Test: Wie sicher sind Kreuzungen für Fahrradfahrer?

25.9.2019

Die meisten Fahrradfahrer verunfallen bei Zusammenstößen mit anderen Fahrzeugen, die ihren Weg kreuzen oder abbiegen. Wir haben untersucht, wie es in deutschen Städten um Sicherheit und Komfort von Radfahrern an Kreuzungen, Einmündungen und Grundstückszufahrten bestellt ist.
Fahrradfahrer fährt auf Radweg
Gut markierte Radwege helfen, Unfälle zu verhindern. Foto: Shutterstock/DavidSch 

13 Prozent der Routen fielen durch

Die meisten Fahrradfahrer verunfallen bei Kollisionen mit Kraftfahrzeugen an Kreuzungen, Einmündungen und Ein- bzw. Ausfahrten zu Grundstücken. Das zeigen Studien der Unfallforschung der Versicherer. Daher haben wir auf 120 Teststrecken in 10 deutschen Großstädten untersucht, wie genau es um Sicherheit und Komfort von Radfahrern an diesen gefährlichen Punkten steht.

Teststädte waren die fünf Landeshauptstädte mit dem höchsten Anteil an Radverkehr (Bremen, Hannover, Kiel, Mainz, München) und die fünf mit dem niedrigsten Anteil (Dresden, Erfurt, Saarbrücken, Stuttgart, Wiesbaden). Für den Test radelten unsere Experten mehr als 500 Kilometer, untersuchten 2466 Kreuzungen und dokumentierten 445 Grundstückszufahrten, die Mängel aufwiesen.

Das Ergebnis: Viele Strecken waren zwar sicher, aber immer noch viel zu viele waren es nicht. So fielen 13 Prozent der Testrouten mit „mangelhaft“ und „sehr mangelhaft“ durch, 28 Prozent waren nur ausreichend. Über die zu bemängelnden Routen können auch die Gesamtergebnisse der Städte nicht hinwegtrösten, die relativ positiv ausfielen: Eine Stadt erreichte ein "Sehr gut" (Kiel), sechs (Erfurt, Hannover, Mainz, München, Saarbrücken und Stuttgart) erreichten ein Gut, die restlichen drei (Bremen, Dresden und Wiesbaden) wurden mit „ausreichend“ bewertet.

Die am schlechtesten bewertete der drei getesteten Kategorien war "Kreuzungen ohne Ampeln", dicht gefolgt von den Grundstückszufahrten. Die Kreuzungen mit Ampeln schnitten am besten ab.

++
sehr gut
+
gut
o
ausreichend
-
mangelhaft
--
sehr mangelhaft

Die auffälligsten Mängel bei Kreuzungen und Grundstückseinfahrten

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ADAC Test Fahrradsicherheit
Nicht gut: Die Markierung der Radfahrerfurt ist abgefahren, der Bordstein nicht genug abgesenkt. Foto: ADAC 
  • Die Radwege waren an Einmündungen und Kreuzungen unzureichend oder gar nicht markiert und daher für Autofahrer schwer erkennbar.
  • Die Radwege waren so weit von der Straße abgesetzt, dass Autofahrer Radler an Kreuzungen und Einmündungen erst sehr spät sehen konnten.
  • Die Haltelinien an Ampeln für Fahrradfahrer lagen bei der Hälfte der Teststrecken nur weniger als drei Meter vor denen für Kraftfahrzeuge, bei zehn Prozent sogar auf der gleichen Höhe. So können Autofahrer Radfahrer leicht übersehen.
  • Stark befahrene Straßen mussten Radfahrer bei fast der Hälfte der Teststrecken ohne Absicherungen wie etwa Mittelinseln oder Ampeln überqueren.
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ADAC Test Fahrradsicherheit
Schlecht: Die Litfaßsäule versperrt die Sicht auf die Kreuzung. Foto: ADAC 
  • Die Ampeln schalteten für die Radfahrer häufig nicht früher auf grün als für den restlichen Verkehr, was die Gefahr erhöht, dass Radler von abbiegenden Fahrern übersehen werden.
  • Bei seitlich von der Straße abgesetzten Radwegen gab es an Grundstückseinfahrten häufig einen anderen Belag als auf dem Weg, was Vorfahrt für Autos suggerieren kann.
  • Für Radfahrer waren auf seitlich abgesetzten Radwegen Grundstückszufahrten wegen Mauern, Hecken u. ä. teilweise kaum zu erkennen.
  • Vereinzelt konnten Rad- und Autofahrer sich an Kreuzungen und Einmündungen schlecht sehen, weil Werbetafeln, Litfaßsäulen oder Pflanzen zwischen ihnen standen.

