Rolls Royce Spectre: E-Mobilität auf dem nächsten Level

Der Rolls Royce Spectre fahrend frontal von der Seite
Zwei Elektromotoren statt V12: Rolls Royce Spectre© Rolls Royce/Mark Fagelson

Schon im Jahr 1900 hatte Mitgründer Charles Rolls Elektroautos als "geräuschlos und sauber" gepriesen und "feste Ladestationen" vorhergesagt. 123 Jahre später baut Rolls Royce tatsächlich ein Elektroauto. So luxuriös ist der Spectre. Testfahrt, Bilder, Daten.

  • Preis für den ersten elektrischen Rolls-Royce: ab 390.000 Euro

  • Reichweite "ausreichend"

  • 585 PS auch ohne Zwölfzylinder

Flüsterleiser Elektro-Luxus aus Goodwood

Detail des Fahrerbereichs des Rolls Royce Spectre
Die Türen des ersten elektrischen Rolls Royce öffnen standesgemäß nach vorne© Rolls Royce/James Lipman

Gut Ding will Weile haben – und wenn es richtig gut werden soll, dann darf diese Weile auch mal 123 Jahre währen. So lange jedenfalls hat es gedauert, bis Rolls-Royce endlich die Prophezeiung des Firmengründers Charles Rolls aus dem Jahr 1900 erfüllt und den Elektromotor zum ultimativen Luxusantrieb geadelt hat. Denn wenn die britische BMW-Tochter im Herbst 2023 zu ganz und gar unbescheidenen Preisen von 390.000 Euro steil aufwärts den Spectre an den Start bringt, ist das nicht nur der erste Stromer der Marke und das aktuell edelste Elektroauto der Welt, sondern vielleicht sogar das beste Auto überhaupt.

Rolls-Royce ohne Zwölfzylinder? Geht gut

Detail des Tankes des Rolls Royce Spectre
Der Rolls Royce Spectre soll mit bis zu 195 kW laden können© Rolls Royce/Mark Fagelson

Selbst der selige Zwölfzylinder ist vergessen, wenn das Coupé mit stattlichen 5,50 Metern erst einmal Fahrt aufnimmt. Und bisherige Vorzeigefahrzeuge wie ein Mercedes EQS, ein Lucid Air oder ein Tesla Model S wirken plötzlich wie schlichte Kleinwagen.

Nüchtern betrachtet ist der Spectre dabei nicht viel mehr als ein BMW i7 im Smoking – schließlich hat sich die feine Tochter aus Goodwood für ihren elektrischen Erstling vom 102 kWh großen Akku bis hin zur Allradlenkung im Baukasten der Mutter bedient. Doch wo der BMW bei aller Finesse und Dynamik kühl wirkt und ein wenig distanziert, hat die E-Mobilität im Schatten der Spirit of Exctasy etwas derart Selbstverständliches und Seelenvolles, dass selbst der bis dato obligatorische V12-Motor plötzlich seltsam deplatziert erscheint.

2,9 Tonnen in 4,5 Sekunden auf 100 km/h

Der Rolls Royce Spectre fahrend schräg von hinten
Spurtstark: Die beiden Elektromotoren des Spectre leisten zusammen 585 PS© Rolls Royce/James Lipman

Natürlich war und ist der Zwölfzylinder die kultivierteste aller Verbrennungskraftmaschinen und mit seinen 6,75 Litern Hubraum ein unerreichter Souverän. Aber gegen das sanfte Schnurren des Stromers wirkt er plötzlich laut und ungehobelt. Und so samten und seidig er einen Phantom auch antreiben mag, kommt er an den geisterhaften Sprint des Spectre nicht einmal ansatzweise heran – nicht umsonst haben die Briten das Anfahrdrehmoment sogar gedrosselt, damit der Champagner hinten nicht aus den Kelchen schwappt.

Nie hat sich Mühelosigkeit tatsächlich so wenig bemüht angefühlt wie hier – und das, obwohl der Spectre stolze 2,9 Tonnen wiegt. Aber selbst die schmelzen dahin, wenn 585 PS und 900 Nm zu Werke gehen und die Kabine von einem adaptiven Fahrwerk mit Vorausschau und Wankausgleich in Watte gepackt und auf Wolken gebettet wird. Wer es eilig hat, der kommt deshalb in 4,5 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100, fliegt wenig später mit 250 Sachen über die linke Spur und erkennt trotzdem nur an der vor den Fenstern verwischenden Landschaft, dass er tatsächlich fährt.

Reichweite spielt eine Nebenrolle

Detail des Logo des Rolls Royce Spectre
Handgefertigter Luxus aus Goodwood: Die Reichweite des Spectre ist eher Nebensache© Rolls Royce/James Lipman

Wie früher über die Leistung, verliert dabei heute über die Reichweite niemand mehr ein Wort und "ausreichend" gilt als hinreichende Beschreibung. Dabei sind 500 Kilometer im Normzyklus und vielleicht 350 Kilometer im Alltag für ein Auto dieses Formats durchaus vorzeigbar. Doch weiter als von der Villa ins Büro muss ein Rolls-Royce in der Regel gar nicht fahren – oder zum Flughafen. Denn für Distanzen im dreistelligen Kilometer-Bereich bevorzugt die Klientel gemeinhin den Hubschrauber oder den Privatjet.

