Smart #1 im Langzeittest: Wie gut ist der China-Smart?

Seitenansichte eines fahrenden Smart #1
Smart #1: Hübsches Design, aber wie schlägt er sich auf lange Sicht?© ADAC/Wolfgang Rudschies

Als erstes Produkt des Joint-Ventures zwischen Mercedes und Geely aus China kam 2023 der Smart #1 auf den Markt. Pfiffig im Design, technisch interessant und natürlich elektrisch. Ist er auch ein guter Begleiter für den Alltag? Das will die ADAC Redaktion im Langzeittest herausfinden.

Beim ersten ADAC Test feierte der Smart #1 mit einer Gesamtnote von 1,9 einen mehr als passablen Einstand. Doch ganz überzeugen konnte er nicht: Beim ADAC Ausweichtest sahen sich die Tester mit einem nach außen drängenden Heck konfrontiert – was nicht ganz so versierten Fahrern und Fahrerinnen einen ziemlichen Schrecken einjagen kann. Wer steht schon gern quer in der Kurve, wenn er kein Rennfahrer ist?

Das hat der Hersteller genauso gesehen, schnell reagiert und das ESP nachgebessert. Ab Mai 2024 wird die geänderte ESP-Software auch auf Bestandsfahrzeuge ausgespielt. Unseren Smart eingeschlossen, der im März in die Redaktion gerollt ist und noch bis Ende Februar 2025 bleiben wird.

Finden sich noch andere Dinge, die verbessert werden müssen? Das will die Redaktion in Erfahrung bringen. Hier kommt das Langzeittest-Tagebuch, das stetig erweitert wird.

+++ 4.3.2024 +++

Ein Smart #1 fährt von einem LKW
Kleines Auto, großer Lkw: Der Smart #1 rollt in den Ladehof der ADAC Zentrale© ADAC/Jochen Wieler

Überraschung. Plötzlich steht ein riesiger Lkw im Ladehof der ADAC Zentrale. Auf seiner Ladefläche: unser Smart #1! Das zarte Grün steht ihm gut, wie ich finde, doch das ist natürlich Geschmackssache. Bleibt die Frage, warum Smart das Auto mit dem Lkw und nicht auf eigener Achse angeliefert hat. Lange Strecken sollte er ja eigentlich können. Nach WLTP-Norm stehen 440 Kilometer im Prospekt für den 44.900 Euro teuren Smart #1 Premium. Er hat die größte Reichweite der Modellreihe. Was davon in der Praxis übrig bleibt, werden wir noch herausfinden. jw

+++ 8.3.2024 +++

Cockpit im Smart #1
Untermenüs in Hülle und Fülle: Die Bedienung des Smart #1 kommt anfangs einer Reise in ein unbekanntes Land gleich© ADAC/Wolfgang Rudschies

Erste Dienstreise. Das Allererste, das mir mit dem Smart #1 passiert, ist ein Software-Update "over the air". Bestimmt ein Zufall, aber vielleicht will uns der #1 gleich mal zeigen, was er alles Tolles kann?

An die Bedienung muss man sich – wie leider üblich in aktuellen Autos – erst gewöhnen. Aber warum reagiert der Lautstärkeregler am Lenkrad so verzögert? Außerdem sortieren sich die DAB-Radiosender nicht nach Alphabet. Von Zeit zu Zeit ändert sich die Sortierung auch noch wieder anders. Merkwürdig. Richtet sich die Sortierung nach der Empfangsstärke? Keine Ahnung. Der Sound ist aber erste Klasse.

Angesichts des großen Touchdisplays und des Funktionsumfangs fühlt man sich als Fahrer wie ein Kind vor dem Süßwarenregal. So viele Möglichkeiten, so eine Fülle. An sich toll, aber eigentlich ist man damit überfordert. Spurhalteassistent ausschalten? Ins Menü, mehrere Schritte bis zur gewünschten Funktionalität: touchen, scrollen, wegklicken und noch mal bestätigen. Gibt es einen Shortcut?

