Seat Mii electric: Produktions-Ende mit langer Ansage

Seat Mii electric fahrend in der Stadt
Der Seat Mii electric ist ein ideales Stadtauto ∙ © Seat

Nach dem Ausverkauf 2020 war der Seat Mii electric Ende Januar 2021 wieder bestellbar – aber nur für wenige Tage. In der zweiten Junihälfte 2021 wurde die Produktion endgültig eingestellt. Die Hintergründe

  • Das Kontingent an elektrischen Seat Mii ist ausgeschöpft

  • Konservative Stückzahlplanung begrenzte die Produktion

  • Testergebnis des Seat Mii electric mehr als zufriedenstellend

Ende Januar 2021 hatte Seat offiziell verkündet, das Modell endlich wieder liefern zu können, dann kam kurz darauf die Rolle rückwärts. Der Seat Mii electric wurde flugs aus dem Konfigurator entfernt. Etliche Kunden waren sauer. Sie hätten den Wagen in Vollausstattung für einen Preis von rund 15.000 Euro (nach Abzug der Förderung) gern bekommen wie angeboten. Pustekuchen, der Traum ist für viele geplatzt: Seit der 25. Kalenderwoche 2021 werden keine neuen Mii electric mehr gebaut.

Die Sache mutete an wie ein Possenspiel. Denn wieso kündigt man ein Auto großartig an, wenn man dann sofort wieder einen Rückzieher machen muss? Seat sagt, man hätte den Ansturm auf das Modell nicht erwartet. Und so sei das geplante Kontingent innerhalb weniger Tage erschöpft gewesen. Man bedauere es sehr, Händler und Kunden enttäuschen zu müssen. Aber mehr sei halt einfach nicht drin.

Probleme bei Produktionsplanung und Teile-Zulieferung

So simpel die Antwort von Seat klingt, die Hintergründe sind vermutlich komplizierter. Da dürfte zum einen eine von Anfang an eher konservative Planung hinsichtlich der Stückzahlen eine Rolle gespielt haben. Denn über das gesamte Jahr 2020 hat Seat laut KBA-Zulassungszahl lediglich 2150 Exemplare an den Mann und die Frau gebracht. Das ist wenig für ein Auto aus der Großserienproduktion von VW.

Die niedrigen Zahlen hängen aber nicht nur mit der zurückhaltenden Planung zusammen. Denn es gibt – neben Corona – zwei Grundprobleme, die im Moment die gesamte Autoindustrie betreffen: erstens die Verfügbarkeit von Batteriezellen zum Bau der Akkus, zweitens die Verfügbarkeit von Microchips.

Beide Probleme führen bei Herstellern dazu, dass Fahrzeuge nicht produziert werden können. Und dass die Lieferfristen, insbesondere bei Elektroautos, lang und länger werden. Elektroautos brauchen nämlich noch deutlich mehr Chips als Autos mit einem Verbrennungsmotor. Und logisch ist auch, dass angesichts dieser Mängelverwaltung mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen Fahrzeuge gebaut werden, die eine möglichst hohe Gewinnmarge bringen. Dazu zählt der Mii Electric definitiv nicht, immer wieder war in der Branche von einem Draufzahl-Geschäft die Rede. Und, so heißt es im Seat-Hauptquartier in Spanien: Man habe seit der Markteinführung geplant, das Modell 2021 auslaufen zu lassen.

Wie viel Bestellungen bei Seat zu dem Exodus geführt haben, wollte Seat Anfang des Jahres nicht genau verraten. Nur dass es sich um eine "vierstellige Zahl im niedrigen Bereich" gehandelt habe. Das glanzlose Ende des Mii electric ist nicht nur schlecht für die Kunden, es ist auch schlecht für Seat. Denn bis auf weiteres hat die Marke kein einziges Elektroauto mehr im Verkauf, mit dem sie ihren Flottenverbrauch reduzieren könnte.

Das nächste E-Modell von Seat-Tochter Cupra, der Born, kommt erst zum Ende des Jahres. Dann ist die CO₂-Bilanz für 2021 aber nicht mehr zu retten. Seat muss hoffen, möglichst viele Plug-in-Hybride (Seat Leon und Tarraco, Cupra Leon und Formentor) zu verkaufen, die auf die Rechnung in Brüssel einzahlen. So Seat denn genügend davon bauen und ausliefern kann. Aber das funktioniert ja nur, wenn man bedarfsgerecht geplant hat.

