Zuverlässigkeit – Schwachpunkt der Mobilität in Deutschland

Nur zwei Drittel der Fernzüge kamen 2019 pünktlich ans Ziel
Nur zwei Drittel der Fernzüge kamen 2019 pünktlich ans Ziel© Shutterstock/Hajakely

Deutschlands Straßen und Schienen sind überlastet. Dadurch nehmen Störungen zu – Autofahrende und Fahrgäste leiden unter chronischer Unzuverlässigkeit. Das zeigt der erste ADAC Mobilitätsindex.

  • Immer mehr Nah- und Fernverkehrszüge sind unpünktlich

  • Noch stärker nehmen die Staus auf den Autobahnen zu

  • Eine Trendwende ist nicht in Sicht

Wie sich die Zuverlässigkeit von Zügen im Nah- und Fernverkehr und die des Straßenverkehrs entwickelt, bildet der ADAC Mobilitätsindex umfassend ab.

So lässt sich Zuverlässigkeit definieren

Dazu wurden zwei sogenannte Leitindikatoren definiert und Daten dazu ausgewertet: der Schienenverkehr und der Straßenverkehr. Die beiden Leitindikatoren der Bewertungsdimension Zuverlässigkeit erhielten eine leicht unterschiedliche Gewichtung: Der Schienenverkehr wurde mit 55 Prozent etwas stärker berücksichtigt als der Straßenverkehr:

Zwei Praxisbeispiele

In München und Umgebung kann die Bahninfrastruktur nicht mit dem steigenden Fahrgastaufkommen Schritt halten. Im November 2021 war jede zehnte S-Bahn unpünktlich, ein neuer Zehn-Jahres-Höchststand.

Vorbildlich funktioniert die Bahn in Japan. Dort riskieren Lokführer eine Gehaltskürzung, wenn sie den Zug nicht pünktlich ans Ziel bringen. Wartungsarbeiten finden nachts statt, damit die Bahnen tagsüber ohne Störungen ans Ziel kommen. Das honorieren die Fahrgäste, indem sie viel öfter mit der Bahn fahren als Menschen in Deutschland.

Das ist der ADAC Mobilitätsindex

Nichts geht mehr: Stau auf dem Mittleren Ring in München © imago images/Frank Sorge

Der ADAC Mobilitätsindex ist eine aus vielen einzelnen Indikatoren berechnete Zahl, die den Stand in den fünf Bewertungsdimensionen zusammenfasst. Als Ausgangsbasis für das Jahr 2015 wurde der Wert 100 festgesetzt. Durch die Berechnung des Index für die folgenden Jahre ist auf einen Blick ersichtlich, ob die Nachhaltigkeit der Mobilität in Deutschland Fortschritte macht. Eine Verbesserung der Situation zeigt sich – so die Definition – beim Gesamtindex und den fünf Teilbereichen in einem Wert, der über 100 liegt. Eine Verschlechterung zeigt sich in einer Zahl, die unter 100 liegt.

So hat sich die Zuverlässigkeit von Mobilität in Deutschland von 2015 bis 2019 entwickelt:

Da der Teilindex in der Bewertungsdimension Zuverlässigkeit 2019 bei 83 lag, kann man von einer deutlichen Verschlechterung der Situation zwischen 2015 und 2019 sprechen. Dabei handelte es sich um eine kontinuierliche Entwicklung zum Negativen ohne "Erholungsphasen". Bei steigender Verkehrsleistung sind seit 2015 weder das Schienen- noch das Straßennetz substanziell erweitert worden.

In jüngster Zeit hat sich die Situation in beiden Teilbereichen zwar etwas entspannt: Der Anteil der verspäteten Züge hat sich zwischen 2019 und 2020 um rund 20 Prozent reduziert. Und auf den Autobahnen haben sich im gleichen Zeitraum sowohl die Staustunden als auch die Staukilometer mehr als halbiert. Dies ist jedoch eine unmittelbare Folge der durch die Covid-19-Pandemie deutlich zurückgegangenen Verkehrsleistung. Sobald die Mobilität der Menschen wieder zunimmt, ist damit zu rechnen, dass sich die Belastungen durch Verspätungen und Staus wieder dem Niveau vor der Pandemie annähern.

Schienenverkehr

Mancherorts brauchen S-Bahn-Fahrgäste viel Geduld © dpa

Der Leitindikator Schienenverkehr verschlechterte sich auf 89. Er setzt sich aus der Pünktlichkeit im Nahverkehr (60 Prozent) und Pünktlichkeit im Fernverkehr (40 Prozent) zusammen. Beispielhaft sei die miserable Entwicklung bei den Nahverkehrszügen genannt: Waren 2015 noch 94 Prozent pünktlich, kamen 2019 nur noch 83 Prozent wie versprochen an. Die Pünktlichkeitsquote im Fernverkehr fiel im gleichen Zeitraum von 74 auf 66 Prozent.

