Harley-Davidson Pan America 1250: Starke Rivalin

Eine Harley-Davidson Pan America Specialin der Seitenansicht
Große Freiheit: Das Fahren abseits des Asphalts gehört zur Harley-DNA ∙ © Harley-Davidson

Mit der neuen Pan America will Harley-Davidson den Markt der großen Reise-Enduros erobern. Das ist auch ein Angriff auf BMW. Kann dieser Plan aufgehen? Fahrbericht, Daten, Preise.

  • Sehr ergonomisch und komfortabel

  • Durchzugsstarker Motor

  • Konkurrenten: BMW R 1250 GS

Reise-Enduros haben ihr natürliches Habitat offenbar in Deutschland: Nirgendwo sonst werden mehr verkauft als hierzulande. Die BMW R 1250 GS gibt im Segment dieser hochpotenten Alleskönner nach wie vor den Ton an. Sie ist in 32 Märkten der Welt der Topseller, in Deutschland gar seit 20 Jahren das meistverkaufte Motorrad überhaupt.

Starke Mitbewerber kommen von Ducati, Honda, KTM und Triumph. In dieses Feld will die neue Harley-Davidson Pan America 1250 eindringen, die in den zwei Versionen Standard und Special ab 16.000 Euro angeboten wird. Das ungewöhnliche, markante Design der neuen Harley ist eigenständig und ausgesprochen funktional. Die Pan America 1250 hat definitiv das Zeug, wie die GS zur Marke zu werden.

152-PS-Motor und bis zu 8 Fahrmodi

Seitenansicht der Harley Davidson Pan America
Herzstück der Pan America: Der komplett neue Revolution-Max-V2 ∙ © Harley-Davidson

Der quer eingebaute V2-Motor mit 60 Grad Zylinderwinkel ist ein Hochdrehzahl-Aggregat. Die Spitzenleistung von 112 kW/152 PS wird bei 8750 U/min. realisiert, die Maximaldrehzahl liegt bei 9500 Touren. Zugleich ist der mit variabler Ventilsteuerung und Vierventil-Zylinderköpfen topaktuelle V2 ein braves Arbeitstier. Er beherrscht für Geländeausflüge auch den Tuckermodus mit niedrigen Drehzahlen und glänzt mit starker Leistungsentfaltung im Drehzahlbereich zwischen 3000 und 7000 Umdrehungen.

Zudem ist er drehfreudig und elastisch, die Übersetzungen der sechs Gänge passen nahtlos. Der Normverbrauch von 5,5 Litern pro 100 km deutet an, dass der V2 kein Sparwunder ist. Mit sechs bis 6,5 Litern könnte man auf längere Sicht vermutlich auskommen.

Ebenso gut wie der Motor samt Kupplung und Getriebe funktioniert das Fahrwerk. Hier liegt der wichtigste Unterschied zwischen Standard- und Special-Version: Die Basis-Pan Am muss sich mit gut abgestimmten und in allen Parametern einstellbaren Showa-Federelementen begnügen, während die Special eine elektronisch arbeitende, semiaktive Radführung aufweist. In der Praxis die überlegene Lösung.

Fünf vorkonfigurierte Fahrprogramme (Rain, Road, Sport, Off-Road, Offroad-Plus) sind üppig, besonders überzeugend auf Landstraßen ist der schärfste Modus "Sport". Drei weitere Modi erlauben bei der Special (bei der Basisversion einer) individuelles Programmieren.

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Fürs Geländefahren stand ausschließlich die Special zur Verfügung. Mit Geländebereifung beherrscht sie alles, was ein Fünfzentner-Bolide abseits des Asphalts können muss, ist aber nicht zuletzt wegen ihres doch recht hohen Schwerpunkts keine Gams.

Auffällig ist, dass der serienmäßige, nicht einstellbare Lenkungsdämpfer bei Niedrigtempo ein etwas träges Einlenkverhalten zeigt. Nach einiger Gewöhnung verliert sich dieses Empfinden. Die Basisversion ohne Lenkungsdämpfer ist zugänglicher. Eine Fahrwerks-Instabilität ließ sich auch bei ihr nie feststellen, selbst bei Höchstgeschwindigkeit Tacho 227 – nicht.

Die Komfort-Anforderungen an eine Reise-Enduro erfüllt die Harley problemlos: Sitz, Fußrasten, Lenker, Windschutz – alles top. Auch das große TFT-Display samt allen Konnektivitäts-Finessen erfüllt europäische Vorstellungen. Die Bedienung des umfänglichen Bordcomputers ist verständlich, das Ertasten des Blinkerknöpfchens links am Lenker wegen des großen Computer-Bedienungsknubbels aber nicht ideal.

