Audi Q6 e-tron: Schafft er einen Vorsprung durch Technik?

Thomas Geiger steht neben einem Audi Q6 e-tron
Autor Thomas Geiger war mit dem nur noch leicht getarnten Audi Q6 e-tron unterwegs© Audi

Anfang 2024 fährt der Audi Q6 e-tron als neues Elektro-SUV in die Lücke zwischen Q4 und Q8 e-tron. Mit 800-Volt-Ladetechnik soll er extrem kurze Ladezeiten haben, und auch die Reichweite dürfte passen. Testfahrt, Bilder, Preis.

  • Erste Fahrt im leicht getarnten Audi Q6 e-tron

  • Mit 100-kWh-Batterie und Allrad rund 600 km Reichweite

  • Preise ab ca. 70.000 Euro

Audi sieht endlich Licht am Ende des Tunnels. In den letzten Jahren haben die Bayern durch den Dieselskandal, lähmende Personalrochaden und die Probleme bei der Software-Schwester Cariad so ziemlich alles verspielt, was mal Vorsprung durch Technik war, und mussten sich über eine zwei Jahre währende Durststrecke ohne nennenswerte Neuheit quälen. Jetzt geht es wieder voran.

Preis: Audi Q6 e-tron ab ca. 70.000 Euro

Heckansicht eines fahrenden Audi Q6 e-tron
Keine Design-Revolution: Der rund 4,80 Meter lange Q6 e-tron© Audi

Noch 2023 will Audi für Schätzpreise von gut 70.000 Euro endlich den überfälligen Q6 e-tron enthüllen und den verfahrenen Karren mit diesem sauberen Stromer wieder aus dem Dreck ziehen. Schon für sich genommen wäre der Elektro-Q6 als Konkurrent für Teslas Model X, Mercedes EQE SUV, BMW iX und die zahlreichen chinesischen Modelle ein Highlight.

Doch was ihn zum womöglich wichtigsten Audi des Jahrzehnts macht, ist seine Plattform. Sie ist gemeinsam mit Porsche in Ingolstadt entwickelt worden und soll nach dem Q6 allein 2024 noch drei weitere Modelle tragen: Erst kommt das SUV auch als Sportback, dann bauen die Ingolstädter darauf mit flacher Silhouette die Nachfolger von A6 Avant und A7.

Dafür wechselt Audi auf eine 800-Volt-Architektur, die im Q6 bis zu 270 kW Ladeleistung ermöglicht. Damit sollten zehn Minuten für 250 Kilometer reichen, stellen die Entwickler in Aussicht. Es gibt eine neue Batteriegeneration mit zunächst rund 100 kWh Kapazität, die in der Theorie bis zu 600 Kilometer Fahrstrecke ermöglichen soll. Und damit die Praxis davon nicht allzuweit abweicht, baut Audi serienmäßig eine neue Generation von Wärmepumpen ein und optimiert das Thermomanagement im Batteriepaket.

Audi Q6 e-tron als Quattro mit 402 und 517 PS

Seitenansicht eines stehenden Audi Q6 e-tron
Auf Basis des SUV wird es noch den flachen A6 e-tron und den A7 geben© Audi

Auch die Motoren stammen aus einer neuen Generation und werden im Q6 zunächst paarweise eingebaut: Im Q6 55 leisten sie zusammen 402 PS, haben 535 Nm und schaffen den Sprint von 0 auf 100 km/h in weniger als sechs Sekunden. Beim SQ6 stehen 517 PS, 820 Nm und weniger als 4,5 Sekunden im Datenblatt. Und wenn es Audi ernst meint mit der Aufholjagd auf der Electric Avenue, dann müssten 200 km/h schon drin sein. Dabei soll es nicht bleiben: Eine preislich attraktivere Version mit nur einem Motor und kleinerem Akku sowie eine Performance-Version mit dem Kürzel "RS" werden folgen.

Während die Plattform für Audi einen Riesensprung markiert, wirkt die Karosserie darauf vergleichsweise vertraut. Die Form ist nur eine Evolution der bekannten Stilform. Lediglich bei der Lichttechnik zeichnet sich mit dynamischen Signaturen in der Front und aktiven, ja sogar kommunikativen OLED-Elementen am Heck eine kleine Revolution ab.