Und dass der Spectre mit 195 kW laden kann, interessiert ebenfalls die wenigsten. Denn ein Zwischenstopp am Schnelllader vor dem Supermarkt ist für den gemeinen Superreichen schwer vorstellbar. Vielmehr freut sich die High Society jetzt an der Wallbox daheim und daran, dass so profane Orte wie eine Tankstelle für sie nun endgültig Geschichte sind.

Der Rolls Royce Spectre in Bildern

Dass der E-Antrieb so gut zum Spectre passt, hat aber neben seiner schieren Leistung und seiner unerreichten Laufkultur noch einen weiteren Grund: Das Coupé will zuallererst ein Rolls-Royce sein und erst dann ein Elektroauto. Verzicht verbietet sich da von selbst, und Nachhaltigkeit wird nachrangig. Deshalb gibt es weder "veganes" Leder oder Kunststoffe aus Fischernetzen, noch haben die Briten sonst irgendwo gespart, sondern im Gegenteil noch dicker aufgetragen als bisher.

Die Farbpalette ist mutiger als je zuvor, der Teppich tiefer, das Leder dicker und die Liste der Optionen länger – so funkelt der LED-Sternenhimmel nun nicht nur im Dach, sondern auf Wunsch erstmals auch in den Türen, die übrigens die größten sind, die Rolls-Royce je eingebaut hat. Und wo andere um jedes Gramm ringen, sind die Türgriffe hier schwer und massiv wie an den Toren zum Tower of London und die Luftausströmer der Klimaanlage natürlich wieder aus dem Vollen gefräst.

Für den Cw-Wert: "Emily" musste abspecken

Detail des Kühlergrills des Rolls Royce Spectre
Spirit of Ecstasy: Für den Spectre wurde die 1904 eingeführte Kühlerfigur modernisiert© Rolls Royce/James Lipman

Nach über 100 Jahren Vorlauf, vier Jahren Entwicklungszeit und mehr als zwei Millionen Testkilometern fühlt sich der Spectre derart nach Rolls-Royce an, dass sich jede Frage nach dem Antrieb erübrigt. Und wenn die Sprache tatsächlich einmal auf die E-Motoren kommt, dann weinen selbst eingefleischte Petrol Heads dem seligen V12 nicht die kleinste Träne nach.

Das mag nicht zuletzt daran liegen, dass die Briten extrem gründlich waren bei der Entwicklung. Sie haben deshalb nicht einfach einen BMW i7 in einen Smoking gesteckt oder eine Batterie in den Rolls Royce Phantom verpflanzt, sondern sich mit dem Spectre mal eben neu erfunden.

Im Großen, aber eben auch im Kleinen – von der frischen Grafik für den digitalen Tacho samt funkelndem Sternenstaub bei der jeweils angezeigten Geschwindigkeit bis hin zur Spirit of Ecstasy, die ihren eigenen Beitrag zur Antriebswende leisten muss. Nicht, dass es in diesem Auto wirklich auf Reichweite ankäme. Doch um den Cw-Wert auf die geplanten 0,25 zu drücken, musste selbst die Kühlerfigur in den Windkanal und hat in vielen hundert Stunden Feinschliff ein Facelift bekommen – ein Aufwand, den sich nur eine Marke wie Rolls-Royce leisten kann. Erst recht, wenn sie sich zwischen Idee und Umsetzung 123 Jahre Zeit lässt.

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Rolls Royce Spectre: Daten und Preise

Technische Daten (Herstellerangaben)

Rolls-Royce Spectre (ab 10/23)

Motorart

Elektro

Leistung maximal in kW (Systemleistung)

430

Leistung maximal in PS (Systemleistung)

585

Drehmoment (Systemleistung)

900 Nm

Antriebsart

Allrad

Beschleunigung 0-100km/h

4,5 s

Höchstgeschwindigkeit

250 km/h

Reichweite WLTP (elektrisch)

530 km

CO2-Wert kombiniert (WLTP)

0 g/km

Verbrauch kombiniert (WLTP)

22,2 kWh/100 km

Batteriekapazität (Brutto) in kWh

105,7

Batteriekapazität (Netto) in kWh

101,7

Ladeleistung (kW)

AC:22,0 DC:50,0-195,0

Kofferraumvolumen normal

n.b.

Leergewicht (EU)

2.890 kg

Zuladung

510 kg

Garantie (Fahrzeug)

3 Jahre

Länge x Breite x Höhe

5.475 mm x 2.017 mm x 1.573 mm

Grundpreis

389.000 Euro

Text: Thomas Geiger

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