Aprilia Tuono 660 Factory: Rasantes Naked Bike

Aprilia hat ihr Einsteigermodell Tuono 660 verfeinert
Aprilia hat ihr Einsteigermodell Tuono 660 verfeinert© Aprilia/Rudy Carezzevoli

Mehr PS, bessere Ausstattung, mehr Assistenten: Die Aprilia Tuono 660 Factory ist die optimierte, stärkere "Schwester" der Einsteiger-Tuono. Fahrbericht, Daten, Preis.

  • Verbesserter Motor, top Fahrwerk

  • Unerwartet viele Assistenzsysteme

  • Fünf, zum Teil individualisierbare Fahrmodi

So ein Modellbaukasten ist eine feine Sache. Hat man ausreichend Motor- und Übersetzungsversionen, genügt es, ins Regal zu greifen und schon ist eine zusätzliche Modellversion generiert. So ist Aprilia bei der neuen Tuono 660 Factory vorgegangen. Der Motor mit 73,5 kW/100 PS stammt aus der RS 660, und die Übersetzung wurde zugunsten besseren Durchzugs geringfügig verkürzt.

Dazu gibt es einen Quickshifter und die große Ausgabe der Fahrassistenzsysteme, bei der sämtliche möglichen Fahrzeugdaten von einem Sechsachsen-Sensor erfasst werden. Damit wird, wie bei der RS, ein Kurven-ABS möglich. 11.000 Euro, also ca. 400 Euro mehr als für die Tuono 660 will Aprilia für die Factory-Version.

100-PS-Motor, Kurven-ABS

Der Antrieb kommt vom 73,5 kW/100 PS starken Motor aus der RS 660 © Aprilia/Rudy Carezzevoli

Die spürbare Durchzugsschwäche, die der RS 660 um die 6000 Touren zu eigen ist, konnten die Aprilia-Entwickler durch die sechsprozentige Kürzung der Endübersetzung eindrucksvoll reduzieren. Die Tuono 660 Factory mit 5 PS mehr Leistung als die Basis-Tuono weist eine deutlich linearere Leistungsentfaltung auf. In der unteren Drehzahlhälfte geht sie verhalten, oben raus feuert sie dann entsprechend ihrer Leistungsklasse. Der Twin dreht dermaßen leichtfüßig, dass man auf der Rennstrecke immer wieder in den ab 11.500 Umdrehungen aktiven Begrenzer gerät.

Der Sound ist überzeugend – der Hubzapfenversatz der Kurbelwelle von 270 Grad lässt das Triebwerk akustisch wie einen V2 wirken. Allerdings ist die Tuono 660 Factory kein "Tirol-Bike": Das Standgeräusch von 96 dB (A) erfreut sicher auch beim Kaltstart am Sonntagfrüh nicht die Nachbarschaft des Besitzers.

Leistungsfähiges Fahrwerk, gute Bremsen

Das voll einstellbare Fahrwerk ist allen Anforderungen dieser Fahrzeugkategorie gewachsen © Aprilia/Rudy Carezzevoli

Das Fahrwerk der Tuono 660 Factory, nun voll einstellbar, ist allen Anforderungen dieser Fahrzeugkategorie gewachsen. Unser auf die Rennstrecke beschränkter Fahrtest demonstrierte, dass die kleinste aller Factorys sich in der Hand von Rennstreckenexperten bis an die Haftgrenze der vorzüglichen Pirelli Supercorsa umlegen lässt und die gegenüber der Basis-Tuono um 2,5 Grad üppigere Schräglage komplett umsetzen kann. Die geringfügig verlängerte Schwinge schlägt sich im extrem forcierten Betrieb in Form gesteigerter Traktion nieder. Das Schräglagen-Plus rührt übrigens von der Verwendung der RS-Fußrasten her. Die Bremsanlage mit Vierkolben-Radialzangen ist über jede Kritik erhaben.

Die Aprilia Tuono 660 Factory in Bildern

Quickshifter und elektronische Vollausstattung

Die mit 183 Kilogramm fahrfertigem Leergewicht bereits leichtgewichtige Tuono 660 hat in der Factory-Ausführung zwei Kilogramm Masse verloren. Dafür hat Aprilia die Normalbatterie durch einen Akku mit Lithium-Ionen-Technologie ersetzt. Natürlich sind zwei Kilo mehr oder weniger nicht unmittelbar spürbar, aber fühlbar ist, dass die Tuono 660 Factory zu den sich besonders leicht anfühlenden Motorrädern gehört.

