Mercedes EQV im Test: Spaceshuttle unter Strom

Die Mercedes V-Klasse fährt jetzt auch elektrisch
Die Mercedes V-Klasse fährt jetzt auch elektrisch© Mercedes

Derr Mercedes EQV ist die elektrische Version der Mercedes V-Klasse. Kommt der große Bus mit Elektroantrieb klar? ADAC Test des EQV 300, Daten, Reichweite, Preis

  • Den Mercedes EQV gibt es in den Größen large und extra large

  • In der Stadt rund 400 Kilometer Fahrstrecke möglich

  • Variabel Platz für sechs bis acht Personen und Gepäck

Das elektrische Alphabet bei Mercedes füllt sich immer schneller: Nachdem EQA, EQB, EQC und EQS schon an der Ladesäule stehen und der EQE in Kürze losrollt, haben die Schwaben schon Ende 2020 auch ein V in die Buchstabensuppe geworfen und den ersten luxuriösen Van mit Stromkabel in den Handel gebracht.

Der Mercedes EQV kostet mindestens 67.818,10 Euro und ist wahlweise als lange und extralange V-Klasse lieferbar. Optisch nur ganz marginal modifiziert, soll er großen Familien einen kleinen CO₂-Fußabdruck ermöglichen und Taxi- oder Limousinen-Flotten um ein sauberes Shuttle bereichern.

30,9 kWh/100 km: Hoher Verbrauch im ADAC Test

Der 150 kW starke E-Motor sitzt an der Vorderachse © Mercedes

Für einen Netto-Aufpreis von rund 6000 Euro auf den vergleichbaren Diesel montiert Mercedes im Bug einen E-Motor mit 150-kW-Spitzen- und 95-kW-Dauerleistung und im Wagenboden einen Lithium-Ionen-Akku mit einer Kapazität von brutto 100 kWh, von denen immerhin 90 genutzt werden können. Im WLTP-Zyklus reicht das für mehr als 400 Kilometer und für mindestens eine Taxi-Schicht, sagt zumindest Projektleiter Benjamin Kaehler. Auf Basis des ADAC Ecotest-Verbrauchs von ganz schön happigen 30,9 kWh pro 100 Kilometer sind zumindest 325 Kilometer am Stück möglich.

Damit Van und Fahrer danach keine allzu lange Pause brauchen, stattet Mercedes den EQV serienmäßig mit einem wassergekühlten Onboard-Lader und einem CCS-Anschluss aus. An der Schnellladesäule eingestöpselt, zapfte das Spaceshuttle im Schnitt mit einer Ladeleistung von 93,3 kW im Test und kam so in 42 Minuten von zehn auf 80 Prozent Ladestand (Ladekurve beim Schnellladen im PDF weiter unten).

Auf die reale Reichweite hat der Fahrer großen Einfluss. Zum einen, weil er zwischen vier Fahrmodi wählen und bis in den spaßfreien, aber dafür sparsamen ECO+-Betrieb schalten kann, der mit der Leistung auch die Klimatisierung drosselt, was bei einem so großen Kasten
schnell mal ein paar Kilometer bringt. Und zum anderen, weil der EQV in der stärksten von fünf wählbaren Rekuperationsstufen so stark verzögert, dass man tatsächlich mit einem Pedal fahren, die mechanische Bremse vergessen und bei jedem Ampelstopp ein wenig an Reichweite zurückgewinnen kann.

