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Zero SR/F: US-Elektro-Bike im Fahrbericht

Dieses Video wird über YouTube abgespielt. Es gelten die Datenschutzbestimmungen von Google. Bild: © ADAC
  • Der kalifornische Hersteller Zero Motorcycles ist Weltmarktführer für Elektro-Bikes

  • Die Fahrleistungen sind überwältigend, MSC, Kurven-ABS und Traktionskontrolle sorgen für Sicherheit

  • Das Bike bietet fortschrittliche Konnektivität, die Preise starten bei über 20.000 Euro

Obwohl vieles an der Zero SR/F komplett anders ist als gewohnt, fährt sich das Elektro-Motorrad dennoch wie ein klassischer Benzin-Streetfighter: Kräftig, wendig, unverkleidet und mit schmaler Taille durch engste Lücken passend. Allem voran aber – unglaublich spurtstark. Auf den ersten Metern lässt die Strom-Rakete jeden noch so stark motorisierten Benziner alt und langsam aussehen.

Der Elektromotor der Zero SR/F überzeugt

Wer die SR/F (der Modellname leitet sich von "Streetfighter" ab) erstmals erlebt, traut weder seiner Gashand noch der aus ihren Impulsen resultierenden Beschleunigung. Unsere Spurt-Tests hinterlassen einen bleibenden Eindruck – und zwar einen, dem konventionelle Motorräder kaum gewachsen sind.  Nach dem Umstieg vom Elektro-Geschoss auf ein supersportliches Naked Bike mit Benzinmotor fühlt sich letzteres an, wie eine 60 PS-Maschine mit ausgeleiertem Zahnriemenantrieb. 

Positiv gesagt: Die strombetriebene Kalifornierin setzt neue Maßstäbe in Sachen Impulsivität. Kein Wunder, denn enorme 190 Nm Drehmoment beschleunigen das Hinterrad schon ab 1/min und bringen somit die gesamte, 220 kg leichte Fuhre flott auf Touren. 

Das ist wohl der Kern der Elektromobilität und ihrer speziellen Faszination: Die Wucht, mit der der so genannte Z-Force-75-10-Wechselstrommotor ans Werk geht und die dauerhaft bleibt. Wer eine Zero SR/F fährt, kommt außerdem schnell ins Gespräch mit Passanten, denn der Wissensdurst vieler Menschen ist groß, wenn sie erstmals aus der Nähe ein Elektro-Motorrad sehen. Vor allem, wenn sie es die letzten Meter heranfahren sahen und dabei kaum etwas hörten.

Realistische Reichweite: Rund 145 km

Gleichzeitig werden SR/F-Piloten mit typischen Vorurteilen konfrontiert. Mangelnde Reichweite hört man fast immer. Dabei kommt die SR/F nominell in der Stadt 259 km weit, kombiniert 157 km. Unsere Testfahrten unter Realbedingungen konnten diese Zahlen nahezu bestätigen. Der Fahrmix aus Solobetrieb und Fahrten zu zweit, Stadt-, Land- und Autobahnfahrten ergab realistische 143 km Reichweite – für ein rasantes Naked Bike dieser Art kein Problem, denn zum ausgiebigen Touren werden diese eher urbanen Flitzer ohnehin kaum genutzt.

Nächstes Vorurteil, mit dem die kalifornischen Elektro-Pioniere von Zero aufräumen: die Ladezeit. Hier setzt sich vor allem das teurere Premium-Modell (23.740 Euro) mit 6 kW-Schnellladesystem in Szene.

Unter Idealbedingungen sind die 14,4 kWh starken Lithium-Ionen-Akkus in nur einer Stunde von 0 auf 95 Prozent geladen, bis zu 100 Prozent in 90 Minuten. Schlimmstenfalls vergehen beim Standard-Laden (3 kW-Ladesystem an einer Haushaltssteckdose) mit dem Standardmodell viereinhalb Stunden bis zum optimalen Füllstand.

Drittes – aber enorm wichtiges Vorurteil: Der Sound fehlt, so könne Motorradfahren doch keinen Spaß machen. Zugegeben, zunächst nimmt man eine befremdliche Stille beim bärenstarken Antrieb wahr. Kein Bollern eines V2, Poltern eines Twin oder Grölen und Kreischen hochdrehender Mehrzylinder ist zu hören. Dafür lenkt kein Lärm die übrigen Sinne ab, die fulminante Beschleunigung zu genießen.

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Die Zero SR/F bietet volle Connectivity

Licht und Schatten beim Thema Ergonomie: Man sitzt zwar mehr in als auf der Zero SR/F, und das fühlt sich extrem gut und kontrolliert an. Allerdings ist die Sitzhöhe etwas niedrig, denn bestenfalls sind mit drei verschiedenen Sitzbankhöhen 810 mm möglich (alternativ 770 und 787 mm). Daraus ergibt sich für größer gewachsene Elektro-Biker ein relativ enger Kniewinkel. Der Abstand zum Lenker hingegen fühlt sich trotz 1450 mm Radstand auch für Sitzriesen gut an. Keine Blößen gibt sich die elektrische Zero SR/F beim Thema Connectivity. Über Bluetooth entsteht die Verbindung zu einer App, die Lademanagement ebenso ermöglicht wie das Kontrollieren aller Fahrzeug-Infos oder die Anzeige der nächstgelegenen Ladestationen über Google Maps. 