Straßenverkehr

Investitionen fließen vor allem in die Bestandserhaltung etwa von Brücken © imago images/Jochen Tack

"Auf der A1 in Richtung Westen zwischen Posthausen und Bremer Kreuz 13 Kilometer Stau." Verkehrsmeldungen wie diese gehören zum Alltag jedes Autofahrenden. Allein im Sommer 2019 waren es insgesamt 131.771 Staukilometer. Umgerechnet auf einen Autobahnkilometer lag der Durchschnitt 2015 bei 83 Staukilometern, 2019 waren es schon 108.

Das übergeordnete Straßennetz, also Autobahnen, Bundesstraßen, Landes- oder Staatsstraßen sowie Kreisstraßen, stagniert dabei bei etwa 230.000 Kilometern Länge. Hintergrund ist, dass die leicht gestiegenen Investitionen des Bundes in die Verkehrsinfrastruktur eher in den Erhalt des Bestands als in Neubauten fließen. Summa summarum fiel der Indexwert im Straßenverkehr daher auf 77.

Das sagt der Experte

Es ist notwendig, das System Schiene mit mehr öffentlichem Geld auszustatten, das Schienennetz zu modernisieren und zu erweitern. Darüber hinaus wird die Umsetzung des Deutschlandtakts zu mehr Anschlusssicherheit und Pünktlichkeit führen.

Es ist notwendig, das System Schiene mit mehr öffentlichem Geld auszustatten, das Schienennetz zu modernisieren und zu erweitern. Darüber hinaus wird die Umsetzung des Deutschlandtakts zu mehr Anschlusssicherheit und Pünktlichkeit führen.

Detlef Neuß, Bundesvorsitzender des Fahrgastverbands Pro Bahn e.V. ©PRO Bahn e.V.

Das müsste sich verbessern

Um deutliche Fortschritte bei der Zuverlässigkeit zu erreichen, sind unter anderem die folgenden Schwerpunkte und Empfehlungen zu nennen:

Erhaltung, Sanierung und gezielter Ausbau von Schiene und Straße brauchen eine hohe Priorität.

Planungs- und Genehmigungsverfahren sollten durch stärkere Standardisierung und Vereinfachungen beschleunigt werden.

Mit vorausschauendem Infrastrukturmanagement lassen sich außerplanmäßige Einschränkungen und Sperrungen von Strecken vermeiden.

In den Städten können Verkehrs- bzw. Parkraummanagement und Nachfragesteuerung die Lebensqualität verbessern.

Fragen und Antworten

Wie wird der ADAC Mobilitätsindex berechnet?

Der ADAC Mobilitätsindex ist eine Kennzahl, zu der mehrere Kenngrößen verdichtet wurden. Insgesamt wurden dafür 1535 individuelle statistische Merkmale erfasst, das entspricht über 143.000 individuellen Datenreihen. Alle Daten sind zu fünf Bewertungsdimensionen zusammengefasst: Verfügbarkeit, Verkehrssicherheit, Zuverlässigkeit, Bezahlbarkeit sowie Klima und Umwelt. Diese Bewertungsdimensionen bestehen wiederum aus mehreren Leitindikatoren. Sowohl Bewertungsdimensionen als auch die Indikatoren wurden im Juni 2021 vom ADAC Verkehrsausschuss und vom ADAC Arbeitskreis Verkehr und Umwelt in ihrer Bedeutung gewichtet und fließen damit in unterschiedlicher Stärke in den ADAC Mobilitätsindex ein.

Was sagt der Mobilitätsindex aus?

Das Ergebnis des Index wird in einer einzigen Zahl ausgedrückt. Dieser Wert ermöglicht Rückschlüsse darauf, wie sich die Nachhaltigkeit der Mobilität seit einem bestimmten Jahr verbessert oder verschlechtert hat. Dieser Zeitpunkt wird als Index-Basisjahr bezeichnet und liegt beim ADAC Mobilitätsindex im Jahr 2015. Da das Bezugsjahr der Veröffentlichung 2019 ist, sind Aussagen darüber möglich, wie sich die Nachhaltigkeit der Mobilität im gesamten sowie in den untergeordneten Dimensionen von 2015 bis 2019 verändert hat.

Aus welchen Daten wird der Mobilitätsindex ermittelt?

Der Großteil der Daten für den Mobilitätsindex stammt aus öffentlich zugänglichen Statistiken etwa des Bundesamts für Statistik (DESTATIS), des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR), des Bundes-Verkehrsministeriums und des Kraftfahrt-Bundesamts. Insgesamt wurden mehr als 1500 Datensätze recherchiert und für die Bildung der Indikatoren sowie die Analyse und die Erläuterung der aufgezeigten Entwicklungen herangezogen.