Das Navi zeigt mir nicht nur die Richtung, sondern auch Spurempfehlungen. Gefällt mir super. Die Route ist in der Grafik dynamisiert durch sich bewegende Richtungspfeile. Irgendwie cool.

Infotainment auf dem Display im Smart #1
Ist der Fuchs traurig, weil er auf einen fernen Planeten verbannt wurde?© ADAC/Thomas Kroher

Aber der Homescreen, der einen Erdball wie im Comic zeigt, den finde ich viel zu verspielt: Die visualisierte Erde ist übersät mit Wolkenkratzern, Straßen, Arenen, Riesengebäuden. Und rechts unten schläft ein Fuchs, der sich irgendwann räkelt, aufsteht, herzhaft gähnt und sich wieder hinlegt. Warum? Weil es interessant aussieht? Ganz ehrlich: Autofahrer sind erwachsene Menschen, keine Kinder. Auch die Bedienung generell würde ich mir anders wünschen. Einfacher, intuitiver, logischer strukturiert. wr

+++ 31.3.2024 +++

Gepäck im Kofferraum des Smart #1
Passt – gerade so: Zwei Golf-Bags samt Trollys© ADAC/Thomas Kroher

Geht knapp. „Entwerfen Sie ein Auto, das Platz für zwei Bauern in Stiefeln und einen Zentner Kartoffeln oder ein Fässchen Wein bietet“. Der Auftrag an den Konstrukteur André Lefèbvre war eindeutig. Das Ergebnis? Der legendäre Citroën 2CV – nach dem obligatorischen VW Käfer war die „Ente“ immerhin mein zweites, heißgeliebtes Auto. Mein Auftrag an die Entwickler wäre auch einfach: „Entwerfen Sie ein Auto, das Platz für zwei Erwachsene mit Golfschuhen und zwei Golf-Bags mit den zugehörigen Trollys bietet. Das haben die Smart-Ingenieure mit dem #1 tatsächlich auch geschafft. Wenn auch nur knapp: Für das Fässchen (alkoholfreien) Wein bei Loch 19 wäre leider kein Platz mehr. kro

+++ 9.4.2024 +++

Türgriff des Smart #1 und Smart Logo auf dem Boden
Noch zögerlich? Der Smart lädt Dich ein, einzutreten© ADAC/Thomas Kroher

Schön, aber problematisch. Klapptürgriffe – oder noch gefährlicher – Klapptürgriffe, die nur elektrisch ausfahren, mögen sicherheitstechnisch nach einem Unfall nicht die cleverste Lösung sein. Aber wenn sie dem Fahrer oder der Fahrerin so stilvoll und elegant entgegenkommen wie die Smart-Griffe, ist man fast geneigt, ein Auge zuzudrücken. kro

+++ 17.4.2024 +++

Heckansicht eines stehenden Smart #1
Sieht nicht danach aus: Der Smart #1 hat 272 PS Leistung und ist echt schnell© ADAC/Wolfgang Rudschies

Tolles Kraftpaket. Auch wenn er nicht besonders sportlich aussieht: Kraft ist beim Smart #1 im Überfluss vorhanden. Das kompakte Elektroauto von 4,27 Meter Länge bietet 200 kW, nach alter Währung 272 PS. Das maximale Drehmoment von 384 Nm ist jederzeit da und spontan abrufbar. So man kann mit dem Smart echt schnell unterwegs sein. Von null auf 100 km/h geht es in nur 6,7 Sekunden, auf der Autobahn schafft der Smartie mühelos 180 km/h. Dann wird die Geschwindigkeit elektronisch abgeregelt. Keine Frage: Der Spaßfaktor beim Fahren ist gewaltig. wr

+++ 18.4.2024 +++

Besserwisser. Würde man doch nur nicht immer wieder über die Bedienung stolpern. Die Probleme scheinen sich auch nicht durch Gewöhnung zu relativieren. Um vor Fahrtbeginn den aktiven Spurhalter zu deaktivieren, muss ich mich wieder durch die verschiedenen Menüebenen quälen. Dabei dauert mir schon das Hochfahren des Hauptbildschirms viel zu lange. Nerviger noch finde ich, dass man die Spracherkennung nach jedem Abstellen des Fahrzeugs neu aktivieren muss. Und zwar im Menü Datenschutzeinstellungen. Was soll das?

