Elektrische Isetta: Testfahrt im Microlino

Das Kleinstauto Microlino in rot
Moderne Interpretation der legendären Isetta: das Schweizer E-Auto Microlino ∙ © Micro Mobility Systems

Wer hier einsteigt, begibt sich auf eine Zeitreise mit Grinse-Garantie: Als elektrische Neuinterpretation der revolutionären BMW Isetta wird der Microlino zum Smart der Generation Elektromobilität.

  • Schweizer Stadt-Floh soll ab 12.500 Euro erhältlich sein

  • Premiere des fertigen Autos auf der IAA im September 2021

  • Weder ESP noch Airbags an Bord

Zu groß, zu teuer, zu aufwendig: Für Merlin Ouboter ist es kein Wunder, dass sich Elektroautos bei der Käuferakzeptanz noch so schwertun. Daher hat der Schweizer ein radikal reduziertes Konzept entwickelt – und dafür ein altes Rezept neu aufgewärmt. Denn was da derzeit als Prototyp des Microlino rund um den Zürich See stromert, erinnert nicht von ungefähr an die legendäre Isetta, mit der BMW die individuelle Mobilität in den 1950er-Jahren schon einmal erschwinglich gemacht hat.

Fertiger Microlino zur IAA, Preis ab 12.500 Euro

Das Kleinstauto Microlino in grau
Zeitgemäß: LED-Leiste am Heck und Elektroantrieb ∙ © Micro Mobility Systems

Mittlerweile ist das Projekt schon fünf Jahre alt, und zwischendurch hat Ouboter nicht nur mehrfach die Partner gewechselt, mit dem Karo des deutschen Zulieferers Artega einen Klon auf den Plan gerufen und neben einem Heer von Entwicklern auch die Gerichte beschäftigt. Nebenbei wurde das eigene Modell noch einmal komplett umgekrempelt, mit einer LED-Leiste optisch in die Gegenwart geholt und zugleich bei der Crashstruktur nochmals verbessert. Zu diesem Zweck erhielt der Microlino ein neues Chassis, und die Plastikkarosse wurde gegen Blech getauscht.

Im September soll das fertige Auto auf der IAA in München präsentiert werden, und kurz darauf wollen die Schweizer die ersten Exemplare zu Preisen ab 12.500 Euro ausliefern. Zunächst einige Hundert Exemplare in Eigenregie, bevor der italienische Entwicklungspartner und Karosseriebauer Cecomp ab 2022 bis zu 10.000 Autos im Jahr auf die winzigen Rädchen stellen soll.

Barock geformtes Elektroauto mit moderner Technik

Das Kleinstauto Microlino
Die Scheinwerfer des Microlino wirken wie Insektenfühler ∙ © Micro Mobility Systems

Auch wenn der Prototyp in kühlem Mattgrau gehalten ist und nicht das zweifarbige Retro-Kleid trägt: Der Microlino ist immer noch auf den ersten Blick als Isetta-Enkel zu erkennen. Daran ändern auch die wie Fühler an die Flanke geschraubten Scheinwerfer mit LED-Technik nichts. Wirklich gewachsen ist die elektrische Neuinterpretation der barocken BMW-Knutschkugel auch nicht: 2,50 Meter lang ist der Microlino und 1,50 Meter breit – die Räder sind mit 13 Zoll eher Rädchen.

Wie früher die Isetta ist auch der Microlino vorne breiter als hinten. Und wie damals in den 1950er-Jahren ist die einzige Tür vorne an der Karosserie angeschlagen. Wer durch sie einsteigt und um die feststehende Lenksäule auf die durchgehende Sitzbank klettert, macht allerdings einen Zeitsprung – und landet im Hier und Jetzt: Über dem Lenkrad thront ein kleiner Bildschirm, bedient wird die Isetta 2.0 über einen Touchscreen daneben, und natürlich fährt die Knutschkugel rein elektrisch.

