtfahrleistung von 240.000 km angenommen. Die Berechnungen basieren auf der aktuellen Prognose über den sich ändernden durchschnittlichen Energiemix der EU-Staaten.

Wichtig zu wissen

Aktuell berücksichtigt die Ökobilanz von Green NCAP die relevantesten Umweltaspekte. Andere Umweltwirkungen von Schadstoffemissionen wie NOₓ, SO₂, Feinstaub und deren Folgewirkungen wie Versauerung, Ozonbildung und Toxizität für den Menschen werden jedoch nicht erfasst.

Auch die Lebenszyklusauswirkungen eines Verkehrssystems auf den Wasserbedarf, die Verschmutzung des Wassers oder des Bodens, den Flächenverbrauch und Lärm werden noch nicht in die Bewertung einbezogen.

Für jedes der getesteten Modelle werden die Prozesskette und das Ergebnis in einem individuellen LCA-Factsheet* zusammengefasst. Doch wichtig ist der nächste Schritt, der mit Hilfe des ADAC schon in Kürze erfolgen wird: Die Einführung einer interaktiven LCA-Plattform, die es Verbrauchern ermöglicht, die LCA-Ergebnisse auf der Grundlage ihrer eigenen lokalen Parameter für alle aktuellen Modelle auf Basis der ADAC Datenbank zu untersuchen.

Hier finden Sie noch detailliertere Informationen zum Green NCAP-Test 2022
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So sauber waren die Modelle 2020/21

Wegen des geänderten Test- und Bewertungsverfahrens sind frühere Testergebnisse nicht direkt mit denen der aktuell getesteten Fahrzeuge vergleichbar. Doch aussagekräftig sind deren Resultate natürlich trotzdem.

Fachliche Beratung: Andrea Gärtner, Luis Kalb, ADAC Technik Zentrum

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Thomas Kroher
Thomas Kroher
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