Assistenzsysteme: So können sie Autofahrer entlasten

9.7.2019

Fahrerassistenzsysteme unterstützten den Fahrer und erhöhen die Sicherheit. Doch welche Assistenten gibt es derzeit und welche werden künftig zum Einsatz kommen? Der ADAC erklärt, wie die Systeme den Fahrer in bestimmten Fahrsituationen entlasten.

Spurhalteassistent
Fahrerassistenzsysteme unterstützen und entlasten den Fahrer in bestimmten Situationen

Sie sind in der Lage, die Spur zu halten, eine Notbremsung einzuleiten oder den toten Winkel zu überwachen: Moderne Assistenzsysteme arbeiten unterstützend und machen das Autofahren sicherer. In Zukunft werden sie aber noch wichtiger werden. In den nächsten Ausbaustufen bilden sie die Grundlage für das hochautomatisierte bzw. das autonome Fahren.

Die EU plant die verpflichtende Einführung von Sicherheitsheitssystemen für Pkw, Lkw, Kleintransporter, Busse und auch Lkw-Anhänger. Hier sehen Sie, welche Systeme für welche Fahrzeugklassen, 139,86 KB geplant sind.

Die wichtigsten Assistenzsysteme im Überblick

Antiblockiersystem (ABS)

Wird seit 2004 serienmäßig in fast allen Pkw ausgeliefert. Es verhindert das Blockieren einzelner Räder während des Bremsvorgangs und erhält so die Lenkfähigkeit bei Vollbremsung.

Elektronisches Stabilitätsprogramm (ESP)

Wirkt durch gezieltes Abbremsen einzelner Räder und Eingriff in die Motorleistung jederzeit dem Ausbrechen und Schleudern des Wagens entgegen. Die zweite Generation unterstützt dies auch durch elektrische Lenkeingriffe. Neuere Systeme integrieren zudem eine Gespannstabilisierung im Anhängerbetrieb.

Antriebsschlupfregelung (ASR)

Dient zur Verbesserung des Anfahrverhaltens und zum Beschleunigen. Es verteilt das Antriebsmoment auf die Räder und verhindert auf glattem Untergrund das Durchdrehen.

Bremsassistent (BAS)

Unterstützt den Fahrer durch Verstärkung des Bremsdruckes zu einer optimalen Vollbremsung, wenn eine Notbremssituation erkannt wird.

Berganfahrhilfe

Wirkt als automatische Handbremse.

Bergabfahrhilfe (HDC)

Regelt die Geschwindigkeit beim steilen Bergabfahren.

Abstandsregeltempomat (ACC, Adaptive Cruise Control)

Regelt präzise die eingestellte Geschwindigkeit, den Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug und verhindert das Auffahren auf langsamere Fahrzeuge. Die neuesten ACC+ beherrschen auch das Abbremsen bis zum Stillstand und Stop&Go im Stau.

Automatische Notbremssysteme (AEBS)

Ein System, das einen möglichen Zusammenstoß selbständig erkennt und das Abbremsen des Fahrzeugs veranlassen kann, um einen Zusammenstoß zu verhindern oder abzumildern.
ADAC Einschätzung zur verpflichtenden Einführung: Die Ausrüstung von Fahrzeugen mit Notbremssystemen hält der ADAC für unerlässlich. Nur so können in Europa Verkehrsunfälle und somit auch die Unfallfolgen weiterhin effektiv reduziert werden. Eine schrittweise verpflichtende Einführung von Notbremssystemen (mit steigenden Anforderungen bis hin zur Erkennung von Fußgängern und Radfahrern) zur Erhöhung der aktiven Sicherheit von Fahrzeugen und zur weiteren Reduzierung der Verkehrstoten ist aus Sicht des ADAC zu begrüßen.
Hier finden Sie einen Vergleich aktueller Notbremssysteme.

Spurhalteassistenten (LKA, Lane Keeping Assistant)

Bezeichnet ein System, das den Fahrer unterstützt, eine sichere Fahrzeugposition in Bezug auf die Spur- und Straßenbegrenzung zu halten, spätestens wenn das Fahrzeug die Fahrspur verlässt oder kurz davor ist, sie zu verlassen, und ein Zusammenstoß droht.
ADAC Einschätzung zur verpflichtenden Einführung: Die verpflichtende Einführung eines Spurhalteassistenten ist aus ADAC Sicht zu begrüßen, jedoch ohne die vorgesehene Abschaltmöglichkeit. Es wäre ausreichend, dass der Fahrer das System jederzeit übersteuern kann. Darüber hinaus sind akustische Warnsignale nicht erwünscht. 

Spurverlassenswarner (LDW, Lane Departure Warning)

Ein System, das den Fahrer warnt, wenn das Fahrzeug seine Fahrspur verlässt.
ADAC Einschätzung zur verpflichtenden Einführung: Solche Systeme sind aus Sicht des ADAC ein Sicherheitsgewinn aber während der Spurhalteassistent aktiv und unmittelbar das Fahrzeug in die Spur zurücklenkt, muss bei einem Warnsystem erst der Fahrer reagieren, um ein Abkommen von der Spur zu vermeiden, was nur verzögert geschehen kann.

