Ora Funky Cat: Elektro-Mini aus China

Niedlich schaut er ja aus, der Elektro-Mini aus China namens Ora Funky Cat. Aber taugt er auch was?
Niedlich schaut er ja aus, der Elektro-Mini aus China namens Ora Funky Cat. Aber taugt er auch was?© ADAC/Wolfgang Rudschies

Hier kommt ein neuer Elektro-Kleinwagen aus China: der Ora Funky Cat. Machen Sie mit uns eine Probefahrt – Sie werden überrascht sein.

  • Kleinwagen mit 126 kW/176 PS

  • Zwei Akkugrößen für 310 oder 420 Kilometer Reichweite

  • Viele technische Finessen und wertige Materialien

Die Chinesen kommen nach Deutschland und Europa – und setzen mit geballter Macht alles aufs Elektroauto. Neben Aiways, BYD, Nio und weiteren heißt einer dieser Automobilhersteller Great Wall Motors (GWM). GWM hat bereits einen Plug-in-Hybrid in Deutschland am Start, den Wey Coffee 01. Ein großes SUV mit einer vergleichsweise hohen elektrischen Reichweite. Nun folgt das erste vollelektrische Auto unter dem Markennamen Ora: die Funky Cat.

Funky Cat: Der ungewöhnliche Begleiter

Wie der Name klingt, so sieht das Auto auch aus: Ein Kleinwagen von nur 4,24 Metern Länge mit fröhlicher Zweifarben-Lackierung, Kulleraugen-Front und rundlichem Heck. Die optische Wirkung ist ganz schön funky – das kann man mit Fug und Recht sagen. Das mit der Katze im Namen hat jedoch einen tieferen Sinn. Die Katze steht in China symbolhaft für einen Begleiter. "Funky Cat" ist also ein ungewöhnlicher Begleiter.

Auch der Markenname wurde ziemlich bedeutungsschwanger aufgeladen: "ORA", so die Selbstbeschreibung der Firma, sind die großen Anfangsbuchstaben von Open (offen für Neues), Reliable (zuverlässig) und Alternative (anders).

So viel als Prolog und zur Einstimmung. Doch uns interessiert vor allem, was de facto an Qualitäten im Ora Funky Cat steckt. Kommen Sie mit auf Probefahrt. Los geht's.

Bildergalerie: Der Elektro-Kleinwagen im Detail

Bedienung per Spracheingabe: Fluch oder Segen?

Fein rausgeputzt und in Himmelblau wartet der Ora Funky Cat auf mich. Die Tür steht offen, ich muss nur noch einsteigen. Aber halt! Mal sehen, ob es stimmt, was ich gelesen habe. Der Sprachassistent soll einem stets behilflich sein können: Zum Beispiel den Kofferraum öffnen, wenn man ihm das sagt, oder alles mögliche andere ein- und herrichten. Sprachbedienung scheint Apples "Next Big Thing" der Ora-Chinesen zu sein.

Ich rufe ins Auto hinein: "Hey, Ora! Den Kofferraum öffnen, bitte". Und siehe da: Die Heckklappe surrt nach oben. Elektrisch, natürlich. Zu mache ich die Klappe per Knopfdruck, nachdem ich meine Tasche in das kleine Verlies geworfen habe.

Hoffentlich wird Chris, vorübergehend arbeitslos, nicht böse. Die Fahrertür muss ich sowieso selbst zuziehen, weil hier (noch) ein Elektromotor fehlt. Beeindruckt bin ich trotzdem vom Einsatz des Sprachassistenten und schaue mir Chris in der Digitalanzeige an, der all meine Befehle umsetzen soll. Chris heißt nämlich die Figur mit der künstlichen Intelligenz, die irgendwo im Armaturenbrett zu wohnen scheint.

