Autopreise: Neuwagen immer teurer. Doch muss das sein?

Mit Neuwagen machen die Hersteller derzeit glänzende Gewinne
Mit Neuwagen machen die Hersteller derzeit glänzende Gewinne© picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Was ist da los? Eine Auswertung des ADAC hat ergeben, dass die Preise von Neuwagen je nach Fahrzeugklasse um bis zu 44 Prozent gestiegen sind. Gründe nennen die Hersteller viele, doch nicht alle sind nachvollziehbar – und ein Ende der Preisspirale ist nicht in Sicht.

  • ADAC Auswertung: Preissteigerung seit 2017 um 19 Prozent

  • Günstige Einstiegs- und Basisversionen werden gestrichen

  • Überhöhte Preise für Elektroautos auf Kosten der Steuerzahler?

Chipmangel, Ukraine-Krieg, drohende Rezession und Gas-Angst: Wer Nachrichten hört und liest könnte verzweifeln. Und doch gibt es noch einige positive Meldungen: "VW verdoppelt Quartalsgewinn" (Tagesschau.de, 4.5.22) oder "Stellantis-Gewinn wächst um ein Drittel" (Autohaus.de, 28.7.2022). Und schon vor einem Jahr hieß es im Handelsblatt: "Deutsche Hersteller profitabel wie nie". Die Autoindustrie scheint die Krise also nicht nur gut überstanden zu haben, sondern erwirtschaftet sogar Rekordgewinne.

Doch woran liegt’s? An hohen Verkaufszahlen sicher nicht, denn die sind nach wie vor im Keller. Stattdessen drängt sich beim Blick in die ADAC Datenbank ein anderer Grund auf: Die Autobauer schrauben die Neuwagenpreise in immer neue Höhen!

Dass Autohersteller regelmäßig ihre Preise erhöhen, ist zwar kein neues Phänomen. Doch aus ehemals ein bis zwei Preisrunden im Jahr sind jetzt Erhöhungen im Quartalsrhythmus geworden. Audi hat zum Beispiel in nur eineinhalb Jahren viermal erhöht.

Autopreise steigen schneller als Inflation

Das hat Folgen. So sind die Durchschnittspreise aller in Deutschland angebotenen Modelle und Modell- und Ausstattungsvarianten, also beispielsweise vom Basis-Polo bis zum Polo GTI als Topversion, laut ADAC Datenbank von 44.908 Euro im Jahr 2017 auf 53.525 Euro im Juli 2022 gestiegen. Das entspricht einer Erhöhung von satten 19 Prozent. Die gestiegenen Autopreise erweisen sich also als Inflationstreiber.

Was sind die Gründe für die hohen Autopreise?

Als wichtigster Grund für die Preissteigerungen wird häufig der Chipmangel als Folge von Fehlplanungen in der Corona-Pandemie und damit verbunden stark gestiegene Einkaufspreise angeführt. Ab 2022 hat sich die Preisdynamik mit zusätzlichen Lieferkettenproblemen durch den Ukraine-Krieg nochmals verstärkt.

Lieferschwierigkeiten, Halbleitermangel und gestiegene Einkaufspreise – all das dürfte tatsächlich zu höheren Kosten führen. Doch lassen sich solch hohe Preissteigerungen rechtfertigen, wenn gleichzeitig der Autohersteller Gewinne in Rekordhöhe vermeldet?

Für die steigenden Gewinne sorgt aber neben den genannten Preiserhöhungen auch noch ein anderer Umstand: Durch die Lieferschwierigkeiten sind Pkw zum knappen Gut geworden, die Verkaufsflächen der Autohäuser sind wie leergefegt. Die Folge: Verkaufsfördernde Rabatte gewähren die Hersteller kaum noch. Der Kunde wird also doppelt bestraft – durch lange Lieferzeiten und hohe Preise.

Bleibt noch ein weiterer Grund für die wachsenden Renditen der Hersteller: Einige Hersteller bieten die günstigen Modellvarianten – also solche mit wenig Ausstattung und „schwachen“ Motorisierungen – einfach nicht mehr an. Stattdessen konzentriert sich die Industrie auf gewinnbringende Versionen und Modelle, deren Gewinnmarge höher ist. Kunden, die mit weniger Auto zufrieden wären, finden so keine Angebote mehr.