Wie wurde der Index entwickelt?

Die Entwicklung erfolgte in mehreren und aufeinander aufbauenden Schritten. Zunächst wurde definiert, welche Inhalte durch den Index abgebildet und zusammengefasst werden sollen, bevor daraus die notwendigen Bewertungsdimensionen abgeleitet wurden. In den nächsten Schritten wurden Daten recherchiert und ihre Qualität geprüft, bevor über ihre Zusammenstellung und Gewichtung entschieden wurde. Abschließend wurden mehrere Qualitätsprüfungen durchgeführt.

Weshalb werden die Bewertungsdimensionen unterschiedlich gewichtet?

Zwischen den einzelnen Bewertungsdimensionen können Zielkonflikte herrschen. So führen möglicherweise eine hohe Zuverlässigkeit und eine hohe Verfügbarkeit zu erhöhten Schadstoffausstößen, die dann die Entwicklung der Bewertungsdimension Klima und Umwelt negativ beeinflussen. Durch die Gewichtung können nun die Erwartungen an die Entwicklung der Dimensionen berücksichtigt werden. Das heißt, dass die Relevanz der einzelnen Dimensionen gegeneinander abgewogen wird, um unerwünschte Effekte von einzelnen Entwicklungen zu verringern.

Zur Ermittlung der unterschiedlichen Gewichte wurde ein Kreis von Expertinnen und Experten definiert, der sich aus den Mitgliedern des ADAC Verkehrsausschusses und dem ADAC Arbeitskreis für Verkehr und Umwelt zusammensetzte. Als Ergebnis dieses Prozesses wird die Verkehrssicherheit mit 30 Prozent am stärksten berücksichtigt, darauf folgen mit 25 Prozent Klima und Umwelt sowie mit jeweils 15 Prozent Verfügbarkeit, Zuverlässigkeit und Bezahlbarkeit. Alle Infos zu den Methoden bei der Erarbeitung finden Sie auch auf den Seiten des Prognos Instituts.

Warum endet der Index mit dem Jahr 2019?

Das Jahr 2019 ist das Bezugsjahr für die Erstveröffentlichung des Mobilitätsindex. Für 2019 gibt es einen vollständigen Datenbestand für alle Index-Indikatoren, während für 2021 beispielsweise noch nicht alle Statistiken der Ämter und anderer Datenquellen vorliegen. Außerdem zeichnet es sich als ein normales Jahr auf der Zeitachse aus, das letzte ohne coronabedingte Einflüsse. Somit ist es für das Startjahr des Mobilitätsindex eine sichere Grundlage.

Warum hat der ADAC den Mobilitätsindex erstellt?

Mit dem ADAC Mobilitätsindex wurde erstmalig eine wissenschaftlich basierte Grundlage erstellt, mit der die nachhaltige Entwicklung der Mobilität in Deutschland umfassend beobachtet und analysiert werden kann. Damit soll zur Versachlichung der in Politik und Gesellschaft kontrovers geführten Diskussionen zu diesem Thema beigetragen werden. Zugleich stellt sich der ADAC damit seiner gesellschaftlichen Verantwortung für Verkehrssicherheit, Klima und Umwelt sowie für die Zukunft der Mobilität.

Wie kann der Mobilitätsindex optimiert werden?

Der ADAC ist überzeugt, mit dem Mobilitätsindex ein fundiertes und methodisch innovatives Instrument zur Bewertung der Nachhaltigkeit der Mobilität entwickelt zu haben. Wie bei jeder wissenschaftlichen Arbeit gibt es jedoch auch Punkte, die weiter optimiert werden können. Dazu gehören etwa die teilweise ausbaufähige Datenverfügbarkeit insbesondere auf der Kreisebene oder auch im Zeitverlauf. Bei verbesserter Verfügbarkeit der Daten – etwa vom Bundesamt für Statistik – kann der Index künftig potenziell weiter ausgebaut werden.

Wer hat den Mobilitätsindex erarbeitet?

Mit der Entwicklung des ADAC Mobilitätsindex wurde die Prognos AG beauftragt. Prognos ist ein unabhängiges Wirtschaftsforschungsunternehmen mit Hauptsitz in Basel. Ziel war es, zusammen mit den Experten des ADAC die Veränderung der Mobilität wissenschaftlich gesichert zu ermitteln und verständlich darzustellen.

Das sind die Ergebnisse im Detail

Die vollständigen Ergebnisse des ADAC Mobilitätsindex und Details zu seiner Methodik finden Sie in diesem PDF zum Download:

Der ADAC Mobilitätsindex
PDF, 10,5 MB
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Helmuth Meyer
Helmuth Meyer
Redakteur
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