Green NCAP 2022: Die Ökobilanz von 24 aktuellen Automodellen

Green-NCAP-Messung: Der Honda HR-V auf dem ADAC Prüfstand
Green-NCAP-Messung: Der Honda HR-V auf dem ADAC Prüfstand© Green Euro NCAP

In Sachen Umwelt haben es Autokäufer jetzt etwas leichter: Green NCAP bewertet die Umweltfreundlichkeit von Autos. 2022 wurden die Mess- und Bewertungskriterien noch verschärft: Die ersten 24 Modelle im Test.

  • Fünf Sterne: Dacia, Tesla, Nio, Renault, Cupra, Audi, Hyundai

  • Benziner und Diesel schneiden schwach ab

  • Mit Zusatzauswertung: Lebenszyklusanalyse (LCA)

  • Plus: Liste mit 61 Modellen von 2020/21

Die Initiative Green NCAP (New Car Assessment Programme) bewertet seit 2019 die Umweltfreundlichkeit von Pkw nach einheitlichen und zukunftsorientierten Standards – nach dem Vorbild des ADAC Ecotest. Schwerpunkte für die Green-NCAP-Sternewertung sind die Schadstoffemissionen, der Kraftstoff- bzw. Energieverbrauch und die klimaschädlichen Treibhausgase.

Was ist Green NCAP?

Green NCAP ist eine Initiative von Euro NCAP © Green NCAP

Green NCAP ist eine Initiative von Euro NCAP, eine Organisation, die seit Jahren die Sicherheitsstandards von Autos testet und bewertet. Der ADAC ist Mitglied im internationalen Testkonsortium und überprüft auf seinen Anlagen seit zwei Jahrzehnten die Sicherheit von Pkw. Vergleichbares soll nun bei der Umweltfreundlichkeit von Autos geschaffen werden. Der ADAC bringt sich mit seinen langjährigen Erfahrungen aus dem ADAC Ecotest intensiv in der Green-NCAP-Arbeitsgruppe ein. Ausführliche Informationen zum Projekt und den Test- und Bewertungsverfahren finden Sie auch auf der Green-NCAP-Homepage.*

Die bei Green NCAP durchgeführten Testprozeduren teilen sich auf in einen Teil mit Abgasmessungen im Labor und einen Teil mit Abgasmessungen auf der Straße (RDE, Real Driving Emissions). Bei den Labortests werden neben den Standard-Abgaskomponenten Kohlenmonoxid (CO), Kohlenwasserstoffe (HC), Stickoxide (NOₓ), Partikelanzahl (PN10) und Partikelmasse (PM) auch nicht limitierte Schadstoffe wie Ammoniak (NH₃) und Lachgas (N₂O) gemessen und bewertet.

Neues Test- und Bewertungsverfahren

Das PEMS-Messgerät für die RDE-Straßenfahrten im Lynk & Co 01 © Green Euro NCAP

2022 wurden für die Labortests verschärfte Prozeduren entwickelt, basierend auf dem aktuellen Abgasmessverfahren WLTP (Worldwide harmonized Light-Duty Test Procedure) und dessen neuem Prüfzyklus WLTC (Worldwide harmonized Light-Duty Test Cycle), im Fall von Green NCAP WLTC+ genannt, weil er u.a. mit dem vom ADAC Ecotest übernommenen Autobahnzyklus BAB130 über die gesetzlichen Anforderungen hinausgeht.

Neu ist ab 2022 ein zweistufiger Ansatz für die Tests. Dreimal müssen alle Testautos auf den Prüfstand und einmal auf die Straße. Nur die Autos, die in diesen Basistests in jeder der drei Kategorien mindestens 3,5 von zehn Punkten und zudem im Durchschnitt mindestens fünf Punkte holen, müssen sich auch noch vier weiteren Tests stellen, um die Robustheit ihrer guten Leistung unter Beweis zu stellen.

