Mobilitätsindex: Bayern

Prinzregentenstrasse in München bei Sonnenuntergang
Der Großraum München zieht wegen seiner Wirtschaftskraft viele Menschen an© iStock.com/allessuper_1979

Gute Infrastruktur, viele Autos: Was ist in Bayern besser, was schlechter geworden? Die Antworten im ADAC Mobilitätsindex.

  • Zahl der Verletzten sinkt

  • Höchster Anteil an E-Autos im Bundesvergleich

  • Angebot bei Bus und Bahn wächst

Bayern ist das größte und nach Nordrhein-Westfalen das einwohnerstärkste Bundesland. Bei der Bevölkerungsdichte liegt der Freistaat dagegen im unteren Mittelfeld. Besonders wirtschaftsstark sind die Metropolregionen München und Nürnberg, im Norden profitieren Teile Unterfrankens von der Nähe zu Frankfurt am Main. Das hat auch Folgen für das verfügbare Einkommen: In keinem anderen Bundesland ist es höher.

Den Ballungsräumen stehen ausgedehnte dünn besiedelte Regionen wie der Bayerische Wald, die nördliche Oberpfalz oder die Alpenregion gegenüber. Diese Heterogenität ändert aber nichts an Bayerns wirtschaftlicher Stärke.

Die wichtigsten Zahlen und Fakten

Ein dichtes Straßennetz

Verkehrlich ist Bayern sehr gut erschlossen. Im Straßen- und vor allem im Schienenverkehr dominieren die Nord-Süd- gegenüber den Ost-West-Verbindungen. International ist Bayern besser mit Österreich als mit Tschechien verbunden. Vom dichten Autobahnnetz profitieren auch viele ländliche Regionen, die sehr starke Pendelbeziehungen zu den Wirtschaftszentren haben.

München spielt für das Bundesland eine zentrale Rolle. Die Stadt verfügt über Deutschlands zweitgrößten Flughafen und ist neben Nürnberg der wichtigste Knotenpunkt im Schienenverkehr. Zudem verlaufen zahlreiche Autobahnen sternförmig auf den Münchner Autobahnring zu.

Vorreiter bei Elektromobilität und Carsharing

Die Motorisierungsquote in Bayern ist die dritthöchste aller Bundesländer. Bemerkenswert ist der hohe Anteil an E-Autos: 2019 fuhren 0,3 Prozent der Pkw rein elektrisch – der bundesweite Spitzenwert. Und diese Quote steigt seither kontinuierlich weiter.

Auch Carsharing ist in Bayern im Vergleich zu anderen Flächenländern weit verbreitet. In zahlreichen Städten und Gemeinden haben sich derartige Angebote etabliert. Zusätzlich ist auch das Angebot des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) beachtlich. Mit 4700 gefahrenen Platzkilometern pro Kopf liegt Bayern 2019 in der Spitzengruppe der Flächenländer.

Der vergleichsweise hohe Standard beim ÖPNV ändert aber nichts an der hohen Bedeutung des Straßenverkehrs. In Kombination mit Bayerns Transitfunktion in Nord-Süd-Richtung führt sie zu 106 Staukilometern je Autobahnkilometer. Damit liegt der Freistaat im deutschen Mittelfeld.

Besorgniserregend ist die Zahl der Verkehrstoten. Und auch die CO₂-Emissionen sowie der Energieverbrauch sind überdurchschnittlich hoch. Dafür mitverantwortlich ist der Flughafen München, der vor der Pandemie jährlich 400.000 Flugbewegungen verzeichnete. Die Stickstoffdioxid-Belastung in Bayern ist hingegen eher gering. Zwar klagt ein Umweltverband gegen drei Kommunen wegen überschrittener Grenzwerte. Bayernweit sorgen viele nur schwach belastete Regionen aber für einen eher niedrigen Durchschnittswert.

So entwickelt sich der Mobilitätsindex für Bayern

Bayern hat sich etwas in Richtung nachhaltige Mobilität bewegt. Gegenüber 2015 war in den ersten Jahren des Betrachtungszeitraums keine Verbesserung zu erkennen, 2019 stieg der Länderindex aber auf 103 Punkte.

Ein Grund ist die leicht verbesserte Verkehrssicherheit. Verglichen mit 2015 starben zwölf Prozent weniger Menschen im Straßenverkehr. Dies entspricht dem Trend auf Bundesebene. Deutlich größere Fortschritte als im Bundesdurchschnitt gab es dagegen bei den Leicht- und Schwerverletzten. Deshalb legte der Index hier stärker zu als andernorts.