Sichere Lösungen an Kreuzungen und Einfahrten aus dem Test

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ADAC Test Fahrradsicherheit
Gut gelöst: Eine farbig markierte Linksabbiegespur für Fahrradfahrer. Foto: ADAC 
  • Einmündungen und Grundstückszufahrten waren flächig farbig markiert.
  • Grundstückszufahrten waren mit Spiegeln und Warnhinweisen versehen.
  • Poller im Kreuzungsbereich, die das Parken dort verhindern, sorgten für freie Sicht.
  • Abgesetzte Radwege wurden an Kreuzungen zur Fahrbahn geführt.
  • An Ampeln gab es große Aufstellflächen für Radfahrer vor der Haltelinie des restlichen Verkehrs. Das schützt besonders linksabbiegende Radfahrer.
  • Radwege waren bei Einmündungen aufgepflastert, um die Vorfahrt der Radfahrer zu verdeutlichen.

Sicher über die Kreuzung: Tipps für Fahrradfahrer

  • Reduzieren Sie Ihre Fahrgeschwindigkeit an Kreuzungen, Einmündungen und Grundstückszufahrten - besonders, wenn parkende Fahrzeuge oder Hecken die Sicht einschränken, ist Vorsicht geboten.
  • Suchen Sie Blickkontakt zu Autofahrern und vergewissern Sie sich, dass Sie gesehen werden.
  • Rechnen Sie bei Rechtsabbiegern damit, dass sie Sie übersehen könnten.
  • Nutzen Sie immer die Radwege auf der in Fahrtrichtung rechten Straßenseite. Auch wenn Radwege im Gegenverkehr freigegeben sind, rechnen Autofahrer an Kreuzungen, Einmündungen und Grundstückszufahrten oft nicht mit Radfahrern aus der anderen Richtung.
  • Tragen Sie vor allem bei schlechten Wetterverhältnissen und Dämmerung auffällige Kleidung und schalten Sie die Fahrradbeleuchtung ein: Im Abblendlicht eines Autos ist ein dunkel gekleideter Radfahrer in 25 Metern Entfernung zu sehen, ein hell gekleideter bereits in 40 Metern und ein Radfahrer mit Reflektoren sogar schon in 130 bis 140 Metern.
  • Melden Sie Sicherheitsmängel in der Radwege-Infrastruktur an die Städte, z. B. über einen Online-Mängelmelder oder den Radverkehrsbeauftragten, und leisten Sie damit einen aktiven Beitrag zur Sicherheit.

 

Sicher über die Kreuzung: Tipps für Autofahrer

  • Denken Sie beim Abbiegen immer an Radfahrer und beobachten Sie bei eingeschränkter Sicht auf Radwege, z. B. durch parkende Autos, Hecken oder Werbetafeln, schon frühzeitig den Seitenraum, um zu sehen, ob Radfahrer unterwegs sind. Vergessen Sie den Schulterblick nicht!
  • Teilweise dürfen Radwege in beiden Fahrtrichtungen befahren werden. Rechnen Sie deshalb beim Ein- oder Abbiegen auch mit Radverkehr aus der Gegenrichtung.
  • Achtung: Selbst, wenn es vor der roten Ampel eng ist, dürfen Radfahrer nach §5 der Straßenverkehrsordnung wartende Autos rechts überholen – allerdings nur "mit mäßiger Geschwindigkeit und besonderer Vorsicht".
  • Beachten Sie: Auch wenn der Radweg an einer Grundstückseinfahrt optisch unterbrochen ist, z. B. durch das Kopfsteinpflaster der Zufahrt, hat der Radfahrer Vorfahrt vor aus- und einfahrenden Autos.