An fehlenden Halbleitern kann das übrigens nicht liegen, denn gerade teure Modelle mit guter Ausstattung haben davon wesentlich mehr an Bord als günstige. Müsste man dann nicht eher diese aus dem Programm nehmen?

Der günstigste VW Golf kostet nun knapp 30.000 Euro

Beim VW Golf wurden die günstigen Basisversionen gestrichen © Volkswagen

Stand vor einem Jahr noch ein 90-PS-Golf zum Preis von 20.700 Euro in der Liste, ist nun unter 29.560 Euro kein Golf mehr zu haben. Dieses neue „Basismodell“ hat zwar 130 PS. Doch wem auch 90 PS gereicht hätten, muss eine Motorisierung nehmen, die er gar nicht wollte – und muss deutlich tiefer in die Tasche greifen. Der Kleinwagen Polo startet nun bei 19.925 Euro – bis Anfang 2022 gab es ihn noch ab 15.995 Euro.
Andere Hersteller verfahren ähnlich. War ein 100 PS starker Fiat Tipo im Mai 2021 noch ab 17.490 Euro zu haben, gibt es jetzt nur noch die 130-PS-Hybridversion zum Grundpreis von 28.490 Euro. Der ehemals günstige Golf-Konkurrent ist also im Grunde satte 11.000 Euro teurer geworden! Wäre dann beim italienischen Autobauer nicht zumindest der kleine Fiat 500 eine günstige Alternative? Nicht mehr: Sein günstigster Einstiegspreis erhöhte sich durch die "Zwangs-Hybridisierung" von 13.000 (2020) auf 16.500 Euro (2022).

Elektroautos: Wird die Prämie beim Preis einkalkuliert?

Und wie sieht es bei Elektroautos aus? Bei ihnen ist der Trend zu Preissteigerungen oder gleich zu extrem hohen Einpreisungen bei Modellstart zu beobachten. Vor allem seit mit der Innovationsprämie der staatliche Anteil der Förderung verdoppelt wurde, erstaunen die aufgerufenen Preisvorstellungen. So verlangt Renault für seinen Kleinstwagen Twingo in der Elektrovariante doppelt so viel wie für den Twingo mit Verbrennungsmotor. Zusätzliche Elektrovarianten haben gerade die Preise der Kleinstwagen eigentlich die erschwinglichste Fahrzeugkategorie – enorm erhöht: In den letzten fünf Jahren um satte 44 Prozent!

Es mag nachvollziehbar sein, dass sich die teure Antriebsbatterie eben besonders bei den an sich preiswerten Fahrzeugklassen bemerkbar macht. Dennoch erscheint manche Preisgestaltung sehr ambitioniert.

Noch mal das Beispiel Renault Twingo Electric. Sein Listenpreis von aktuell 28.000 Euro ist für den Kleinstwagen mit geringer Reichweite nach Ansicht der ADAC Experten überzogen: Mit diesem Listenpreis wäre der Elektro-Twingo nur schwer zu verkaufen. Rund 18.500 Euro klingen da schon besser – und das ist auch der Preis, den der Kunde bezahlt. Denn beim Twingo wird wie bei allen anderen E-Autos mit einem Netto-Listenpreis unter 40.000 Euro noch 9.570 Euro Förderung abgezogen (6000 vom Staat, der Rest vom Hersteller). Man kann also vermuten, dass der Hersteller die staatliche Förderung von Anfang an einpreist – auf Kosten des Staates bzw. der Steuerzahler.

Ein Einzelfall? Keineswegs, wie der Dacia Spring Electric zeigt – ebenfalls ein elektrischer Kleinwagen aus dem Renault-Konzern. Seine 22.550 Euro (Listenpreis) ist dieses extrem einfach gehaltene, in China gebaute Modell (Note 4,1 im ADAC Test) nach Meinung der ADAC Autotester eigentlich nicht wert. Nur zum Vergleich: Der von der Bauart vergleichbare und sogar größere Dacia Sandero Stepway mit Benzinmotor (Testnote 2,9) kostet realistische 13.850 Euro. Hat der Hersteller also beim Elektroauto die Förderprämie auf den angemessenen Preis addiert?

