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Portland, Oregon / München | 18.10.2019

Harley-Davidson Livewire: Erste Testfahrt mit dem Elektro-Bike

Harley Davidson Livewire fahrend
Bärenstark im Antritt: Die elektrische Harley-Davidson Livewire

Als erster traditioneller Hersteller bringt Harley-Davidson ein Elektro-Motorrad auf die Straße: Die Livewire. Wie gut das futuristische Bike geworden ist, klärt unser Fahrbericht. Plus: Technische Daten, Bilder, Infos zu Batterie, Reichweite und Preis.

  • Progressiver Look, fantastische Fahrleistungen
  • Akku mit 15,5 kWh, realistische Reichweite: gut 150 km
  • Hoher Preis: über 33.000 Euro

Beim Thema Elektromobilität läuft es bei Motorrad-Herstellern derzeit nicht viel anders als bei Autobauern: Engagierte Start-ups treiben die etablierten Anbieter frech vor sich her. Bei Pkw heißt der Angreifer bekanntermaßen Tesla. Bei den Zweirädern sind das, neben einigen Rollermarken, hauptsächlich die Italiener von Energica und die amerikanische Marke Zero.

Zero, also null, das wäre dann auch das Stichwort für die Akku-Aktivitäten der klassischen Motorrad-Hersteller. Denn da ist noch viel weniger los als bei den Autobauern. Keiner der japanischen Big Four setzt bislang auf Strom, bei BMW und Vespa bekommt der Elektro-Fan nur Roller mit Akku, von Ducati gibt's neuerdings ein Elektro-Fahrrad. 

Design wie aus einem Science-Fiction-Film

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Harley Davidson Livewire stehend
Dominiert den Gesamteindruck: Der große unverkleidete Akkupack

Und jetzt kommt: Harley-Davidson! Ausgerechnet die Amerikaner, deren Image auf Big Bikes im Retro-Syle mit großvolumigen Verbrennungsmotoren beruht, wollen beim Thema lokal emissionsfreie Mobilität durchstarten. Das Ergebnis: DIe Livewire. Ein Motorrad, wie es die Welt noch nicht gesehen. Das wirkt, als sei es aus einem Science-Fiction-Film gefahren. 

Der gigantische, 104 Kilogramm schwere Akkupack präsentiert sich nackt und unverkleidet und dominiert den optischen Gesamteindruck des progressiv designten Bikes. Der darunter hängende, von Harley selbst gebaute Elektromotor, wirkt wie ein Raumschiff-Enterprise-Antrieb im Mini-Format. Er beschleunigt die knapp 250 Kilogramm schwere Maschine in drei Sekunden auf Tempo 100. 

Im Vergleich zu manch anderen japanischen, italienischen oder bayrischen Big Bikes mit Verbrennungsmotor wirkt dieser Papierwert nicht einmal besonders spektakulär. Unvergleichlich aber ist die Art und Weise, wie die Starkstrom-Harley aus dem Stand loslegt. Ohne jede Verzögerung schnellt sie mit maximalen Drehmoment von dannen wie ein Düsenjäger, aber absolut mühelos, begleitet von einem mal leisen, mal lauterem Zischen oder Pfeifen.

Dieser Sound wird bei manchen Motorrad-Fans, bei in der Wolle gefärbter Harley-Aficionados, erst mal Spott hervorrufen. Aber die akustische Leichtigkeit der Kraftentfaltung gehört nun mal zu dem packenden Gesamteindruck dieser Art der Fortbewegung. Und dass Power nicht unbedingt Lärm benötigt, müssen Speed-Freaks in Zeiten elektrischer Mobilität neu lernen.

Beeindruckende Fahrleistungen

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Harley Davidson Livewire fahrend in der Kurve
Auf Testfahrt in Oregon, USA: Autor Marcus Efler auf der Livewire

Ebenso, dass Fahrspaß und Sportlichkeit nichts mehr mit Kuppeln und Schalten zu tun haben: Ohne seine Gedanken an solche Tätigkeiten zu verschwenden oder sich um den optimalen Drehzahlbereich kümmern zu müssen, fliegt der Fahrer auf der Livewire förmlich über den Asphalt. 

Mit dem gewählten Modus oder Individual-Einstellung wählt er die Rekuperation, also die Energie, die das Antriebsrad im Schiebebetrieb in den Akku zurückspeist. So bremst man intuitiv – per Lösen des Drehgriffs aus dem rechten Handgelenk – in Kurven ein und beschleunigt mit einem Dreh wieder hinaus. Für die flüssige Fahrt reicht die Bremsleistung aus, erst bei kräftigem Verzögern packt die Brembo-Anlage an den Scheiben mechanisch zu.

Der niedrige Schwerpunkt kaschiert das Eigengewicht in Kurven und stärkt den Eindruck einer herausragenden Fahrmaschine. Und im Stand signalisiert der Motor mit leichtem Pulsieren, dass er wach ist, und man nicht nervös mit dem Power-Griff spielen sollte – den Motor an der Ampel aufheulen lassen, gehört zu den Vergnügungen, die ein elektrischer Reiter nicht genießen kann.

