Genesis GV60: Koreas edles Elektro-SUV im ADAC Test

Markantes Gesicht: Der Genesis GV60 ragt aus der Masse heraus
Markantes Gesicht: Der Genesis GV60 ragt aus der Masse heraus© Genesis/Dominic Fraser

Die zu Hyundai gehörende Marke Genesis hat in kürzester Zeit ein halbes Dutzend Baureihen in Deutschland lanciert. Unter anderem den GV60 als reines Elektroauto. Die Koreaner nutzen Konzerntechnik, machen aber auch einiges anders. ADAC Test.

  • Schnelles Laden: 800-Volt-Technik wie bei Kia und Hyundai

  • Zwei Allrad-Versionen: Sport mit 318 PS und Sport Plus mit 490 PS

  • 77-kWh-Batterie schafft 365 Kilometer Reichweite im Test

  • Preis: ab 56.370 Euro

Genesis ist eigentlich noch ganz neu auf dem deutschen Markt, doch das Tempo, das die Koreaner hinlegen, ist beeindruckend. Mit dem GV60 bringt Genesis bereits die sechste Modellreihe innerhalb eines Jahres auf den deutschen Markt – von der klassischen Mittelklasselimousine G70 bis zum großen SUV GV80 reicht das Spektrum. Dabei kommt dem GV60 eine besondere Bedeutung zu: Er war das erste Fahrzeug der Marke mit batterieelektrischem Antrieb. Und er ist nur der Vorreiter: Ab 2025 sollen alle Neueinführungen elektrisch sein.

Nun aber erst mal der GV60. Der ist ein technischer Bruder des Hyundai Ioniq 5 und Kia EV6. Wer das nicht weiß, würde es nicht bemerken: Optisch unterscheiden sich die drei Fahrzeuge aus dem gleichen Konzern deutlich. So stellt der Hyundai mit seiner kastigen Form den Pragmatiker für alle dar, die viel Nutzwert wollen; der Kia EV6 gibt sich als adrette Sportlimousine mit extravaganter Optik. Und der Genesis GV60? Er soll eher für Luxus und Sportlichkeit stehen und gibt sich betont eigenständig.

Genesis GV60: Details in Bildern

Verspielte Details machen den Reiz des GV60 aus

Und er fällt auf im Straßenbild. Dazu braucht es gar nicht die eher aufdringliche Lackierung "Sao Paulo Lime" im Textmarker-Gelb. Auch sonst ist der GV60 eine Erscheinung: Selbst wenn er mit einer Länge von 4,52 Metern der kürzeste Vertreter des Trios ist, wirkt er neben anderen Autos ziemlich wuchtig.

Mit dem Schlüssel in der Tasche auf das Auto zugehen reicht, damit der GV60 seine versenkten Türgriffe ausfährt und in den Innenraum bittet. Zwar lassen sich die Türgriffe nicht sonderlich gut greifen, doch Show ist eben alles. Innen geht sie weiter: In der Mittelkonsole befindet sich eine interessant aussehende Glaskugel, die nachts auch noch mystisch beleuchtet ist und ziemlich stylish wirkt. Die Zukunft vorhersagen kann sie aber nicht, vielmehr dreht sie sich nach dem Druck auf den Startknopf eindrucksvoll und verwandelt sich in einen runden Gangwahlknopf für die Automatik.

Ziemlich cool, wie auch das übrige Innenraumdesign. Es gibt viele Ablagen, Becherhalter und USB-Anschlüsse. Der Fahrer schaut auf zwei große Monitore, die auf den ersten Blick wie ein großes zusammenhängendes Display wirken, tatsächlich aber durch eine etwa acht Zentimeter breite Blende in der Mitte voneinander getrennt sind. Gut: Zwar ist der Bildschirm als Touchscreen ausgeführt, doch es gibt zusätzlich einen handlichen Controller nach Art des iDrive-Knubbels von BMW, über den sich die Bildschirmmenüs bedienen lassen. Das klappt recht intuitiv, trotz der reduzierten Optik fällt die Bedienung im Alltag leicht und man kommt nach kurzer Eingewöhnung gut zurecht.

Genesis GV60: Was taugen die Kameraspiegel?

