Car2X: Wie Kommunikationstechnik Unfälle komplett verhindern könnte

Achtung, Gefahrenstelle! Der VW Golf schickt einen Warnhinweis ∙ Bild: © ADAC/Ralph Wagner, Video: © ADAC e.V.

Klingt sperrig, ist aber enorm wichtig: Car2X-Kommunikationssysteme können Unfälle komplett verhindern. Die Technik funktioniert – bisher aber nicht flächendeckend. Denn die Autohersteller nutzen unterschiedliche Übertragungstechniken. Der aktuelle Stand.

  • In diesen Situationen warnen Car2X-Systeme

  • ADAC Test: Car2X im VW Golf 8

  • Herstellerstreit: WLAN oder Mobilfunk

Unfälle gar nicht erst passieren lassen: Das verspricht die neue Technik Car2X (sprich Car-to-X) bzw. C2C (Car-to-Car), die der VW Golf 8 als erstes Massenauto serienmäßig an Bord hatte. Das Prinzip: Die Autos erkennen dank ihrer vielen Sensoren Gefahren – und warnen andere Verkehrsteilnehmer in der Nähe automatisch. Das funktioniert gut, wie ein groß angelegter ADAC Test mit dem Golf 8 gezeigt hat.

Inzwischen werden Car2X-Systeme sowohl in allen neueren Modellen von Volkswagen als auch bei Ford und Volvo serienmäßig verbaut. Optional ist Car2X bei Audi, BMW, Mercedes und Cupra erhältlich. Weitere Hersteller werden voraussichtlich nachziehen.

Das eröffnet die Möglichkeit, Warnhinweise hersteller- und modellübergreifend unter allen Neufahrzeugen auszutauschen – und wäre ein enormer Gewinn für die Sicherheit im Straßenverkehr. Doch leider steht diese Hoffnung noch ein wenig in den Sternen. Das Problem: Die Hersteller nutzen bislang unterschiedliche Übertragungstechniken.

Die Car2X-Technik ist für Verkehrssituationen entwickelt worden, in denen der Fahrer oder die Fahrerin ohne einen solchen Warnhinweis nur sehr spät oder überhaupt nicht mehr reagieren können. Und solche Gefahrensituationen gibt es eine ganze Reihe: Wenn zum Beispiel durch Regen oder Nebel schlechte Sicht herrscht, und plötzlich ein am Fahrbahnrand stehendes Auto auftaucht. Oder das Stauende auf der Autobahn hinter einer Kuppe liegt.

Auch Einsatzfahrzeuge von Feuerwehr und Rettungsdiensten, Warnanhänger oder Ampeln können die Technologie nutzen. Denn Car2X umfasst sowohl die Kommunikation zwischen Fahrzeugen (Car-to-Car) als auch den Informationsaustausch mit der Infrastruktur (Car-to-Infrastructure).

Car2X im VW Golf 8: ADAC Test

Der ADAC hat Car2X Mitte 2023 am Beispiel des VW Golf 8 getestet. In Gefahrensituationen wird per pWLAN-Funk eine Warnung direkt an andere Autos in bis zu 800 Metern Entfernung gesendet – quasi verzögerungsfrei. Natürlich müssen diese Fahrzeuge auch ein Steuer- und Empfangsgerät für Car2X an Bord haben, damit sie eine Warnung bekommen. Das elektronische Steuergerät des VW Golf 8 hat in etwa die Größe einer Tafel Schokolade, lässt sich prinzipiell in alle neuen Modelle integrieren und sendet keine Daten an den Hersteller.

Inzwischen ist die Technik und Sensorik schon wieder ein Stück weiter: So kann der Volkswagen ID.7 vor neun zusätzlichen Gefahren-Situationen warnen: Hindernis, Tier, Person, starker Wind, rutschige Fahrbahn, Sichteinschränkung, Stau, Geisterfahrer (in falscher Richtung unterwegs) und langsames Fahrzeug.

Car2X im Einsatz bei den Gelben Engeln

Auch die ADAC Straßenwacht testet bereits Car2X. Dazu wurden in der Landsberger Elektronikwerkstatt vier Prototypen damit ausgerüstet. Diese kamen anschließend in ihre Einsatzgebiete nach Hamburg, Stuttgart und Niedersachsen. Die Car2X-Technik ist im Dachbalken untergebracht.

Projektleiter Jürgen Mayr: "Es werden zwei unterschiedliche Systeme getestet, um herauszufinden, welches am besten funktioniert."

Dr. Alexander Kempf, Leiter Flotten- und Technologiemanagement, ergänzt: "Sie können nicht nur Gefahrenmeldungen aussenden, sondern auch die von anderen Car2X-Autos empfangen, um selbst vor Stau, Unfall, Baustelle, Panne oder schlechtem Wetter gewarnt zu werden."

C2C: Warnung vor stehendem Fahrzeug

Das Auto mit einer Panne warnt den nachfolgenden Verkehr© ADAC e.V.