Zwar gibt es eine Restreichweitenanzeige, aber keine Angabe über den Verbrauch. Ein eng anliegendes Gepäcksystem findet sich, wie auch weitere Gepäckbehältnisse, im Zubehörangebot.

Special-Version mit semiaktivem Fahrwerkssystem

Eine Harley-Davidson Pan America Specialin der Seitenansicht
Die Harley-Davidson Pan America Special bietet noch mehr Elektronik ∙ © Harley-Davidson

Für die Special gibt es zwei Optionen: Kreuzspeichenräder (500 Euro), vorteilhaft im Offroad-Einsatz, sowie eine adaptive Fahrwerksabsenkung (660 Euro), die beim Anhalten wirksam wird. Dadurch sinkt die Sitzhöhe um bis zu fünf Zentimeter. Beim Losfahren fährt das Chassis in drei wählbaren Programmen wieder nach oben. Die Eigenentwicklung von Harley-Davidson funktioniert allerdings nur unterwegs, beim Auf- und Absteigen ist das System nicht verfügbar.

Assistenzsysteme nicht ganz up to date

Eine Harley-Davidson Pan America in der Seitenansicht
Trotz üppiger Ausstattung nicht ganz auf dem neuesten Stand der Technik ∙ © Harley-Davidson

Klar bleibt auch bei der funktional insgesamt attraktiven Pan America 1250 Potenzial zur Optimierung. So hat man noch keinen Quickshifter, außerdem sollten Tankdeckel und Lenkschloss ins schlüssellose Startsystem integriert sein. Radarbasierte Assistenzsysteme wie bei BMW, Ducati und KTM sucht man ebenfalls vergeblich. In punkto Handhabung sind die etablierten Wettbewerber oftmals weiter, gut zu sehen an der hakeligen Windschild-Verstellung und daran, dass sich Haupt- und Seitenständer manchmal in die Quere kommen. Zudem sind die Wartungsintervalle von 8000 Kilometer für ein Reisemotorrad zu kurz, Wettbewerber bieten schon 16.000.

Technische Daten Harley-Davidson Pan America 1250

Herstellerangaben


Motor/Getriebe

Flüssigkeitsgekühlter 60°-V2 Motor, quer eingebaut, 1252 ccm Hubraum, vier Ventile pro Zylinder, 112 kW/152 PS bei 8750 U/min., 128 Nm bei 6750 U/min; Einspritzung, 6 Gänge, Kette

Fahrwerk

Dreiteiliger Leichtmetallrahmen mit Rohr-, Guss- und Formteilen, Motor mittragend; 4,7 cm Telegabel vorne, voll einstellbar, 19,1 cm Federweg; Aluminium-Zweiarmschwinge hinten, Zentralfederbein, voll einstellbar, (elektron. einstellbares, semiaktives Fahrwerk v. u .h.), 19,1 cm Federweg; Leichtmetallgussräder; Reifen vorne 120/70 R19, hinten 170/60 R 17; 32 cm Doppelscheibenbremse vorne, 28 cm Einscheibenbremse hinten

Maße und Gewichte

Radstand 1,58 m, Sitzhöhe 85/87,5 (83/85 cm), Gewicht fahrfertig 245 (258kg). Tankinhalt 21,2 l

Verbrauch

Normverbrauch 5,5 l/100 km, Testverbrauch ca. 6,5 l/100 km

Assistenzsysteme

Kurven-ABS, elektron. Bremskraftverteilung, Kurven-Traktionskontrolle, Fahrzeughalteassistent, Reifenluftdruck-Kontrollsystem, sechs (acht) Fahrmodi, davon einer (drei) frei definierbar, Wegfahrsperre, schlüsselloses Startsystem, Tempomat, Blinker-Rückstellautomatik, Smartphone-Einbindung

Preis

ab 15.995 (17.995) Euro

(Special)

Fazit: Das US-Bike kann überzeugen

Motor und Fahrwerk der US-Alleskönnerin überzeugen, die Ergonomie ist genauso gut wie der Fahrkomfort. Die Ausstattung inklusive der Fahrassistenzsysteme ist der Fahrzeugklasse adäquat, die der Special-Version sogar sehr gut. Bei alledem liegt das Fahrzeuggewicht im üblichen Rahmen. Dass auch der Preis von 18.000 Euro für die bei uns wohl besonders wichtige Special absolut konkurrenzfähig ist, zählt ebenfalls.

Erhält die Pan America 1250 schon in den nächsten beiden Jahren eine gezielte Überarbeitung in den (wenigen) relevanten Details, könnte sie ihren Weg machen und die derzeit heftig kränkelnde Motor Company aus Milwaukee in eine hellere Zukunft führen.

Text: Ulf Böhringer/SP-X