Mobilitätsindex: Niedersachsen

Niedersachsens Landeshauptstadt Hannover ist ein bundesweit bedeutender Verkehrsknotenpunkt
Niedersachsens Landeshauptstadt Hannover ist ein bundesweit bedeutender Verkehrsknotenpunkt© Shutterstock/Alizada Studios

Weniger Lärmbelastung, zu wenig ÖPNV auf dem Land: Was ist in Niedersachsen besser, was schlechter geworden? Die Antworten im ADAC Mobilitätsindex.

  • Die Lärmbelastung konnte um zehn Prozent gesenkt werden

  • Weite Wege zum nächsten Fernbahnhof

  • ÖPNV auf dem Land auf niedrigem Niveau

Bei Einwohnerzahl und Fläche liegt Niedersachsen im Bundesländervergleich im oberen Viertel. Weite Landesteile sind ländlich geprägt, die Bevölkerungsdichte ist eher gering.

Lange Fahrzeiten zu den Fernbahnhöfen

Die Metropolregion Hannover umfasst neben der Landeshauptstadt die bedeutenden Wirtschaftsstandorte Braunschweig und Wolfsburg und bildet so den größten niedersächsischen Ballungsraum. Zudem wirken sich die Speckgürtel von Hamburg und Bremen positiv auf die Bevölkerungsentwicklung bestimmter Regionen aus. Besonders dünn besiedelt ist Niedersachsen entlang der Nordseeküste und an der niederländischen Grenze.

Die wichtigsten Zahlen und Fakten

Entsprechend unterschiedlich ist die Verkehrserschließung des Landes. Die Ballungsräume sind durch Autobahnen nicht nur gut miteinander, sondern auch mit den Metropolregionen Ruhrgebiet, Hamburg und Berlin verbunden. Die Landeshauptstadt Hannover ist als Schnittpunkt zahlreicher Nord-Süd- und Ost-West-Verbindungen ein bundesweit bedeutender Verkehrsknotenpunkt.

Die Fahrzeiten zum nächsten Fernbahnhof sind mit im Schnitt 28 Minuten aber recht lang und liegen im Bundesdurchschnitt damit im unteren Drittel. Von Hannover aus bestehen zahlreiche Nahverkehrsverbindungen bis weit ins Umland.

Landstraßen als Verbindungsadern

Das Angebot des ÖPNV in Niedersachsen ist im Ländervergleich unterdurchschnittlich. Insbesondere die dünn besiedelten Regionen sind nur schwer durch den ÖPNV zu erschließen. Entsprechend hoch ist die Abhängigkeit vom Auto: Auf 1000 Einwohner kommen fast 600 Pkw. Bei der Motorisierungsquote liegt Niedersachsen damit auf Platz fünf der Bundesländer. Auch die Fahrleistung der Pkw ist aufgrund weiter Strecken im Ländervergleich hoch. All diese Zahlen zeigen, dass die ländliche Prägung Niedersachsens die Verkehrskennzahlen deutlich beeinflusst.

Der Straßenverkehr spielt sich überwiegend auf Landstraßen ab. Mit negativen Folgen für die Verkehrssicherheit: Nur zwei Bundesländer haben im Verhältnis zur Bevölkerungszahl mehr Verkehrstote als Niedersachsen.

Nicht ganz so schlecht sieht es in Niedersachsen dagegen bei den Themen Energieverbrauch, Ausstoß von Treibhausgasen und Belastung durch Luftschadstoffe aus. Hier liegt das Bundesland jeweils nah bei den bundesweiten Mittelwerten. Die Stauintensität ist mit 94 Staukilometern je Autobahnkilometer eher gering. Staus bilden sich vor allem im Umfeld der Metropolregionen sowie auf den überregionalen Pendlerachsen.

So entwickelt sich der Mobilitätsindex für Niedersachsen

Niedersachsen macht leichte Fortschritte in Richtung einer nachhaltigen Mobilität. Seit 2015 ist der Indexwert auf 101 Punkte gestiegen.

Die Bewertungsdimension Klima und Umwelt entwickelte sich in Niedersachen positiver als im Bundesdurchschnitt. Der Index liegt bei 107 Punkten und ist das Ergebnis einer um zehn Prozent gesunkenen Lärmbelastung. Auch Energieverbrauch und Treibhausgasemissionen des Verkehrs gehen zurück.

