Rundumsicht: Kleinwagen punkten beim Durchblick

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Von Jochen Krauß

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Ein Autofahrer im Auto aufgenommen bei der Rundumsicht Auswertung
Breite A-Säulen und hohe Seitenfenster-Linien schränken die Rundumsicht ein© ADAC/Abgedreht

Trotz moderner Sicherheitstechnik verschlechtert sich in vielen aktuellen Autos die Sicht nach außen. Eine Auswertung von mehr als 430 ADAC Autotests zeigt: Der Rundumblick wird zunehmend eingeschränkt.

  • Große Unterschiede bei der Rundumsicht

  • Breite A-Säulen verdecken Verkehrsteilnehmer

  • Schlechte Sicht erhöht Risiko bei Abbiege-Unfällen

Eine gute Rundumsicht ist entscheidend für die Verkehrssicherheit. Besonders an Kreuzungen und Einmündungen kann eingeschränkte Sicht zu gefährlichen Situationen und Unfällen führen.

Trotz moderner Sicherheitstechnik und zahlreicher Assistenzsysteme verschlechtert sich die direkte Sicht aus vielen aktuellen Pkw seit Jahren. Bereits eine ADAC Analyse aus dem Jahr 2019 zeigte, dass viele moderne Fahrzeuge – insbesondere größere und schwerere Modelle – deutliche Einschränkungen bei der Rundumsicht aufweisen. Die aktuelle Auswertung bestätigt, dass sich der Trend weiter fortsetzt.

Gründe sind beispielsweise breit ausgeführte A-Säulen, flache Windschutzscheiben, hohe Gürtellinien, massive Frontpartien und lange Motorhauben. Die neue Erhebung von 2025 bestätigt diese Entwicklung und macht zugleich die sicherheitsrelevanten Folgen eingeschränkter Sichtverhältnisse deutlich.

ADAC Autotests als Basis für die Bewertung

Der Fahrersitzt eines Minis wird für die Rundumsicht Auswertung preperiert
Die Rundumsicht wird im ADAC Test mit 360-Grad-Blick vom Fahrersitz aus dem Innenraum gemessen© ADAC/Abgedreht

Im ADAC Autotest werden die Sichtverhältnisse eines Fahrzeugs nach einem standardisierten Verfahren erfasst und bewertet. Eine auf einer Messpuppe platzierte Kamera reproduziert dabei die Perspektive des Fahrers. Anschließend erstellt eine spezielle Software ein komplettes 360‑Grad‑Panoramabild. Sämtliche relevanten Hindernisse im Sichtfeld werden erfasst und automatisch ausgewertet.

Im ADAC Autotest wird die Sicht nach vorn anhand der gemessenen Verdeckungsbereiche der A‑Säulen bewertet. Dabei erfassen die Tester die Einschränkungen durch die linke und rechte A‑Säule getrennt und führen sie anschließend zu einer Gesamtnote zusammen – wobei die linke A-Säule stärker gewichtet wird.

In Bezug auf Sichteinschränkungen liefert der Autotest daher objektive Ergebnisse. Die im aktuellen Vergleich genannten Fahrzeuge durchliefen den ADAC Autotest im Zeitraum von 2019 bis 2025.

In der ADAC Autotest-Datenbank sind rund 4600 Fahrzeugtests verfügbar. Für die aktuelle Auswertung wurden rund 430 Fahrzeuge aus den Autotests der Jahre 2019 bis 2025 analysiert. Grundlage ist die im ADAC Autotest angewendete Rundumsichtmessung mit standardisierter Bewertung der Sichteinschränkungen.

Top 5 Automodelle Rundumsicht

MarkeModellNoteADAC Bewertung

Mini

Cooper

2,5

gut

Hyundai

i10

2,6

befriedigend

Audi

Q8

2,8

befriedigend

Subaru

Outback

2,8

befriedigend

Audi

A6 Avant

2,9

befriedigend

Der Mini Cooper bietet dank großer Fensterflächen und einer weit vorne stehenden, steilen Frontscheibe insgesamt eine gute Übersichtlichkeit und eine solide Rundumsicht. Vom Fahrersitz hat man einen klaren Blick nach vorn, muss sich für hoch angebrachte Ampeln jedoch nach vorne beugen.

