Ford F-150 Lightning: PS-Monster mit Elektroantrieb

Neuer Ford F-150 Lightning: Elektro-Pick-up für die USA
Neuer Ford F-150 Lightning: Elektro-Pick-up für die USA© Ford

Über 1000 Newtonmeter Schubkraft und 4,5 Tonnen Zuglast, aber mit Elektroantrieb. Der Ford F-150 Lightning ist ein echtes Arbeitstier geworden. Testfahrt mit dem Elektrotruck.

  • Vorerst nur in den USA: Ford F-150 mit Elektroantrieb

  • Für Lust und Last in der Pampa: 1050 Newtonmeter Drehmoment

  • Nominell 370 bis über 500 Kilometer Reichweite

  • Preis in den USA: Ab 40.000 Dollar

Der Ford F-150 ist seit Jahrzehnten das meistverkaufte Auto der USA – nicht von ungefähr ein Pick-up. Also ein Geländewagen mit offener Ladefläche. Ein Arbeitstier. Oder wie man in den USA sagt: ein "Truck". Trucks genießen einen Status wie einst der Big-Block-V8-Motor. Mit seiner enormen Verbreitung ist der F-150 quasi Kulturgut Nordamerikas.

Und nun das: Ford macht sich auf in die Zukunft und spendiert dem F-150 einen Elektroantrieb. Zum Spottpreis ab 40.000 Dollar wird der elektrische F-150 Lightning angeboten. Das dürfte Folgen haben in den USA. Mit dem Lightning werden nämlich Elektroautos auch dort ankommen, wo man sie bisher kaum für möglich gehalten hatte: abseits der Eliten, in der sozialen wie geografischen Mitte Amerikas. Zugleich bietet Ford mit dem F-150 Lightning ein Gegenangebot zum lange angekündigten, aber noch lange nicht erhältlichen Cybertruck von Tesla.

Der Ford F-150 Lightning in Bildern

Die äußerlichen Unterscheidungsmerkmale der Elektroversion vom F-150 sind schnell aufgezählt: LED-Bogen am mächtigen Bug, schwarze Kunststoffblende anstelle des riesigen Chrom-Grills sowie der Blitz mit der amerikanischen Fahne am Heck. Der Lightning kann mit 4,5 Tonnen genauso viel Anhängelast ziehen wie ein normaler F-150 und kommt genauso gut durchs Gelände. Nur wie weit er wohl fährt im schwer beladenen Arbeitseinsatz, die Frage bleibt einstweilen noch offen.

Fahrende thronen nach wie vor über dem Verkehr: Mit fünf Metern und drei Tonnen Metall um sich herum fühlt man sich zudem auch im dicksten Stau ziemlich unverwundbar. Doch wo die klassischen Trucks entweder gemütlich sind oder brachial und dann entsprechend vorlaut, agiert der Lightning mit subtiler Stärke. Beim Spurt von null auf Tempo 100 in rund 4,5 Sekunden fühlt sich der Pick-up eher nach Ferrari an als nach Ford.

Elektrischer Pick-up mit 500 km Reichweite

Platz für vier und mehr – dank Doppelkabine und Ladefläche © Ford

All das vollzieht sich jedoch leise, unvermittelt, mühelos. Möglich wird das mit einem Technikpaket von imposanter Üppigkeit: Schon die Basisversion hat zwei Motoren mit zusammen 452 PS. Im Top-Modell für circa 100.000 Dollar klettert die Leistung auf 580 PS. Hier wie dort wartet die Kraft von 1050 Nm Drehmoment darauf, die gesetzmäßige Massenträgheit gehörig durcheinanderzubringen. Die Energie dafür liefert entweder eine Batterie mit 98 kWh, mit der man bei gemächlicher Fahrweise 370 Kilometer weit kommen soll. Für eilige Personen oder den harten Arbeitseinsatz gibt es einen alternativen Akku-Pack mit 130 kWh. Der schafft nominell über 500 Kilometer.

