Lamborghini Urus: Der Super-SUV im Fahrbericht

13.6.2018

Ende Juni 2018 ist es soweit: Der neue Lamborghini Urus mischt den SUV-Markt auf – mit 650 PS, 850 Newtonmeter Drehmoment und 305 km/h Höchstgeschwindigkeit.  Dafür müssen stolze Besitzer allerdings 204.000 Euro hinblättern. Alle Fakten, technische Daten und Preise

 

 

Stefano Domenicali gibt es offen zu: Dass er einmal für ein Auto einer Großserie verantwortlich zeichnen sollte, hätte er sich vor ein paar Jahren wahrlich nicht vorstellen können. Er war bis zur Saison 2014 Formel-1-Teamchef bei Ferrari. Seit März 2016 fungiert Domenicali als Vorstandvorsitzender von Lamborghini. Kämpft jetzt nicht mehr in der Königsdisziplin des Motorsports, sondern um schnöde Verkaufszahlen und Gewinnmargen im VW-Konzern (Lamborghini wurde im Jahr 1998 von Audi übernommen).

Das letzte Geschäftsjahr war mit 3800 verkauften Sportflundern à la Hurracan oder Aventator das bisher beste. Aber einen SUV an den Kunden zu bringen, ist doch wohl etwas völlig Anderes? "Der Urus hat den Anspruch eines Top-SUV, mit top Fahrleistungen wie ein Supersportwagen. Wir haben die Nische in der Nische gesehen – den Super-SUV. Über 200.000 Euro teuer, plus Extras selbstverständlich", erklärt Domenicali. Das schränkt die Zielgruppe allerdings deutlich ein. "Ein Lamborghini ist ein exklusives Luxusprodukt, das nicht jeder fahren kann." Wir konnten – bei der dynamischen Weltpremiere in Rom. Und das nicht nur auf den schmalen Landstraßen des Latium, sondern auch auf der Rennstrecke in Vallelunga samt anspruchsvoller und schneller Offroad-Piste.

Leder satt: Luxus-Ambiente im Innenraum

Der erste Eindruck: Live hat der der Urus äußerlich mit seinem Namensgeber Auerochse (Lamborghini würde lieber sagen: Urstier) zum Glück wenig gemeinsam. Der 5,11 lange SUV wirkt mit seinem gegliederten Design wesentlich graziler als es die ersten Fotos vermittelten oder zum Beispiel ein vergleichbarer X6. Mit ihm lässt sich auch der Innenraum nicht vergleichen: Versucht BMW im Prinzip Plastik einfach noch ein bisschen schöner zu machen, schöpft der Urus mit Rindsleder, Alcantara und gesteppten Nähten aus dem Vollen.

Zwischen den Vordersitzen dominiert eine massive Mittelkonsole, die mit zwei lederbesetzten Streben optisch das flache Armaturenbrett hält. Erkannt? Nein, das ist wirklich Insider-Wissen: Diese Architektur stammt aus dem LM002, ein martialischer Geländewagen, den Lamborghini für das US-Militär schon 1986 entwickelt hat. Mit dem 12-Zylinder aus dem Sportwagen Countach spurtete der 3,5 Tonnen schwere Pick-up in nur 10 Sekunden auf 100! Die Amerikaner nahmen ihn trotzdem nicht, aber immerhin 300 gutbetuchte Zivilisten – meist Wüstenscheichs zum Driften im Sand.