Die einzig gute Nachricht der Geschichte lautet: Elektroautos, wenn sie entsprechend eingepreist werden, sind mitnichten nur Ladenhüter, im Gegenteil. Die Nachfrage übersteigt inzwischen zuweilen sogar das Angebot. Der Trend könnte sich festsetzen.

So hat der Seat Mii im ADAC Test abgeschnitten

Seat Mii electric Cockpit
Der Innenraum wirkt aufgeräumt, aber wenig hochwertig ∙ © Seat

Doch was haben all jene verpasst, die keinen Strom-Mii mehr bekommen haben? Und was können Gebraucht-Käufer erwarten? Beim Einsteigen fällt das Armaturenbrett mit zartem Strichmuster und Bedieninsel für Klimaanlage und Radio ins Auge. Ein Navigationssystem ist übrigens nicht an Bord. Stattdessen thront über der Bedieninsel eine Universalhalterung für das Smartphone. Die Platzierung ist gut gewählt, weil sich dahinter ein großer Luftausströmer für die Kühlung des Smartphone-Akkus befindet. Der wird nämlich schnell heiß, wenn das Navi aktiviert ist.

Eine Billiglösung, aber warum auch nicht: Das eigene Smartphone hat man sowieso bei sich, und viele trauen Google Maps ohnehin mehr zu als einem eingebauten Navi. Zudem lassen sich über eine Smartphone-App etwa der momentane Ladezustand der Antriebsbatterie checken und der Innenraum vorab zu klimatisieren, auch wenn man nicht in der Nähe des Autos ist. 

Kleiner Kofferraum, vorn ausreichend Platz

Seat Mii electric Kofferraum
Kleiner Kofferraum mit herausnehmbarem Ladeboden ∙ © Seat

Weniger gut ist die Anmutung der verwendeten Materialien. Hartplastik rundherum verströmt das Flair eines Billigautos. Störend ist auch, dass sich das Lenkrad nur in der Höhe an den Fahrer anpassen lässt, eine Justierung in der Horizontale ist nicht möglich. Zu viel gespart hat man auch bei der Kofferraumverkleidung. Der Kofferraum ist nur spärlich ausgekleidet, wodurch die lackierten Blechteile schnell verkratzen. Die lackierte Ladekante ist ungeschützt, beim Ein- und Ausladen holt man sich schnell unschöne und auf Dauer problematische Kratzer, weil der Korrosionsschutz verloren geht. Auch die Türen zeigen unverkleidetes Blech in Wagenfarbe.

Dass Erwachsene im Fond des nur 3,56 Meter langen Seat Mii wenig Kniefreiheit genießen, und dass der Kofferraum nur gemessene 195 Liter Volumen aufweist (umgeklappt bis zu 800), wird niemanden böse überraschen. Der Mii ist eben ein Kleinstwagen. Vorn überrascht der große Verstellbereich der Sitze. Bis 1,90 Meter Körpergröße bekommt man keine Probleme. Die kurze Karosserie hat beim Rangieren natürlich handfeste Vorteile: Mit seinem Wendekreis von exakt zehn Metern und beim Einfädeln in enge Parklücken macht dem Mii in der Stadt keiner so leicht etwas vor.   

Die Motorleistung reicht vollkommen

zwei Seat Mii electric nebeneinander stehend
Die optischen Retuschen an der Karosserie des Mii halten sich in Grenzen ∙ © Seat

Unterwegs dauert es nicht lang, bis der Fahrer das Gefühl bekommt, dass weniger auch mehr sein kann. Die im Vergleich zu anderen Elektroautos relativ bescheidenen 61 kW/83 PS des Seat Mii machen einen wohltuend unaufgeregten und doch vollkommen zufriedenstellenden Eindruck: Die Beschleunigung geht zügig und gleichmäßig vonstatten, 212 Nm Drehmoment sorgen für spürbaren Schub.

Auf der Landstraße macht der Seat Mii electric sogar richtig Laune! Für den Zwischenspurt von 60 auf 100 km/h benötigt er nach ADAC Messungen nur 7,2 Sekunden – kaum ein anderes Fahrzeug in der Kleinstwagenklasse hat so ein Spurtvermögen. Die abgeregelte Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h wird spielend erreicht. Braucht man mehr Tempo auf dem Weg zur Arbeit oder zum Einkaufen? Wohl kaum.

An der komfortablen Federung könnten sich manch andere Kleinstwagen eine Scheibe abschneiden – die Fahrwerksabstimmung darf als gelungen bezeichnet werden. Die gute Auslegung zeigt sich auch beim ADAC Ausweichtest. Der Mii durchfährt den Parcours flink, souverän und gut beherrschbar und lässt sich präzise steuern. ESP regelt bedarfsgerecht, so dass der Mii stets gut beherrschbar bleibt.

