Wie viel PS braucht ein Auto? Der ADAC Autotest verrät es

Ein Auto beschleunigt auf der Beschleunigungsspur
Auf die Autobahn fahren? Gut, wer schnell genug beschleunigen kann© stock.adobe.com/Wellnhofer Designs

Wie viel PS oder Kilowatt sollte ein Fahrzeug haben? Eine pauschale Antwort gibt es nicht: Es kommt auf den Einsatzzweck an. Der ADAC Autotest verrät, welches Modell bzw. wie viel Leistung für wen geeignet ist – und immer genügend Sicherheit bietet.

  • Wichtig: Beschleunigung von 60 auf 100 km/h

  • Liste: Wie viel Leistung/PS für welches Fahrzeuggewicht?

  • Die Tops und Flops im ADAC Autotest

Wer sich für ein neues oder gebrauchtes Fahrzeug entscheidet, sollte vorher seine Präferenzen definieren. Muss das neue Auto vier Türen und/oder einen großen Kofferraum haben? Reichen fünf Sitzplätze oder wären sieben praktischer? Braucht es Isofix-Befestigungen für Kindersitze? Wäre Allradantrieb gerade im Winter nicht sicherer? Und was ist mit einem Navi oder der Klimaanlage?

Irgendwann kommt es dann zu der Frage, die oft auch den Preis des Autos entscheidend beeinflusst: Welche Motorisierung soll es denn sein? Und wie viel Leistung, sprich wie viel kW/PS braucht man eigentlich?

Wichtig: Der individuelle Einsatzzweck

Eine pauschale Antwort auf diese komplexe Frage gibt es nicht. Fest steht, dass es auf den Einsatzzweck ankommt. Und dafür gilt es, seine individuellen Bedürfnisse zu checken:

  • Fährt das Fahrzeug oft mit hoher Beladung oder schwerem Anhänger?

  • Ist man normalerweise eher in einer flachen oder bergigen Umgebung unterwegs?

  • Ist der übliche Einsatzort eher die Stadt oder die Autobahn?

  • Wie schwer ist das Fahrzeug?

  • Und nicht zuletzt: Kommt man damit zurecht, wegen "mangelnder" Leistung eventuell belächelt zu werden?

Entwicklung: Immer mehr PS

VW Gold 1
Golf Ur-GTI: 1976 Rennsemmel mit Spitzenleistung – heute Standard© Volkswagen

Um es vorweg zu nehmen: Moderne Fahrzeuge sind für die Standardanforderungen in der Regel auch mit dem Basisantrieb ausreichend stark motorisiert. Schon mit dem "kleinsten" Motor im Golf 8 1.0 TSI mit 110 PS werden heute trotz 1300 Kilo Leergewicht die 100 km/h nach 10,2 Sekunden erreicht. In den 70er-Jahren gelang das lediglich Fahrzeugen mit großvolumigen Sechs- bzw. Achtzylindermotoren oder nachgeschärften Radaukisten mit dem Namenszusatz Abarth oder GTI. Die nur 810 Kilo leichte Rennsemmel Golf GTI schaffte mit der gleichen PS-Zahl den Sprint auf Tempo 100 nur wenig schneller in damals atemberaubenden 9,2 Sekunden. Doch welche Leistungsangabe eines Fahrzeugs ist wirklich aussagekräftig?

Leistungsmerkmal: Drehmoment

Die reine PS- oder Kilowattzahl sagt wenig aus, denn jedes Auto setzt die "Pferdestärken" je nach Motorauslegung anders um. Und auch die aus dem Autoquartett bekannte Zahl für die Beschleunigung von 0 auf 100 ist nicht relevant, weil viele Autos vom Stand weg die Leistung reduzieren, um das Material zu schonen, dann aber in Bewegung energisch weitermarschieren. Andere machen es genau umgekehrt und protzen plakativ mit dem 0-auf-100-Wert, um damit beim Autokäufer oder zumindest im Quartett Trumpf zu sein.

Entscheidend ist der Drehmomentverlauf des Motors. Und zwar nicht vom Stand weg – das beeindruckt beim flotten Ampelstart nur den Nebenfahrer oder die Nebenfahrerin. Sondern dann, wenn man es wirklich braucht, z.B. beim Überhohlen eines Lasters oder beim Beschleunigen in der Autobahnauffahrt – und das ist der Tempobereich von 60 auf 100 km/h.

Deshalb testet der ADAC in seinem Autotest standardmäßig diese Beschleunigung. Ausgewiesen und benotet wird das Überholmanöver von 60 auf 100 km/h im Kapitel "Fahrleistungen". Die ADAC Bewertungskriterien geben eine Beschleunigungszeit von 4,35 bis 8,63 Sekunden als gut bis ausreichend an.

