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Experte dämpft Erwartungen: "Vollautonom fahren wir erst in 20 Jahren"

Portrait von Jan Becker im Interviewformat
Dr. Jan Becker ist Experte für autonomes Fahren ∙ Apex.AI

Dr. Jan Becker ist Experte für autonomes Fahren, lehrt zu diesem Thema an der Stanford University und entwickelt mit seiner Firma Apex.AI im Silicon Valley Software für selbstfahrende Autos. Wie weit sind wir beim autonomen Fahren? Darüber spricht er im Interview.

ADAC Redaktion: Was genau entwickeln Sie?

Dr. Jan Becker: Wir entwickeln ein Betriebssystem für Autos, also den digitalen Software-Unterbau. Hersteller können darauf ihre Sensoren oder ihre speziellen Funktionen wie autonomes Einparken oder autonomes Fahren abstimmen. Die Software erfüllt höchste Sicherheitsstandards.

Warum können das die Autohersteller nicht selbst?

Autonomes Fahren ist eine herausfordernde Aufgabe im Software-Bereich. Autohersteller denken und arbeiten jedoch anders, weil sie keine IT-Unternehmen sind. Seit 2007 habe ich bei der Entwicklung des Robot Operating System (ROS) mitgewirkt. Mit ROS laufen heute weltweit die meisten autonom fahrenden Autos, und unsere Software basiert darauf. Dadurch besitzen wir eine hohe Expertise, Erfahrung und einen zeitlichen Vorsprung.

Fahren dann künftig alle autonomen Autos mit der gleichen Technik?

Das Betriebssystem dient lediglich als Plattform, vergleichbar mit einem Betriebssystem auf Smartphones. Jeder Hersteller kann darauf seine eigenen Apps und Funktionen bauen, sodass sich Funktionen, Aussehen und Bedienung je nach Firma unterscheiden. Wir sorgen dafür, dass die Systeme sicher und robust laufen. Bei Autos ist das im Gegensatz zu Handys zwingend erforderlich. Wenn eine App auf dem Handy abstürzt, ist das ärgerlich, aber nicht tragisch. Im Auto hätte das verheerende Folgen und darf nicht passieren.

Wo stehen wir in der Entwicklung zum vollautonomen Fahren?

Immer mehr Fahrzeuge sind heute schon mit Assistenzsystemen nach Level 2 unterwegs, wie Stau-, Spurhalte- oder Überholassistent. Auf Autobahnen dürfen Autos in Deutschland seit Januar 2021 bis zu 60 km/h schnell nach Level 3 automatisiert fahren. In den USA wächst die Zahl der allein fahrenden Level-4-Fahrzeuge. Dort setzen Lieferdienste und Taxi-Unternehmen auf diese Art der Fortbewegung, wenn auch zunächst in Schönwetter-Staaten.

Das sind die fünf Stufen des automatisierten Fahrens

Warum ist das Wetter wichtig?

Nur bei mildem Wetter, also ohne Schnee, Hagel oder Nebel, bewegen sich Level-4-Fahrzeuge jetzt schon sicher. Flottenbetreibern in den USA, die ihre Autos nur in diesen Regionen fahren lassen, bieten Level-4-Fahrzeuge also heute schon Vorteile. Sie werden die Technik in Kürze häufiger einsetzen. Aktuell sehen wir sie bei der Google-Tochter Waymo, der GM-Tochter Cruise und dem Lieferdienst Nuro.

Und Privatkunden?

Privatkunden möchten ihr Auto universell nutzen, sie möchten überall hinfahren können und werden keine Beschränkungen auf spezielle Regionen oder Orte akzeptieren. Vor allem dann nicht, wenn sie einen höheren Preis im Vergleich zu einem konventionellen Auto bezahlt haben. Daher werden Level-4-Fahrzeuge vorerst nur für Flottenanwendungen interessant sein.

Wer haftet in Zukunft beim Unfall? Die Rechtslage

Aktuell ist alles klar geregelt: Wer als Autofahrer einen Fehler macht und einen Unfall verursacht, trägt die volle Verantwortung – die eigene Kfz-Versicherung kommt für den Schaden des Unfallgegners auf. Die Versicherung zahlt auch in Zukunft, wenn nicht mehr der Mensch, sondern die Maschine steuert: Beim automatisierten Fahren bleiben Sie als Fahrer in der Verantwortung, wenn Sie kurzfristig ins Geschehen eingreifen müssen, weil das System Sie dazu auffordert. Reagieren Sie nicht, und es passiert ein Unfall, interessiert das auch die Polizei, weil es um die Bestrafung des Verursachers geht.

Beim autonomen Fahren werden Sie Passagier, können nicht eingreifen und haften auch nicht mehr – bei einem Unfall zahlt Ihre Versicherung trotzdem. Sollte ein technischer Fehler vorliegen, nimmt sie dann den Hersteller in Regress.

