Nio ET7: Der Tesla-Jäger kommt

ADAC Redakteur Wolfgang Rudschies und Kris Tomasson, Design-Chef von Nio begutachten die Front des Nio ET7
Kris Tomasson, Design-Chef von Nio (rechts), präsentiert den ET7 ∙ © NIO/Stefan Bösl

Nio bringt den ET7 als Tesla-Jäger nach Deutschland. Allerdings erst Ende 2022 – und noch nicht mit der revolutionären Feststoffbatterie. Erste Daten und Infos zur unfassbaren Reichweite.

  • Elektroantrieb mit 648 PS und 850 Nm Drehmoment

  • Bis zu 1000 Kilometer Reichweite dank neuartiger Feststoffbatterie

  • Fortgeschrittene Assistenzsysteme zum autonomen Fahren

Gut, dass der ADAC zwei in China erhältliche Modelle des Herstellers schon Probe fahren konnte: Der Nio ES6 und der Nio ES8, zwei SUV verschiedener Größen- und Preisklassen, machten auf den ersten Blick einen recht überzeugenden Eindruck. Insofern bestehen angesichts des für das Jahr 2022 angekündigten Modells keine allzu großen Zweifel, dass dessen Technik hält, was sie auf dem Papier verspricht.

Das neue Modell hört auf den Namen ET7 und ist kein SUV, sondern eine 5,10 Meter lange Elektrolimousine. Dass der Nio ET7 schon vor seinem Marktdebüt viel Aufsehen in den Medien erregt, liegt weniger an der Eleganz der Fließheckkarosserie als vielmehr an der kaum fassbaren Reichweite. Und am Vorverkaufspreis in China, der mit umgerechnet 56.500 Euro für das Basismodell angegeben wird.

Elektroauto mit 1000 Kilometer Reichweite

Die Eckdaten der Antriebstechnik sind beeindruckend: 648 PS Systemleistung, 850 Nm Drehmoment, über 1000 Kilometer Reichweite, sobald die Version mit dem größten Akku zur Verfügung steht. Damit soll der Nio ET7 in 3,9 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100 rauschen. Und anders als bei den SUV dürfte auch bei 200 km/h noch nicht Schluss sein. Alles in allem eine deutliche Kampfansage an Tesla.

Weltsensation: Der ET7 mit Feststoffbatterie

Die Batterietechnologie macht den ET7 zum neuen Maßstab unter Elektroautos. Denn neben Lithium-Ionen-Paketen mit 70 kWh für rund 500 Kilometer oder 100 kWh für 700 Kilometer (Werte nach NEFZ) bauen die Chinesen bald auch eine Feststoffbatterie ein – und machen damit vor Tesla oder dem VW-Konzern, der ebenfalls daran arbeitet, den nächsten großen Entwicklungsschritt: 150 kWh groß und mit einem Drittel mehr Energiedichte – 360 Wattstunden pro Kilogramm soll sie eine Reichweite von 1000 Kilometern ermöglichen. Allerdings wird es wohl 2024, bis die Topversion erhältlich sein wird.

Dank Wechselakku keine langen Ladezeiten

Um die Zeit an der Ladesäule auf das Niveau von Verbrennern zu drücken, hat Nio als einziger Hersteller bisher ein System für den Akku-Wechsel installiert: Statt die Akkus an der Säule stehend zu laden, rollen die Nio-Autos in eine Station, die kaum größer ist als eine Waschstraße und ähnlich automatisiert funktioniert. Dort werden binnen weniger Minuten die leeren Akkus ausgebaut und gegen volle ersetzt.

Die ersten paar Dutzend Stationen haben die Chinesen bereits an wichtigen Fernstraßen installiert, bis zum Ende dieses Jahres wollen sie mindestens 500 Wechselpunkte am Netz haben. In die meisten der neu installierten Wechselpunkte, die über 300 Akkupakete vorhalten können, fahren die Autos selbstständig hinein.

Entwicklungsziel: Das vollautonome Fahren

Draufsicht auf den Nio ET7
Der Nio ET7 fährt in Teilen schon autonom ∙ © Nio

Als wären der Preis, die Fahrleistungen, die innovativen Akkus und ihre Wechselstationen nicht schon Argumente genug, will sich Nio auch beim automatisierten Fahren an die Spitze setzen. Dazu dient ein Hochleistungsrechner, der 8 GB Daten pro Sekunde erzeugen und in dieser Zeit 100 Billionen Rechenschritte ausführen kann. Zusammen mit 33 Sensoren inklusive elf hochauflösenden Kameras, fünf Radarsystemen, einem Lidar-Auge sowie Vehicle-to-X-Informationen soll der Supercomputer auf Rädern beim Parken, beim Batteriewechsel, auf der Autobahn bis hin zum chaotischen Stadtverkehr schrittweise für Autonomie sorgen.

Nio startet Verkauf in Europa

Das erste europäische Land, in dem der chinesische Automobilhersteller Nio Elektroautos verkauft, ist Norwegen. Der Nio ES8, ein luxuriöses Elektro-SUV, wird seit September 2021 an Kunden ausgeliefert. Im Jahr 2022 folgt die Limousine Nio ET7. Exklusiver Showroom, aber auch zentrale Begegnungsstätte für interessierte Kunden ist das sogenannte "Nio-House" in Oslo, unweit des königlichen Schlosses. Vier weitere Verkaufs- und Servicepunkte werden über Norwegen verteilt errichtet. Im Großraum Oslo sollen zudem mehrere Akkuwechselstationen installiert werden. Besonderen Wert legt Nio auf den Kundenservice und die Kundenbindung. So ist zum Beispiel geplant, Kundenautos für eine Wartung oder die Reparatur in die Werkstatt abzuholen und wieder zum Kunden zurückzubringen. Das Gesamtkonzept soll ab Ende 2022 auf Deutschland übertragen werden.

Auch wenn Nio den Mund bisweilen etwas voll genommen hat, kann Firmenchef William Li seine erste Limousine aktuell mit reichlich Rückenwind präsentieren. Denn nachdem seine Firma im letzten Jahr – mal wieder – knapp am Konkurs vorbeigeschrammt ist, konnte er sich so viel Investorengeld sichern, dass die Aktienkurse zum Jahresende durch die Decke gegangen sind. Und ein Zulassungsrekord trotz Corona ist auch keine schlechte Basis – selbst wenn sie bei Tesla oder Porsche über knapp 45.000 Autos im Jahr im Moment noch herzlich lachen.

Nio ET7: Leistung und Reichweite

Daten laut Hersteller


Motor/Antrieb

zwei E-Motoren mit einer Gesamtleistung von 480 kW, 850 Nm Drehmoment, Allradantrieb

Akkugrößen

70 / 100 / 150 kWh

Reichweiten (NEFZ)

500 / 700 / 1000 km

Text: Thomas Geiger