Verkehrsunfälle an Kreuzungen: So können sie verhindert werden

Kreuzungen sind in Deutschland ein Unfallschwerpunkt. ∙ Bild: © imago images/KS-Images.de, Video: © ADAC e.V.

Trotz sinkender Anzahl an Verkehrstoten starben 340 Menschen im Jahr 2019 bei sogenannten Abbiege- und Kreuzungsunfälle, über 7000 wurden schwer verletzt. Hat Deutschland ein Problem an Kreuzungen und Einmündungen? Dieser Frage ist der ADAC nachgegangen und hat sich dabei auch in den Nachbarländern Österreich und Schweiz umgeschaut.

  • Erhöhtes Risiko für junge und ältere Fahrer

  • Unterschiedliche Unfallszenarien in den Nachbarländern

  • Generell: Gute Rundumsicht senkt Unfallrisiko

Unfallschwerpunkt Kreuzung: Zahlen und Fakten

In der Bundesrepublik ereignen sich jährlich rund 300.000 Verkehrsunfälle mit Personenschaden – und etwa jeder vierte Unfall findet außerorts statt. Hier ereignen sich besonders viele schwere bis tödliche Unfälle: Insgesamt kommen fast 60 Prozent der Getöteten außerorts – also überwiegend auf Landstraßen – ums Leben.

Betrachtet man die Außerorts-Unfälle genauer, fällt auf, dass es sich bei über einem Viertel der Unfälle in Deutschland (28 Prozent) um Unfälle an Kreuzungen oder Einmündungen handelt, bei denen ein Verkehrsteilnehmender beim Abbiegen oder Kreuzen (sogenannte Kreuzenunfälle) die Vorfahrt missachtet.

Bei Abbiege- und Kreuzenunfällen haben junge, aber auch ältere Fahrer ein erhöhtes Risiko, denn in der Unfallstatistik sind Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 17 bis 24 Jahren überproportional häufig vertreten, und auch über 65-Jährige verursachen häufiger Abbiege- und Kreuzenunfälle als beispielsweise Unfälle im Längsverkehr.

Das ist in der Schweiz und in Österreich ähnlich: Auch hier verunglücken Autofahrende vor allem bei Verkehrsunfällen schwer und häufig tödlich, die sich außerhalb von Ortschaften ereignen. Aber was überrascht: In der Art der Unfälle unterscheiden sich die Länder.

Offensichtlich haben nicht alle Autofahrenden die gleichen Probleme im Kreuzungsbereich. Doch warum ist das so?

Unterschiedliche Unfalltypen in den Ländern

Um das Unfallgeschehen an Kreuzungen und Einmündungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz genauer untersuchen zu können, hat der ADAC sich mit der AXA Schweiz und dem ÖAMTC zusammengeschlossen. Berücksichtigt wurden in der Studie neben dem Unfallgeschehen auch die Fahrleistung, der Fahrzeugbestand und die geografischen Besonderheiten.

Kreuzungen sind in allen drei Ländern eine besondere Herausforderung für die Verkehrsteilnehmenden. Während der Autofahrende sich auf einer geraden Strecke lediglich darauf konzentrieren muss, seine Spur zu halten und die Geschwindigkeit anzupassen, stellt die Kreuzung oder Einmündung ein komplexes Szenario im Straßenverkehr dar. Im Rahmen der Studie konnten zum einen die häufigsten Unfalltypen identifiziert werden. Zum anderen zeigte sich, dass es tatsächlich länderspezifische Unterschiede gibt.

Die Unfallszenarien im Ländervergleich

In Deutschland kommt es außerorts am häufigsten zu einem Unfall zwischen einem Linksabbieger und dem Gegenverkehr. In der Schweiz dagegen kollidiert ein Fahrzeug, das nach links einbiegen möchte, am häufigsten mit einem vorfahrtsberechtigten Fahrzeug von links. In Österreich passieren die meisten Unfälle beim Kreuzen eines Knotenpunktes mit einem Fahrzeug von links oder rechts.

Motorradfahrende werden leicht übersehen

Auffällig: Verglichen mit Österreich haben Motorradfahrende in Deutschland und der Schweiz ein höheres Risiko, im Gegenverkehr beim Linksabbiegen übersehen zu werden.

Gerade jetzt zu Beginn der Motorradsaison sollten Autofahrende wieder damit rechnen, dass Motorradfahrende unterwegs sind und besonders achtsam sein.

Dass die Unfallart im Kreuzungsbereich derart unterschiedlich ist, unterstreicht die Komplexität des Unfallgeschehens an diesen Knotenpunkten. Doch was kann getan werden, um das Unfallrisiko an Kreuzungen und Einmündungen zu reduzieren?

Die ADAC Untersuchung hat gezeigt: Eine einheitliche, länderübergreifende Lösung, um Abbiege- und Kreuzenunfälle zu reduzieren, gibt es nicht. Stattdessen muss jede Einmündung und Kreuzung einzeln analysiert und eine für sie passende Lösung gefunden werden. Der ADAC hat dazu einen Maßnahmenkatalog mit den Vor-und Nachteilen einzelner Lösungsansätze erstellt.

Infrastruktur: So kann man Unfälle verhindern

Schaut man sich die Möglichkeiten an, die die Kommunen haben, um Kreuzungen zu entschärfen, dann stellt man schnell fest: Einige der machbaren Maßnahmen sind teuer und brauchen Planung sowie Zeit. Andere Maßnahmen können dagegen das Unfallgeschehen deutlich schneller und kostengünstiger beeinflussen.