Kamerarückspiegel: Sieht cool aus, doch der Nutzen ist fraglich © IG-@_fraser73

Schon etwas schwieriger wird es mit den aufpreispflichtigen digitalen Außenspiegeln. Für 1460 Euro extra sitzen in den Türen zwei Monitore, die das Kamerabild von außen in den Innenraum übertragen. Vorteil: Einen toten Winkel gibt es nicht mehr und die Kameras sind verschmutzungssicher. Doch der Gewöhnungsaufwand ist enorm. Schon nicht mehr automatisch aus dem Fenster Richtung "Spiegel" zu sehen, sondern auf den Monitor im Eck, kostet Überwindung.

Und auch wenn das Kamerasystem ausgereifter wirkt als etwa beim Audi e-tron, überwiegen die Nachteile: Man kann nur schwer einschätzen, wie weit ein Auto tatsächlich entfernt ist und zusammen mit dem Bildschirm hinter dem Lenkrad, dem auf der Mittelkonsole, dem Display für die Heizungseinstellung und dem (gut gemachten) Head-up-Display als Projektion in der Scheibe flimmert dann mit zwei weiteren Bildschirmen in den Ecken ganz schön viel vor den Augen des zunehmend reizüberfluteten Fahrers. Ergo: Einfach nicht mitbestellen.

Mitbestellen sollte man dagegen das Soundsystem von Bang & Olufsen. Und zwar nicht nur wegen des exzellenten Klangs: Es erzeugt zudem einen Gegenschall und eliminiert dadurch Fahrgeräusche. Das klappt hervorragend. Der mit diesem System ausgerüstete Testwagen war überaus leise unterwegs, störende Abroll- und Windgeräusche waren nicht zu vernehmen.

Elektro-SUV mit sehr sportlichen Fahrleistungen

Sieht sportlich aus, fährt sportlich: Genesis GV60 © IG @_fraser73

Für den ersten ADAC Test stand das Topmodell Sport Plus zur Verfügung. Der Name ist hier Programm, denn die an sich schon gewaltige Leistung von 320 kW/436 PS der beiden Elektromotoren (Allradantrieb ist Serie) lässt sich via Boost-Taste am Lenkrad noch einmal kurzzeitig steigern. Für rund zehn Sekunden wird dann der "Turbo" mit 40 Zusatz-kW aktiviert und der GV60 schießt los als gäbe es kein Morgen. Was er auch ohne "Turbo" tut. 2,2 Tonnen Leergewicht scheinen sich in nichts aufzulösen, Überholvorgänge auf der Landstraße werden zum kurzweiligen und dadurch sicheren Vergnügen.

In Zahlen: Von 60 auf 100 km/h geht es in 2,3 Sekunden, von 80 auf 120 km/h in 2,7 Sekunden. Und 4,0 Sekunden für den Sprint auf Tempo 100 – das ist der Wert eines Supersportwagens. Genauso fühlt es sich auch an, wenn der GV60 verzögerungsfrei loslegt und die Insassen in die Sitze presst. Die Höchstgeschwindigkeit wird erst vergleichsweise spät bei 235 km/h abgeregelt. Schnelle Kurven meistert der GV60 behände und flinker als etwa der VW ID.5 GTX, dessen Gewicht fühlbar mehr nach außen drängt.

Das ist zwar durchaus beeindruckend. Trotzdem stellt sich die Frage, ob es denn unbedingt das Topmodell sein muss oder ob nicht auch das "Basismodell" namens "Sport" reicht. Auch das hat zwei E-Motoren, Allradantrieb und zwar "nur" 318 PS, doch 5,5 Sekunden von 0 auf 100 km/h sind schließlich auch ein Wort. Sparen lassen sich dadurch rund 15.000 Euro. Und ob man nun 200 km/h oder 235 km/h Spitze fahren kann, ist Elektrofahrern ohnehin einerlei.

Keine Probleme beim ADAC Ausweichtest

Der Allradler bietet auch dank des langen Radstands einen guten Geradeauslauf und lässt sich von einem Lenkimpuls kaum aus der Ruhe bringen. Der Koreaner ist grundsätzlich untersteuernd ausgelegt. Er schiebt damit in zu schnell angegangenen Kurven über die Vorderräder und baut damit Geschwindigkeit ab. Die Traktion ist dank der sehr sensibel regelnden Traktionskontrolle tadellos. Schlupf an einem der vier Antriebsräder wird sozusagen bereits im Keim erstickt, sodass der Stromer seine Leistung auch auf wenig griffiger Fahrbahn effektiv auf den Boden bekommt.