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Eher konventionell interpretiert der Urus das Thema Bedienung: In der Mittelkonsole ein etwas überladenes Touchpad für die Klimafunktionen, ein eher kleiner zentraler Touchscreen fürs Navi sowie Entertainment und digitale Instrumente, die aber nur rudimentär konfigurierbar sind. Nicht nur in den Schriftelementen oder bei so manchem Hebel und Knopf blitzen die Audi-Gene auf, auch auf kompletten Elementen wie dem Kofferraum-Unterbau kleben noch die Ingolstädter Kontrollsticker. Aber rein technisch gesehen gibt es natürlich Schlimmeres…

Dank dem drei Meter langen Radstand haben vier oder fünf Passagiere (es gibt zwei Konfigurationen) komfortabel Platz: Vorn sitzen Personen bis 2,05 Meter auf den prima konturierten Sitzen bequem und fühlen sich durch die flankierende Mittelkonsole gut im Auto  integriert. Und hinten stoßen auch 1,90 Meter große Fondinsassen nicht mit dem Kopf an.

Doch spätestens das Gepäck muss dem schnittigen Design Tribut zollen. Offiziell hat der Urus-Kofferraum zwar üppige 616 Liter Packvolumen, bei umgeklappten Rücksitzlehnen sogar 1600. Doch wegen der hohen Ladekante und der abfallenden Dachlinie lässt er sich nur schlecht beladen. Das Los der Crossover-Modelle: In Form und Funktion müssen sie einfach Kompromisse schließen.

Federung, Lenkung, Getriebe – passt!

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Lamborghini Urus
Die flache Dachlinie mit den schmalen Seitenscheiben wirkt coupé-artig

Den größtmöglichen fahrdynamischen Crossover-Spagat, den man sich vorstellen kann, versucht Lamborghini mit dem Urus: 650 PS und 850 Newtonmeter Drehmoment für den Fahrer beherrschbar auf die asphaltierte Straße zu bringen und das Auto dabei gleichzeitig für Offroad-Erfordernisse mit Schlamm, Sand, Geröll, Steigungen und Wasserdurchfahrten zu ertüchtigen.

Der Lamborghini-Cheftechniker Maurizio Reggiani erklärt: "Zu den großen Herausforderungen gehörte, das größere Gewicht und den höheren Schwerpunkt eines SUV zu minimieren. Der Urus wiegt trotz Leichtbau rund 2,2 Tonnen. Also haben wir geschaut, wie wir die Agilität verbessern können. Dazu gehören die Hinterachslenkung, die adaptive Luftfederung und das System der Wandstabilisierung." Und tatsächlich: Dieser Spagat ist den Italienern aus St. Agatha Bolognese perfekt gelungen.

Auf den renovierungsbedürftigen Straßen rund um Rom brilliert vom ersten Kilometer an die perfekt abgestimmte adaptive Luftfederung, die die zahlreichen Schlaglöcher stoisch wegbügelt. Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil auf dem Test-Urus mächtige 23-Zoll-Reifen montiert waren, die mit ihrem mangelnden Federungskomfort solche Straßen normalerweise zur Tortur machen. Mit der leichtgängigen und trotzdem zielgenauen Lenkungsabstimmung sowie der punktgenau schaltenden Wandler-Automatik lässt sich der schwere Urus fast spielerisch bewegen.

Auf der Rennstrecke zeigt der Urus sein Potenzial

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Lamborghini Urus
Ein SUV auf der Rennstrecke? Geht gut – wenn es der Urus ist

Bevor es auf die Rennstrecke in Vallelunga geht, die schlechte Nachricht für alle Lamborghini-Fans, die auf den guten alten Saugmotor mit seinem linearen Drehmoment setzen: Der Urus wird von einem 4-Liter-V8-Biturbo befeuert, der im Konzern schon bei Bentley und Porsche Dienste leistet. Doch dann kommt schon die gute Nachricht: Lamborghini wäre nicht Lamborghini, hätten sie das Triebwerk nicht für Ihre Zwecke stark optimiert. Mit 650 PS, 850 Newtonmetern, einer Beschleunigung in 3,6 Sekunden auf 100 stößt es in neue Leistungssphären vor. Und der Urus wird zum stärksten SUV aller Zeiten.