Der Name ist extra für mich einprogrammiert worden. Nebenan im anderen Testfahrzeug heißt das künstliche Wesen vielleicht Edeltraut oder Susanne. Alles Mögliche an Zweitnamen könne man vergeben, heißt es. Nur Udo geht nicht, erklärt man mir. Drei Buchstaben – das sei einer zu wenig.

Sensoren und Kameras: Big brother is watching

Kameras, die den Fahrer überwachen, haben alle Autos. Aber keine ist so groß wie die im Ora © ADAC/Wolfgang Rudschies

Einen Startknopf gibt es nicht. Der Schlüssel im Auto reicht, damit die Systeme aktiviert werden. Sollte ich das Auto kaufen, würde ich anhand meiner Gesichtsergonomie vom Auto als autorisiert erkannt, ein Computer vergesse ja nichts. Und in der Nacht? Wenn's stockfinster ist? Macht Chris, Edeltraut oder Susanne dann prophylaktisch ein Licht an, sobald jemand vorbeihuscht? Das frage ich die Verantwortlichen lieber nicht. Vielleicht habe ich Angst vor der Antwort. Und überhaupt: Nichtwissen kann auch mal für etwas gut sein.

Was der Sensor an der A-Säule des Fahrerplatzes für eine Funktion hat, kann ich im Moment nur mutmaßen. Offenbar steckt dort eine Kamera für das Innenraum-Erkennungssystem drin. Nur: Muss die wirklich so groß sein? Bei deutschen und anderen Herstellern sind die Kameras der Müdigkeitswarner meistens so klein, dass man sie gar nicht wahrnimmt. Filmt mich diese Kamera etwa die ganze Zeit? Und wenn ich mich irgendwie blöd anstelle beim Fahren: Kann man den Film dann irgendwann bei Tiktok anschauen? Auch das will ich im Moment lieber gar nicht wissen.

Antrieb und Leistung: Fahrspaß wie im Mini

Freude am Fahren: Der Ora Funky Cat fährt sich ähnlich sportlich wie der Elektro-Mini © Ora

Ich drehe den Getriebewahlhebel auf D, gebe Strom – und bin erleichtert. Es passiert nämlich nichts, was ich nicht erwartet hätte: Das Auto fährt – ohne Chris – einfach so. Die 126 kW (nach alter Währung 171 PS) legen munter los. Das maximale Drehmoment von 250 Nm ist spontan zur Stelle. Mehr Leistung braucht der Funky Cat wirklich nicht. Zumal der Antrieb es mit einem nur 1615 Kilogramm schweren Kleinwagen zu tun hat, in dessen Fahrzeugboden ein immerhin 63 kWh großer und schwerer Akku steckt. Alternativ gäbe es noch eine Sparvariante mit einem 48-kWh-Akku.

Über 400 Kilometer Aktionsradius sollen mit dem größeren Akku möglich sein. Na, prima. Dann mal rauf auf den Berg! Und bloß kein Geiz mit dem Strompedal. Es lockt eine Passfahrt mit vielen Serpentinen. Kräftig beschleunigen, bremsen, kräftig beschleunigen. Wollen wir doch mal sehen, ob die angegebene Reichweite dann noch halbwegs realistisch ist.

Dabei kommt richtig Fahrfreude auf: Der Funky Cat liegt supersicher auf der Straße. Schnell gewinne ich Vertrauen in die Qualitäten des Fahrwerks. Die Pirell-Reifen machen einen super Job, kleben förmlich auf der Straße, wimmern auch bei erstaunlich hohen Kurvengeschwindigkeiten nicht. Und lassen damit fast vergessen, dass sie unten in der Ebene bei vollkommen gelassener Fahrt recht harte Abrollgeräusche entwickelten. Als hätte man sie zu heftig aufgepumpt. Waren sie aber nicht, wird ein Techniker später sagen.

Am Ende der Passstraße zeigt die Verbrauchsanzeige einen Wert von 18,7 kWh pro 100 Kilometer an. Und dass die Strecke auch mit weniger Energie hätte bewältigt werden können. Ich ignoriere den Hinweise, obwohl es Chris natürlich nur gut gemeint hat.