Die Versuche mit einem Golf 8, der am Straßenrand steht, wurden auf gerader, ebener Fahrbahn sowohl ohne als auch mit Verdeckung gefahren. Das Ergebnis der Messungen: Jeweils elf Sekunden vor der potenziellen Kollision warnte der Golf mittels eines akustischen Signals und einer Einblendung im Display den Fahrer des zweiten Golf 8 vor der Gefahrenstelle. Eine Verdeckung durch ein vorausfahrendes Fahrzeug (im Versuch ein ADAC Pannenhilfe-Fahrzeug) änderte nichts an der Auslösezeit.

Bei 100 km/h Annäherungsgeschwindigkeit bedeuten die elf Sekunden Vorwarnzeit, dass die Warnung das nachfolgende Fahrzeug etwa 300 Meter vor der Unfall- oder Pannenstelle, bei 120 km/h schon 370 Meter vor dieser Stelle erreicht. Das gibt dem Fahrer bzw. der Fahrerin genug Entscheidungsspielraum, umsichtig zu verzögern oder – falls nötig – rechtzeitig vor der Gefahrenstelle anzuhalten.

Allerdings stellte der ADAC bei den Versuchen fest, dass die Warnung dem Fahrer bzw. der Fahrerin erst bei Geschwindigkeiten über 90 km/h angezeigt wird. Als Grund hierfür nennt VW, dass die Gefahr vor allem bei höheren Geschwindigkeiten größer wäre, weil es dann für (automatische) Notbremssysteme schwieriger wird, einen Unfall zu vermeiden.

Car2X: Warnung vor einer Baustelle

Für dieses Szenario wurde ein Baustellen-Warnanhänger mit Car2X ausgestattet, der damit Warnungen an den heranrollenden Verkehr aussenden kann. Und tatsächlich: Der Anhänger warnte den sich annähernden Golf mehr als zehn Sekunden vor dem potenziellen Aufprall – der Fahrer konnte also noch rechtzeitig bremsen oder ausweichen.

C2C: Warnung bei Notbremsung

Auf Autobahnen kommt es häufig durch starke Bremsmanöver des Vordermanns zu kritischen Situationen für die folgenden Autos. Bei zu geringem Sicherheitsabstand kann zwar ein automatisches Notbremssystem einen Unfall verhindern oder zumindest die Aufprallenergie minimieren. Doch bei größeren Abständen zum Vordermann ist es sinnvoll, eine Warnung schon weiter im Vorfeld zu senden, die zu einer Entschärfung der Situation führt. Der vom ADAC getestete Golf 8 sendet deshalb direkt eine Warnung an den nachfolgenden Verkehr aus, sobald eine Vollverzögerung eingeleitet wird.

Warnung vor Einsatzfahrzeugen

Einsatzfahrzeug voraus
Das nicht sichtbare Einsatzfahrzeug setzt eine Warnung vor der Kreuzung ab © ADAC.e.V.

Hier wurden Situationen mit Rettungs- und Einsatzfahrzeugen untersucht, die eine freie Fahrspur benötigen, um möglichst schnell zum Einsatzort zu gelangen. Voraussetzung ist dann natürlich, dass sich im Einsatzfahrzeug ein entsprechendes Car2X-Steuergerät befindet. Bislang das Problem: Fahrer und Fahrerinnen, die im Stau stehen, erkennen das sich nähernde Rettungs- oder Einsatzfahrzeug erst spät – trotz Martinshorn meist etwa vier Autolängen vorher.

Eine frühzeitige Information soll ermöglichen, die Rettungsgasse frei zu halten. Oder: Bei Unfällen, die sich im Bereich von Kreuzungen und Einmündungen ereignen, wird die Vorfahrt oder Ampelschaltung oft außer Kraft gesetzt. Hier könnte eine rechtzeitige Warnung ausgegeben werden, um vorfahrtberechtigte Fahrzeuge zu warnen.

Im Test gab sich das verdeckt herannahende Rettungsfahrzeug schon im Vorfeld als solches zu erkennen und teilte diese Information dem Verkehrsumfeld mit. Die Warnung wird nach allen Seiten ausgesendet und kann somit vom kreuzenden, nachfolgenden und entgegenkommenden Verkehr aufgenommen werden. Je nach Art der baulichen Umgebung sind hier Distanzen von über 300 Metern Übertragungsweite möglich.

Warnung vor Unfallfahrzeug hinter Kurve

Pannenfahrzeug hinter der Kurve
Das Unfallfahrzeug steht nicht sichtbar hinter einer Kurve© ADAC e.V.

Eine kurvenreiche, schmale Landstraße führt durch ein Waldstück und verdeckt somit den Blick hinter die nächste Kurve, wo ein Unfallfahrzeug steht. Dieses Szenario wurde außerhalb des Testgeländes auf einer öffentlichen Straße durchgeführt. Auch in dieser Situation kam die Warnung an den nachfolgenden Verkehr rechtzeitig. Eine mögliche Sendeeinschränkung durch den Wald konnte nicht festgestellt werden.

