Auto & Innovation

Fahrbericht Mercedes A-Klasse: Die Neuerfindung des Baby-Benz

2.5.2018

Im Mai 2018 kommt die vierte Generation der Mercedes A-Klasse auf den Markt. Technisch setzt sie neue Maßstäbe: Künstliche Intelligenz macht sie schlauer als alle anderen Kompaktwagen. Der kompakte Konkurrent zu BMW 1er, Audi A3 und VW Golf im ersten Fahrbericht unserer Test-Redaktion mit allen Daten, Fakten und Preisen

Wie die Zeit vergeht. 21 Jahre ist es her, dass die Mercedes A-Klasse eingeführt wurde. Damals war der Micro-Van eine Sensation – ein solch revolutionäres Raumkonzept hätte man einem konservativen Limousinen-Hersteller nicht zugetraut. In die Schlagzeilen kam der Stuttgarter auch, weil er beim Elchtest umgefallen war. Was für den Hersteller äußerst peinlich war, führte aber immerhin dazu, dass der Lebensretter ESP schneller eingeführt wurde.

Eines hat weder die erste noch die zweite A-Klasse geschafft: Eine jüngere Zielgruppe für Mercedes zu begeistern. Das gelang erst mit der dritten Generation, die das Van-artige Konzept über Bord warf und sich zum viel gewöhnlicheren Kompaktwagen à la Golf verwandelte: A-Klasse-Käufer wurden im Schnitt zehn Jahre jünger.

Dieser Trend könnte sich fortsetzen. A-Klasse Nummer vier ist extrem auf eine junge, technikaffine Zielgruppe zugeschnitten. Ob die sich den mindestens 30.000 Euro teuren Kompaktwagen leisten kann, ist allerdings eine andere Frage. Doch von den technischen Möglichkeiten dürfte sie recht angetan sein.

Cockpit des Mercedes A 180d
Modernes Cockpit mit dominantem Bildschirm

Moderne Technik soll junge Kunden anlocken

Nur ein paar Beispiele: Wer ein NFC-fähiges Smartphone besitzt, kann es als Ersatz für den Autoschlüssel verwenden. Das Auto öffnet und startet dann via Kurzstreckenfunk.  Über die Mercedes "Me-Connect-Systeme" werden freie Parkplätze vorgeschlagen. Eine App am Smartphone schlägt Alarm, wenn das geparkte Fahrzeug angefahren oder abgeschleppt wird.

Und wer sein Auto mit anderen teilen möchte, kann sich ab August ein privates Carsharing einrichten. Auch das funktioniert über eine App: Der Eigentümer legt bestimmte Personen fest, die das Auto nutzen dürfen. Familienmitglieder etwa, Nachbarn oder Kollegen. Die sehen, wann das Auto verfügbar ist, "buchen" es über die App, öffnen, starten und schließen es ganz einfach mit dem Smartphone. Ein separater Schlüssel ist nicht nötig – wie beim professionellen Carsharing Car2go auch.

Mercedes-me-Projektmanager Christian Gugel erklärt: "Man kann es als Alternative zur persönlichen Schlüsselübergabe für einen kleinen Nutzerkreis sehen." In Zukunft sei auch denkbar, dass man sein Fahrzeug auf diese Weise in der Car2go-Flotte für jedermann zur Verfügung stellt. Während man also im Urlaub am Hotelpool Cocktails schlürft, würde das Auto zu Hause nicht nutzlos herumstehen und sogar noch Geld verdienen. Aber das ist Zukunftsmusik.

Die schöne neue Autowelt wird auch im Innenraum der A-Klasse deutlich. Analoge Instrumente gibt es hier nicht mehr. Stattdessen ein elegantes, freistehendes Digital-Display, das sich in zwei Teile splittet. Links vor dem Fahrer Tacho, Drehzahlmesser und Fahrinfos. Nach persönlichem Gusto lässt sich wählen, welche Infos dargestellt werden sollen – reduziert oder ausführlich, bunt oder weiß.

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Rechts ein großes 10-Zoll-Touch-Display, das in bester Auflösung nicht nur die übliche Navikarte zeigt, sondern dem Fahrer auch Vorschläge unterbreitet – ebenfalls ein Novum. Weil das System (genannt "MBUX", Mercedes-Benz User Experience) den Fahrer mit Hilfe künstlicher Intelligenz mit der Zeit immer besser kennenlernt, schlägt es zum Beispiel nicht nur aktiv Radiosender vor, die gefallen könnten. Es merkt sich auch, wenn etwa unter der Woche immer die gleiche Strecke zur Arbeit gefahren wird und empfiehlt unter Berücksichtigung des aktuellen Verkehrs von sich aus eine entsprechende Route.

Auch die Sprachbedienung wurde weiterentwickelt. Statt normierter Befehle versteht der Computer jetzt ganz normale Sätze. "Bring mich nach Hamburg" klappt genauso wie "Ich möchte in die Arbeit fahren". Voraussetzung ist, dass man die Spracherkennung mit den Worten "Hi" oder "Hey Mercedes" aktiviert. Auch auf den Satz "Hey Mercedes, mir ist warm" reagiert das System und regelt die Temperatur herunter. Alle Funktionen im Fahrzeug können damit aber nicht gesteuert werden – schließlich wäre der Satz "deaktiviere ESP" in einer glatten Kurve fatal.