Dann trennt ein WLTC-Zyklus bei minus sieben Grad Celsius die Spreu vom Weizen: Nur Fahrzeuge mit einer äußerst robusten Abgasnachbehandlung haben eine Chance, diesen Test zu bestehen. Zudem geht es noch drei weitere Male auf die Straße. Eine hohe Zuladung und sportliche Fahrweise sowie Tests mit möglichst sparsamer Fahrweise oder auch eine Stausimulation runden die zweite Teststufe 2022 ab.

Und ganz wichtig: Ab diesem Jahr zählen auch die Treibhausgasemissionen, die für die Bereitstellung der Energie (also Kraftstoff, Gas, Wasserstoff oder elektrischer Strom) anfallen (Well-to-Wheel-Basis WTW).

Schon seit Anfang 2022 neu sind die zusätzlichen Ergebnisse der Lebenszyklusanalyse (Life Cycle Assessment, LCA), in denen die tatsächlichen Umweltauswirkungen der Autos über ihre gesamte Lebensdauer ermittelt werden. Diese Beurteilungen fließen zwar (noch) nicht in die Sternewertung ein, sind aber für die Fahrzeuge bei Green NCAP* einzeln abrufbar.

Ökocheck 2022: 24 Modelle im neuen Test

Nach dem neuen Green-NCAP-Verfahren 2022 wurden bisher 24 Modelle getestet, darunter 16 Benzinermodelle (drei davon mit Mild-Hybridantrieben, drei mit Voll-Hybridantrieb und eines als Plug-in-Hybrid), ein Dieselmodell und sieben Elektrofahrzeuge.

Das Ergebnis ist wie beim Euro-NCAP-Crashtest eine einfach nachvollziehbare Bewertung mit bis zu fünf Sternen (Bestwertung) für jedes Auto. Zusätzlich zur Sternebewertung werden Fahrzeuge nach den Schadstoffen (Clean Air Index), dem Kraftstoff-/Energieverbrauch (Energy Efficiency Index) sowie den Treibhausgasen (Greenhouse Gases) bewertet. Alle Detailergebnisse sind auch über die Homepage des Green NCAP* abrufbar.

Green NCAP: Drei Elektroautos ganz vorne

Auch fünf Sterne im Test: Audi Q4 e-tron © Green Euro NCAP

Sieben Fahrzeuge im Testfeld 2022 konnten sich bisher die vollen fünf Sterne sichern – alle mit Elektroantrieb: Der Dacia Spring setzt dabei mit 9,9 Punkten neue Maßstäbe und erreicht das beste Ergebnis, gefolgt vom Tesla Model 3 mit 9,8 Punkten, aufgrund geringer Abzüge durch den höheren Verbrauch bei kalten minus sieben Grad Celsius.

Audi Q4 e-tron, Nio eT7, Renault Mégane E-Tech und Cupra Born erzielen je 9,6 Punkte, negativ fallen bei ihnen ebenfalls die hohen Verbräuche bei kalten minus sieben Grad Celsius auf, beim Audi zusätzlich im Autobahntest. Der Hyundai Ioniq 5 erzielt 9,4 Punkte. Abstriche gibt es auch bei ihm für die hohen Verbräuche im Autobahnzyklus und bei kalten minus sieben Grad Celsius.

Die reinen Benzinfahrzeuge sammeln sich im Mittelfeld. Nur der Genesis GV70 als schweres SUV mit starkem Motor rutscht in der Bewertung ab und erreicht nur einen Stern. Besonders der hohe CO₂-Ausstoß belastet die Bewertung dabei sehr, in der Kategorie für Treibhausgase holt der Luxusableger aus dem Haus Hyundai/Kia daher keine Punkte.