Leider steht die Verbindung zum Smartphone-Navi noch bevor, sollte aber angesichts der vorhandenen Hardware reine Formsache sein. Updates des Zero SR/F-Betriebssystems Cyber III sind bereits jetzt möglich, ohne einen Händler aufsuchen zu müssen. Über die App oder am großen TFT-Display lassen sich die Fahrmodi "Street", "Sport", "Eco" und "Rain" einstellen sowie zehn individuelle Modi verändern – neben der Leistungsabgabe auch die Intensität des Rekuperierens, also der Rückgewinnung von Bremsenergie.

Viel Sicherheit dank Kurven-ABS und MSC

Abschreckend könnten auf den ersten Blick die Kosten sein. Denn Zero ruft für die SR/F-Standardvariante mit 3 kW-Ladesystem stolze 21.540 Euro auf. Doch man darf natürlich keine Äpfel mit Birnen vergleichen. Bereits das österreichische Top-Naked Bike KTM 1290 Super Duke R für 17.834 Euro hält nicht wirklich mit der Zero SR/F mit. Sie hat zwar 177 PS und somit deutlich mehr Leistung als der kalifornische Stromer mit 110 PS/82 kW. Aber: Beim fahrdynamisch weit wertvolleren Drehmoment liegt die Zero mit 190 Nm deutlich vor der KTM mit nur 141 Nm. Vor allem: Die geringere Schubkraft der KTM gibt es erst bei 7000 Umdrehungen/Minute, die deutlich höhere der Zero bereits ab 1 Umdrehung/Minute. Lautlose Kraft in allen Lebenslagen ist das Resultat. 

Rund 10 Prozent teurer ist die Zero SR/F als die Ducati Monster 1200 R, die 18.840 Euro kostet und nur 126 Nm bietet. Und nicht mal vor den feinsten Fahrwerkskomponenten der Ducati muss sich die Zero verstecken. Denn die SR/F verfügt über so hochwertige Zutaten wie: Motorrad-Stabilitätskontrolle (MSC) von Bosch samt Kurven-ABS und schräglagenabhängiger Traktionskontrolle

Die Fahrwerkskomponenten vorne wie hinten stammen von Showa und sind voll einstellbar. Die Serienbereifung Pirelli Diablo Rosso III passt perfekt zum Charakter des Naked Bikes. All das summiert sich zu einer wahren Fahrmaschine, die schnelle Landstraßenkurven so stabil durcheilt. Die Lieferzeiten liegen momentan bei rund drei Monaten, die ersten Modelle werden in Deutschland in diesem Sommer ausgeliefert. 

Technische Daten Zero SR/F

HerstellerdatenZero SR/F Standard (Premium)

Motor und Akkus

Wechselstrommotor "Z-Force 75-10", passiv luftgekühlt mit internem Permanentmagneten, max. Leistung 110 PS/82 kW, max. Drehmoment 190 Nm, "Z-Force"-Lithium-Ionen-Akkus mit 14,4 kWh, Ladetyp 3,0 kW integriert (6,0 kW), Riemenantrieb (Poly Chain HDT Carbon)

Fahrleistungen

Höchstgeschwindigkeit 200 km/h

Ladezeiten

4,5 h 100 % voll, 4 h 95 % (2,5 h bzw. 2 h); mit Schnellladeoption: 1,8 bzw. 1,3 h (1,5 bzw. 1,0 h)

Fahrwerk

Stahl-Gitterrohrrahmen, USD-Gabel 43 mm voll einstellbar mit 120 mm Federweg, konzentrische Schwinge, voll einstellbare Showa-Federbeine mit externem Reservoir, 140 mm Federweg

Bremsen

Vorn Doppelscheibenbremse 320 mm, hinten Einzelscheibenbremse, 240 mm, Bosch Kurven-ABS

Reifen

Vorn 120/70-17, hinten 180/55-17

Maße/Gewichte

Radstand 1450 mm, Sitzhöhe 787 mm, mit Zubehör auch 770 oder 810 mm, Leergewicht 220 kg (226), Zuladung 234 kg (228)

Verbrauch

Stadt: vergleichbar mit 0,55 l/100 km, Schnellstraße: vergleichbar mit 1,08 l/100 km, CO₂-Ausstoß 0 g/km

Preis

21.540 Euro (23.740)

Fazit: Die Zero SR/F soll schon mal das Feld besetzen, auf dem Harley-Davidson mit seinem elektrischen Naked Bike LiveWire durchstarten will. So viel steht aber fest: Einfach wird das für Harley und andere Rivalen nicht werden.

Text: Ralf Schütze