Sanfter Spurhalteassistent, rüde Ermahnungen

Ruhe bewahrend: Unaufdringliche Darstellung im Fahrerdisplay, sanft agierender Spurhalter © ADAC/Wolfgang Rudschies

Was mich total überrascht ist, dass der Spurhalteassistent überhaupt nicht nervt. Mich, der in nahezu allen modernen Autos den Spurhalter erstmal deaktiviert. Klar, für unaufmerksame Fahrer, die irgendwie am Handy rumdaddeln oder – noch fahrlässiger – ihre Thermosflasche mit Kaffee aus dem Fußraum des Beifahrers aufklauben, machen solche Systeme absolut Sinn. Dann sind sie als Beitrag zur Verkehrssicherheit geradezu geboten. So sieht es ja auch der Gesetzgeber. Aber für den voll konzentrierten Fahrer? Überflüssig.

Plötzlich steht Chris auf der Matte. Ungefragt, vollkommen selbstständig. Und raunzt mich unvermittelt an: "Sie sind geistesabwesend. Bitte konzentrieren Sie sich aufs Fahren." Unverschämtheit!

Aber Chris hat recht. Ich war abgelenkt. Denn ich bin kurzzeitig damit beschäftigt gewesen zu schauen, was man sonst noch alles an Gimmicks findet im Ora Funky Cat. Fahrmodus-Schalter? Ja, gibt es, links unten neben dem Lenkrad am Armaturenbrett. Vier Stufen werden angeboten: Normal – Auto – Sport – Eco. Kennt man im Grunde. Menüfunktionen für dies und das am Touchscreen? Ja klar, gibt es zuhauf. Keine Ahnung wofür alles. Ich will jetzt aber nur Auto fahren. Für den ganzen Firlefanz ist die Probefahrt zu kurz.

Wenig Platz im wertigen Innenraum

Tea for two: Der Innenraum ist hochwertig eingerichtet, auch auf der Rückbank © Ora/Jan Greune

Lieber setze ich mich noch nach hinten. Viel Platz ist auf der Rückbank nicht vorhanden, für zwei nicht allzu große Erwachsene reicht es trotzdem einigermaßen. Der Kofferraum sieht genau nach den angegebenen 228 Litern aus. Also dürftig. Nach Umklappen der Rücksitzlehnen ergibt sich ein Volumen von immerhin 858 Liter. Aber durch das Umklappen entsteht leider eine sehr unpraktische Stufe im Laderaum.

Toll fühlen sich die verwendeten Materialien an: Der smoothe Bezug der Dashboard-Oberfläche, die gesteppten Türtafeln und Sitzpolster, die chromglänzenden Kippschalter an der Mittelkonsole, der als Handschmeichler geformte Schlüssel für die Hosentasche und vieles mehr. Man sieht deutlich, welch hohen Qualitätsstandard die Chinesen anstreben.

Alexander Wolf, verantwortlicher Ingenieur für die Autos von Ora in Deutschland, erklärt, dass die Fahrzeuge, die an Kunden in China ausgeliefert werden, nicht ganz so wertig gemacht sind. Die Autos für Deutschland hätten beispielsweise andere Motoren und eine geänderte Fahrwerksabstimmung. Auch seien die Verkleidungen und Bezüge im Cockpit ein bisschen dicker. An der Feinabstimmung der Lenkung, da arbeite man noch dran. Ich verstehe, was ich verstehen soll: Die Firma legt sich echt ins Zeug für den deutschen Kunden.