Trotz aller Bemühungen funktioniert aber auch diese Sprachsteuerung noch nicht perfekt – mit manchen Stimmen hat es Probleme, selbst wenn es sich sogar auf Dialekte einstellen und mit anderen Spracherkennungsdiensten wie Google Home und Amazon Alexa verknüpft werden kann. Und vor Missverständnissen ist auch diese Spracherkennung noch nicht gefeit.

 

Technische Daten Mercedes A200 Mercedes A250 Mercedes A180 d
Motor 4-Zylinder-­Turbobenziner, 1332 cm3, 120 kW/163 PS, 250 Nm bei 1620 U/min 4-Zylinder-­Turbobenziner, 1991 cm3, 165 kW/224 PS, 350 Nm bei 1800 U/min 4-Zylinder-­Turbodiesel, 1461 cm3, 85 kW/116 PS, 260 Nm bei 1750 U/min
Fahrleistungen 8,2 s auf 100 km/h, 225 km/h Spitze 6,2 s auf 100 km/h, 250 km/h Spitze 10,5 s auf 100 km/h, 202 km/h Spitze
Verbrauch 6,3 l Super/100 km, 144 g CO2/km 6,5 l Super/100 km, 149 g CO2/km 4,5 l Diesel/100 km, 118 g CO2/km
Maße L 4,42 / B 1,80 / H 1,44 m L 4,42 / B 1,80 / H 1,44 m L 4,42 / B 1,80 / H 1,44 m
Kofferraum 370 – 1210 l 370 – 1210 l 370 – 1210 l
Preis 30.232 Euro 36.462 Euro 31.398 Euro

Unzeitgemäß: Alternative Antriebe gibt es nicht

Doch auch in der analogen Welt hat sich die A-Klasse weiterentwickelt. Fühlte man sich im Vorgänger mit kleinen Fenstern und breiten Dachsäulen ziemlich eingebaut, hat sich die Sicht nach draußen merklich verbessert. Auch die kleine Ladeöffnung ist passé, der Kofferraum von A-Klasse Nummer vier ist gut zugänglich und die Ladekante niedrig. Ein wenig mehr Bewegungsfreiheit gibt es hinten ebenfalls, die flache Rückbank könnte aber bequemer sein. Die neue A-Klasse federt zudem besser und an der Geräuschdämmung haben die Ingenieure ebenfalls gefeilt: Laut Mercedes ist das neue Modell bis zu 30 Prozent leiser geworden.

Zum Start im Mai werden drei Motoren angeboten, doch nur der sportlichste Benziner (A250, 224 PS) kommt von Mercedes. 116-PS-Diesel (A180d mit SCR-Kat) und 163-PS-Benziner (A200) stammen von Renault und verhelfen dem Kompaktwagen bereits zu guten Fahrleistungen. Eigenartig: Ein Schaltgetriebe gibt es nur für den A200, die anderen Versionen schalten selbst.

Bei all der eingebauten Technik erscheint es umso unzeitgemäßer, dass kein einziger alternativer Antrieb angeboten wird. Vom Thema Erdgas hat sich Mercedes ohnehin mehr oder weniger verabschiedet, und Elektroantriebe wird es nur für die künftigen neu ins Leben gerufenen Modellreihen mit dem Zusatz "EQ" geben. Einzig eine A-Klasse mit Hybridantrieb sei denkbar, ließen die Mercedes-Ingenieure bei der Präsentation durchblicken. Wann steht allerdings noch nicht fest.

 

Das Fazit der Motorwelt-Redaktion

Zwar sollte schon die alte A-Klasse laut Daimler-Chef Zetsche ein iPhone auf Rädern sein. Doch erst der Nachfolger löst das Versprechen ein und setzt in Sachen Konnektivität tatsächlich Maßstäbe. Ob die Kunden mit der geballten Technik klarkommen, wird sich zeigen.

21 Jahre A-Klasse: Vom Elchtest-Opfer zum Golf-Gegner

Mercedes A-Klasse erste Generation

1997 – 2004 

Die erste A-Klasse wurde durch einen missglückten Ausweichversuch berühmt. Das Konzept mit hohem Dach und guter Variabilität war für Mercedes Neuland. Nach dem Facelift gab es auch eine Version mit langem Radstand (+17 cm). 

Mercedes A-Klasse Prototyp Elektroantrieb 1998

1997

Auch mit alternativen Antrieben sollte die A-Klasse bestückt werden. Doch aus einer Elektroversion (30 kWh-Batterie, 200 km Reichweite) wurde nichts und die A-Klasse mit Brennstoffzelle (F-Cell) diente nur der Erprobung.

Mercedes A-Klasse zweite Generation

2004 – 2012

Die zweite Generation wurde nicht mehr als Langversion, dafür auch als Dreitürer (Bild) angeboten. Sie wirkte gereifter und vor allem innen weniger verspielt als ihr Vorgänger, war aber auch nicht mehr ganz so variabel.

Grüner Mercedes A 200 in der Heckansicht

2012 – 2018

Weg vom Rentner-Image – so lautete das Motto der dritten Generation. Das hohe Dach wurde abgeschafft, die Gegner hießen nun Golf, Astra und Focus. Bunte Farben und eine sportliche Auslegung brachten neue Kunden. 

Mercedes A 180d in der Heckansicht

Ab 2018

A-Klasse Nummer vier erfindet sich wieder neu und versteht sich als fortschrittlichster Vertreter der Kompaktlasse – mit guter Smartphone-Anbindung,neuen Bedienmöglichkeiten und künstlicher Intelligenz.

Text: Jochen Wieler. Fotos: ADAC/Jochen Wieler (1), PR (13).

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