Bei der Verfügbarkeit von Mobilität sieht es ähnlich aus. Grund dafür ist der überdurchschnittliche Ausbau des ÖPNV-Angebots im Nahverkehr der Bahn und bei Straßenbahnverbindungen, überwiegend in den Metropolregionen mit vorhandener Infrastruktur. Anders verhält es sich mit dem nach wie vor stagnierenden Busverkehr in den ländlichen Regionen.

Auch wenn es kleine Fortschritte im Umweltbereich gibt, die Antriebswende muss weiter vorangetrieben werden. Für die Verbesserung des Staugeschehens ist mit den kurzen Wochenendbaustellen und Wechselverkehrsführungen der neuen Autobahn GmbH ein wichtiger Schritt getan.

Felix Kaufmann, Leiter Verkehr, Technik und Umwelt, ADAC Niedersachsen/Sachsen-Anhalt e.V.

Der ÖPNV bleibt trotz Ausbaubemühungen auf einem niedrigen Niveau. Allerdings macht der steigende Landesetat für den ÖPNV Hoffnung: 2021 floss ein erheblicher Teil der 157 Millionen Euro in den Ausbau des Busverkehrs.

Ausblick

Auf dem Weg zu einer nachhaltigeren Mobilität in Niedersachsen müssen vor allem die ländlichen Regionen in den Fokus rücken. Die hohe Autoabhängigkeit abseits der Verkehrsachsen und Ballungsräume lässt sich durch den ÖPNV-Ausbau nur in beschränktem Maß verringern.

Deshalb sollte die Elektromobilität stärker gefördert und vor allem auf dem Land die dafür nötige Ladeinfrastruktur bereitgestellt werden. Ein weiterer Schwerpunkt für die Zukunft muss eine verbesserte Verkehrssicherheit auf den Landstraßen sein, um die aktuell hohe Anzahl an Verkehrstoten zu senken.

Alle Bundesländer in der Übersicht

Wie wird der ADAC Mobilitätsindex berechnet?

Der ADAC Mobilitätsindex ist eine Kennzahl, zu der mehrere Kenngrößen verdichtet wurden. Insgesamt wurden dafür 1535 individuelle statistische Merkmale erfasst, das entspricht über 143.000 individuellen Datenreihen. Alle Daten sind zu fünf Bewertungsdimensionen zusammengefasst: Verfügbarkeit, Verkehrssicherheit, Zuverlässigkeit, Bezahlbarkeit sowie Klima und Umwelt. Diese Bewertungsdimensionen bestehen wiederum aus mehreren Leitindikatoren. Sowohl Bewertungsdimensionen als auch die Indikatoren wurden im Juni 2021 vom ADAC Verkehrsausschuss und vom ADAC Arbeitskreis Verkehr und Umwelt in ihrer Bedeutung gewichtet und fließen damit in unterschiedlicher Stärke in den ADAC Mobilitätsindex ein.

Was sagt der Mobilitätsindex aus?

Das Ergebnis des Index wird in einer einzigen Zahl ausgedrückt. Dieser Wert ermöglicht Rückschlüsse darauf, wie sich die Nachhaltigkeit der Mobilität seit einem bestimmten Jahr verbessert oder verschlechtert hat. Dieser Zeitpunkt wird als Index-Basisjahr bezeichnet und liegt beim ADAC Mobilitätsindex im Jahr 2015. Da das Bezugsjahr der Veröffentlichung 2019 ist, sind Aussagen darüber möglich, wie sich die Nachhaltigkeit der Mobilität im gesamten sowie in den untergeordneten Dimensionen von 2015 bis 2019 verändert hat.

Aus welchen Daten wird der Mobilitätsindex ermittelt?

Der Großteil der Daten für den Mobilitätsindex stammt aus öffentlich zugänglichen Statistiken etwa des Bundesamts für Statistik (DESTATIS), des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR), des Bundes-Verkehrsministeriums und des Kraftfahrt-Bundesamts. Insgesamt wurden mehr als 1500 Datensätze recherchiert und für die Bildung der Indikatoren sowie die Analyse und die Erläuterung der aufgezeigten Entwicklungen herangezogen.

Wie wurde der Index entwickelt?