Gute Sicht: So blickt man aus dem Mini Cooper

Beim Abbiegen können die breiten A‑Säulen die Sicht auf andere Verkehrsteilnehmende einschränken. Die Front ist nur teilweise einsehbar, auch wenn die Scheinwerferkanten Orientierung geben. Niedrige Hindernisse im Nahbereich bleiben dennoch gut erkennbar.

Im Hyundai i10 fällt der gute Überblick über das Verkehrsgeschehen positiv auf. Besonders beim Rangieren sowie beim Ein- und Ausparken lässt sich die Karosserie gut abschätzen. Einschränkungen zeigen sich im direkten Fahrzeugnahbereich: Niedrige Hindernisse bleiben hier für den Fahrer unsichtbar. In der Praxis helfen die serienmäßigen Parksensoren am Heck sowie die optionale Rückfahrkamera, diese Defizite auszugleichen.

Flop 5 Automodelle Rundumsicht

MarkeModellNoteADAC Bewertung

Mercedes EQT

EQT

5,5

mangelhaft

Porsche Cayenne

Cayenne

5,5

mangelhaft

Renault

Kangoo

5,5

mangelhaft

Dacia

Jogger

5,4

mangelhaft


BMW

7er

5,2

mangelhaft


Die schlechtesten Kandidaten bei der Rundumsicht fallen grundsätzlich durch Konstruktionsmerkmale auf, die die direkte Sicht nach außen erheblich beeinträchtigen. Dazu zählen vor allem sehr hohe Gürtellinien und Van-artige Karosseriekonzepte mit doppelter A-Säule samt senkrechter Zusatzstrebe.

Beim Mercedes EQT fällt die Rundumsicht insgesamt unzureichend aus. Ursächlich ist unter anderem die im Vergleich zu den Verbrenner-Varianten höher positionierte Rücksitzbank, die die Sicht nach hinten deutlich einschränkt. Niedrige Objekte oder Kinder hinter dem Fahrzeug werden dadurch erst spät oder gar nicht wahrgenommen.

In Kombination mit der hohen Heckpartie ergibt sich insbesondere beim Rangieren ein deutliches Defizit, das sich auch in der ADAC Messung widerspiegelt. Auch der Porsche Cayenne erzielt in der Rundumsichtbewertung ein mangelbehaftetes Ergebnis.

Zwar lassen sich die Fahrzeugabmessungen insgesamt noch zufriedenstellend einschätzen, wozu vor allem die relativ steile Heckscheibe beiträgt, die eine grobe Bestimmung des Fahrzeugendes ermöglicht. Nach vorn hingegen ist die Sicht eingeschränkt: Die Vorderkante der langen Motorhaube liegt außerhalb des direkten Sichtfelds. Positiv wirkt sich die erhöhte Sitzposition aus, die einen ordentlichen Überblick über das Verkehrsgeschehen erlaubt.

Hier geht's zu den Euro NCAP-Crashtests 2025: So sicher sind unsere Autos

Toter Winkel durch A-Säule

Sichtfeld eingeschränkt, A-Säule, Querstrebung
Hinter der breiten A-Säule können andere Verkehrsteilnehmer komplett verschwinden© ADAC

Laut Auswertungen der ADAC Unfallforschung sind rund 28 Prozent aller Außerorts-Unfälle Einbiege-, Kreuzungs- und Abbiegeunfälle. Besonders fatal: Diese Unfalltypen verursachen überdurchschnittlich viele Todesopfer. Jedes Jahr verlieren dabei mehr als 340 Menschen ihr Leben, mehr als 7000 werden schwer verletzt.

Ein wesentlicher Auslöser dieser Unfälle ist das Übersehen vorfahrtsberechtigter Verkehrsteilnehmender. In Deutschland lassen sich rund 30 Prozent der Abbiege- und Kreuzungsunfälle darauf zurückführen, dass Verkehrsteilnehmer von links kommend zu spät oder gar nicht wahrgenommen werden.