Ein sinnvolles Zeitfenster für die Beschleunigung liegt demnach zwischen 5,5 Sekunden und 8 Sekunden. Innerhalb dieses Zeitrahmens legt das Fahrzeug etwa 122 Meter (bei 5,5 Sekunden) bis 178 Meter (bei 8 Sekunden) zurück.

Tabelle: Leistung und Leergewicht

Basierend auf diesen Annahmen und den Ergebnissen des ADAC Autotests kann Verbraucherinnen und Verbrauchern eine Empfehlung für eine angemessene Motorisierung gegeben werden. Es handelt sich um annähernde Werte für die durchschnittliche Nutzung, die auch um etwa fünf PS nach oben oder unten abweichen können.

Mehr PS auch für mehr Sicherheit

Aufnahme des Dacia Spring
Dacia Spring: Eher Wanderdüne als flotter Stromer© Dacia

Diese Empfehlung ist für Fahrzeuge mit durchschnittlichem Nutzungsverhalten gedacht. Falls ein Auto hauptsächlich in der Stadt bewegt wird, kann eine niedrigere Motorleistung ausreichen. Für Langstreckenfahrten auf Schnellstraßen und Autobahnen oder bei regelmäßiger Nutzung mit schweren Anhängern kann wiederum eine leistungsstärkere Motorisierung sinnvoll sein.

Doch tatsächlich gibt es noch einen weiteren Grund, sich Messwerte und Testnote in der Kategorie "Fahrleistungen" genau anzuschauen: Nicht alle Autos bieten genügend Leistung, die in allen Fahrsituationen ausreichend Sicherheit bietet.

Bestes Beispiel ist der Dacia Spring Electric 45. Mit ihm und anderen zu schwach motorisierten Modellen können Überholmanöver auf vielbefahrenen Landstraßen oder Auffahrten auf Autobahnen zur echten Nervenprobe und sogar gefährlich werden. Der kleine Stromer bewältigt den Zwischenspurt von 60 auf 100 km/h in exakt 14,86 Sekunden und braucht dafür ganze 330 Meter.

Zur Einordnung: Eine übliche Autobahnauffahrt ist 250 Meter lang. Während ein getestetes Tesla Model S schon nach 1,64 Sekunden und 36,4 Metern mit Tempo 100 einfädeln könnte, muss der Dacia Spring dafür noch 80 Meter auf dem Standstreifen weiterfahren.

Video "Einfädeln auf Autobahn": Normal vs. Dacia Spring

Im Video: Der Beschleunigungsstreifen ist zu kurz für den Dacia ∙ Bild/Video: © ADAC e.V.

Die Tops und Flops im ADAC Autotest

Und das sind die besten und schlechtesten Beschleuniger aus 587 in den letzten fünf Jahren im ADAC Autotest getesteten Fahrzeugen ab Baureihendatum 2016 – getrennt nach den Antriebsarten.

ADAC Tipps zur Motorleistung

  • Die Herstellerangaben über die Beschleunigung von 0 auf 100 km/h sind oft wenig aussagekräftig.

  • Die vom ADAC gemessenen Zeitangaben für den Beschleunigungsvorgang 60 km/h auf 100 km/h repräsentieren reale Verkehrssituationen, beispielsweise das Auffahren auf die Autobahn/Landstraße oder das Überholen eines langsamen Fahrzeugs.

  • Ein leistungsstarkes Auto kann aufgrund seiner Beschleunigungsfähigkeiten schneller auf gefährliche Situationen reagieren, was in bestimmten Situationen von Vorteil sein kann.

  • Die Leistung allein erhöht die Sicherheit nicht. Es ist entscheidend, sicherheitsbewusst zu fahren und die Sicherheitsaspekte des Fahrzeugs zu berücksichtigen.

  • Eine defensive und vorausschauende Fahrweise kann gefährliche Situationen eindämmen.

  • Unnötige Zuladung beeinträchtigt die Fahrleistung.

  • Einsatzfahrzeuge wie Krankenwagen, Feuerwehrfahrzeuge und Polizeiautos müssen in Notsituationen schnell ans Ziel gelangen, weshalb leistungsstarke Motoren für sie von entscheidender Bedeutung sind.

  • Für Autos, die häufig schwere Anhänger ziehen, wie Wohnwagen, Pferdeanhänger oder Boote, sind starke Motoren wichtig, um die Zuglast effizient bewegen zu können.

  • Geländewagen und Offroad-Fahrzeuge benötigen oft leistungsstarke Motoren, um unwegsames Gelände zu bewältigen, Steigungen zu erklimmen und schweres Gelände zu durchqueren.

Fachliche Beratung: Matthias Zimmermann, ADAC Technik Zentrum