Updates over the air: Wie das Auto per Software aufgefrischt wird

generiertes Bild eines mordernen Auto-Cockpits mit Display, das gerade ein Software Update anzeigt
Software-Updates eröffnen völlig neue Möglichkeiten – für Kunden wie für Autohersteller ∙ © imago images/chesky

Was bei Smartphones zum Alltag gehört, hält jetzt Einzug in den Pkw: Technische Verbesserungen werden drahtlos per Software (OTA) aufgespielt. Über den Segen von OTA-Updates – und ihre Gefahren.

  • Fehlerbehebung ohne Werkstattbesuch

  • Freischaltung von Wunschfunktionen

  • Gefahr der Umgehung von offiziellen Rückrufen

Wir alle kennen es vom Smartphone: Soll das Betriebssystem verbessert oder eine neue Funktion (App) nutzbar gemacht werden, passiert das über ein Update over the air. Die notwendigen Daten werden mit einem Klick angefordert, per Mobilfunkverbindung übertragen und auf dem Gerät installiert. Der gesamte Vorgang dauert wenige Sekunden bis maximal ein paar Minuten – und ist in vielen Fällen sogar kostenlos. Die digitale Welt macht's möglich.

Inzwischen ziehen diese Möglichkeiten mehr und mehr auch ins Auto ein. Selbst Kompaktautos wie ein VW Golf 8 verfügen serienmäßig über eine Internet-Anbindung via Mobilfunk, sodass auf diesem Wege Daten ausgetauscht werden können. Und zwar vom Auto zum Hersteller und auch in die umgekehrte Richtung.

Eine neue Wunschfunktion oder gar ein dazubuchbares Extra wird es für den Pkw-Besitzer allerdings nicht oder nur in den seltensten Fällen kostenlos geben. Allenfalls die Behebung eines technischen Fehlers oder einer grundsätzlichen technischen Verbesserung werden die Hersteller kostenlos, manchmal aber auch völlig unbemerkt aufspielen. Letzteres ist die Kehrseite der Medaille.

Software over the air macht's möglich

Display eines Volkswagens, dass verschiedene Menü-Optionen anzeigt
VW setzt voll auf Software – auch wenn's anfänglich noch hakte ∙ © Volkswagen

Mittlerweile bieten Audi, BMW, Mercedes, Tesla, VW, und Co. die Möglichkeit, Sonderausstattungen nachträglich freizuschalten. Das Angebot reicht von der Navi-Funktion bis hin zum Motorsound, außerdem Connect-Funktionen wie Echtzeit-Verkehrsnachrichten. Audi hat unter dem Namen „Functions on Demand“ ein besonders großes Angebot. Bei A4, A5, A6, A7, Q5, Q7, Q8 und e-tron der laufenden Baureihen lassen sich nachträglich – je nach Modell – LED-Matrixscheinwerfer, Fernlicht- und Park-Assistent oder Navigationsfunktion und Smartphone-Interface freischalten.

Auch für die Hersteller ist das ein gutes Geschäft. Die Unternehmensberatung McKinsey schätzt, dass pro Auto im Schnitt 260 Euro zusätzlicher Gewinn realisiert werden. Die Extras lassen sich je nach Hersteller für monatliche, jährliche oder unbegrenzte Nutzung kaufen.

260 Euro für ein Jahr gutes Licht

Kostenbeispiele: Für die einjährige Nutzung der LED-Matrix-Scheinwerfer bei Audi zum Beispiel zahlt man etwa 260 Euro. Die zeitlich unbegrenzte Nutzung für das nützliche Feature schlägt mit mehr als 1300 Euro zu Buche. Wer das Navi bei einem Audi-Modell aufrüstet, zahlt zwischen 600 Euro (1 Jahr) und 3000 Euro (auf Lebenszeit). Zur Abwicklung genügt es jeweils, dass der Fahrer eine Kreditkarte mit seinem persönlichen Auto-Account verknüpft hat, den er für sich einrichtet. So kann man die Funktion meist direkt aus dem Auto heraus freischalten und muss nicht in die Werkstatt fahren.

Ein Fahrzeug über Jahre hinweg via Mobilfunk aktuell zu halten, hat große Vorteile. Ältere Modelle bleiben dank der Betriebssystem-Aktualisierungen über Jahre hinweg auf dem neuesten Stand, somit auch sicherer. Und: Auch Gebrauchtwagen-Käufer müssen nicht mehr nur mit dem zufrieden sein, was ein Vorbesitzer an Sonderausstattung bereit war anzukreuzen.