Harley Livewire: Zwei Jahre kostenlos Strom

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Harley Davidson Livewire Ladebuchse
Der Ladeanschluss liegt unter dem "Tankdeckel"

Die Reichweite mit dem 15,5-kWh-Akkus ist bescheiden, unterscheidet sich aber im Grunde nicht so sehr von konventionellen Harleys. Etwas mehr als 150 Kilometer gibt der Hersteller für Stop-and-go-Fahrten auf dem Highway an, sowie für den World Motorcycle Test Cycle (WMTC). Auf entspannter Langstrecke sollen es deutlich über 200 Kilometer sein. 

Die erste Testfahrt durch die Hügel rund um Portland, Oregon, zeigte, dass diese Werte einigermaßen realistisch sind. An der heimischen Schuko-Steckdose muss die Harley für eine volle Ladung über Nacht parken. 

Per CCS-Stecker an einer Gleichstrom-Schnellladesäule dauert es 40 Minuten bis 80 Prozent Ladung, und eine Stunde bis zum vollen Akku. Die ausgewählten Harley-Händler, welche die Livewire anbieten, werden die Energiezufuhr in den ersten zwei Jahren nach Kauf übrigens gratis bereitstellen.

Tipp Icon

So will Harley-Davidson Image und Käufer verjüngen

Amerikas größter Motorrrad-Bauer hat ein Problem mit dem Absatz – was vor allem daran liegt, dass die klassische Klientel immer älter wird. Die Livewire gilt nun als erstes Modell, das die Produktplatte, das Image und damit auch die Kundschaft tiefgreifend erneuern soll. 

Dem Elektrobike sollen mehrere kleinere und günstigere Modelle mit Akku folgen, die teilweise für den rein urbanen Einsatz konzipiert sind. Mit dem Erwerb von StaCyc, einem Hersteller von Elektrobikes für Kinder, will Harley schon bei den Allerjüngsten punkten.

Doch auch bei klassischen Bikes mit Verbrennungsmotor stellt sich die Firma aus Milwaukee neu auf: Eine geländegängige Enduro und ein Naked Bike mit modernem wassergekühlten Motor sollen schon ab nächstem Jahr ambitionierte Motorradfahrer überzeugen. Dazu gesellen sich kleinere Maschine mit weniger Hubraum. Für noch kleinere Modelle (vorerst nur für den asiatischen Markt) kooperiert Harley-Davidson mit dem chinesischen Hersteller Qianjiang. 

Die bisherigen Modelle mit großvolumigen, teils noch luftgekühlten V2-Motoren wird man in Milwaukee aber weiterbauen. Trotzdem gilt: Ob das Markenjuwel Harley-Davidson stark genug ist, die Häutung des Images zu tragen, und ob der unter Verkaufsrückgängen leidende Hersteller so zu alter Pracht zurückfindet, gilt als eine der spannendsten Wetten in der Branche.

Modernes Touchdisplay und volle Konnektivität 

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Harley Davidson Livewire Display
Das Display zeigt u.a. Geschwindigkeit, Reichweite und Batterieladung  an

Die LiveWire ist mit "H-D Connect" ausgestattet, ein Konnektivitätssystem, das per LTE die Verbindung zur Harley-Davidson App und Cloud-Services herstellt. Sie umfasst serienmäßig Funktionen wie Navigation und Tourenplanung, überträgt technische Daten für die Fahrzeugwartung und bietet dem Besitzer die Möglichkeit, das Fahrzeug aus der Ferne zu überwachen.

Über dem Lenker befindet sich ein 4,3 Zoll großer Farb-Touchscreen, dessen Neigung einstellbar ist, um optimale Sicht zu ermöglichen. Die Touchscreen-Funktion ist nur bei stehendem Motorrad aktiv, zahlreiche Menüoptionen lassen sich jedoch während der Fahrt komfortabel und sicher über Joysticks am Lenker bedienen.

Fazit: Harley-Davidson geht die Elektrifizierung konsequent an – als Teil der Strategie, Kundschaft und Image zu verjüngen. Die Amerikaner gehen davon aus, dass sogar manche der bisherigen Markenfans auf elektrisch wechseln; Kundenbefragungen haben sie in dieser Meinung bestärkt. Einkalkuliert sind auch neue Kunden und Wegbereiter der Elektrifizierung, die neben ihrem Tesla noch ein Elektro-Bike ihr Eigen nennen wollen. 

Doch die Konkurrenz ist schon da, teilweise mit überzeugenden Alternativen: So bietet Zero zum Beispiel mit dem Modell Zero SR/F ein noch stärkeres, aber deutlich preiswerteres Bike an. Für ihre gut 33.000 Euro teure Livewire setzt Harley-Davidson auch auf die Strahlkraft der Marke, um das Ziel von CEO Matthew Levatich zu erfüllen: "Wir wollen die elektrischen Mobilität bei Zweirädern anführen."

Die Livewire ist jedenfalls der passende Auftakt für diesen Anspruch.


Technische Daten Harley-Davidson Livewire
Motor flüssigkeitsgekühlter Permanent-Magnet-Elektro, 78 kW/106 PS bei 11.000 U/min, Drehmoment: 116 Nm bei 0–5000 U/min
Akku/Ladedauer 15,5 kWh, DC-Fast-Charge: 40 min von 0 auf 80 %, 60 min von 0 auf 100 %
Reichweite nach WMTC: 157,7 km, nach MIC combined: 234,9 km
Fahrleistungen 3,0 s von 0 auf 100 km/h, 177 km/h Spitze
Gewicht 249 kg
Preis 33.550 €

Text: Marcus Efler. Fotos: Harley-Davidson

Kontakt zur Redaktion: redaktion@adac.de