ADAC Empfehlungen an die Kommunen

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Grafik zu Radfahrersicherheit an Kreuzungen
So sieht eine sichere Kreuzung für Radfahrer aus: 1. Der Radweg wird im Kreuzungsbereich zur Fahrbahn geführt 2. Die Haltelinie für Radfahrer liegt mindestens drei Meter vor der für den Kfz-Verkehr 3. Die Ampel für Radfahrer schaltet früher auf Grün als die für den Kfz-Verkehr 4. Der Radweg ist im Bereich der Einmündung farbig markiert 5. Der Bordstein ist auf Fahrbahnniveau abgesenkt
  • Immer für gute Sichtbeziehungen sorgen, z. B. durch:
    • Regelmäßigen Grünschnitt
    • Vermeidung von großen Werbetafeln oder sonstigen festen Einbauten im Kreuzungsbereich
    • Aufstellung von Pollern, die das Parken im Kreuzungsbereich verhindern
    • Radwege, die im Kreuzungsbereich nahe am Autoverkehr geführt werden
    • Einrichtung von mindestens um drei Meter vorgezogenen Haltelinien für Radfahrer und Ampelschaltung, die für Radfahrer früher auf Grün schaltet als für den restlichen Verkehr
    • Installation von Spiegeln, wo sie nötig sind
  • Markierungen von Furten regelmäßig erneuern, damit diese gut sichtbar bleiben. Bei besonderen Gefahrenstellen Furten rot einfärben. Einmündungen können alternativ baulich als Radwegüberfahrt gestaltet werden.
  • Radwege an Grundstückszufahrten unterbrechungsfrei weiterführen und gute Sichtverhältnisse gewährleisten.
  • Bei viel befahrenen Straßen Querungshilfen anbieten, wie z. B. Mittelinseln.
  • Regelmäßig radverkehrspezifische Unfallanalysen durchführen, um Sicherheitsmängel zu erkennen; Verbesserungen gemäß Dringlichkeit vornehmen.

Sicherheit von Fahrradfahrern an Kreuzungen: So haben wir getestet

Für unseren Test waren die Experten der Hannoveraner Planungsgemeinschaft Verkehr PGV-Alrutz GbR in unserem Auftrag in den fünf Landeshauptstädten mit dem höchsten Anteil an Radverkehr (Bremen, Hannover, Kiel, Mainz, München) und in den fünf mit dem niedrigsten (Dresden, Erfurt, Saarbrücken, Stuttgart, Wiesbaden) unterwegs. Sie fuhren insgesamt 120 Strecken mit durchschnittlich 3,5 bis 4,5 Kilometern Länge ab.

Als Routen wählten sie beliebte Verbindungen aus dem Alltag der Menschen, wie etwa den Weg von einem Wohngebiet zur Uni oder vom Hauptbahnhof in ein Wohngebiet. Insgesamt ergaben sich so 10 bis 18 Teststrecken pro Stadt, je nach deren Größe. Es wurde jeweils eine möglichst kurze Verbindung vom Start- zum Zielpunkt genutzt, in Anlehnung an die örtlichen Radverkehrsnetze bzw. mithilfe der Radroutenplaner der Städte ermittelt.

Auf den gewählten Routen bewerteten unsere Experten die Qualität der Kreuzungen und Grundstückszufahrten, da hier die meisten Radfahrer verunfallen, wie die aktuelle Forschung zeigt (Unfallforschung der Versicherer vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. GDV, Forschungsbericht Nr. 29, 2015; Berichte der Bundesanstalt für Straßenwesen, Heft V 261, 2015). Die drei Prüfkategorien „Kreuzungen mit Ampeln“, „Kreuzungen ohne Ampeln“ und "Grundstückszufahrten" wurden dabei nur in Fahrtrichtung der jeweils definierten Testroute dokumentiert und bewertet. Die Gewichtung dieser drei Schwerpunkte im Test (43 Prozent, 43 Prozent, 14 Prozent) orientierte sich ebenfalls an den aktuellen Unfallzahlen.

Bike+Ride-Anlagen im ADAC Test

Text: tn.

Kontakt zur Redaktion: redaktion@adac.de