Mercedes EQE im Fahrbericht: Das Beste oder nichts

Der elektrische Mercedes EQE: Die Form wird "One-Bow-Design" genannt
Der elektrische Mercedes EQE: Die Form wird "One-Bow-Design" genannt© Mercedes

Der Mercedes EQE scheint dem Marken-Slogan alle Ehre zu machen: Mit viel Komfort und etlichen Technik-Leckerbissen. Testfahrt, Daten, Preise.

  • Mercedes EQE: Antriebs-Plattform weitgehend vom Bruder EQS

  • Raffinessen mit hohem technischen Anspruch

  • Mit 90-kWh-Akku fast 650 Kilometer Reichweite

Das Beste oder nichts – dieser Werbeslogan stammt zwar aus dem Jahr 2010, er beschreibt den Anspruch von Mercedes aber nach wie vor sehr treffend. Ganz besonders, wenn es um die Topmodelle aus Stuttgart geht. Und zu denen gehört der neue Mercedes EQE zweifellos.

Technischer Vorreiter des Mercedes EQE ist die elektrisch angetriebene Luxuslimousine EQS. Alles, was man für sie an technischen Finessen entwickelt hat, kommt nun auch Kunden zugute, die sich in einer (Preis-)Klasse tiefer bewegen. Aber um es vorweg zu nehmen: Spürbar schlechter fahren sie damit nicht, wie die erste Testfahrt mit dem Mercedes EQE 350+ zeigt.

Mercedes EQE als kleiner Bruder des EQS

Was unterscheidet den EQE vom EQS? Zunächst einmal der um neun Zentimeter kürzere Radstand. An zweiter Stelle der um zwei Batteriemodule verkürzte Akku, damit der Block problemlos zwischen die Achsen passt. Und drittens der Kofferraumdeckel, der unter der Heckscheibe einen Knick nach oben macht. Beim Mercedes EQS schwingt der Heckdeckel mitsamt des Fensters auf. Das war's konstruktiv aber schon mit den Unterschieden.

Reduzierter Akku, trotzdem große Reichweite

Und wie wirken sich die Unterschiede aus? Die kürzere Karosserie verursacht einen etwas schlechteren Cw-Wert. Statt 0,20 wie beim EQS beträgt er beim EQE 0,22. Zusammen mit der um rund 17 kWh kleineren Batterie muss sich das in einer reduzierten Reichweite niederschlagen. Andererseits hat der EQE den Vorteil des geringeren Gewichts. Insofern verwundert es nicht, dass der Mercedes EQE auf eine Reichweite von immerhin bis zu 639 Kilometer nach WLTP-Maßstab kommt.

Für eine gute Reichweite spielt neben einer effektiven Energierückgewinnung ("Rekuperation") das ausgeklügelte Thermo-Management des EQE eine tragende Rolle. Die Technik hat, wie man im ADAC Vergleich zwischen verschiedenen Elektroautos feststellen kann, eine zentrale Bedeutung. Besonders im Winter.

So clever funktioniert das Thermo-Management des EQE

Das Thermo-Management im Mercedes EQE arbeitet mit drei Regelkreisen: Der eine kühlt den gesamten elektrischen Antriebsstrang, also den E-Motor, das Getriebe, die Leistungselektronik sowie alle Ladekomponenten. In diesem Regelkreis wird zum Beispiel das nach dem Start kalte und zähflüssige Getriebeöl durch die sich im Betrieb schneller erwärmenden Elektrokomponenten auf Temperatur gebracht.

Aber das ist noch längst nicht alles an Zusammenspiel. Mit dem Antriebs-Kühlkreislauf ist nämlich der Heizkreislauf für den Innenraum gekoppelt. Geheizt wird zunächst elektrisch, aber sobald genügend Abwärme im Triebstrang vorhanden ist, wird die genutzt. Und so sei oberhalb von fünf Grad Außentemperatur meist gar keine Zuheizung mehr nötig, sagt Mercedes.

Ein dritter Kreislauf ist für die Batterie zuständig. Muss die Batterie (speziell im Winter) geheizt werden, geschieht das mittels eines Hochvolt-Zuheizers, muss sie gekühlt werden (im Hochsommer oder während des Ladens) springt der Kreislauf der Klimaanlage zu Hilfe.

Folge: Durch Wärmeaustausch auf allen Ebenen tariert Mercedes die Temperaturniveaus aus. Das Gesamtsystem wird effizienter.