Auch bei Klima und Umwelt konnte sich Bayern verbessern und erreicht einen Wert von 106 Punkten. Dazu trägt die überdurchschnittliche Reduktion der Stickstoffdioxid-Belastung bei. Sie sank an den bayerischen Messstationen seit 2015 um 21 Prozent. Stagnation ist dagegen bei den Treibhausgasemissionen zu verzeichnen: Sie verharren in Bayern auf dem – überdurchschnittlich hohen – Niveau von 2015.

Die Verfügbarkeit von Mobilität hat sich in Bayern überdurchschnittlich gut entwickelt. Das liegt am Ausbau des ÖV-Angebotes, auch das überdurchschnittliche Wachstum beim Flugverkehr und das expandierende Carsharing tragen zur positiven Bewertung bei.

Bayern hat zwar Fortschritte bei Klima und Umwelt gemacht, muss aber an Tempo zulegen. Die rückläufige Zuverlässigkeit im Straßen- und Schienenverkehr zeigt eindeutig erhöhten Handlungsbedarf. Den gibt es auch angesichts der überdurchschnittlich hohen Todeszahlen auf den Straßen.

Jürgen Hildebrandt, Leiter Verkehr, Technik und Umwelt ADAC Nordbayern©ADAC Nordbayern/Steffen Oliver Riese

Ausblick

Bayern zählt zu den Ländern mit hoher Verkehrsbelastung, erkennbar an vielen Staus und hohen Emissionen. Dennoch zeichnen sich in Bayern erste Fortschritte hin zu einer nachhaltigen Mobilität ab. Eine Herausforderung bleibt die hohe Abhängigkeit vom Autoverkehr. Positive Impulse können aber die zunehmende Verbreitung von Elektromobilität und Carsharing-Angeboten setzen.

Alle Bundesländer in der Übersicht

Wie wird der ADAC Mobilitätsindex berechnet?

Der ADAC Mobilitätsindex ist eine Kennzahl, zu der mehrere Kenngrößen verdichtet wurden. Insgesamt wurden dafür 1535 individuelle statistische Merkmale erfasst, das entspricht über 143.000 individuellen Datenreihen. Alle Daten sind zu fünf Bewertungsdimensionen zusammengefasst: Verfügbarkeit, Verkehrssicherheit, Zuverlässigkeit, Bezahlbarkeit sowie Klima und Umwelt. Diese Bewertungsdimensionen bestehen wiederum aus mehreren Leitindikatoren. Sowohl Bewertungsdimensionen als auch die Indikatoren wurden im Juni 2021 vom ADAC Verkehrsausschuss und vom ADAC Arbeitskreis Verkehr und Umwelt in ihrer Bedeutung gewichtet und fließen damit in unterschiedlicher Stärke in den ADAC Mobilitätsindex ein.

Was sagt der Mobilitätsindex aus?

Das Ergebnis des Index wird in einer einzigen Zahl ausgedrückt. Dieser Wert ermöglicht Rückschlüsse darauf, wie sich die Nachhaltigkeit der Mobilität seit einem bestimmten Jahr verbessert oder verschlechtert hat. Dieser Zeitpunkt wird als Index-Basisjahr bezeichnet und liegt beim ADAC Mobilitätsindex im Jahr 2015. Da das Bezugsjahr der Veröffentlichung 2019 ist, sind Aussagen darüber möglich, wie sich die Nachhaltigkeit der Mobilität im gesamten sowie in den untergeordneten Dimensionen von 2015 bis 2019 verändert hat.

Aus welchen Daten wird der Mobilitätsindex ermittelt?

Der Großteil der Daten für den Mobilitätsindex stammt aus öffentlich zugänglichen Statistiken etwa des Bundesamts für Statistik (DESTATIS), des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR), des Bundes-Verkehrsministeriums und des Kraftfahrt-Bundesamts. Insgesamt wurden mehr als 1500 Datensätze recherchiert und für die Bildung der Indikatoren sowie die Analyse und die Erläuterung der aufgezeigten Entwicklungen herangezogen.

Wie wurde der Index entwickelt?