Knapp besser mit 1,5 Sternen schneidet der Subaru Outback ab. Vor allem ein hoher Verbrauch und zu viel CO₂-Emissionen kosten den stark motorisierten Allrad-Kombi viele Punkte. Ebenfalls nur 1,5 Sterne erzielt der DS4 mit deutlichem Verbesserungspotenzial bei Emissionen und Verbrauch, insbesondere im Autobahnzyklus.

Bestes Benzinermodell im Test ist der Toyota Aygo X mit drei Sternen. Sein Kraftstoffverbrauch ist stark von der Fahrweise abhängig und liegt zwischen drei und sieben Litern pro 100 Kilometer. Das Abgasreinigungssystem arbeitet überwiegend gut, Optimierungen bei der Partikelreduzierung sowie bei kalten Umgebungstemperaturen könnten das Ergebnis weiter verbessern.

Die gleichen Schwächen zeigt der Skoda Fabia 1.0. Auch er erzielt insgesamt drei Sterne und überzeugt mit einem niedrigen Kraftstoffverbrauch zwischen 3,9 und 6 l/100 km.

Trotz aerodynamisch ungünstigem Aufbau sichern sich der Volkswagen Caddy und der Renault Kangoo mit jeweils 2,5 Sternen solide Bewertungen. Der Kangoo weist dabei vor allem eine sehr gute Abgasreinigung auf. Abstriche muss der Testwagen hingegen bei den Treibhausgasen hinnehmen. Der VW Caddy kann ausgeglichener in den drei Testkategorien punkten. Am meisten Probleme hat der Wolfsburger dabei mit Verbräuchen zwischen sieben und acht Litern pro 100 Kilometer und ebenfalls hohen CO₂-Emissionen.

Der Seat Ibiza 1.0 TSI erzielt ebenfalls 2,5 Sterne und zeigt Verbesserungspotenzial bei der Abgasreinigung sowie beim Verbrauch, insbesondere unter anspruchsvolleren Bedingungen.

Der Peugeot 208 als reiner Benziner kommt auf zwei Sterne. Dem Franzosen gelingt vor allem die Reinigung von Partikeln eher mäßig. Bei den CO₂-Emissionen schneidet er ähnlich schlecht ab wie die anderen Autos mit Verbrennungsmotor.

Nur ein Stern: Das SUV Genesis GV70 mit seinem Benzinmotor © Green Euro NCAP

Der einzige Diesel im bisherigen Testfeld, der Genesis G70 Shooting Brake, schafft im Vergleich zu seinem SUV-Pendant immerhin zwei Sterne. Doch auch der lange und flache Aufbau hat stark mit CO₂-Emissionen zu kämpfen. Zudem wird bei zwei der Tests im Labor zu viel N₂O ausgestoßen, was die Gesamtbewertung für Treibhausgase schrumpfen lässt.

Nicht alle Hybrid-Modelle sind sehr sauber

Die Marke Lynk & Co tritt mit dem Modell 01 als Plug-in zum ersten Mal bei Green NCAP an und holt respektable 3,5 Sterne. Auffällig sind lediglich erhöhte Partikel sowie Probleme mit CO₂-Emissionen.

Mit dem HR-V von Honda, dem Yaris Cross von Toyota und dem Hyundai Tucson traten zudem die ersten Voll-Hybriden im Jahr 2022 an. Seine 3-Sterne-Bewertung verdankt der HR-V vor allem einer guten Abgasreinigung, die im Schnitt fast drei Viertel der Punkte holt. Schwächen leistet sich das SUV hingegen beim Verbrauch und den Autobahntests. Der Toyota liegt auf ähnlichem Niveau, bietet aber noch Verbesserungspotenzial bei den Partikelemissionen. Der Hyundai Tucson weist dagegen deutliche Schwächen im Abgasverhalten und einen hohen Kraftstoffverbrauch auf. Er erreicht daher nur zwei Sterne.