Besonders gefährdet sind Rad- und Motorradfahrende: Beim Linksabbiegen oder Kreuzen können sie vollständig hinter A- oder B-Säulen verschwinden. Nur wenige Fahrzeuge erzielten eine akzeptable Bewertung bei der Sichtverdeckung durch die A-Säulen.

Gute Ergebnisse für Seat Mii und Kia Picanto

Cockpit des Kia Picanto
Klar strukturiertes Cockpit, aber ausschließlich Hartplastik im Kia Picanto© Florian Quandt

Auffällig gut schneiden wie bereits 2019 Kleinwagen ab. Der Seat Mii hat besonders günstige Sichtverhältnisse. Der steile Windschutzscheibenwinkel, die schmalen A-Säulen und die dünne Dachsäulenkonstruktion erzeugen gute Sicht. Mit der Note 2,7 erzielt der kleine Seat ein insgesamt befriedigendes Ergebnis.

Der Kia Picanto findet sich ebenfalls unter den Spitzenreitern. Die Übersicht auf das Verkehrsgeschehen ist insgesamt in Ordnung, was vor allem auf die Sitzhöhe und die relativ großen Fensterflächen zurückzuführen ist. Entsprechend bestätigt die ADAC Rundumsichtmessung eine gute Sicht nach draußen, auch wenn die A-Säulen konstruktionsbedingt keine Spitzenwerte ermöglichen.

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Top 5 Automodelle Sichtverdeckung A-Säule

MarkeModellNoteADAC Bewertung

Seat

Mii

2,7

befriedigend

Kia

Picanto

2,7

befriedigend

Renault

Espace

2,8

befriedigend

Suzuki

Ignis

2,8

befriedigend

Mercedes

GLC

2,9

befriedigend

Beim Renault Espace fällt die Rundumsicht insgesamt durchschnittlich aus. Vorteilhaft sind die zweigeteilten A-Säulen, die insbesondere beim Abbiegen eine vergleichsweise gute Sicht nach vorn ermöglichen und die Sichteinschränkung in diesem Bereich reduzieren.

Der Suzuki Ignis kommt bei der ADAC Rundumsichtmessung mit der Note 2,8 nur auf ein befriedigendes Ergebnis. Die A-Säulen fallen dennoch vergleichbar schmal aus. Beim Mercedes GLC beeinträchtigen die recht breiten, fahrernahen A-Säulen die Sicht nach schräg vorne. Dennoch reicht es für eine Platzierung unter den Top 5.

Flop 5 Automodelle Sichtverdeckung A-Säule

MarkeModellNoteADAC Bewertung

VW

ID.3

5,5

mangelhaft

Toyota

Prius

5,5

mangelhaft

Lucid

Air

5,4

mangelhaft

VW

ID.7

5,4

mangelhaft

Cupra

Born

5,4

mangelhaft

Breite A-Säule: So ist die Sicht aus dem VW ID.3

Der VW ID.3 bekommt bei der Bewertung der Sichteinschränkung durch die A-Säule ein mangelhaftes Ergebnis. Das größte Defizit im vorderen Sichtbereich liegt in der Konstruktion der Säule selbst: Neben der eigentlichen A-Säule sorgt eine zusätzliche Verstärkungsstrebe für einen deutlich vergrößerten Verdeckungsbereich. Diese Konstruktion schränkt die Sicht besonders nach schräg vorn erheblich ein.

Auch dem Toyota Prius bescheinigt die ADAC Rundumsichtmessung (A-Säule) lediglich ein mangelhaftes Ergebnis. Hauptursache ist die sehr flach stehende, aerodynamisch optimierte Frontscheibe, durch die die A-Säule näher an den Fahrer heranrückt. Dadurch vergrößert sich der verdeckte Bereich im Nahfeld deutlich, besonders beim Abbiegen oder beim Einfahren in Kreuzungen.

Der vollelektrische Lucid Air schneidet bei der Rundumsicht ebenfalls mangelhaft ab. Auffällig ist vor allem die sehr breite A-Säule, die direkt durch das primäre Sichtfeld des Fahrers verläuft. Dadurch wird der Blick aus dem Fahrzeug deutlich eingeschränkt, besonders beim Abbiegen oder bei komplexen Verkehrssituationen. Die Kombination aus breiter Säule und ungünstiger Lage führt zu großen verdeckten Flächen, die sicherheitsrelevant sind.

