Halbleiter und Kabelbäume knapp: Wenn der Neuwagen nicht geliefert werden kann

Die Produktion neuer Fahrzeuge gerät wegen fehlender Bauteile ins Stocken
Die Produktion neuer Fahrzeuge gerät wegen fehlender Bauteile ins Stocken© dpa/Bernd Weissbrod

Wer einen Neuwagen bestellt hat, wartet derzeit oft lange auf die Lieferung, denn Halbleiter sind weiter Mangelware. Der Krieg in der Ukraine bremst die Fahrzeugproduktion zusätzlich aus. Was Verbraucher jetzt wissen müssen.

  • Moderne Autos sind auf Halbleiter angewiesen

  • Kabelbäume können nicht nachträglich eingebaut werden

  • Engpässe als Folge der Corona-Pandemie

Das neue Auto ist bestellt, das alte verkauft. Doch derzeit verzögert sich die Auslieferung vieler Neuwagen auf unbestimmte Zeit. Der Grund: Nachdem sich die Autoindustrie von der Corona-Krise erholt hat, droht neben den Chipengpässen nun auch Knappheit bei Kabelbäumen – Millionen Autos können wegen fehlender Bauteile nicht rechtzeitig gebaut werden. Was Ihnen als Käufer zusteht, erfahren Sie hier.

Kabelbaumproduktion gedrosselt

Der Krieg in der Ukraine bremst die Fahrzeugproduktion in Deutschland aus. VW, Porsche, BMW, Mercedes-Benz und der Lkw-Hersteller MAN müssen wegen fehlender Teile von Zulieferern aus dem Kriegsgebiet ihre Produktion drosseln. Dabei geht es vor allem um Kabelbäume, bei denen sich der Westen der Ukraine zu einem wichtigen Produktionsstandort entwickelt hat. Es kann Monate dauern, bis Werke an anderen Standorten die Arbeit der ukrainischen Fabriken übernehmen können.

Kabelbäume gehören zu den Bauteilen, die ganz zu Beginn benötigt werden, wenn ein Auto gebaut wird. Fehlen sie, steht die gesamte Produktion still, denn sie können nicht nachgerüstet werden. Halbleiter können häufig auch erst zu einem späteren Zeitpunkt eingebaut werden.

Darum sind Halbleiter für Neuwagen so wichtig

Ohne Halbleiter wäre kein modernes Fahrzeug mehr denkbar. Sie sind der Hauptbestandteil von Chips, die im Auto verbaut sind und zum Beispiel in Steuergeräten Antrieb, Fahr- und Bremsverhalten regeln. Sie steuern außerdem Airbags und Assistenzsysteme.

Die Autohersteller beziehen die technischen Komponenten der Fahrzeuge zum großen Teil von Zulieferern – diese bekommen aktuell jedoch kaum Halbleiter. Die Folge: Die Produktion vieler Fahrzeuge verzögert sich.

Chipkrise: Wieso es Engpässe bei Halbleitern gibt

Ohne sie geht in modernen Fahrzeugen fast nichts mehr: Mikrochips mit Halbleitern © stock.adobe.com/Edelweiss

Die Gründe für das Fehlen der wichtigen Bestandteile sind vielfältig. Chips werden nur ungern auf Lager gelegt. Sie verursachen Lagerkosten und haben ein Verfallsdatum. Die Autoindustrie kann also nicht auf Lagerbestände zurückgreifen. Gibt es Versorgungsengpässe bei Rohstofflieferanten, sorgt das daher unmittelbar für Probleme bei der Autoproduktion. Da wegen der Corona-Pandemie die Autoproduktion zeitweise stillstand, wurden auch die Halbleiterbestellungen reduziert und teilweise storniert. Nun hängt die Autoindustrie hinterher.

In einigen deutschen Automobilwerken steht die Produktion komplett still. Belegschaften werden in Kurzarbeit geschickt. Dass sich die Situation auf dem Weltmarkt kurzfristig entspannt, ist nicht zu erwarten. Dafür müssten neue Werke in die Chipherstellung einsteigen und die weltweiten Lieferketten wieder reibungslos funktionieren. Zur Einordnung: Allein Apple benötigt so viele Chips wie die weltweite Autoindustrie. Die Auslieferung neu bestellter Halbleiter wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen.

Diese Rechte haben Käufer bei Lieferverzögerungen

Welche Rechte Verbraucher bei Lieferverzögerungen haben, hängt von den Vertragsbedingungen ab. Wichtig ist, ob ein verbindlicher oder ein unverbindlicher Liefertermin vereinbart wurde.

Üblicherweise lassen sich die Händler nur auf einen unverbindlichen Termin ein, denn bei einer Überschreitung eines verbindlichen Termins geraten sie sofort in Lieferverzug. Dieser darf vom Händler nach den gängigen Neuwagenverkaufsbedingungen (NWVB) um sechs Wochen überschritten werden.

Erst nach Ablauf der sechs Wochen können Sie den Händler auffordern, das Fahrzeug zu liefern. Das machen Sie am besten schriftlich. Der Händler kommt mit Eingang dieser Aufforderung in Verzug. Nach gängigen Neuwagenverkaufsbedingungen kann der Käufer bei leichter Fahrlässigkeit des Händlers jedoch höchstens fünf Prozent des vereinbarten Kaufpreises als Schadenersatz fordern.

Wollen Sie darüber hinaus vom Vertrag zurücktreten, müssen Sie dem Händler nach Ablauf der 6-Wochen-Frist eine angemessene Nachfrist (ca. zwei Wochen) zur Lieferung setzen. Wenn diese Frist erfolglos verstreicht, können Sie den Rücktritt vom Kaufvertrag erklären. Den Vertrag mit sofortiger Wirkung und ohne weitere Fristsetzung kündigen können Sie erst vier Monate nach einem unverbindlichen Liefertermin.

Höhere Gewalt: Gibt es Schadenersatz?

Für den Käufer scheiden weitergehende Schadenersatzansprüche in der Regel aus, weil den Verkäufer meist kein Verschulden an der Lieferverzögerung durch mangelnde Bauteile trifft.

Viele NWVB sehen außerdem vor, dass sich die Lieferfrist verlängert, wenn zum Beispiel höhere Gewalt oder Betriebsstörungen beim Hersteller oder Verkäufer eintreten. Dann kann der genannte Liefertermin um die Dauer der Störung verlängert werden. Dafür muss in den NWVB aber eine zeitliche Obergrenze genannt sein. Ist das nicht der Fall oder ist die Obergrenze länger als vier Monate, ist die Klausel unwirksam. Es gilt dann die 6-Wochen-Frist. Nach Ablauf der 4-Monats-Frist sollten Sie dem Händler zusätzlich eine Nachfrist von 14 Tagen zur Lieferung des Fahrzeugs setzen. Nach Ablauf dieser Frist haben Sie das Recht, vom Vertrag zurückzutreten.

Ob das Fehlen der Bauteile wie Chips und Halbleiter tatsächlich höhere Gewalt bedeuten, ist bislang gerichtlich nicht geklärt. Käufer müssen sich also auf Wartezeiten einstellen. Wie lange Sie warten müssen, unterscheidet sich von Hersteller zu Hersteller und von Modell zu Modell.

Welche Rechte Käufer haben, wenn der Hersteller die Fahrzeugbestellung storniert.

Alexander Schnaars
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Alexander Sievers
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