Medikamente im Straßenverkehr - Fluch & Segen

12.3.2019

Medikamente können für Autofahrer Fluch und Segen zugleich sein. Auf der einen Seite ermöglichen sie Patienten mit bestimmten Erkrankungen eine erneute Teilnahme am Straßenverkehr. Auf der anderen Seite können Nebenwirkungen oder falsch eingenommene Medikamente die Fahreignung erheblich einschränken.

Auto fährt in Tabletten
Viele Medikamente haben Auswirkungen auf die Fahrtüchtigkeit.
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Medikamente im Strassenverkehr
 Der Konsum von Schlaf- und Beruhigungsmittel nahm in den letzten Jahren stetig zu. 

Viele Menschen, die täglich im Straßenverkehr unterwegs sind, sind sich der Nebenwirkungen von eingenommenen Medikamenten nicht bewusst. Rund ein Fünftel aller derzeit auf dem Markt erhältlichen Medikamente haben Auswirkungen auf die Fahrtüchtigkeit. Dies gilt insbesondere für Präparate, die auf das Gehirn oder das Herzkreislaufsystem wirken. Neben zahlreichen verschreibungspflichtigen zählen auch viele frei verkäufliche Medikamente (darunter Schmerzmittel, Schnupfenspray, Hustensaft, Appetitzügler u.a.) zu den verkehrsrelevanten Medikamenten. Zudem enthalten einige Medikamente Alkohol im zweistelligen Prozentbereich als Auszugsmittel oder Konservierungsstoff.

Medikamente im Straßenverkehr - rechtliche Aspekte

Wichtig und weitgehend unbekannt: Jeder Verkehrsteilnehmer ist für seine Fahrtauglichkeit eigenverantwortlich. Es gibt kein Gesetz, das die Teilnahme am Straßenverkehr nach Einnahme von Medikamenten generell verbietet oder einschränkt. Ob Sie ein Auto oder Motorrad sicher lenken können, müssen Sie vor Fahrtantritt stets selbst entscheiden. Besonders dann, wenn Sie Medikamente in Eigenregie zu sich nehmen.

Beispiel:

Sie sind einem anderen Verkehrsteilnehmer ungebremst ins Heck gerast. Wie sich später herausstellt, war kein Alkohol im Spiel aber in Ihrer Blutprobe wurde ein Beruhigungsmittel (Benzodiazepin) nachgewiesen. Dies kann schwerwiegende Folgen für Sie haben: 

Die Kaskoversicherung kann ganz oder teilweise leistungsfrei sein und es drohen strafrechtliche Konsequenzen bis hin zur Entziehung der Fahrerlaubnis.

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Beispiele für Medikamente, die Einfluss auf die Fahrtüchtigkeit haben können

  • Schlaf- und Beruhigungsmittel 
  • Narkose-/Betäubungsmittel 
  • Psychopharmaka 
  • Mittel gegen Allergien 
  • starke Schmerzmittel 
  • Erkältungsmittel 
  • Augenpräparate 
  • Mittel gegen hohen Blutdruck oder Diabetes

Tipps zur Einnahme von Medikamenten

  • Sprechen Sie Ihren Arzt oder Apotheker auf das Thema Verkehrstüchtigkeit an. Erwähnen Sie auch die rezeptfreien Medikamente, die Sie eventuell zusätzlich zu verordneten Medikamenten einnehmen.
  • Auch rezeptfreie Arzneien können die Verkehrstüchtigkeit einschränken. Außerdem können diese mit den von Ihrem Arzt verschriebenen Medikamenten in Wechselwirkung treten und so für unangenehme Überraschungen sorgen. 
  • Lesen Sie die Hinweise im Beipackzettel. Beeinträchtigt ein Wirkstoff die Fahrtüchtigkeit, muss der Hersteller dies in der Gebrauchsinformation angeben. 
  • Achten Sie bei sich auf Warnzeichen für eingeschränkte Fahrtüchtigkeit, vor allem zu Beginn einer Behandlung mit einem neuen Arzneimittel oder nach Dosisanpassungen. Alarmsignale sind zum Beispiel Schwindelgefühle, Benommenheit und Müdigkeitsattacken. 
  • Halten Sie sich bei Dosierung und Einnahmerhythmus an die ärztliche Vorgabe. Viele nehmen Schlafmittel nicht abends, sondern erst in der Nacht ein, wenn sie keinen Schlaf finden können. Dann kann es aber auch am nächsten Tag noch zu Einschränkungen der Fahrtüchtigkeit kommen. Die Müdigkeit kann bis zum Mittag anhalten.
  • Wichtig sind die „richtige“ Dosierung und die regelmäßige Kontrolluntersuchung beim Arzt, vor allem bei Blut verdünnenden Mitteln (Phenprocoumon, zum Beispiel in Marcumar®). Unterdosierungen können Thromboembolien, zum Beispiel ins Gehirn (Schlaganfall), hervorrufen. Bei Überdosierung steigt das Risiko für akute Blutungen.

Wie wirken sich Medikamente im Straßenverkehr aus?

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Medikamente im Strassenverkehr
30 Prozent der Deutschen nehmen ein oder zwei Medikamente dauerhaft. 

Keine Wirkung ohne Nebenwirkung! Wie stark die Nebenwirkung ist, hängt zum Beispiel ab von Alter, Geschlecht und Gewicht und davon, 

  • ob die Einnahme regelmäßig oder sporadisch erfolgt
  • ob sich der Patient an die Dosierungsvorschriften hält
  • oder das Medikament nach eigenem Gutdünken einnimmt
  • ob die Einnahme weiterer Medikamente erfolgt.

Bei jedem Menschen fallen die Nebenwirkungen anders aus. Tatsache ist aber, dass viele Arzneimittel die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit beeinträchtigen. Und das kann sich im Straßenverkehr fatal auswirken.