Auch drei Mild-Hybridmodelle sind bei Green NCAP im Jahr 2022 vertreten: der Hyundai Bayon mit einem 48-V-System sowie der Fiat 500 und der Nissan Qashqai mit kleinem 12-V-System. Mit 2,5 Sternen schneiden der kompakte Koreaner und der Nissan dabei nicht besser ab als der Renault Kangoo oder VW Caddy, die jeweils gänzlich ohne Hybridsystem an den Start gehen.

Partikel gehören zu den größten Problemen des Bayon, sowohl auf dem Prüfstand als auch auf der Straße. Bei der Energieeffizienz kann das Mild-Hybridsystem etwas helfen.

Der Nissan zeigt dagegen ein ausgewogenes Abgasverhalten, aber Schwächen im Kraftstoffverbrauch, und der Fiat 500 kommt mit drei Sternen etwas besser weg. Ein Partikelfilter könnte eine deutliche Verbesserung im Abgasverhalten liefern.

Abrufbar: Die Lebenszyklusanalyse (LCA)

Um die Klimawirkung der verschiedenen Antriebsarten ehrlich beurteilen zu können, müssen aber alle relevanten Energieaufwendungen über den gesamten Lebenszyklus eines Fahrzeugs berechnet werden. Dazu gehören die Treibhausgasemissionen, die bei Fahrzeugherstellung und -recycling entstehen, und alle Emissionen, die bei der Bereit- und Herstellung des Kraftstoffs oder Stroms frei werden (Well-to-Tank) sowie bei der Fahrzeugnutzung (Tank-to-Wheel).

Neben Kohlendioxid (CO₂), das vor allem bei der Verbrennung fossiler Energieträger anfällt, sind auch Methanemissionen (CH₄), die beispielsweise bei der Förderung von Erdgas entstehen, und Lachgas (NO) aus dem Anbau von Biomasse relevant.

Green NCAP hat jetzt in einem ersten Schritt die geschätzten Gesamtlebenszyklus-Treibhausgasemissionen und den Primärenergiebedarf für alle getesteten Autos berechnet. Für die vergleichende Betrachtung wird eine nominelle Fahrzeuglebensdauer von 16 Jahren und eine Gesamtfahrleistung von 240.000 Kilometern angenommen. Die Berechnungen basieren auf der aktuellen Prognose über den sich ändernden durchschnittlichen Energiemix der EU-Staaten.

Wichtig zu wissen

Aktuell berücksichtigt die Ökobilanz von Green NCAP die relevantesten Umweltaspekte. Andere Umweltwirkungen von Schadstoffemissionen wie NOₓ, SO₂, Feinstaub und deren Folgewirkungen wie Versauerung, Ozonbildung und Toxizität für den Menschen werden jedoch nicht erfasst.

Auch die Lebenszyklusauswirkungen eines Verkehrssystems auf den Wasserbedarf, die Verschmutzung des Wassers oder des Bodens, der Flächenverbrauch und Lärm werden noch nicht in die Bewertung einbezogen.

Für jedes der getesteten Modelle werden die Prozesskette und das Ergebnis in einem individuellen LCA-Factsheet* zusammengefasst. Doch wichtig ist der nächste Schritt, der mithilfe des ADAC schon in Kürze erfolgen wird: die Einführung einer interaktiven LCA-Plattform, die es Verbrauchern ermöglicht, die LCA-Ergebnisse auf der Grundlage ihrer eigenen lokalen Parameter für alle aktuellen Modelle auf Basis der ADAC Datenbank zu untersuchen.

Hier finden Sie noch detailliertere Informationen zum Green NCAP-Test 2022
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So sauber waren die Modelle 2020/21

Wegen des geänderten Test- und Bewertungsverfahrens sind frühere Testergebnisse nicht direkt mit denen der aktuell getesteten Fahrzeuge vergleichbar. Doch aussagekräftig sind deren Resultate natürlich trotzdem.

Fachliche Beratung: Andrea Gärtner, Luis Kalb, ADAC Technikzentrum

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