17,3 kWh Testverbrauch, 215 km Reichweite

Bleibt die Frage nach der realistischen Reichweite. Aufgrund des 32 kWh großen Akkus soll der Seat laut Hersteller 260 Kilometer schaffen. Das ist nicht unrealistisch, vorausgesetzt man fährt vornehmlich bei überschaubarem Tempo in der Stadt. Dort verbraucht der Mii electric nämlich am wenigsten, wie der realitätsnahe ADAC Ecotest ermittelt hat: 11,7 kWh sind im städtischen Umfeld sehr genügsam.  

Im gemischten Betrieb des ADAC Ecotest, der auch einen Autobahnanteil beinhaltet, kam der Mii allerdings auf einen Durchschnittsverbrauch von 17,3 kWh auf 100 Kilometer. Legt man den zugrunde, ergeben sich nach dem ADAC Ecotest 215 Kilometer Reichweite. Kein Rekordwert, aber bei einem Elektroauto dieser Preisklasse durchaus respektabel. Einem Smart EQ geht bereits nach 112 Kilometern der Strom aus, einem Mini Cooper SE nach 210 Kilometern (gemessene Reichweiten im Vergleich finden Sie hier).

Seat Mii electric, VW e-up und Skoda Citigo iV im Video:

Dieses Video wird über YouTube abgespielt. Es gelten die Datenschutzbestimmungen von Google. Bild: © Volkswagen

Fünf Sterne im ADAC Ecotest

Insgesamt bekommt der Seat Mii electric im ADAC Ecotest volle fünf Sterne und gehört damit zu den saubersten Fahrzeugen überhaupt, selbst wenn ihm – wie bei der ADAC Umweltbewertung üblich – die Emissionen aus dem deutschen Kraftwerksmix angelastet werden. Dann kommt der Mii auf 95 g CO₂/km.

Und die Ladezeiten? Für eine Schnelllademöglichkeit via CCS-Stecker verlangt Seat 600 Euro extra – das sollte bei einem E-Auto eigentlich dabei sein. Trotz der begrenzten Ladeleistung von 40 kW kann der Akku damit in rund 40 Minuten auf 80 Prozent Füllstand kommen. Beim Wechselstromladen an "normalen" Ladesäulen oder einer Wallbox zu Hause ist die Leistung sogar auf 7,2 kW begrenzt, so dass sich ein komplett leerer Akku fünf Stunden für eine volle Ladung Zeit ließe.

Hier können Sie den ausführlichen Testbericht zum Seat Mii electric als PDF herunterladen
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Seat Mii electric: Technische Daten, Preis

Technische Daten (Herstellerangaben)

Seat Mii electric Plus

Antrieb

Elektromotor, 61 kW/83 PS, 212 Nm max. Drehmoment

Batteriekapazität / Reichweite nach WLTP

32,3 kWh (netto) / 250 – 259 km

Ladeleistung

AC: bis 7,2 kW; DC: bis 40 kW

Fahrleistungen

12,3 s auf 100 km/h, 130 km/h Spitze

Maße

L 3,56 / B 1,65 / H 1,48 m

Leergewicht

1235 kg

Kofferraum

250 – 923 l

Garantie auf den Akku

8 Jahre oder 160.000 km ( 70 % der Kapazität)

Preis

24.650 € (nicht mehr bestellbar)

ADAC Messwerte, Reichweite

ADAC Messwerte (Auszug)

Seat Mii electric Plus

Überholvorgang 60-100 km/h

7,2 s

Bremsweg aus 100 km/h

36,7 m

Wendekreis

10,0 m

Verbrauch / CO₂-Ausstoß ADAC Ecotest

17,3 kWh/100 km, 95 g CO₂/km (well-to-wheel)

Bewertung ADAC Ecotest (max. 5 Sterne)

*****

Reichweite

215 km

Innengeräusch bei 130 km/h

69,1 dB(A)

Leergewicht / Zuladung

1190 / 340 kg

Kofferraumvolumen normal / geklappt / dachhoch

195 / 430 / 800 l

ADAC Testergebnis

ADAC Testergebnis

Seat Mii electric Plus

Karosserie/Kofferraum

3,4

Innenraum

3,3

Komfort

3,2

Motor/Antrieb

1,6

Fahreigenschaften

2,6

Sicherheit

3,8

Umwelt/Ecotest

1,3

Gesamtnote

2,7

Die Kapitel Sicherheit und Umwelt werden doppel gewertet

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