Der unter idealen Bedingungen ermittelte WLTP-Verbrauchswert von 16,3 kWh ist freilich in der Realität stets schwer zu erreichen. Während der Testfahrt pendelte sich der Bordcomputer dann auch eher zwischen 20 und 21 kWh ein. Eine helle Freude macht, wie der EQE auf Wunsch des Fahrers beschleunigt, segelt oder auch rekuperiert. Und wenn der Fahrer nicht aktiv eingreift, regelt das Auto das alles automatisch.

Dafür sorgt der sogenannte Eco Assistent. Das schlaue System passt die Rekuperation an die Verkehrsverhältnisse an. Je nach Situation wird schwächer oder stärker verzögert: Wenn der EQE auf einen vorausfahrenden Wagen aufläuft; wenn sich eine scharfe Kurve nähert oder wenn demnächst Halt an einer Kreuzung gemacht werden muss. Ein vorausfahrendes Auto erkennt der EQE per Kamera und Radar. Auf nahende Kurven, Kreuzungen oder auch Tempolimits kann der EQE reagieren, weil das System mit dem Navi zusammenarbeitet.

360-Grad-Blick in den Mercedes EQE

Überhaupt stellt sich im EQE sofort dieses typische Mercedes-Fahrgefühl ein. Mit EQS und EQE haben es die Stuttgarter Ingenieure auch in die Zeit der Elektromobilität übertragen: Das Auto ist komfortabel gefedert, leise im Innenraum, smooth beim Abrollen der Reifen. Man erkennt die Marke quasi mit verbundenen Augen. Noch eher neu ist die gegen Aufpreis erhältliche Hinterachslenkung, die den Mercedes EQE in Kurven und beim Rangieren ungewohnt wendig und agil macht.

Die ebenfalls optionale Luftfederung wird von einer Sensorik gesteuert, die die Luftfederbälge und die adaptiven Dämpfer je nach Fahrbahnbeschaffenheit automatisch so einstellt, dass eventuelle Unebenheiten weitgehend weggebügelt werden. Quasi als Selbstverständlichkeit gibt es je nach persönlichem Fahrstil und Laune wählbare Fahrprogramme von sparsam ("Eco") über komfortabel ("Comfort") bis sportlich ("Sport"). Auch ein Offroadmodus mit verschiedenen Einstellungen ist möglich.

Die Bequemlichkeit für den Fahrer eines EQE wird allerdings durch allerlei digitalen Firlefanz gestört. Displays an jeder Ecke und in voller Breite gieren stets nach Aufmerksamkeit. Alle möglichen Funktionen lassen sich konfigurieren. Wer sich ungeschickt anstellt, bekommt die gleichen Informationen an drei verschiedenen Stellen – dem Fahrer- dem Mittel- und dem Head-up-Display – in unterschiedlichen Dosen und Darreichungsformen. Aber es gibt einen Ausweg, sich mit alldem nicht beschäftigen zu müssen: Indem man einfach die Sprachbedienung nutzt. Und man muss zugeben, dass die Verständigung inzwischen sogar in freier Sprache (ohne eingeübte Kommandos) recht gut funktioniert.

Top: Die Geräuschdämmung des Elektroautos

Mercedes EQE: Fast fünf Meter lang – und himmlisch leise © Mercedes

Auf der Rücksitzbank des EQE sitzt man weitgehend bequem, obwohl die Knie von Erwachsenen ein wenig hoch stehen, denn die Sitzfläche fällt nach hinten ab. Die Beinfreiheit dagegen ist gut, die Kopffreiheit mindestens okay. Was Leseratten aus dem analogen Zeitalter besonders gefallen dürfte: die Zeitschriftenfächer an der Rückseite der Vordersitze. Der Kofferraum nimmt laut Mercedes 430 Liter Gepäck auf, das ist in dieser Klasse ein eher mäßiger Wert. Für mehr Transportbedarf lassen sich die Rücksitzlehnen geteilt umklappen.

Zum Wohlfühlkomfort trägt auch die aufwendige Geräuschdämmung bei. So wurden Hohlräume der Karosserie mit Akustik-Schaum gefüllt. Außerdem, so Mercedes, seien die hochfrequenten Anteile des Windgeräusches durch verbesserte Dichtungen an den Türgriffen, den Scheiben und den Außenspiegeln reduziert worden. Spezielle Verbundglasscheiben und Dämmung im Innenraum runden das Paket ab.