360-Grad-Blick: So sieht es im Mercedes EQV aus

Passagiere fühlen sich wie im siebten Himmel

Sechs bis acht Personen passen in die elektrische V-Klasse © Mercedes

In der Stadt fühlt sich der elektrische Kleinbus in Lack und Leder damit ein bisschen an wie eine S-Bahn 1. Klasse. Denn zur hohen und vergleichsweise aufrechten Sitzposition
und dem vornehmen Interieur kommt noch das elektrische Fahrgefühl. Und wie alle Akku-Autos beschleunigt auch der EQV zumindest auf den ersten Metern deutlich besser und spontaner als die Verbrenner. Vom Stand weg zieht der Motor gleichmäßig und nachdrücklich los, die Beschleunigung verläuft konstant und ohne jegliches Rucken oder Ungleichmäßigkeiten. Ein Überholmanöver auf der Landstraße gelingt zügig, von 60 auf 100 km/h beschleunigt der EQV in 5,7 Sekunden. Das kann sich für ein Auto dieses Formats sehen lassen.

Zwar werden die Fahrwiderstände mit zunehmendem Tempo spürbar größer und man braucht jenseits des Ortschilds etwas mehr Geduld. Trotzdem fährt der EQV 140 km/h Spitze und für nicht mal 200 Euro Aufpreis macht Mercedes sogar 160 km/h möglich. Selbst wenn die Reichweite dann rasend schnell in den Keller geht, wähnt man sich auf der Autobahn deshalb eher im ICE als in der S-Bahn.

Darüber hinaus kompensiert der Wagen mit Stille, was ihm vielleicht an Speed fehlt. Denn so kräftig der Diesel in der V-Klasse auch sein mag, gehört er doch zu den knurrigeren Vertretern seiner Art, während es im EQV endlich Ruhe beim Reisen gibt. Wer für 2405 Euro Aufpreis die neue Luftfederung bestellt, der fährt wie in Watte gepackt und auf Wolken gebettet. Der gegenüber der V-Klasse niedrigere Schwerpunkt und das hohe Fahrzeuggewicht bestimmen das Fahrgefühl. Der EQV wirkt träge und behäbig, aber dadurch auch in sich ruhend. Wogend fährt er über die Lande und lässt sich auch von schlechten Wegen nicht aus der Fassung bringen. Innerorts schluckt er Unebenheiten und Bodenwellen gut, Kanten wie abgesenkte Kanaldeckel sind eher zu hören als wirklich deutlich zu spüren. Besonders auf der Landstraße und der Autobahn dringen Hindernisse kaum noch bis zu den Insassen durch.

Mercedes EQV: Auch elektrisch ein Raumriese

Platz ohne Ende auch in der elektrischen V-Klasse © Mercedes

Mit dem neuen Antrieb ändert sich das Fahrgefühl, doch das Raumgefühl bleibt gleich. Denn außer im Cockpit, wo auf dem großen Touchscreen das Bediensystem MBUX samt elektrischer Untermenüs für die intelligente Routenplanung und das Energiemanagement läuft, ist der neue Raumriese ganz der Alte: Weil die Batterie komplett im Wagenboden verschwindet, gibt es genauso viel Platz und Variabilität, wie man es von den Verbrennern kennt. Auf dem ebenen Boden kann man Einzelsitze oder Bänke mit oder gegen die Fahrtrichtung montieren, kann jedes Möbelstück verschieben, versetzen oder ganz ausbauen – und dann jede Menge Gepäck einladen.

In der genormten Sitzkonfiguration des ADAC Tests (Sitzreihe zwei und drei sind auf 1,85 Meter große Passagiere eingestellt) beträgt das Kofferraumvolumen bis zur Scheibenunterkante beziehungsweise bis zur optionalen Laderaumunterteilung 755 Liter. Und maximal, also wenn Fondsitze oder -sitzbänke ausgebaut sind, lassen sich enorme 4785 Liter transportieren.

Ein kurioses Detail beim EQV: Eine Vollausstattung inklusive der besonders komfortablen Luxus-Sitze in der mittleren Reihe ist bei diesem Modell nicht möglich, weil das Leergewicht zu hoch ausfallen würde – man muss sich bei den Extras also entscheiden und kann nicht alles nehmen. Auf dem Dach dürfen erstaunlich hohe Lasten von bis zu 150 Kilo transportiert werden, eine praktische Dachreling gibt es optional. Eine Stützlast ist dagegen nicht erlaubt, ebenso wenig eine Anhängelast.