2,2 Tonnen Leergewicht? Ist auf der Rennstrecke kein Thema. Im Corsa-Modus, der alle Systeme vom Ansprechverhalten von Lenkung, Bremse und Fahrwerk über die Schlupfregelung bis zum Stabilitätsprogramm schärft, legt er eine Renndynamik an den Tag, die so manchen Supersportwagen abhängt. Lamborghini hat dem Urus dazu alles gegeben, was pistentauglich ist: Permanenter Allradantrieb mit Allradlenkung, adaptive Luftfederung mit 48-Volt-Wankstabilierung und vor allem mächtige Carbon-Keramik-Bremsen, die ihn in jeder Kurve eine Tonne leichter machen.

Mit dem Fahrdynamikschalter "Tambour" kann der Wagen in sechs Stufen oder frei konfigurierbar nach dem persönlichen Geschmack des Fahrers oder nach den aktuellen Erfordernissen abgestimmt werden. Damit lassen sich die Motorkennung, die Schaltung des Getriebes, die Kraftverteilung an den Rädern, das Ansprechen der Lenkung sowie die Feder-Dämpfer-Arbeit des Fahrwerks ändern. Wer will, kann sogar eine auftretende Untersteuerneigung reduzieren oder ein kontrolliertes Übersteuern zulassen. Und natürlich verändert sich je nach Einstellung der Sound: Bei "Sport" oder "Corsa" lambo-mäßig kernig, bei "Strada" aber für längere Strecken angenehm zurückhaltend.

Der Pistenschreck ist auch gut im Gelände

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Lamborghini Urus Offroad
Dank Allrad, Differenzial und Torque-Vectoring wird der Urus offroad-tauglich

Aber: Taugt so ein Rennsportler auch für Gelände? Jein. Ja, weil sein Allradantrieb mit dem zentralen Sperrdifferenzial und dem Torque-Vectoring in den Fahrmodi Terra (Off-Road), Sabbia (Sand) oder Neve (Schnee) für erstaunlich präzise Traktion und Fahrbarkeit sorgt. Und nein, weil dem Urus natürlich die Geländewagen-spezifischen Hilfsmittel wie ausgeklügelte Achsverschränkungen oder steile Rampenwinkel fürs schwere Gelände fehlen.

Trotzdem: Wie der Urus sich bei unseren Offroad-Testfahrten mit hohem Tempo durch den Parcour treiben ließ, war schon erstaunlich.

Auf der Straße leichtfüßig, auf der Rennstrecke souverän und fürs Gelände nicht zu schade: Ich kenne keinen SUV, der fahrdynamisch besser ist als der Urus. Deshalb würde ich mir dieses Auto auch als Familienwagen für jeden Tag und jeden Einsatz zulegen. Zwischen mir und dem italienischen Luxus-SUV liegt allerdings die kleine Differenz von 204.000 Euro.

Im Video: Auch auf unbefestigten Wegen ist der Usus ziemlich flott unterwegs – Testredakteur Thomas Kroher hat es ausprobiert!

Standesgemäß: 650 PS und 4,0 Liter Hubraum


Technische Daten Lamborghini Urus 
Motor 4,0-Liter-V8-Biturbomotor mit kontinuierlicher Nockenwellenverstellung
Leistung 650 PS, 850 Nm bei 2250 U/min
Antrieb/Fahrwerk Allradantrieb, 8-Stufen-Wandlerautomatik, Allradlenkung, Sperrdifferential, adaptive Luftfederung mit aktiven Dämpfern, Karbon-Keramik-Bremsscheiben
Fahrleistungen 3,6 Sekunden auf 100 km/h, 305 km/h
Verbrauch 12,3 Liter Super Plus/100 km, CO2: 279 g/km
Leergewicht 2197 kg 
Maße L 5,11 / B 2,02 / H 1,64 m
Preis  204.000 € (ab Juni 2018)

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Text: Thomas Kroher/Wolfgang Rudschies. Fotos: PR. Renderings: Christian Schulte.

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