Hast Du endlich alles eingestellt und ein Navi-Ziel eingegeben, ereilt Dich das nächste Ärgernis. Weil Du vergessen hast, die nervigen Geschwindigkeitswarnungen auszuschalten. Ich solle, bitteschön, langsamer machen, meint der Smart. Aber wieso? Ich habe mich gerade auf die Autobahn eingefädelt, hier ist keine Tempobegrenzung. Hier seien nur 60 km/h erlaubt. Nein, mein lieber Smartie, das galt an der Auffahrt zur BAB, jetzt aber nicht mehr. Beharrlich zeigt er falsch die 60 km/h an – über viele Kilometer noch. wr

+++ 30.4.2024 +++

Frontansicht eines Smart #1
Frühling ist die schönste Zeit, auch im Smart #1© ADAC/Lena Wilgallis

Kalter Frühling. Die blühenden Rapsfelder täuschen ein bisschen. Diese Woche war es noch recht kalt, was Elektroautos bekanntermaßen nicht so gern mögen. So lag der Autobahnverbrauch bei sechs Grad Celsius bei rund 22 kWh auf 100 Kilometer bei Tempo 120 bis 130 km/h. Nach Adam Riese heißt das weniger als 300 Kilometer Reichweite mit der netto 62,0 kWh großen Batterie. Ein eher mäßiger Wert. Wir sind gespannt, wie sich der Verbrauch bei höheren Temperaturen verhält.

Als sehr angenehm empfinde ich, dass der Deutsch-Chinese sehr gut gedämmt ist. Auch auf der Autobahn geht es im Innenraum sehr ruhig zu, Abroll- und Windgeräusche sind gut weggefiltert. So fährt es sich sehr entspannt! jw

+++ 3.5.2024 +++

Was man übrigens tun sollte, damit einem der #1 keine Fabel-Reichweiten im Display anzeigt: Im entsprechenden Menü die Reichweitenanzeige auf "dynamisch" umstellen, im Werkszustand ist dort "normal" ausgewählt. Erst dann legt der Smart die tatsächliche Fahrweise zugrunde und zeigt nicht mehr die unrealistische Reichweite an, die er auf dem Prüfstand nach WLTP hätte. jw

+++ 16.05.2024 +++

Ein Strassenschild mit der Geschwindigkeitsbegrenzung von 80 km/h am 21. Mai 2022 auf einer Strasse in Brandenburg.
Endgegner Verkehrsschild: Der Autobahnalltag überfordert den Smart häufig© dpa/Rainer Keuenhof

Alles im Blick? Kameras können heutzutage super präzise und dadurch sehr hilfreich sein. Der amerikanisch-deutsche Doppelsatellit GRACE beispielsweise hat mit seinen Kamerabildern aus 500 Kilometern Höhe (!) ganz genau erfasst, dass die globale Gletschermasse zwischen 2003 und 2009 jährlich um exakt 259 Gigatonnen abnahm.

Was hat das mit dem Smart #1 zu tun? Eigentlich nichts, oder besser gesagt: Leider nichts. Denn trotz der Armada an Kameras, die am Fahrzeug verbaut wurden, ist dem System das Erkennen der nur wenige Meter entfernten Tempolimitschilder immer wieder unmöglich. Deshalb bewegt man sich mal durch Tempo-30-Zonen mitten auf der Autobahn, mal wird hartnäckig vor einem 110 km/h-Limit gewarnt, das schon lange aufgelöst wurde.

Von den lästigen Warnungen genervt, die das System deswegen produziert, sollten es Fahrerinnen und Fahrer daher getrost ausschalten dürfen. Leider scheint diese Funktion nur theoretisch zu bestehen, die warnende Durchsage erklingt auch, wenn man sie (offenbar erfolglos) deaktiviert hat. gkro