Das könnte Car2X leisten

Car2X in einem Mercedes
Car2X bei Mercedes: Warnung vor einem Polizeifahrzeug von rechts© Mercedes

Durch die Ausstattung neuer Modelle mit Car2X hat VW einen Meilenstein für die Verkehrssicherheit gesetzt. Auch dass weitere Hersteller – vor allem die deutschen – sich dem guten Beispiel angeschlossen haben, ist ein Erfolg. Die meisten Importmarken sind jedoch nicht dabei. Und für eine flächendeckende Durchdringung müssten mehr oder weniger sämtliche Hersteller mitmachen.

Zukünftig wäre auch denkbar, dass Fußgänger und Fußgängerinnen sowie Radfahrer und Radfahrerinnen mit einem Car2X-Modul geschützt werden, und dass Ampeln den Fahrern und Fahrerinnen Hinweise für die grüne Welle in Echtzeit übermitteln.

Zum Systemstreit unter den Herstellern

Ein Streit der Hersteller über die richtige Übertragungstechnologie – pWLAN oder Mobilfunk – verhindert, dass sich alle Car2X-Autos im Verkehr miteinander verständigen können. Der ADAC fordert daher, dass die Funksignale herstellerübergreifend vereinheitlicht werden, sodass alle damit ausgerüsteten Verkehrsteilnehmer davon profitieren können.

Car2X und der Datenschutz

Bei der Car2X-Kommunikation werden zwangsläufig große Datenmengen erfasst, ausgetauscht und verarbeitet. Und zwar nicht nur in den Fahrzeugen, sondern auch in der Verkehrstechnik sowie in den Backends der Hersteller und bei den Mobilfunkanbietern, wenn keine Direktkommunikation zwischen Auto und Auto verwendet wird. Ohne weitreichende Datenverarbeitung kann eine Vernetzung nicht wirksam werden.

Um andererseits potenziellem Datenmissbrauch einen Riegel vorzuschieben, ist die europäische Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) einzuhalten. Außerdem muss der Fahrer bzw. die Fahrerin wissen, wann welche Daten zu welchem Zweck erhoben werden. Darüber hinaus muss er bzw. sie selbst entscheiden können, welche vom Hersteller angebotenen Dienste er bzw. sie nutzen möchte, und welche Daten dieser verwenden darf. Nicht zuletzt muss die eingesetzte IT stets auf dem aktuellen Stand der Sicherheitstechnik sein, um Manipulationen zu verhindern und mögliche Sicherheitslücken aufzudecken.

Das läuft bei Car2X noch nicht perfekt

  • Die Zeit, bis eine Warnung ein anderes Auto erreicht, unterscheidet sich bei den Herstellern stark und reicht von 0,1 Sekunden bis zwei Minuten – wobei letzterer Wert für viele Situationen (wie Stauende hinter einer Kurve) viel zu langsam ist.

  • Verschiedene Übertragungstechnologien verhindern derzeit, dass sich Autos aller Hersteller untereinander warnen können.

  • Warnungen können nicht weitergegeben werden, wenn sich das Auto in einem Mobilfunkloch befindet.

  • Die Zahl der Gefahrensituationen, vor denen gewarnt wird, unterscheidet sich von Hersteller zu Hersteller.

  • Bei manchen Fahrzeugen werden nur Gefahren in Fahrtrichtung voraus angezeigt, in anderen alle Gefahren im Umkreis von fünf Kilometern (Mercedes). Letzteres führt möglicherweise zu einer Reizüberflutung und wäre damit kontraproduktiv.

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Forderungen des ADAC an die Hersteller

  • Die Hersteller sollten sich rasch auf eine Übertragungstechnik einigen.

  • Car2X sollte zur Serienausstattung neuer Pkw gehören.

  • Warnungen müssen ohne zeitliche Verzögerung übermittelt werden.

  • Sicherheitsrelevante C2X-Funktionen sollten keine Folgekosten hervorrufen.

  • Die Funktion darf nicht durch Funklöcher im Mobilfunknetz eingeschränkt werden.

  • Auch Warnschilder und Einsatzfahrzeuge von Rettung, Feuerwehr und Polizei sollten mit Car2X ausgestattet werden.

ADAC Tipps für Autokäufer

  • Fragen Sie beim Fahrzeugkauf direkt nach Car2X – das fördert die Verbreitung dieser wichtigen Technik zur Verhinderung von Unfällen.

  • Schalten Sie Car2X ein, falls es beim Neuwagen aus Datenschutzgründen noch nicht aktiviert sein sollte.

Welche Hersteller Car2X anbieten und welche nicht (Stand: Mai 2023)
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Fachliche Beratung: Arnulf Thiemel, ADAC Technik Zentrum