Die Entwicklung erfolgte in mehreren und aufeinander aufbauenden Schritten. Zunächst wurde definiert, welche Inhalte durch den Index abgebildet und zusammengefasst werden sollen, bevor daraus die notwendigen Bewertungsdimensionen abgeleitet wurden. In den nächsten Schritten wurden Daten recherchiert und ihre Qualität geprüft, bevor über ihre Zusammenstellung und Gewichtung entschieden wurde. Abschließend wurden mehrere Qualitätsprüfungen durchgeführt.

Weshalb werden die Bewertungsdimensionen unterschiedlich gewichtet?

Zwischen den einzelnen Bewertungsdimensionen können Zielkonflikte herrschen. So führen möglicherweise eine hohe Zuverlässigkeit und eine hohe Verfügbarkeit zu erhöhten Schadstoffausstößen, die dann die Entwicklung der Bewertungsdimension Klima und Umwelt negativ beeinflussen. Durch die Gewichtung können nun die Erwartungen an die Entwicklung der Dimensionen berücksichtigt werden. Das heißt, dass die Relevanz der einzelnen Dimensionen gegeneinander abgewogen wird, um unerwünschte Effekte von einzelnen Entwicklungen zu verringern.

Zur Ermittlung der unterschiedlichen Gewichte wurde ein Kreis von Expertinnen und Experten definiert, der sich aus den Mitgliedern des ADAC Verkehrsausschusses und dem ADAC Arbeitskreis für Verkehr und Umwelt zusammensetzte. Als Ergebnis dieses Prozesses wird die Verkehrssicherheit mit 30 Prozent am stärksten berücksichtigt, darauf folgen mit 25 Prozent Klima und Umwelt sowie mit jeweils 15 Prozent Verfügbarkeit, Zuverlässigkeit und Bezahlbarkeit. Alle Infos zu den Methoden bei der Erarbeitung finden Sie auch auf den Seiten des Prognos Instituts.

Warum endet der Index mit dem Jahr 2019?

Das Jahr 2019 ist das Bezugsjahr für die Erstveröffentlichung des Mobilitätsindex. Für 2019 gibt es einen vollständigen Datenbestand für alle Index-Indikatoren, während für 2021 beispielsweise noch nicht alle Statistiken der Ämter und anderer Datenquellen vorliegen. Außerdem zeichnet es sich als ein normales Jahr auf der Zeitachse aus, das letzte ohne coronabedingte Einflüsse. Somit ist es für das Startjahr des Mobilitätsindex eine sichere Grundlage.

Warum hat der ADAC den Mobilitätsindex erstellt?

Mit dem ADAC Mobilitätsindex wurde erstmalig eine wissenschaftlich basierte Grundlage erstellt, mit der die nachhaltige Entwicklung der Mobilität in Deutschland umfassend beobachtet und analysiert werden kann. Damit soll zur Versachlichung der in Politik und Gesellschaft kontrovers geführten Diskussionen zu diesem Thema beigetragen werden. Zugleich stellt sich der ADAC damit seiner gesellschaftlichen Verantwortung für Verkehrssicherheit, Klima und Umwelt sowie für die Zukunft der Mobilität.

Wie kann der Mobilitätsindex optimiert werden?

Der ADAC ist überzeugt, mit dem Mobilitätsindex ein fundiertes und methodisch innovatives Instrument zur Bewertung der Nachhaltigkeit der Mobilität entwickelt zu haben. Wie bei jeder wissenschaftlichen Arbeit gibt es jedoch auch Punkte, die weiter optimiert werden können. Dazu gehören etwa die teilweise ausbaufähige Datenverfügbarkeit insbesondere auf der Kreisebene oder auch im Zeitverlauf. Bei verbesserter Verfügbarkeit der Daten – etwa vom Bundesamt für Statistik – kann der Index künftig potenziell weiter ausgebaut werden.

Wer hat den Mobilitätsindex erarbeitet?

Mit der Entwicklung des ADAC Mobilitätsindex wurde die Prognos AG beauftragt. Prognos ist ein unabhängiges Wirtschaftsforschungsunternehmen mit Hauptsitz in Basel. Ziel war es, zusammen mit den Experten des ADAC die Veränderung der Mobilität wissenschaftlich gesichert zu ermitteln und verständlich darzustellen.

Alle Ergebnisse des ADAC Mobilitätsindex

Die vollständigen Ergebnisse des ADAC Mobilitätsindex und Details zu seiner Methodik finden Sie in diesem PDF zum Download:

Der ADAC Mobilitätsindex
PDF, 10,5 MB
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