Überholassistenten

Können ein komplettes Überholmanöver überwachen und unterstützen.

Multikollisionsbremse

Hier wird mit Hilfe des ESP-Systems nach einer Unfallerkennung die Bremse angesteuert. So kann ein Folge-Crash und damit die Unfallschwere reduziert werden.

Fernlichtassistenten

Bieten einen deutlichen Sicherheitsgewinn. Eine bessere Ausleuchtung der Straße lässt den Fahrer Gefahren zuverlässiger erkennen. Für neuere Fahrzeuggenerationen gibt es bereits dynamische Fernlichtassistenten, die die Lichteinstellungen selbstständig aktivieren, damit der Gegenverkehr nicht geblendet wird.

Speed Limiter

Helfen dem Fahrer, Geschwindigkeiten besser einzuhalten. Bei neueren Modellen wird der Limiter mit einer Verkehrskennzeichenerkennung kombiniert.

Intelligent Speed Adaptation (ISA)

Bezeichnet ein System zur Unterstützung des Fahrers bei der Einhaltung einer für die Verkehrsbedingungen und Straßenverhältnisse angemessenen Geschwindigkeit durch spezifische, geeignete Rückmeldung. Der Fahrer soll über das Gaspedal oder spezifische, geeignete und effektive Rückmeldung darauf aufmerksam gemacht werden, dass er mit überhöhter Geschwindigkeit unterwegs ist.
ADAC Einschätzung zur verpflichtenden Einführung: Nach ADAC Erkenntnissen ist das System aktuell nicht ausreichend erprobt und ausgereift, daher ist die vorgesehene Abschaltmöglichkeit sinnvoll. Als unterstützendes System kann es im Einzelfall sicherlich hilfreich sein. 
Hier finden Sie ein ADAC Untersuchung von fünf ISA-Assistenten.

Notbremslicht (Emergency stop signal)

Bezeichnet eine Lichtsignalfunktion, die hinter dem Fahrzeug befindlichen Verkehrsteilnehmern anzeigt, dass das vor ihnen fahrende Fahrzeug mit einer in Anbetracht der Verkehrssituation vergleichsweise starken Verzögerung abgebremst wird.
ADAC Einschätzung zur verpflichtenden Einführung: Der ADAC begrüßt die verpflichtende Einführung eines solchen Systems. Dieses ist zusammen mit dem Notbremsassistenzsystem leicht realisierbar und bietet nachfolgenden Verkehrsteilnehmern eine zeitnahe Warnung, wenn das vorausfahrende Fahrzeug stark abbremsen muss.

Erkennung und Notbremsung beim Rückwärtsfahren (Reversing detection)

Bezeichnet ein System zur Information des Fahrers über hinter dem Fahrzeug befindliche Personen und Objekte, dessen Hauptziel die Vermeidung von Zusammenstößen bei der Rückwärtsfahrt ist. Der ADAC hat solche Systeme aktuell getestet.
ADAC Einschätzung zur verpflichtenden Einführung: Aus Sicht des ADAC erschließt sich ein Sicherheitsgewinn insbesondere aus der Tatsache, dass sich die Rundumsicht – insbesondere nach hinten – durch die Fahrzeugkonstruktion kontinuierlich verschlechtert hat.

Abbiegeassistent

Er erkennt Fußgänger oder Radfahrer, die sich an der Seite des Fahrzeugs befinden oder sich diesem annähern, und gibt eine Warnung an den Fahrer ab. So kann ein Unfall mit ungeschützen Verkehrsteilnehmern verhindert werden. Immer wieder kommt es insbesondere beim Abbiegen von Lkw oder Bussen ohne Abbiegeassistenten zu schweren Unfällen.
ADAC Einschätzung zur verpflichtenden Einführung: Sie ist aus ADAC Sicht zu begrüßen, da regelmäßig Radfahrer oder Fußgänger schwer oder gar tödlich verletzt werden, weil sie sich im toten Winkel eines Lkw befanden und vom Fahrer übersehen wurden. Besondere Gefahr droht an Kreuzungen. Die Sicht zur Seite und nach hinten ist in einem Lkw stark eingeschränkt. Der Sicherheitsassistent sollte nicht abschaltbar sein.
Hier finden Sie einen aktuellen ADAC Vergleich von Lkw-Abbiegeassistenten.