Fazit: Hohe Qualität – zu einem hohem Preis

Das Panorama-Glasschiebedach gehört zur Topversion 400 Pro + für 47.490 Euro © Ora

Schon die optischen Anleihen sind unübersehbar: Great Wall Motors scheint sich den Elektro-Mini von BMW zum Vorbild genommen zu haben – siehe die abgeflachten Rundscheinwerfer mit dem markanten Lichtring. Oder die Kippschalter im Cockpit. Aber auch Antrieb und Fahrwerk bereiten mit dem Ora Funky Cat einen ähnlichen Spaß wie beim Elektro-Mini. Dank größerem Akku kommt das chinesische Modell deutlich weiter als der Bajuware. Und einen so schlauen Sprachassistenten hat Mini ebenfalls nicht zu bieten. Dazu bescheinigt Euro NCAP dem Ora Funky Cat höchste Sicherheit. Die beste unter allen Kleinwagen.

Hier sehen Sie das Crashtest-Video zum Ora Funky Cat ∙ Bild: © Euro NCAP, Video: © ADAC e.V.

All das zeigt den hohen Anspruch der Chinesen. Sie wollen in Deutschland unbedingt Erfolg haben. Und sie machen es an vielen Stellen richtig gut.

Ob aber der Preis des Ora von deutschen Kunden akzeptiert wird, muss sich erst noch zeigen. Der Funky Cat ist zwar sehr gut ausgestattet, aber er ist auch sehr teuer für einen Kleinwagen. So kostet die Basisversion mit der 48 kWh großen Batterie 38.990 Euro, die Variante mit dem 63 kWh großen Akku 44.490 Euro. Die gefahrene Topversion Ora Funky Cat 400 Pro + kostet sogar 47.490 Euro – bleibt aber immer noch ein Kleinwagen. Auch die maximale Ladeleistung von 67 kW ist angesichts des hohen Preises wenig tröstlich. Für das Geld müsste eigentlich noch mehr drin sein.

Technische Daten: Ora Funky Cat

Technische Daten (Herstellerangaben)

ORA Funky Cat (48 kWh) 300 (ab 01/23)

ORA Funky Cat (63 kWh) 400 Pro (ab 01/23)

ORA Funky Cat (63 kWh) 400 Pro + (ab 01/23)

Motorart

Elektro
Elektro
Elektro

Leistung maximal in kW (Systemleistung)

126
126
126

Leistung maximal in PS (Systemleistung)

171
171
171

Drehmoment (Systemleistung)

250 Nm
250 Nm
250 Nm

Antriebsart

Vorderrad
Vorderrad
Vorderrad

Beschleunigung 0-100km/h

8,3 s
8,2 s
8,2 s

Höchstgeschwindigkeit

160 km/h
160 km/h
160 km/h

Reichweite WLTP (elektrisch)

310 km
420 km
420 km

CO2-Wert kombiniert (WLTP)

0 g/km
0 g/km
0 g/km

Verbrauch kombiniert (WLTP)

16,7 kWh/100 km
16,5 kWh/100 km
16,5 kWh/100 km

Batteriekapazität (Brutto) in kWh

47,8
63,1
63,1

Batteriekapazität (Netto) in kWh

45,4
59,3
59,3

Ladeleistung (kW)

AC:11,0 DC:64,0
AC:11,0 DC:67,0
AC:11,0 DC:67,0

Kofferraumvolumen normal

228 l
228 l
228 l

Kofferraumvolumen dachhoch mit umgeklappter Rücksitzbank

858 l
858 l
858 l

Leergewicht (EU)

1.615 kg
1.615 kg
1.615 kg

Zuladung

355 kg
355 kg
355 kg

Anhängelast ungebremst

n.b.
n.b.
n.b.

Anhängelast gebremst 12%

n.b.
n.b.
n.b.

Garantie (Fahrzeug)

5 Jahre
5 Jahre
5 Jahre

Länge x Breite x Höhe

4.235 mm x 1.825 mm x 1.603 mm
4.235 mm x 1.825 mm x 1.603 mm
4.235 mm x 1.825 mm x 1.603 mm

Grundpreis

38.990 Euro
44.490 Euro
47.490 Euro