Und das Format passt perfekt in die Palette. Genaue Daten gibt es zwar noch nicht: Aber wer die Länge auf 4,80 und den Radstand auf knapp drei Meter schätzt, der erntet von den Entwicklern zumindest keine schrägen Blicke. Damit ist der Q6 zwar eine halbe Nummer kleiner als der Q8 e-tron. Aber er bietet dank der designierten Elektroplattform vor allem den Hinterbänklern mehr Platz, hat den größeren Kofferraum (526 bis 1529 Liter Stauraum) und zum ersten Mal bei Audi auch einen nennenswerten Frunk mit 64 Litern Fassungsvermögen.

Dem Fahrer empfiehlt sich der Q6 als Prototyp endlich wieder als typischer Audi, weil er ihn mit Progressivlenkung, hecklastigem Quattro-Antrieb, aktiver Stahl- oder komfortabler Luftfeder etwas stärker einbindet ins Geschehen und sich nicht so belanglos und beliebig anfühlt wie der Audi Q4 auf seiner VW-Plattform.

Neue Bildschirme, Bedienknöpfe in der Tür

Im Cockpit gibt es nicht nur schlauere Assistenzsysteme denn je und laut Audi das größte und beste Head-up-Display und die besten AR-Grafiken am Markt, sondern auch eine neue Bildschirmlandschaft nebst neuem Bediensystem. Aus dem kastigen Klein-Klein der Cockpits aktueller Modellreihen hat Audi eine stylishe Wohlfühl-Landschaft geschaffen mit angenehmen Materialien und weichen Oberflächen. Als Highlight darf aber das freistehende "Curved Display" gelten, das sich in einem leichten Bogen um den Fahrer oder die Fahrerin schmiegt, mit abgerundeten Ecken fast schon organisch wirkt und zumindest innen für den Sprung in die Moderne sorgt, den man außen möglicherweise vermissen mag.

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Hinter dem Lenkrad befindet sich ein 11,9 Zoll großes Display, das die wesentlichen Informationen bereitstellt und auf den ersten Blick nicht überfrachtet wirkt. Direkt daran und fast übergangsfrei schließt sich der zweite Bildschirm mit 14,5 Zoll an, über den die üblichen Einstellungen für Navi, Entertainment usw. getätigt werden. Die Menüs hat Audi entrümpelt, so dass man sich nicht durch zahllose Unterpunkte quälen muss und vieles bereits auf der obersten Ebene und auch über Direktwahltasten findet. Gut: Immer dargestellt werden am unteren Rand die "Tasten" für Heizung und Klimaanlage. Auch der Beifahrer bekommt einen kleinen Bildschirm (Aufpreis) und kann Navi oder Radio bedienen oder einen Film ansehen.

So kommt das Cockpit fast ohne Tasten und Schalter aus und wirkt daher sehr clean. Die Tasten für das Fahrlicht sind deshalb sogar in die Seitentür gewandert und bilden mit den Bedienfeldern für Spiegel, Zentralverriegelung und Fensterheber eine Einheit. Und es ist fast eine Überraschung, dass zumindest der Getriebeschalter noch auf dem Mitteltunnel sitzt.

Eigentlich kommt der Elektro-SUV zu spät

Ja, sein Antrieb ist auf der Höhe der Zeit und mit ihm der Akku und die Ladeperformance. Das Fahrverhalten ist wieder typisch Audi, und wenn das Cockpit hält, was die Tarnung verspricht, dann machen die Bayern auch innen einen Sprung. Doch für "Vorsprung durch Technik" kommt der Q6 schlicht ein, zwei Jahre zu spät. Und das liegt weniger an den Konkurrenten aus dem nahen Süden als an den Herausforderern aus dem Fernen Osten.

Und als laste das nicht schon schwer genug auf den Gemütern der Herren der Ringe, ist die Geduldsprobe noch nicht vorbei. Denn obwohl das Heimspiel bei der IAA im September 2023 die perfekte Bühne für die Premiere wäre, lässt der Q6 erst ein paar Wochen später die Hüllen fallen – weil sich die Homologation verzögert hat.

Text: Thomas Geiger, Jochen Wieler

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