Fahrermüdigkeitserkennung und -aufmerksamkeitsüberwachung (Driver drowsiness and attention warning)

Ein System, das die Wachsamkeit des Fahrers durch eine Analyse der Systeme des Fahrzeugs bewertet und den Fahrer erforderlichenfalls warnt.
ADAC Einschätzung zur verpflichtenden Einführung: Aus ADAC Sicht lassen sich, solange keine technischen Spezifikationen vorliegen, insbesondere die Datenschutzimplikationen solcher Systeme nicht bewerten. Obwohl der Gesetzgeber die Weitergabe oder Speicherung der Daten verbietet, wird eine Überwachung des Fahrzeugführers (je nach Systemausgestaltung) möglich. Darüber hinaus wird es Begehrlichkeiten geben, zur Unfallaufklärung auf die Daten dieser Systeme zuzugreifen. Nichtsdestotrotz bestehen große Sicherheitspotenziale in der Fahrerüberwachung, wenn die Eingriffsschwelle und Warnkaskade von FAS entsprechend der aktuellen Fahreraufmerksamkeit angepasst werden. Solche Systeme könnten z.B. einem Unfallbeteiligten Ablenkung oder Sekundenschlaf nachweisen; das würde der Wahrheitsfindung und dem Opferschutz dienen.

Vorrichtung zum Einbau einer alkoholempfindlichen Wegfahrsperre (Alcohol interlock installation facilitation)

Eine standardisierte Schnittstelle in Kraftfahrzeugen zur Erleichterung der Nachrüstung mit alkoholempfindlichen Wegfahrsperren. 
ADAC Einschätzung zur verpflichtenden Einführung: Eine vorbereitete Schnittstelle in allen Fahrzeugen kann die Montage eines Alkohol-Interlock-Systems im selten erforderlichen Anwendungsfall für den Betroffenen günstiger machen. 20 bis 28 Prozent aller Verkehrsunfälle, -toten und -verletzten in Europa sind auf Alkoholeinfluss zurückzuführen. 

Sicherheitspotenziale von Fahrerassistenzsystemen

System Sicherheit
Abstandsregler 17% weniger schwere Unfälle mit Personenschaden (Bericht der Bundesanstalt für Straßenwesen, BASt Reihe Fahrzeugtechnik, Heft F60, 2006), 10% weniger Kraftstoffverbrauch (Studie der Technischen Universität Dresden, Verkehrliche Auswirkungen von ACC auf den Kraftstoffverbrauch, 2004)
Notbremsassistent 28% weniger Auffahrunfälle mit Personenschaden (Studie der Unfallforschung der Versicherer, GDV Demonstration von Notbrems- und Auffahrwarnsystemen am Pkw, 2009)
Spurhalteassistent Schätzungen zufolge führt eine Einführung zu bis zu 3500 weniger Toten und 17.000 weniger Schwerverletzten (Visvikis C, Smith TL, Pitcher 
M. und Smith R. (2008). Studie zu Spurhaltewarnsystemen und Spurwechselassistenten: Abschlussbericht. PPR374. TRL Limited, Crowthorne, UK)
Spurwechselassistent 26 % weniger Unfälle beim Spurwechsel (Insurance Institute for Highway Safety, Crash Avoidance Potential of Five Vehicle Technologies, IIHS 2008)
Einparkassistent 30% der Versicherungsschäden entstehen bei Parkmanövern (Allianz Zentrum für Technik, AZT 2008)
Lichtsysteme 18% weniger Verkehrstote durch mehr Sicht auf Autobahnen und Landstraßen (TÜV Rheinland Einfluss der Beleuchtung an Fahrzeugen auf das nächtliche Unfallgeschehen in Deutschland, 2007)
Nachtsichtassistent 6% weniger Verkehrstote bei Nacht (eIMPACT Consortium, Impact Assessment of Intelligent Vehicle Safety Systems, 2008)
Verkehrszeichenbeobachter 60% Verkehrsverstöße durch überhöhte Geschwindigkeit (Kraftfahrt-Bundesamt, KBA Verkehrsauffälligkeiten, 2007)
Fahrermüdigkeitserkennung und -aufmerksamkeitsüberwachung
Aktuellen Schätzungen zufolge sind etwa 10% bis 30% der Verkehrsunfälle in der EU auf Ablenkung zurückzuführen. (EU-Kommission, DG MOVE, 2015, Studie zu bewährten Verfahrensweisen zur Senkung des Sicherheitsrisikos durch Ablenkung im Straßenverkehr).

Mögliche Risiken

Neben der Möglichkeit des technischen Versagens, bzw. Überschreitens der Einsatzgrenzen, bestehen vor allem in zwei weiteren Bereichen Risiken durch Fahrerassistenzsysteme. Anwendungen, die entweder eine Eingabe des Fahrers benötigen (z.B. Einstellung der Abstands- und Geschwindigkeitsregelung) oder den Fahrer vor kritischen Fahrsituationen warnen, können in unzulässiger Weise von den Fahraufgaben ablenken. Sowohl die Bedienung als auch die Warnung eines Systems darf den Fahrer nicht mehr beanspruchen, als beispielsweise die Nutzung des Autoradios. Für die Mensch-Maschine-Schnittstelle gibt es entsprechende Vorgaben. 

 

Foto: PR

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