Im ADAC Ausweichest schneidet der GV60 Sport Plus ebenfalls gut ab. Simuliert man ein abruptes Ausweichmanöver, greift das ESP vergleichsweise energisch ein, wodurch das Fahrzeug Geschwindigkeit abbaut und sich problemlos durch den Slalomparcours dirigieren lässt. Die Lenkung bietet eine sehr gute Rückmeldung, fühlt sich verbindlich und sportlich an. Lenkbefehle werden spontan umgesetzt, der GV60 folgt präzise dem gewünschten Kurs, ohne dass nennenswerte Nachkorrekturen nötig sind. Zudem zentriert die Lenkung gut, was das Geradeausfahren entspannt.

Dank 800 Volt wird der 77-kWh-Akku schnell geladen

E-Autofahrern sind Beschleunigung und Höchstgeschwindigkeit weniger wichtig als zum Beispiel Reichweite, Verbrauch und die Ladefähigkeit. Und auch hier kann der GV60 punkten. Die zu Hyundai gehörende Edelmarke greift auf die aktuelle Konzerntechnik zurück, die bereits in den Modellen Hyundai Ioniq 5 und Kia EV6 zum Einsatz kommt und unter anderem über ein 800-Volt-System verfügt. Damit kann der 77,4-kWh-Akku an einem potenten Schnelllader (DC-Säule, meist an der Autobahn) innerhalb von 19 Minuten von zehn auf 80 Prozent aufgeladen werden. Die durchschnittliche Ladeleistung lag bei der ADAC Messung bei enormen 192 kW (Ladekurve im PDF zum ausführlichen Test). Dieser rekordverdächtige Wert sticht die meisten anderen E-Autos aus. Wenn diese noch laden, ist der Genesis längst wieder auf der Piste.

An langsameren AC-Säulen schafft der GV aber nur 11 kW, was eine Ladezeit bei leerem Akku von etwa acht Stunden nach sich zieht. Wünschenswert wäre, dass Ladestationen bei der Routenberechnung mit einkalkuliert werden, doch diese Funktion kommt erst noch und wird "over the air" nachgereicht.

Genesis GV60: 365 Kilometer Reichweite im ADAC Test

4,52 Meter lang, coupéförmige Karosserie, bis zu 490 PS stark © Genesis/Dominic Fraser

Langstreckentauglich klingt auch die angegebene Reichweite von 466 bis 470 Kilometern, doch wie bei jedem E-Auto ist sie arg von der Fahrweise und den Gegebenheiten abhängig. Im standardisierten ADAC Ecotest kann der schwere Koreaner jedenfalls schon mal mit durchschnittlich 23,9 kWh auf 100 Kilometer mit Ladeverlusten nicht vollends überzeugen. Hier sind andere Elektroautos deutlich sparsamer. Eine volle Batterie erlaubt auf Basis des Ecotest-Verbrauchs eine Reichweite von rund 365 Kilometern – damit zählt der GV60 in dieser Antriebkonfiguration nicht unbedingt zu den reichweitenstärksten Fahrzeugen. Dank serienmäßiger Wärmepumpe sollte sich die Reichweite im Winter nicht allzu sehr reduzieren.

360-Grad-Blick in den Innenraum des Genesis GV60

Insgesamt macht der Genesis GV60 einen sehr ausgereiften Eindruck, zumindest was das Fahren und Laden angeht. Dass die Radkästen im Kofferraum mit schnell verkratzendem Hartplastik verkleidet sind, passt aber nicht so ganz zum Premium-Anspruch der Marke. Vorn bietet der GV60 gute Platzverhältnisse und selbst für zwei Meter große Hünen ausreichend Platz. Die Luftigkeit des Hyundai Ioniq 5 darf man allerdings nicht erwarten. In der zweiten Reihe ist das Raumangebot nicht sonderlich üppig. Das liegt an der mäßigen Kopffreiheit, die nur für rund 1,90 Meter große Insassen ausreicht. Hier muss der GV60 seiner flachen und nach hinten abfallenden Dachlinie Tribut zollen. Die Beinfreiheit fällt allerdings aufgrund des sehr großen Radstands sehr groß aus.

Unter der Kofferraumabdeckung fasst das Ladeabteil gerade mal 340 Liter. Nutzt man den Stauraum bis zum Dach hoch, erweitert sich das Volumen auf 495 Liter. So kann man im Kofferraum bis zu acht Getränkekisten unterbringen. Klappt man die Rückbank um und beschränkt sich auf den Stauraum bis zur Fensterunterkante (aus Sicherheitsgründen empfehlenswert), lassen sich bis 740 Liter verstauen. Unter Ausnutzung des kompletten Raums hinter den Vordersitzen stehen bis zu 1300 Liter Volumen zur Verfügung. Unter dem Kofferraumboden bietet ein Fach weitere 35 Liter, zudem finden im praktischen Frunk unter der Fronthaube (50 Liter) beispielsweise die Ladekabel Platz und sind dort jederzeit gut zu erreichen.