Eine gefährliche Beziehung: Medikamente und Alkohol

Wechselwirkungen zwischen Medikamenten und Alkohol sind vielfältig und häufig. Schnaps, Bier oder Wein dämpfen das zentrale Nervensystem und verstärken Arzneimittel, die ähnliche Auswirkungen haben. Zudem können alkoholische Getränke den Abbau von Medikamenten hemmen: Beide können um dasselbe Abbausystem konkurrieren. Das bedeutet: Die Medikamente verbleiben im Körper, ihre Wirkungsdauer und -kraft ist dadurch erhöht. Die Konsequenz ist zum Beispiel Konzentrationsschwäche, die zu einer Abnahme der Reaktionsfähigkeit führt.

Vor der Einnahme von Medikamenten sollte man sehr genau prüfen, ob sich das Medikament, mit Alkohol verträgt. Der Beipackzettel gibt Auskunft darüber. Am Besten ist aber gar kein Alkohol bei Einnahme von Medikamenten!

Wechselwirkungen von Medikamenten nicht unterschätzen

Verschiedene Medikamente können sich gegenseitig verstärken: Ein Schmerzmittel mit dem Wirkstoff Diclofenac in Kombination mit einem Benzodiazepin als Beruhigungsmittel kann die Reaktionsfähigkeit stark herabsetzen.

Fahrtüchtig nur mit Medikamenten

Bestimmte Patientengruppen, wie Diabetiker, Schmerzpatienten oder Bluthochdruckkranke, können durch die dauerhafte Einnahme spezieller Medikamente ihre Fahrtüchtigkeit wiedererlangen. Doch sollten sich diese Verkehrsteilnehmer an die verkehrsmedizinischen Richtlinien halten. So ist vor allem bei Unterzuckerung die Fahrtüchtigkeit nicht gegeben.

Diabetiker, die eine drohende Unterzuckerung nicht wahrnehmen, sind für alle Führerscheinklassen nicht fahrtauglich. Auch ein zu hoher Blutdruck kann unbehandelt zu unangemessenen Reaktionen führen, die letztendlich eine Teilnahme am Straßenverkehr verbieten.

Allgemein gilt: Für alle oben genannten Erkrankungen sind eine gute medikamentöse Einstellung und regelmäßige Kontrollen beim behandelnden Arzt Grundvoraussetzung zum Führen eines Kraftfahrzeugs. Während der Ein- und Umstellungsphasen sollte über die Empfehlung nachgedacht werden, nicht aktiv am motorisierten Straßenverkehr teilzunehmen. Und zwar so lange, bis eine ausgeglichene Stoffwechsellage erreicht ist.

Aber auch nach diesen Phasen muss die ärztliche Therapieführung sichergestellt sein. So können Blutdruckschwankungen bei der Therapie eines hohen Blutdrucks vorübergehend mit Kreislaufproblemen, wie z.B. Schwindel und Benommenheit, einhergehen.

Stark wirksame Schmerzmittel, wie etwa Morphin oder Opioide, weisen eine besondere Problematik auf. So können gerade zu Behandlungsbeginn akute Ausfallerscheinungen oder das Gefühl von Unwohlsein bzw. Benommenheit auftreten. In einem solchen Zustand ist die Fahreignung für alle Führerscheinklassen nicht gegeben. Der behandelnde Arzt wird daher empfehlen, auf das Führen eines Kraftfahrzeugs zu verzichten. Zudem ist der Arzt angehalten, seine Bedenken, dass sein Patient eventuell vorübergehend nicht Auto fahren darf, schriftlich zu dokumentieren. 

Nach Überwindung einer solchen Phase kann ein Patient, der dauernd stark wirksame Opiate bzw. Opioide einnimmt, geistig und körperlich in der Lage sein, ein Fahrzeug zu führen. Allerdings müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein, wie zum Beispiel ein guter Allgemeinzustand, keine Minderung der Aufmerksamkeit sowie ein stabiler Therapieverlauf. Wer jedoch unter der bestehenden Medikation Müdigkeit, Unwohlsein, Benommenheit oder gar Fahrunsicherheit bemerkt, sollte umgehend auf die aktive Teilnahme am motorisierten Straßenverkehr verzichten und den behandelnden Arzt aufsuchen.

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RAUSCH ODER MEDIKAMENT? Sonderfall Medizinisches Cannabis

Für Schmerzpatienten kann Cannabis eine Alternative sein. Doch wie sieht die rechtliche Lage aus?

Dr. Markus Schäpe, Leiter der Juristischen Zentrale im ADAC:

„Seit März 2017 dürfen Apotheken Blüten der Cannabis-Pflanze auf ärztliches Rezept abgeben. Für Patienten, die es wie vom Arzt verschrieben eingenommen haben, gilt dann eine Ausnahme von § 24a des Straßenverkehrsgesetzes (StVG), das sogenannte Medikamentenprivileg: Normalerweise gilt, dass derjenige eine Ordnungswidrigkeit begeht, der nach Cannabis-Konsum ein Kraftfahrzeug im Straßenverkehr führt. Der Grenzwert liegt hier bei 1 Nanogramm Tetrahydrocannabinol (THC) pro Milliliter im Blutserum. Zeigt ein Fahrer jedoch drogenbedingte Ausfallerscheinungen, greift § 316 des Strafgesetzbuchs (StGB): Hier drohen bis zu einem Jahr Freiheitsstrafe oder Geldstrafe, wenn man nach dem Konsum berauschender Mittel nicht in der Lage ist, das Fahrzeug sicher zu führen. Das gilt dann auch für medizinisches Cannabis.“

Fotos: © Shutterstock, Fotolia und ADAC/Martin Hangen