"Uns war es nicht genug, einfach nur eine Elektroversion des erfolgreichsten Pick-ups in den USA zu bauen", sagt Linda Zhang, Projektleiterin des elektrischen F-150 Lightning. Und das heißt zweierlei: Zum einen gibt es vorn unter der "Motorhaube" einen riesigen Frunk mit 400 Litern Stauraum und etlichen Steckdosen. Hierin lässt sich auch empfindliches oder wertvolles Gepäck geschützt transportieren. Und der Wechsel zum SUV wird genauso überflüssig wie der Kunststoffkasten, den viele sonst auf ihren Pick-up schrauben.

Elektro-Pick-up als Tausendsassa im Gelände

Für nichts zu schade: Ford F-150 Lightning im Gelände © Ford

Zum anderen ist da die Batterie, die den Strom eben nicht nur speichern, sondern auch wieder abgeben kann – zum Beispiel an Pumpen, Wohnanhänger, E-Bikes, Kühlboxen oder Musikanlagen. Der F-150 ist somit auch eine Art privates Notstromaggregat für den Familienwohnsitz und kann einen Haushalt für wenigstens drei Tage mit Strom versorgen. Wer den Fernseher aus lässt und die Klimaanlage runter dreht, soll sogar zehn Tage über die Runden kommen.

Bei uns eher ein therapeutischer Vorteil, ist das in Amerika oft gelebter Alltag. Denn kleinere Blackouts sind dort an der Tagesordnung. Als beispielsweise im Februar 2021 ein Wintersturm über Texas hinwegfegte, war der zweitbevölkerungsreichste US-Staat über mehrere Tage ohne Strom – und hatte viele Hundert Tote zu beklagen. "Die Menschen kaufen einen Pick-up, weil sie für alles gewappnet sein wollen – und jetzt sind sie das sogar bei Naturkatastrophen."

Defizite bei Ladeleistung und Fahrverhalten

Trotzdem ist der Lightning alles andere als perfekt. Für seine mehr als sportlichen Fahrleistungen wankt der Wagen in Kurven gewaltig, und die Lenkung gibt vergleichsweise wenig Rückmeldung. Vor allem aber ist die Ladeleistung von 150 kW für so einen Koloss relativ wenig. Ford hatte es entweder zu eilig oder musste zu sehr aufs Geld schauen und hat sich deshalb wohl für 400 statt 800 Volt Betriebsspannung entschieden.

Doch das wenig bestimmte Fahrverhalten oder die 40 Minuten für den Hub von 10 auf 80 Prozent sind Nickligkeiten, die Ford-Kunden genauso wenig stören werden wie die Musk-Fans die lausige Verarbeitung und die ständigen Lieferverzögerungen bei den Tesla-Modellen gestört haben. Um den Absatz müssen sie sich bei Ford in Detroit ohnehin keine Sorgen machen. Schon im Dezember gab es so viele Bestellungen, dass die Bücher bei 200.000 erst einmal wieder geschlossen werden mussten.

Offizieller Marktstart in Deutschland fraglich

Die bullige Front des F-150 wird so schnell nicht in Deutschland auftauchen © Ford

Natürlich ist der Pick-up ein zutiefst amerikanisches Phänomen. Doch über die freien Importeure kommen schon jedes Jahr 1000 F-150 mit Verbrenner nach Europa. Da müsste auch der Markt für die Elektroversion groß genug sein. Zumal es aktuell kein anderes Elektroauto für Gewerbetreibende gibt, dass auch nur ansatzweise so gut schleppen, ziehen und durchs Gelände pflügen kann.

In der Ford-Zentrale in Köln hofft man darauf, dass der US-Blitz lieber früher als später auch in Deutschland einschlägt. Es wird aber eher später als früher werden. Denn bei einer Produktionskapazität von gerade einmal 150.000 Autos im Jahr wird es wohl ein bisschen dauern, bis für den Rest der Welt ein paar Autos abfallen.

Text: Thomas Geiger

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