Die Entwicklung erfolgte in mehreren und aufeinander aufbauenden Schritten. Zunächst wurde definiert, welche Inhalte durch den Index abgebildet und zusammengefasst werden sollen, bevor daraus die notwendigen Bewertungsdimensionen abgeleitet wurden. In den nächsten Schritten wurden Daten recherchiert und ihre Qualität geprüft, bevor über ihre Zusammenstellung und Gewichtung entschieden wurde. Abschließend wurden mehrere Qualitätsprüfungen durchgeführt.

Weshalb werden die Bewertungsdimensionen unterschiedlich gewichtet?

Zwischen den einzelnen Bewertungsdimensionen können Zielkonflikte herrschen. So führen möglicherweise eine hohe Zuverlässigkeit und eine hohe Verfügbarkeit zu erhöhten Schadstoffausstößen, die dann die Entwicklung der Bewertungsdimension Klima und Umwelt negativ beeinflussen. Durch die Gewichtung können nun die Erwartungen an die Entwicklung der Dimensionen berücksichtigt werden. Das heißt, dass die Relevanz der einzelnen Dimensionen gegeneinander abgewogen wird, um unerwünschte Effekte von einzelnen Entwicklungen zu verringern.

Zur Ermittlung der unterschiedlichen Gewichte wurde ein Kreis von Expertinnen und Experten definiert, der sich aus den Mitgliedern des ADAC Verkehrsausschusses und dem ADAC Arbeitskreis für Verkehr und Umwelt zusammensetzte. Als Ergebnis dieses Prozesses wird die Verkehrssicherheit mit 30 Prozent am stärksten berücksichtigt, darauf folgen mit 25 Prozent Klima und Umwelt sowie mit jeweils 15 Prozent Verfügbarkeit, Zuverlässigkeit und Bezahlbarkeit. Alle Infos zu den Methoden bei der Erarbeitung finden Sie auch auf den Seiten des Prognos Instituts.

Warum endet der Index mit dem Jahr 2019?

Das Jahr 2019 ist das Bezugsjahr für die Erstveröffentlichung des Mobilitätsindex. Für 2019 gibt es einen vollständigen Datenbestand für alle Index-Indikatoren, während für 2021 beispielsweise noch nicht alle Statistiken der Ämter und anderer Datenquellen vorliegen. Außerdem zeichnet es sich als ein normales Jahr auf der Zeitachse aus, das letzte ohne coronabedingte Einflüsse. Somit ist es für das Startjahr des Mobilitätsindex eine sichere Grundlage.

Warum hat der ADAC den Mobilitätsindex erstellt?

Mit dem ADAC Mobilitätsindex wurde erstmalig eine wissenschaftlich basierte Grundlage erstellt, mit der die nachhaltige Entwicklung der Mobilität in Deutschland umfassend beobachtet und analysiert werden kann. Damit soll zur Versachlichung der in Politik und Gesellschaft kontrovers geführten Diskussionen zu diesem Thema beigetragen werden. Zugleich stellt sich der ADAC damit seiner gesellschaftlichen Verantwortung für Verkehrssicherheit, Klima und Umwelt sowie für die Zukunft der Mobilität.

Wie kann der Mobilitätsindex optimiert werden?

Der ADAC ist überzeugt, mit dem Mobilitätsindex ein fundiertes und methodisch innovatives Instrument zur Bewertung der Nachhaltigkeit der Mobilität entwickelt zu haben. Wie bei jeder wissenschaftlichen Arbeit gibt es jedoch auch Punkte, die weiter optimiert werden können. Dazu gehören etwa die teilweise ausbaufähige Datenverfügbarkeit insbesondere auf der Kreisebene oder auch im Zeitverlauf. Bei verbesserter Verfügbarkeit der Daten – etwa vom Bundesamt für Statistik – kann der Index künftig potenziell weiter ausgebaut werden.

Wer hat den Mobilitätsindex erarbeitet?

Mit der Entwicklung des ADAC Mobilitätsindex wurde die Prognos AG beauftragt. Prognos ist ein unabhängiges Wirtschaftsforschungsunternehmen mit Hauptsitz in Basel. Ziel war es, zusammen mit den Experten des ADAC die Veränderung der Mobilität wissenschaftlich gesichert zu ermitteln und verständlich darzustellen.

Alle Ergebnisse des ADAC Mobilitätsindex

Die vollständigen Ergebnisse des ADAC Mobilitätsindex und Details zu seiner Methodik finden Sie in diesem PDF zum Download:

Der ADAC Mobilitätsindex
PDF, 10,5 MB
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