Tipps für Verbraucher

  • Der ADAC empfiehlt, vor einem Fahrzeugkauf die Rundumsicht im Auto selbst zu testen und verschiedene Modelle miteinander zu vergleichen.

  • Die wahrgenommene Rundumsicht hängt dabei nicht allein vom Fahrzeug ab, sondern auch von individuellen Faktoren wie der Körpergröße und der bevorzugten Sitzposition.

  • Bereits bei der Fahrzeugauswahl sollte daher darauf geachtet werden, ob sich eine ergonomisch sinnvolle Sitzposition mit guter Übersicht realisieren lässt.

  • Kritische Sichteinschränkungen lassen sich im Fahrbetrieb zumindest teilweise durch eine aktive Oberkörper- und Kopfbewegung reduzieren, indem verdeckte Bereiche bewusst "freigesehen" werden. Diese aktive Wahrnehmung ist besonders beim Abbiegen, Einfahren in Kreuzungen und beim Anfahren von Bedeutung.

Forderungen an die Hersteller

  • Anspruch sollte sein, zum Schutz der Verbraucher und Verkehrsteilnehmenden dem Fahrer oder der Fahrerin ein Höchstmaß an abdeckungsfreier Sicht zu bieten.

  • Die Ergebnisse der aktuellen ADAC Auswertung zeigen jedoch deutlich, dass diese Mindestanforderungen nicht ausreichen, um den realen sicherheitsrelevanten Anforderungen im Straßenverkehr gerecht zu werden.

  • Die direkte Rundumsicht sollte wieder als gleichwertiges Sicherheitsziel in der Fahrzeugentwicklung verankert werden. Sichtqualität darf nicht länger nachrangig behandelt oder bewusst zugunsten anderer Entwicklungsziele eingeschränkt werden.

  • Insbesondere die Auslegung der A-Säulen muss stärker auf die Minimierung von Verdeckungsflächen im primären Sichtfeld des Fahrers ausgerichtet werden.

  • Assistenz- und Kamerasysteme leisten einen wichtigen Beitrag zur Kompensation konstruktionsbedingter Sichtlücken und können die Verkehrssicherheit gerade bei niedrigen Geschwindigkeiten und in komplexen Verkehrssituationen erhöhen.

  • Ziel muss es sein, eine gute Grundsicht konstruktiv sicherzustellen und diese durch technische Systeme sinnvoll zu ergänzen. Nur so lässt sich ein nachhaltiger Beitrag zur Erhöhung der aktiven Verkehrssicherheit leisten, besonders zum Schutz schwächerer Verkehrsteilnehmender.

Kamerasysteme finden keinen Eingang in die Bewertung

  • Die direkte Sicht aus dem Fahrzeug ist eine dauerhaft verfügbare, systemunabhängige Sicherheitseigenschaft des Fahrzeugs. Sie funktioniert immer – unabhängig von Displaygröße, Kamerawinkel, Software, Verschmutzung der Kamera oder davon, ob ein System überhaupt aktiviert ist.

  • Kamerasysteme können die Sicht zwar situativ unterstützen, insbesondere beim Rangieren oder Einparken (Rückfahrkamera, 360°-View). Sie ersetzen jedoch nicht die direkte Wahrnehmung des Verkehrsgeschehens. Während der Fahrt würde eine Orientierung über Kamerabilder zusätzliche Blickabwendungen auf Displays erfordern.

  • Kamerasysteme sind in Bezug auf Anzahl der Kameras, Bildwinkel, Darstellung im Display, Aktivierungslogik etc. sehr unterschiedlich ausgeführt. Dadurch sind verschiedene Fahrzeugmodelle bezüglich ihrer Kamerasysteme kaum objektiv vergleichbar, während die physische Rundumsicht eine klar messbare und reproduzierbare Größe ist.

Fachliche Beratung: Matthias Zimmermann, ADAC Technikzentrum