Fazit Mercedes EQV

Praktisch und vornehm wie immer, aber jetzt auch noch sauberer und selbst in Smog-geplagten Städten zukunftsfest: Mit dem EQV kontert Mercedes die Luxusoffensive von Tesla mit einem Elektroauto, in dem man anders als bei Model S und Model X auch in der dritten Reihe ordentlich sitzen kann.

Mehr als selbstbewusst preist Mercedes den EQV 300 ein, bei gut 70.000 Euro geht's los, sinnvoll ausgestattet liegen knapp 90.000 Euro an. Mit allerlei Luxus sind aber auch 105.000 Euro kein Problem. Aber das ist nicht verwunderlich angesichts der teils absurd hohen Aufpreise, die seit Einführung des Modells sogar noch weiter gestiegen sind. Zugleich gehen die Schwaben im ewigen Kampf mit dem VW Bulli in Führung, weil die Niedersachsen ihre Elektro-Offensive erst jetzt mit dem ID Buzz so richtig beginnen.

Lesen Sie hier den ausführlichen Test des Mercedes-Benz EQV 300 lang als PDF
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Mercedes EQV: Technische Daten, Preis

Technische Daten (Herstellerangaben)

Mercedes-Benz EQV 300 lang (90 kWh) (ab 10/20)

Motorart

Elektro

Leistung maximal in kW (Systemleistung)

150

Leistung maximal in PS (Systemleistung)

204

Drehmoment (Systemleistung)

362 Nm

Antriebsart

Front

Höchstgeschwindigkeit

140 km/h

Reichweite WLTP (elektrisch)

356 km

CO2-Wert kombiniert (WLTP)

0 g/km

Verbrauch kombiniert (WLTP)

28,1 kWh/100 km

Verbrauch Gesamt (NEFZ)

26,3 kWh/100 km

Batteriekapazität (Brutto) in kWh

100,0

Batteriekapazität (Netto) in kWh

90,0

Ladeleistung (kW)

AC:11,0 DC:110,0

Kofferraumvolumen normal

1.030 l

Kofferraumvolumen dachhoch mit umgeklappter Rücksitzbank

4.630 l

Leergewicht (EU)

n.b.

Zuladung

n.b.

Garantie (Fahrzeug)

2 Jahre

Länge x Breite x Höhe

5.140 mm x 1.928 mm x 1.901 mm

Grundpreis

71.388 Euro

ADAC Messwerte

ADAC Messwerte (Auszug)

Mercedes-Benz EQV 300 lang

Überholvorgang 60 – 100 km/h

5,7 s

Bremsweg aus 100 km/h

38,3 m

Wendekreis

13,2 m

Verbrauch/CO₂-Ausstoß ADAC Ecotest

30,9 kWh/100 km, 155 g CO₂/km (Well-to-Wheel)

Bewertung ADAC Ecotest (max. 5 Sterne)

***

Reichweite

325 km

Innengeräusch bei 130 km/h

67,7 dB(A)

Leergewicht / Zuladung

2870 / 630 kg

Kofferraumvolumen normal / geklappt / dachhoch

1220 / 2620 / 4785 l

ADAC Testergebnis

ADAC Testergebnis

Mercedes-Benz EQV 300 lang (90 kWh) (ab 10/20)

Karosserie/Kofferraum

2,1

Innenraum

1,9

Komfort

2,2

Motor/Antrieb

1,3

Fahreigenschaften

3,2

Sicherheit

2,1

Umwelt/EcoTest

3,5

Gesamtnote

2,4

Sicherheit und Umwelt werden doppelt gewertet; Notengrenzen:

sehr gut

0,6 - 1,5

gut

1,6 - 2,5

befriedigend

2,6 - 3,5

ausreichend

3,6 - 4,5

mangelhaft

4,6 - 5,5

Text: ADAC Redaktion, Thomas Geiger