Energiewende: Wie Elektroautos das Stromnetz stabilisieren

23.1.2019

Die schwankende Stromproduktion macht den Hochspannungsleitungen zunehmend Probleme. Netzbetreiber Tennet erklärt, warum – und wie man mit Elektroautos etwas dagegen tun kann

Nissan Leaf steht vor einer Ladesäule
Vehicle to Grid (V2G): Nissan Leaf als Stromgeber
  • Der Anteil erneuerbarer Energien am Strommix in Deutschland steigt stetig
  • Nun wird untersucht, ob Elektroautos zum Netzausgleich beitragen können
  • "Vehicle to Grid": Elektroautos werden vom Stromnehmer zum Stromgeber

 

Die Stromschwankungen im Netz wachsen mit zunehmendem Anteil erneuerbarer Energie. Mal drücken Sonne- und Windstrom massiv in die Leitungen, mal ist vom grünen Strom so gut wie nichts vorhanden. Das stellt die Betreiber von überregionalen Hochspannungsleitungen vor technische und organisatorische Probleme. Die ADAC Motorwelt hat die Pressesprecherin des Übertragungsnetzbetreibers Tennet, Ulrike Hörchens, gefragt, wo die Probleme liegen, was ihre Firma dagegen tut und wie Elektroautos bei der Lösung eine Rolle spielen könnten. 

Dem Stromnetz droht Überlastung 

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Schaltleitung
Die Steuerzentrale beim Netzbetreiber Tennet

ADAC Motorwelt: Die Aufgabe von Tennet ist es, die Stromnetze zuverlässig zu betreiben. Nun macht die Erzeugung von Strom aus Wind und Sonne zunehmend Probleme. Warum ist das so?

Ulrike Hörchens: Die Stromnetze müssen mehr Strom über weitere Entfernungen transportieren, weil Wind- und Solarstrom eben nicht dort erzeugt werden, wo man sie braucht. Dazu bauen wir das Netz aus, aber das dauert. Außerdem schwankt diese Stromerzeugung stark, weil sie wetterabhängig ist. Und deshalb gibt es Zeiten, in denen wir mehr Strom transportieren müssen, als unsere Leitungen schaffen. Man kann sich das als Stau auf der Stromautobahn vorstellen. Aber wir dürfen es erst gar nicht zum Stau kommen lassen, wir müssen ihn verhindern. Gäbe es einen Stau, würde also eine Leitung mehr transportieren als ihre Kapazität erlaubt, dann würde sie "auslösen", das heißt, sich abschalten. Und das könnte zu einem Ketteneffekt bei anderen Leitungen und schließlich zu Stromausfällen führen. 

Was tut Tennet, damit der Blackout nicht passiert?

Es fängt an mit Prognosen darüber, was in den nächsten Tagen an Einspeisung von Wind- und Sonnenstrom kommen kann. Mit diesen Daten berechnen wir, ob und wo es Transportengpässe geben kann. Und leiten dann Maßnahmen ein, die diese Engpässe auflösen, etwa indem wir konventionelle Erzeugung verlagern.

Wenn der Wind bläst, werden Kraftwerke abgeschaltet

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Statistik der Entwicklung des Anteils erneuerbarer Energien am Bruttostromverbrauch in Deutschland
Es geht voran: Immer mehr Strom aus Wind und Sonne

Wie muss man sich das vorstellen?

Ein Beispiel: Wir haben im Norden einen Tag mit hoher Windeinspeisung, und dieser Windstrom drückt in die Leitungen. Dann weisen die Mitarbeiter in unseren Schaltleitungen Kraftwerke in Norddeutschland an, weniger zu erzeugen. Das verringert die Strommenge, die wir auf den belasteten Leitungen transportieren müssen und verhindert einen Stau.

So einfach ist das?

Leider nicht. Der Strom ist ja schon am Tag vorher verkauft worden und wird gebraucht. Deshalb müssen wir im Süden andere Kraftwerke anweisen, dass sie mehr erzeugen, damit wieder die Strommenge vorhanden ist, die benötigt wird. Das Ganze, diese Verlagerung von Erzeugung, nennt sich Redispatch und ist etwas, das wir tagtäglich machen. 

Tagtäglich?

Ja, tagtäglich. Mittlerweile reicht Redispatch sogar oft nicht aus, um Staus vorzubeugen, sodass wir auch Windenergie abregeln müssen. Die Windmüller werden dafür aber entschädigt, genauso wie die Kraftwerksbetreiber, deren Kraftwerke wir für Redispatch nutzen. Die Kosten für diese netzstabilisierenden Maßnahmen lagen im Jahr 2017 bei 1,4 Milliarden Euro im Jahr. Sie landen letztlich auf den Stromrechnungen von uns allen.

Elektroautos als Pufferspeicher

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Nissan Leaf lädt an einer Ladesäule
Strom rein, Strom raus: Bidirektionale Ladesäule

Welche Auswege gibt es?

Wir untersuchen in Pilotprojekten. Und da kommt die Elektromobilität ins Spiel. Die Frage ist, wie können wir die Batteriespeicher von Elektrofahrzeugen nutzen, um das Netz zu stabilisieren. Wie können wir mit diesen Batterien Strom aus dem Netz nehmen und auch wieder ins Netz einspeisen, um Transportengpässe zu beheben?

Haben Sie dafür schon konkrete Ansätze?

Wir sind dabei, das in einem Pilotprojekt mit Nissan und dem Energiedienstleister Mobility House zu testen. Denn die Batterien des Nissan Leaf sind bidirektional ausgelegt. Das heißt, sie können Strom aus dem Netz ziehen, aber auch wieder ins Netz abgeben. Und genau das brauchen wir, weil wir so Engpässe im Netz über die automatisierte Steuerung des Lade- und Entladevorgangs entlasten können. Einfach gesagt, erhalten die Nissan Leafs, die wir während der Projektphase in Norddeutschland nutzen, an windreichen Tagen ein Signal und laden ihre Batterie, nehmen also Strom aus dem Netz. Im Süden erhalten die dort stationierten Nissan Leafs Signal, Strom an das Netz abzugeben. Das ist das Prinzip des Redispatchs und entlastet nicht nur das Netz, sondern hilft uns auch, die teure Abregelung von Windanlagen zu begrenzen.

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Portrait von Ulrike Hörchens
Stromexpertin: Ulrike Hörchens, Pressesprecherin von Tennet

Warum sollten Besitzer der Autos in Zukunft solche Eingriffe zulassen? Werden die sich nicht verweigern, wenn sie keinen Vorteil davon haben?

Das ist tatsächlich ein Problem. Denn Stand heute gibt es noch keine Anreize für Autobesitzer, sich an netzdienlichen Systemen zu beteiligen. Das ist eine Aufgabe für die Politik und die Regulierungsbehörde. 

Wann ist mit Ergebnissen aus dem Projekt zu rechnen?

Im Laufe des Jahres 2019. Dann werden wir wissen, ob wir die bidirektional ladbaren E-Autobatterien für Redispatch nutzen können und welche Prozesse dafür nötig sind. Und dann wären wir schon einen guten Schritt weiter. 

Interview: Wolfgang Rudschies. Fotos: PR.

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