Der Mercedes EQE im Video

Bild: © Mercedes, Video: © ADAC e.V.

Akku-Garantie von bis zu 10 Jahren

Die maximale Ladeleistung an der DC-Schnellladesäule beträgt 170 kW. Das ist deutlich weniger als mit dem Hyundai Ioniq 5 oder mit einem Porsche Taycan möglich ist. Mercedes betont aber, dass die Ladeleistung sehr lange hoch gehalten werde. Inwieweit das stimmt, wird erst ein kommender ADAC Test zeigen. Beim AC-Laden an der Wallbox oder der Ladesäule in der Innenstadt kann dreiphasig mit bis zu 22 kW geladen werden.

Zum bidirektionalen Laden ist der EQE zumindest in der Lage, funktionieren wird es zunächst aber nur in Japan. Das heißt: japanische Kunden können den Akku des EQE als Zwischenspeicher nutzen und aktuell nicht benötigte Energie an einen anderen Verbraucher abgeben oder ins Stromnetz zurückspeisen. Wann die Technik in Deutschland an den Start geht, ist nicht bekannt.

Über das Normalmaß hinaus gewährt Mercedes eine Akku-Garantie von bis zu 10 Jahren oder 250.000 Kilometern. Bei anderen Herstellern sind meist Laufzeiten von acht Jahren und 160.000 Kilometer üblich.

Viel Technik unter der Motorhaube

Mercedes EQE 350+: Geräumig und bis zu 210 km/h schnell © Mercedes

Unter der Fronthaube befindet sich beim Mercedes EQE – neben diversen elektronischen und für die Heiz-Kühl-Kreisläufe zuständigen Bauteile – ein sogenannter HEPA-Filter. Der Aktivkohlefilter ist in der Lage, aus der einströmenden Außenluft alle möglichen Feinstaub- und sonstigen Partikel herauszufiltern sowie Gerüche, Bakterien und Viren abzufangen, bevor sie in den Innenraum gelangen. Nur nimmt der Filter leider so viel Platz ein, dass es für ein zusätzliches Staufach vorn (Frunk) nicht mehr gereicht hat.

Kein T-Modell: Mercedes EQE nicht als Kombi

Zum Markstart in diesem Jahr wird neben dem gefahrenen EQE 350+ mit 215 kW Leistung ein AMG 43 mit Allrad und 350 kW Motorleistung erhältlich sein. Eine Version 500 mit 300 kW Leistung und 858 Nm Drehmoment (!) soll folgen. Einen Kombi, bei Mercedes T-Modell genannt, wird es wohl auch bei der elektrischen E-Klasse nicht mehr geben.

Mercedes EQE: Technische Daten, Preis

Technische Daten (Herstellerangaben)

Mercedes-Benz EQE 350 (ab 07/22)

Mercedes-Benz EQE 43 AMG 4MATIC (ab 05/22)

Motorart

Elektro
Elektro

Leistung maximal in kW (Systemleistung)

215
350

Leistung maximal in PS (Systemleistung)

292
476

Drehmoment (Systemleistung)

565 Nm
858 Nm

Antriebsart

Heck
Allrad

Beschleunigung 0-100km/h

6,4 s
4,2 s

Höchstgeschwindigkeit

210 km/h
210 km/h

Reichweite WLTP (elektrisch)

623 km
533 km

CO2-Wert kombiniert (WLTP)

0 g/km
0 g/km

Verbrauch kombiniert (WLTP)

16,5 kWh/100 km
19,7 kWh/100 km

Batteriekapazität (Netto) in kWh

89,0
90,6

Ladeleistung (kW)

AC:11,0-22,0 DC:170,0
AC:11,0-22,0 DC:170,0

Kofferraumvolumen normal

430 l
430 l

Leergewicht (EU)

2.385 kg
2.525 kg

Zuladung

495 kg
570 kg

Anhängelast ungebremst

750 kg
750 kg

Anhängelast gebremst 12%

750 kg
750 kg

Garantie (Fahrzeug)

2 Jahre
2 Jahre

Länge x Breite x Höhe

4.946 mm x 1.961 mm x 1.510 mm
4.964 mm x 1.961 mm x 1.492 mm

Grundpreis

70.210 Euro
103.828 Euro

Hier finden Sie weitere Neuvorstellungen, Fahrberichte und Autotests.