Gefahr der Updates: intransparente Aktionen

Innenraumaufnahme eines Volkswagen ID mit Lenkrad und Display zum Thema Konnektivität und Over-the-Air Update
Hersteller können Updates auch insgeheim durchführen ∙ © Volkswagen

Die Gefahr von OTA-Updates liegt darin, dass Autohersteller versucht sein könnten, ein noch nicht fertig entwickeltes Auto in den Verkauf zu bringen und mögliche Softwarefehler erst im Laufe der Zeit insgeheim zu entfernen. Bei 16 Prozent der Rückrufe im Jahr 2018 war fehlerhafte Software der Grund – diese Zahl wird möglicherweise in Zukunft ansteigen. Bei all den Segnungen von OTA-Updates darf auch nicht vergessen werden, dass Autos im Schnitt zehn bis 15 Jahre in Betrieb bleiben. So lange müssen, so die Forderung des ADAC, Updates zur Erhaltung der vollen Einsatzfähigkeit kostenlos geliefert werden.

Experten-Interview: "Kunden brauchen volle Transparenz"

Die Technik-Experten Arnulf Thiemel und Manuel Griesmann vom ADAC über die Annehmlichkeiten, aber auch die Gefahren von Over-the-air-Updates

ADAC Redaktion: Auf den ersten Blick bieten Over-the-air-Updates sehr viele Vorteile für den Kunden. Gibt es auch Schwachstellen?
Ja, es ist zu befürchten, dass den Verbrauchern Software-Updates einfach untergeschoben werden, ohne dass sie es merken. Einen solchen Fall gab es 2019 bei Tesla, als im Zug eines Updates plötzlich eine kürzere Reichweite sowie längere Ladezeiten festgestellt wurden. Auch Rückrufe könnten so umgangen werden. Allein im Jahr 2018 war bei 16 Prozent der Rückrufe eine fehlerhafte Software der Grund. Ein Hersteller könnte sich einem offiziellen Rückruf entziehen. Er behebt ein sicherheitsrelevantes Problem heimlich mit einem Update, ohne es dem Kraftfahrtbundesamt zu melden.

Was ist die Forderung des ADAC?
Autobauer müssen hier volle Transparenz gewährleisten. Der Verbraucher muss nicht nur wissen, was wann wie auf seinem Fahrzeug aufgespielt wird, sondern er soll auch die Möglichkeit haben zu entscheiden, ob er ein Update möchte oder nicht. Und wenn er sich dagegen entscheidet, darf dies zu keinen Qualitätseinbußen am oder im Fahrzeug führen.

Besteht bei solchen Updates auch die Gefahr durch eine Manipulation durch Dritte?
Der ADAC fordert seit mehr als zehn Jahren, die Elektronik im Auto systematisch gegen Manipulation zu schützen, etwa mit der international anerkannten Common-Criteria-Methode. Allerdings scheuen die Hersteller bislang eine externe Zertifizierung.

Wie funktioniert, auf welche Art schützt diese Methode?
Bei Common Criteria werden die Risiken, vor denen man sich schützen muss, genau analysiert. Anschließend überprüft eine unabhängige, zertifizierte dritte Stelle, ob dieser Schutz ausreicht, gegebenenfalls bis auf Ebene des Quellcodes.

Können Sie den Over-the-air-Updates auch Positives abgewinnen?
Durchaus. Der Kunde erspart sich den Weg in die Werkstatt, wenn es ein Softwareproblem gibt. Und mit digitaler Individualisierung lässt sich ein Auto zu jedem Zeitpunkt ohne teure Nachrüstung aufwerten – auch noch als Gebrauchtwagen.

Forderungen an die Hersteller

  • Die Autohersteller sollten verpflichtet sein, dem Kunden jedes Software-Update transparent anzuzeigen.

  • Im Zweifel muss der Kunde die Wahl haben, ein Update abzulehnen.

  • Der Kunde sollte grundsätzlich ein "Opt in opt out" haben.

  • Die Elektronik im Auto muss gegen Manipulation von außen (u.a. Diebstahl) geschützt sein.

  • Mindestens 15 Jahre kostenlose Updates des Betriebssystems.

  • Hersteller sollen vorhandene Funktionen nicht ungefragt zurücknehmen oder reduzieren können.

Fachliche Beratung: Arnulf Thiemel/ADAC Technikzentrum

Wolfgang Rudschies
Redakteur
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