Manko: Genesis-Händler gibt es nicht

Die ADAC Ingenieure bezeichnen den Genesis als "sehr interessantes Angebot für
zahlungskräftige Kunden mit besonderen Ansprüchen". Doch was man auch mögen muss, ist das eigenwillige Vertriebsmodell von Genesis. Ein Händlernetz gibt es nicht, sieht man von einem "Studio" in der Münchner Fußgängerzone einmal ab. Gekauft wird online – ohne Rabatte! Die Neuerwerbung wird einem von einem "Personal Assistant" vor die Tür gestellt, der schon vor dem Kauf für eine Probefahrt zur Stelle ist, den Wagen zum Kundendienst abholt und wieder bringt. Das macht er zumindest fünf Jahre lang, so das "Fünf-Jahres-Versprechen" mit entsprechend langer Garantie der Marke. Kundendienste sind dabei auch inkludiert.

Und was ist danach? Dann ließe sich der Service gegen Entgelt verlängern, heißt es beim Hersteller. Wie viel das kostet, weiß Genesis aber noch nicht. Und wenn man das nicht möchte? Dann muss der Kunde sein Fahrzeug zu einer der acht (!) deutschen Werkstätten bringen, die sich vornehmlich in den Ballungsräumen befinden. Doch ob der Premium-Kunde bereit ist, dafür weit zu fahren? Das wird man sehen. Eigner eines Ford Mustang Mach-E oder VW ID.5 können jedenfalls auf ein dichteres Händler- und Werkstattnetz zurückgreifen.

Genesis GV60: Technische Daten, Preis

Technische Daten (Herstellerangaben)

Genesis GV60 Sport Plus AWD (ab 06/22)

Motorart

Elektro

Leistung maximal in kW (Systemleistung)

360

Leistung maximal in PS (Systemleistung)

490

Drehmoment (Systemleistung)

700 Nm

Antriebsart

Allrad

Beschleunigung 0-100km/h

4,0 s

Höchstgeschwindigkeit

235 km/h

Reichweite WLTP (elektrisch)

466 km

CO2-Wert kombiniert (WLTP)

0 g/km

Verbrauch kombiniert (WLTP)

19,1 kWh/100 km

Batteriekapazität (Netto) in kWh

77,4

Ladeleistung (kW)

AC:2,3-11,0 DC:50,0-350,0

Kofferraumvolumen normal

432 l

Kofferraumvolumen dachhoch mit umgeklappter Rücksitzbank

1.550 l

Leergewicht (EU)

2.145 kg

Zuladung

515 kg

Anhängelast ungebremst

750 kg

Anhängelast gebremst 12%

1.600 kg

Garantie (Fahrzeug)

5 Jahre

Länge x Breite x Höhe

4.515 mm x 1.890 mm x 1.580 mm

Grundpreis

73.100 Euro

ADAC Messwerte

ADAC Messwerte (Auszug)

Genesis GV60 Sport Plus AWD

Überholvorgang 60 – 100 km/h

2,3 s

Bremsweg aus 100 km/h

34,1 m

Wendekreis

12,5 m

Verbrauch/CO₂-Ausstoß ADAC Ecotest

23,9 kWh/100 km, 120 g CO₂/km (Well-to-Wheel)

Bewertung ADAC Ecotest (max. 5 Sterne)

****

Reichweite

365 km

Innengeräusch bei 130 km/h

65,6 dB(A)

Leergewicht / Zuladung

2181 / 459 kg

Kofferraumvolumen normal / geklappt / dachhoch

340 / 740 / 1300 l

ADAC Testurteil

ADAC Testergebnis

Genesis GV60 Sport Plus AWD (ab 06/22)

Karosserie/Kofferraum

2,6

Innenraum

2,3

Komfort

2,2

Motor/Antrieb

0,8

Fahreigenschaften

2,2

Sicherheit

1,6

Umwelt/EcoTest

2,2

Gesamtnote

2,0
Sicherheit und Umwelt werden doppelt gewertet

sehr gut

0,6 - 1,5

gut

1,6 - 2,5

befriedigend

2,6 - 3,5

ausreichend

3,6 - 4,5

mangelhaft

4,6 - 5,5

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