In anderen Ländern, in denen die staatliche Förderung nicht so hoch wie in Deutschland ausfällt, werden jedenfalls andere Preise aufgerufen: In Frankreich gibt es nur 5346 Euro Ökobonus – der Spring steht daher mit "nur" 19.800 Euro in der Liste. In Belgien kostet er 19.990 Euro (bis 4500 Euro Förderung regional) und in Spanien 20.205 Euro (bis 4500, bei Verschrottung eines Altwagens 7000 Euro Förderung).

Entwicklung 2021/2022: Autopreise explodieren

Mal eben 10.000 Euro teurer: Ford Mustang Mach-E. © Ford

Auch im höheren Preissegment kann man phänomenale Preiserhöhungen beobachten. So stieg der Grundpreis für den elektrischen Ford Mustang Mach-E innerhalb eines Jahres um rund 10.000 Euro: Bei praktisch unveränderter Ausstattung von 46.900 Euro auf 56.500 Euro.
Besonders hohe Preissteigerungen haben sich in den Jahren 2021 und 2022 ergeben, wie die Tabelle unten mit ausgewählten Beispielen zeigt: Ein VW Golf 1.5 TSI verteuerte sich um 10,3 Prozent, das „Billigauto“ Dacia Sandero Stepway um 19,9 und das Familienfahrzeug Škoda Octavia 1.0 TSI um 12,9 Prozent.

Zudem wird die Preisgestaltung für den Autokäufer immer weniger durchschau- und nachvollziehbar: Bei manchen Herstellern gibt es keine Preislisten mehr – weder gedruckt noch auf der Homepage (z. B. bei VW), sondern nur noch unübersichtliche "Konfiguratoren", die am Ende irgendeinen Preis ausspucken. Transparenz sieht anders aus!

Aber: Noch gibt es preiswerte Autos

Dass es auch anders geht, zeigen zumindest ein paar wenige positive Beispiele: Bei all den Preissteigerungen sind vereinzelt günstige Modelle zu finden. Nach wie vor gibt es also einige preiswerte Autos – fragt sich nur, wie lange noch. Hier sind die fünf billigsten Modelle auf dem deutschen Markt:

Modell

Preis ab



Dacia Sandero SCe 65 Access

9.600 €



Hyundai i10 1.0 Pure

11.410 €



Mitsubishi Space Star 1.2 Basis

12.380 €



Fiat Panda 1.0 GSE Hybrid

13.490 €



Kia Picanto 1.0 Edition 7

13.690 €



ADAC fordert Mäßigung bei Preispolitik

Der ADAC betrachtet die exorbitant gestiegenen Neuwagenpreise mit Sorge und fordert die Autoindustrie auf, wieder zu einer moderaten Preispolitik zurückzukehren. Auf der einen Seite staatliche Unterstützung zu erhalten (Innovationsprämie), auf der anderen aber Rekordgewinne einzufahren, Basismodelle zu streichen und durch immer neue Preisrunden keine bezahlbaren Produkte mehr anzubieten, passt nicht zusammen. Mobilität darf nicht zum Privileg für Besserverdienende werden.

Und was kann man als Käufer tun, um den hohen Preisen zu entgehen?

  • Auf den Gebrauchtwagenmarkt ausweichen. Doch Vorsicht: Auch hier haben die Preise im letzten Jahr erheblich angezogen

  • Neuwagenkauf aufschieben. Das alte Auto weiterfahren oder mit einem Auto-Abo oder zeitlich begrenztem Leasing Zeit schinden bis sich der Markt beruhigt. Wann er dies tut, ist jedoch fraglich.

  • Kompromisse eingehen. Eine andere Marke, Kompromisse bei Motor, Ausstattung oder Farbe eingehen oder gleich ein anderes, günstigeres Modell nehmen. Oft reicht eine Nummer kleiner. Checken Sie den tatsächlichen Bedarf.

  • Nach Vorführwagen, Online-Händlern und Re-Importen mit günstigeren Konditionen schauen.

Fachliche Beratung: Martin Ruhdorfer, ADAC Technik Zentrum