Der bei der Basis-Tuono nicht serienmäßige Quickshifter macht seine Sache in der Factory ausgezeichnet. Die in der Factory gegebene elektronische Vollausstattung mit Sechsachsensensor und damit auch Kurven-ABS gehört bei einem solch sportlichen Naked-Bike unbedingt dazu.

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Viele Assistenzsysteme, fünf Fahrmodi

Aprilia Tuono 660 Factory: Das farbige TFT-Display gibt auch Infos zu den Fahrprogrammen © Aprilia/Rudy Carezzevoli

In Sachen Fahrassistenzsysteme bietet Aprilia bei der kleinen Tuono nicht weniger als bei der Tuono V4 1100, was nun wirklich keine Selbstverständlichkeit ist. Die Wheelie-Kontrolle ist freilich eher von theoretischem Wert: Angesichts von 100 PS muss man das Vorderrad schon bewusst steigen lassen wollen. Das bunte TFT-Display mit den fünf Fahrprogrammen bietet viel. Für den Sporteinsatz auf Rundstrecken gibt es zwei Sonder-Modi, für die Straße sind Commute, Dynamik und Individual gedacht; bei letzterem sind sämtliche Faktoren frei wählbar.

Das Angebot der Schaltzentrale ist insgesamt mehr als reichlich und erreicht das Niveau der großen Tuono V4, die Menüführung ist ok. In punkto Übersichtlichkeit gibt es beim Tuono-Display – wie generell bei Aprilia – aber nach wie vor Verbesserungspotenzial.

Technische Daten Aprilia Tuono 660 Factory

Herstellerangaben


Motor/Getriebe

Flüssigkeitsgekühlter Parallel-Zweizylinder-Viertaktmotor, 659 ccm Hubraum, vier Ventile pro Zylinder, DOHC, 73,5 kW/100 PS bei 10.500 U/min, 67 Nm bei 8500 U/min; Einspritzung, 6 Gänge, Kette

Fahrleistung und Verbrauch

Höchstgeschwindigkeit 230 km/h, Normverbrauch 4,9 l/100 km

Fahrwerk

Aluminium-Brückenrahmen; 41 mm Upside-down-Telegabel (Kayaba) vorne, voll einstellbar, 110 mm Federweg; Aluminium-Zweiarmschwinge hinten, Gasdruck-Zentralfederbein (Sachs), voll einstellbar, 130 mm Federweg; Leichtmetallgussräder; Reifen vorne 120/70 ZR 17, hinten 180/55 ZR 17. 320 mm Doppelscheibenbremse vorne, 220 mm Einscheibenbremse hinten

Maße und Gewichte

Radstand 1370 mm, Sitzhöhe 820 mm, Gewicht fahrfertig 181 kg. Tankinhalt 15 l

Assistenzsysteme

Kurven-ABS, Traktionskontrolle, Wheeliekontrolle, Motorbremse, Tempomat, fünf Ridingmodes, Pit-Limiter; Quickshifter

Farben

Schwarz

Preis

11.000 Euro

Fazit: Die Tuono Factory überzeugt

Bislang konnten die Händler keine überbordende Nachfrage nach der Basis-Tuono feststellen. Die dürfte bei der 660 Factory mit ihren besseren Federelementen, Elektronik-Vollausstattung samt Quickshifter und Kurven-ABS deutlich steigen. Und: Die 400 Euro mehr für eine Factory sind gut angelegtes Geld. Jetzt erscheint sie "rund" und legt für die Marke Aprilia Ehre ein.

Freilich bedeutet das im Umkehrschluss: Die Basis-Tuono 660 wird wohl nur als A2-Version Karriere machen können. Wer einen A-Führerschein besitzt, dürfte sich für die Factory entscheiden. Als Fazit bleibt insofern der Ausruf "Donnerwetter!" Das passt auch bestens zur Modellbezeichnung Tuono, zu Deutsch: Donner.

Text: Ulf Böhringer/SP-X