Microlino mit 200 Kilometern Reichweite

Die Sitzbank des Stadtautos Microlino in Frontansicht
Platz für zwei und 90 km/h schnell: Den Microlino betritt man von vorn ∙ © Micro Mobility Systems

Das Akku-Paket verbirgt sich im Boden des Fahrzeugs. Die Batterie des Microlino verfügt über eine maximale Kapazität von 14,4 kWh und lässt sich mit 2,5 kW in vier Stunden zu Hause an der Steckdose oder mit einem Typ2-Stecker an öffentlichen Ladesäulen aufladen. Voll geladen soll der Microlino über eine Reichweite von 200 Kilometern verfügen. Angetrieben wird das Schweizer E-Auto von einem im Heck montierten Elektromotor mit 20 kW (27 PS), der maximal 90 km/h ermöglicht. Mehr ist nicht erlaubt in der Kategorie L7E, für die der Microlino konstruiert ist. Weil die Zulassung aber zugleich das Gewicht auf 450 Kilo limitiert, hat der Heckmotor mit dem Zweisitzer buchstäblich leichtes Spiel, sprintet in fünf Sekunden auf Tempo 50 und schießt mit jedem Stromstoß durch die Stadt als hätte er doch noch ein paar BMW-Gene.

Natürlich ist der Microlino weder Raumwunder noch Rennwagen, aber beides will er auch gar nicht sein. Er ist gemacht für die urbane Mobilität, traut sich nur ausnahmsweise mal aufs Land und fühlt sich auf der Autobahn wahrscheinlich ziemlich verloren. Doch für die Stadt ist er perfekt: Der Microlino ist handlich, wieselflink und findet überall einen Parkplatz – zur Not eben quer.

Airbags oder ESP sucht man vergeblich

Das cockpit des Kleinstauto Microlino
Modernes, simpel gehaltenes Cockpit in der neuen "Isetta" ∙ © Micro Mobility Systems

Nur bei der Ausstattung des Microlino muss man einige Abstriche machen: Zwar rühmt Ouboter die Sicherheitszelle des zweiten Entwurfs als deutlich stabiler gegenüber dem bisherigen Gitterohrrahmen, doch Airbags oder ESP sind bei diesem Preis nicht drin. Und in der gewählten Fahrzeug-Kategorie auch nicht vorgeschrieben, selbst wenn Ouboter diese für das erste Update des Microlino in einigen Jahren ankündigt. Stattdessen gibt es schon heute schmuckes Veloursleder ringsum und eine kräftige Lüftung. Die Bluetooth-Box sorgt für Stimmung und die Sitzheizung für eine kuschelig warme Kehrseite.

Bezahlbarer Zweit- oder Drittwagen für die Stadt

Das Stadtauto Microlino in Fahrt durch die City
Der Stadtverkehr ist das ideale Revier für den Microlino ∙ © Micro Mobility Systems

Das Konzept der minimalistischen Mobilität für große Metropolen kennt man so ähnlich vom Citroën Ami und irgendwie auch vom Smart. Doch die Schweizer haben die Aufgabe mit ihrem Auto schlauer gelöst. Denn während die Franzosen mit ihrer Beschränkung auf 45 km/h beim Fahrer eher für Frust sorgen als für Freude und der knuffige Kunststoffwürfel in der Stadt mehr Hindernis ist als Hingucker, schwimmt der Microlino mit seinen bis zu 90 km/h locker im Verkehr mit.

Und wo der Smart für einen Kleinstwagen viel zu teuer ist und deshalb ohne große Chance mit echten Kleinwagen konkurrieren muss, bewahren die Schweizer Bodenhaftung und positionieren den Microlino als bezahlbaren Zweit- oder besser Drittwagen. Und als solcher passt er mit seinem charmanten Design in der Garage selbst neben einen Porsche oder einen Mercedes, ohne dass man sich dafür schämen müsste.

Text: Thomas Geiger, Jochen Krauß

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