Halbleiter-Engpass: Wenn der Neuwagen nicht geliefert werden kann

Arbeiter fertigen im Werk Autos
Die Produktion neuer Fahrzeuge gerät wegen fehlender Mikrochips ins Stocken ∙ © dpa/Bernd Weissbrod

Wer einen Neuwagen bestellt hat, wartet derzeit oft länger als erwartet auf die Auslieferung. Der Grund: Chip-Engpässe bei den Herstellern, Halbleiter sind Mangelware. Was Verbraucher jetzt wissen müssen.

  • Moderne Autos sind auf Halbleiter angewiesen

  • Engpässe als Folge der Corona-Pandemie

  • Kunden müssen sich auf Wartezeit einstellen

Das neue Auto ist bestellt, das alte verkauft, und die Vorfreude auf den Neuen steigt. Doch dann kommt es anders, die Auslieferung des Neuwagens verzögert sich. Hintergrund: Nachdem sich die Autoindustrie von der Corona-Krise wieder erholt hat, droht nun die Chip-Krise – mehrere Millionen Autos können wegen fehlender Halbleiter nicht rechtzeitig gebaut werden. Die Lieferungen von Neuwagen verzögern sich auf unbestimmte Zeit. Von der Produktionsverzögerung sind alle Hersteller betroffen. Was Ihnen als Käufer zusteht, erfahren Sie hier.

Was Halbleiter für Neuwagen so wichtig macht

Ohne Halbleiter wäre kein modernes Fahrzeug mehr denkbar. Halbleiter sind der Hauptbestandteil von Chips, die im Auto verbaut sind und zum Beispiel in Steuergeräten Antrieb und Fahr- oder Bremsverhalten regeln. Sie steuern aber auch Airbags und Assistenzsysteme.

Technisch handelt es sich dabei um Komponenten für Mikrochips, die als Schaltkreise fungieren. Sie besitzen die Eigenschaften von Leitern und Isolatoren (Nichtleitern). Keine modernen technische Geräte kommen ohne sie aus.

Die Autohersteller beziehen die technischen Komponenten der Fahrzeuge zum großen Teil von Zulieferern – diese bekommen aktuell jedoch kaum Halbleiter. Die Folge: Die Produktion vieler Fahrzeuge verzögert sich.

Halbleiter
Ohne sie geht in modernen Fahrzeugen fast nichts mehr: Mikrochips mit Halbleitern ∙ © stock.adobe.com/Edelweiss

Chip-Krise: Wieso es Engpässe bei den Halbleitern gibt

Die Gründe für das Fehlen der wichtigen Bestandteile sind vielfältig. Erschwerend kommt hinzu, dass Chips nur ungern auf Lager gelegt werden. Nicht nur wegen der Lagerkosten, sondern auch, da sie ein Verfallsdatum haben. Also kann man nicht auf Lagerbestände zurückgreifen. Versorgungsengpässe bei Rohstofflieferanten sorgen daher unmittelbar für Probleme. Das Szenario zeichnete sich schon im Laufe des Jahres 2020 ab.

Da wegen der Corona-Pandemie die Autoproduktion zeitweise stillstand, wurden auch die Halbleiter-Bestellungen reduziert und teilweise storniert. Gleichzeitig orderten Hersteller von Unterhaltungselektronik mehr Chips, da diese durch die Pandemie besonders nachgefragt war.

Nun hängt die Autoindustrie hinterher. In einigen deutschen Automobilwerken steht die Produktion komplett still. Belegschaften werden in Kurzarbeit geschickt. Dass sich die Situation auf dem Weltmarkt kurzfristig entspannt, davon geht im Moment niemand mehr aus. Börsen-Analysten wie Vorstandschefs der Automobilindustrie sehen ein Ende des Chipmangels nicht vor dem Ende 2022.

Voraussetzung für Entspannung wäre, dass neue Werke in die Chipherstellung einsteigen und dass die weltweiten Lieferketten reibungslos funktionieren. Dabei geht es um Milliardenumsätze. Zur Einordnung: Allein Apple benötigt soviel Chips wie die weltweite Autoindustrie. Ein regelrechter Verteilungskampf ist entbrannt. Inzwischen ist klar geworden, dass die Auslieferung neu bestellter Halbleiter noch einige Zeit in Anspruch nehmen wird.

Welche Rechte Verbraucher bei den Lieferverzögerungen haben

Ob Verbraucher Rechte trotz der Lieferverzögerungen haben, kommt auf die Vertragsbedingungen an. Wichtig ist, ob ein verbindlicher oder ein unverbindlicher Liefertermin vereinbart wurde.

Viele Händler lassen sich aber nicht auf einen verbindlichen Termin ein, weiß ADAC Clubjurist Klaus Heimgärtner: "Dadurch würden sie bei Überschreitung des Termins sofort in Lieferverzug geraten." Daher werden eigentlich immer unverbindliche Liefertermine vereinbart. "Diese dürfen vom Händler – nach den üblichen Neuwagenverkaufsbedingungen (NWVB) – um sechs Wochen überschritten werden."

Erst nach Ablauf der sechs Wochen besteht die Möglichkeit, den Händler wirksam – am besten schriftlich nachweisbar – aufzufordern, das Fahrzeug zu liefern. Der Händler ist mit Eingang dieser Aufforderung in Verzug. "Nach gängigen Neuwagenverkaufsbedingungen kann der Käufer bei leichter Fahrlässigkeit des Händlers jedoch höchstens fünf Prozent des vereinbarten Kaufpreises als Schadenersatz fordern", so Heimgärtner.

Will der Käufer stattdessen vom Vertrag zurücktreten, muss er dem Händler nach Ablauf der 6-Wochen-Frist eine angemessene Nachfrist von circa zwei Wochen zur Lieferung setzen. Wenn diese Frist erfolglos verstreicht, kann der Kunde den Rücktritt vom Kaufvertrag erklären. Erst vier Monate nach einem unverbindlichen Liefertermin kann der Kunde den Vertrag mit sofortiger Wirkung und ohne weitere Fristsetzung kündigen.

Höhere Gewalt: Gibt es Schadenersatz?

Grundsätzlich sieht es im Ergebnis schlecht aus für eine Schadenersatzzahlung. "Denn den Verkäufer trifft in der Regel kein Verschulden an der Lieferverzögerung durch mangelnde Bauteile beim Hersteller."

Der Händler könnte allenfalls einwenden, dass er wegen höherer Gewalt nicht liefern kann, und damit eine faktische Verlängerung der Lieferzeit um vier Monate (nach den NWVB) erzielen. "Will der Kunde das nicht hinnehmen, muss – nötigenfalls gerichtlich – geklärt werden, ob die Gründe für das Fehlen der Bauteile tatsächlich höhere Gewalt bedeuten", so Clubjurist Heimgärtner. Allein das Fehlen von Bauteilen bei der Produktion wird regelmäßig keine höhere Gewalt sein.

Kunden müssen sich also auf Wartezeiten einstellen. Wie viel länger im Einzelnen auf das neue Fahrzeug gewartet werden muss, lässt sich nicht pauschal sagen und unterscheidet sich von Hersteller zu Hersteller und von Modell zu Modell.

Schon Anfang des Jahres warnte Sven Bauer vor Lieferengpässen bei Microchips. In unserem Interview erklärt der Geschäftsführer der Firma BMZ, wie sich das Problem lösen ließe.