Was ist bei autonomen Fahrzeugen besonders kompliziert?

Damit ein Roboterauto absolut sicher fährt, muss es die Umgebung sehr präzise erfassen und vorausberechnen, wie sie sich entwickelt. Der Mensch lernt über Jahre, solche Prognosen zu erstellen, kann also einschätzen, wie schnell sich ein entgegenkommendes Auto nähert. Ein autonomes Fahrzeug muss sich auf die Informationen verlassen, die seine Umfeld-Sensoren liefern und muss daraus die richtigen Schlüsse ziehen.

Eine nahezu hundertprozentige Zuverlässigkeit ist hier zwingend. Die Technik darf sich keine Ausfälle erlauben und muss jederzeit zuverlässig funktionieren. Das macht den Schritt von Level 3 auf Level 4 so anspruchsvoll. Bei Level 3 muss der Fahrer auf Anforderung das Steuer in vielen Situationen übernehmen, bei Level 4 übernimmt das Auto die Fahraufgaben komplett.

Warum dauert die Entwicklung so lange?

Damit ein Auto auch auf alle seltenen Sondersituationen angemessen reagieren kann, dauert es Jahre. Ein Beispiel: Ein Bauarbeiter steckt bei Wartungsarbeiten seinen behelmten Kopf aus einem Gully mitten auf der Fahrbahn. Auch hier muss das Auto richtig reagieren und sofort bremsen oder ausweichen. Menschen würden das instinktiv tun – und das erwarten wir auch von einem autonom fahrenden Fahrzeug. Es muss also vorbereitet sein und die richtigen Schlüsse ziehen können. Sicher wird es Ereignisse geben, auf die die Entwickler das Auto nicht direkt vorbereiten können. Dennoch muss die Technik in der Lage sein, größtmögliche Sicherheit für Fahrzeug, Passagiere und andere Verkehrsteilnehmer zu gewährleisten.

Welche Länder sind Ihrer Einschätzung nach führend in der Entwicklung?

Deutschland hatte Anfang der 1980er-Jahre bis in die 1990er-Jahre unter der Führung von Ernst Dickmanns, dem Pionier für die Echtzeit-Bildverarbeitung im Auto, sicherlich die führende Rolle. Vor allem mithilfe der US-Wettbewerbe für autonomes Fahren, der DARPA Grand Challenge 2005 und Urban Challenge 2007, haben amerikanische Unternehmen aber das größte Wissen aufgebaut. In den letzten Jahren hat sich dieses Wissen in den USA potenziert. Ein Meilenstein war der Einstieg von Google in die Technologie.

Welche Risiken sehen Sie beim autonomen Fahren?

In den USA sterben rund 100 Menschen täglich an den Folgen eines Verkehrsunfalls. Wenn autonome Systeme täglich 10, 20, 30 oder 90 Unfälle verhindern und Menschen retten können, wäre das ein großer Fortschritt. Selbst dann, wenn ein Restrisiko bleibt. Schließlich kann auch ein System versagen, einen Unfall nicht verhindern, und in der Folge werden Menschen verletzt. Jeder Einzelfall wäre natürlich tragisch. Aber man sollte nicht vergessen, dass die Technologie in der Lage ist, viele Menschenleben zu retten. Es gibt zwar noch keine perfekte Technik, aber eine, die deutlich besser agiert als der Mensch.

Wie wichtig ist die Car-to-x-Kommunikation bei autonomen Fahrzeugen?

Mit car-to-car und car-to-x, also dem gegenseitigen Informationsaustausch von Autos oder Dingen untereinander, wird das Autofahren ökonomischer und sicherer. So kann ein liegen gebliebenes Auto hinter einer Kurve die nachfolgenden Fahrzeuge warnen und auf sich als Hindernis aufmerksam machen. Ein autonomes Fahrzeug muss sich die relevanten Fahrinformationen jedoch selbst besorgen und darf sich nicht auf externe Informationen verlassen, denn sie könnten fehlerhaft sein.

Wann lassen wir uns von unseren Autos fahren?

Erste Level-3-Autos kommen gerade auf den Markt. Aber auf die vollautonomen Fahrzeuge nach Level 5, bei denen kein Lenkrad mehr verbaut sein muss, werden wir noch lange warten, vielleicht 20 Jahre. Dass uns das Auto auf bestimmten Strecken die Arbeit abnimmt, werden wir allerdings schon in wenigen Jahren erleben. Voraussichtlich muss bei ihnen der Fahrer nur noch in Notsituationen wie bei sehr schlechtem Wetter ins Lenkrad greifen. Unter normalen Bedingungen wird er sich zurücklehnen und die Fahrt stressfrei genießen.

Interview: Fabian Hoberg

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