Kreisverkehre beispielsweise sind zwar sehr effektiv, weil durch sie die Geschwindigkeit automatisch reduziert wird, aber sie sind in ihrer Umsetzung zeit- und kostenintensiv. Zudem ist nicht überall genügend Platz, um einen Kreisverkehr zu bauen.

Ampeln – im Fachjargon als Lichtzeichenanlagen bezeichnet – sind schneller und günstiger anzubringen. Allerdings können sie den Verkehrsfluss mindern. Klar aber ist: Beide Maßnahmen haben eine sehr hohe Wirksamkeit und damit das höchste Unfallvermeidungspotenzial.

Eine weitere infrastrukturelle Maßnahme zur Verringerung von Konflikten sind separate Linksabbiegespuren. Sie behindern den Verkehrsfluss nicht, senken aber das Risiko eines Auffahrunfalls. Auch Verkehrsinseln trennen die Spuren baulich voneinander und können eine Alternative sein.

Günstige und schnell umsetzbare Möglichkeiten sind Stoppschilder oder ein Tempolimit an Kreuzungen und Einmündungen außerorts, um Unfallschwerpunkte wirksam zu entschärfen. Sie können zwar die Unfälle nicht verhindern, aber die Schwere des Unfalls deutlich senken.

Fahrzeugtechnik: Hilfreiche Assistenzsysteme

Kreuzungsassistenten können eine automatische Notbremsung einleiten © ADAC/Test und Technik

Eine weitere Möglichkeit, Einfluss auf das Unfallgeschehen zu nehmen, bietet die Technik in den Fahrzeugen. Fahrerassistenzsysteme erhöhen zum Teil heute schon die Sicherheit. Das heißt, auch die Fahrzeugausstattung hat einen Einfluss auf das Risiko, an einer Kreuzung oder Einmündung zu verunglücken. Kreuzungsassistenten können helfen, Unfälle an Einmündungen und Kreuzungen zu vermeiden. Sie leiten in kritischen Situationen automatisch eine Notbremsung ein.

Bereits heute werden erste Varianten im Rahmen des Euro-NCAP-Verbraucherschutzprogramms getestet. Ab 2023 müssen diese Systeme dann auch den Querverkehr und Motorräder rechtzeitig erkennen können. Es wird jedoch noch einige Jahre dauern, bis ein robuster Kreuzungsassistent serienmäßig in allen Fahrzeugen verbaut sein wird.

Auch das sogenannte intelligente ACC-System kann einen Beitrag leisten. Das herkömmliche ACC hält die vom Fahrer vorgegebene Geschwindigkeit unter Berücksichtigung des Abstands zum Vordermann ein. Der intelligente Geschwindigkeitsregeltempomat ("intelligent ACC") erkennt vorausschauend darüber hinaus auch Randbedingungen, für die eine niedrigere als die zulässige Höchstgeschwindigkeit angemessen bzw. ratsam ist. So beginnt das intelligente ACC das Fahrzeug z.B. vor Kreisverkehren, Kreuzungen oder Kurven auf eine angemessene Geschwindigkeit zu reduzieren.

Rundumsicht: Gute Sicht reduziert die Unfallgefahr

ADAC Standardtest: Wie gut ist die Rundumsicht? © Victor Machado Victor Machado

Eine gute Rundumsicht im Fahrzeug verringert das Unfallrisiko. Im ADAC Autotest wird aber gerade die Sicht nach links oft schlecht bewertet. Besonders fatal, denn am häufigsten passiert ein Unfall mit anderen Verkehrsteilnehmenden von links.
Obwohl die Problematik einer eingeschränkten Rundumsicht unabhängig von der Nationalität und des Alters des Fahrers ist, sollten gerade Senioren auf ein geeignetes Fahrzeug achten. Das Bewegungs- und Sehvermögen ist mit zunehmendem Alter etwas eingeschränkter, deshalb ist es besonders wichtig, ein Auto zu fahren, bei dem man eine gute Rundumsicht hat.

Aber auch alle anderen Autofahrenden sollten beim Kauf eines Autos darauf achten, dass die Sicht aus dem Fahrzeug in alle Richtungen optimal ist und keine Sichtverdeckungen durch die Karosserie auftreten. So kann verhindert werden, dass zum Beispiel beim Einbiegen auf eine Bundesstraße ein Motorradfahrer hinter der A- oder B-Säule verschwindet.

Tipps für Verbraucher

  • Beim Fahrzeugkauf gilt es darauf zu achten, dass alle potenziellen Fahrenden in ihrer spezifischen Sitzposition eine gute Rundumsicht haben. Dadurch kann vermieden werden, dass ein toter Winkel hinter der A- oder B-Säule entsteht und so andere Verkehrsteilnehmer übersehen werden.

  • Aktuelle Fahrzeuge bieten viele unterschiedliche Fahrerassistenzsysteme. Bei einem Gebraucht- oder Neuwagenkauf gilt es darauf zu achten, ob das jeweilige Fahrzeug mit einem Kreuzungsassistenten ausgerüstet ist.

  • Durch ein regelkonformes Verhalten wie beispielsweise die Einhaltung der Geschwindigkeitslimits oder Beachtung der vorfahrtsregelnden Verkehrszeichen können nicht nur die Unfallschwere verringert, sondern auch Unfälle vermieden werden.

  • Sicher ankommen: In der Eile macht man leider Fehler. Besonders an Gefahrenstellen wie Kreuzungen ist größte Um- und Vorsicht geboten, lieber noch ein weiteres Mal schauen, ob der Weg frei ist.

Regina Ammel
Redakteurin
Kontakt

Wie hat Ihnen der Artikel gefallen?