Nio ES 6: Testfahrt im chinesischen Elektro-SUV

8.7.2019

Mit dem Nio ES 6 bringt der chinesische Autobauer sein zweites elektrisches Serienmodell an den Start. Erster Fahrbericht des Elektro-SUV, technische Daten, Fotos, Infos zu Batterie und Reichweite.

Nio ES 6 fahrend von vorne
Der Nio ES 6 soll Audi etron quattro und Mercedes EQC Konkurrenz machen 
  • Der Nio ES 6 ist ein Elektro-SUV mit 4,95 m Länge und 510 km Reichweite
  • Zunächst nur in China erhältlich 
  • Konkurrenten: Audi e-tron quattro und Mercedes EQC

 

Nio, das vor fünf Jahren als chinesische Alternative zu Tesla gegründete Start-up, das bisher immerhin rund 16.000 Fahrzeuge des Typs ES 8 auf den Markt gebracht hat, kommt jetzt mit einem zweiten Großserienmodell, dem ES 6. Damit rüstet sich Nio nicht zuletzt für das Ringen mit den ähnlich positionierten elektrischen Erstlingen von Audi und Mercedes, die gerade auf dem Weg nach China sind.

Reichweite: 430 bis 510 km

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Nio ES 6 fahrend von hinten
Das Heck des Nio ES 6 ist SUV-typsich und gleicht vielen Modellen

Im Design nahe an seinem großen Bruder, aber rund 20 Zentimeter kürzer als der 5,02 Meter lange Nio ES 8 und ungerechnet wohl nicht einmal 48.000 Euro teuer, liegt er in der Papierform tatsächlich auf Augenhöhe mit Audi e-tron quattro und Mercedes EQC. Das gilt bei 4,85 Metern Länge und 2,90 Metern Radstand für das Platzangebot wie für die Performance.

Nio installierte zwei E-Motoren mit zusammen bis zu 400 kW und 725 Nm, mit denen der 2,3-Tonner binnen 4,7 Sekunden auf Tempo 100 schnellt und freien Auslauf bis 200 km/h bekommt. Und nachdem bei den Akkus gegenüber dem ES 8 noch einmal nachgelegt wurde, stecken im Wagenboden jetzt bis zu 84 kWh, die im Normzyklus für 510 Kilometer reichen sollen.

Wer sich die knapp 7000 Euro Aufschlag für die große Batterie spart, muss mit 70 kWh und 430 Kilometern zurechtkommen, was aber kein großes Problem ist. Denn die Chinesen bietet für das Tanken der zwei extrem aufwendige, aber pfiffige Alternativen zur konventionellen Ladesäule an.

Wer keine Steckdose findet, der kann einfach den Charging-Van bestellen, der mit seinem Aufbau voller Akkus jeden noch so abgelegenen Parkplatz zur E-Tankstelle macht. Und wem die Geduld dafür fehlt, der steuert eine der zwei Dutzend Nio-Stationen entlang der wichtigsten Autobahnen Chinas an, wo die Akkus nicht geladen, sondern binnen drei Minuten automatisch gewechselt werden.

Modernes Infotainment, gute Verarbeitung

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Das Cockpit vom Nio ES 6
Bequeme Sitze, großes mittig sitzendes Display à la Tesla

Während die Fahrleistungen auf dem Niveau der europäischen Konkurrenz liegen und sich der ES 6 mit seiner serienmäßigen Luftfederung und soliden Brembo-Bremsen trotz des üppigen Gewichts ziemlich handlich bewegen lässt und auch in engen Kurven tapfer schlägt, ist der Innenraum typisch chinesisch.

Das gilt vor allem für das Sitzkonzept mit einem Wohlfühlsessel für Beifahrer vorne rechts, zu dem neben einer elektrischen Beinauflage und einer Fußraste unter dem Handschuhfach sogar eine riesige Ablage zählen.

Bei der Verarbeitung und Materialauswahl liegt Nio nicht weit von den europäischen Standards entfernt. Und erst recht nicht bei der Ausstattung mit LED-Scheinwerfern, Abstandsregelung, Head-up-Display und Massagesesseln.

Witzig ist das Infotainment. Bei Nio hat man einen elektronischen Freund namens Nomi, der nicht nur spricht, zuhört und einem alle Wünsche aufs Wort erfüllt, sondern auch Blickkontakt sucht, sein kleines Köpfchen dreht und sogar Gefühle zeigt.

Schade nur, dass Nomi derzeit nur Chinesisch spricht. Aber das soll sich bald ändern. Denn spätestens in fünf Jahren, sagt Mitbegründer Lihong Qin, will Nio auch im Ausland antreten. Seinen Entwicklern rät Qin jedenfalls, Nomi lieber heute als morgen in die Sprachschule zu schicken.

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"In fünf Jahren sind wir auch in Europa"

Nio Ceo Lihong Quin

Vier Fragen an Lihong Qin, Mitbegründer und Präsident des chinesischen Autoherstellers Nio.

Motorwelt: Herr Qin, Sie haben mit ES 6 und ES 8 zwei konkurrenzfähige Autos, was hindert Sie am Export?
Qin: Der Weg nach Westen kostet uns eine ganze Stange Geld, zum Beispiel für ein Vertriebs- und Service-Netzwerk. Dieses Geld müssen wir jetzt erst einmal in China verdienen.

Müsste denn an den Autos etwas geändert werden?
Obwohl wir uns erst einmal auf China konzentrieren, hatten wir bei der Entwicklung alle Märkte im Blick. Im Grunde erfüllen ES 6 und ES 8 deshalb alle Zulassungskriterien und müssten nur im Detail angepasst werden. Das meiste davon ließe sich mit Software lösen.

Gibt es einen groben Zeitplan?
Wir haben noch keine konkrete Planung, aber spätestens in fünf Jahren wird es Nio auch im Ausland geben.

Und an welche Länder denken Sie da? 
Natürlich haben wir alle großen Elektroauto-Märkte auf dem Schirm: Die USA, Japan, Korea und Europa. Aber angesichts der politischen Stimmung zwischen Amerika und China werden wir wohl in europäischen Regionen beginnen.

Technische Daten
(soweit bekannt)
Nio ES 6
Motor Zwei Elektromotoren mit zusammen 544 PS / 400 kW und 725 Nm
Fahrleistungen
4,7 s auf 100 km/h, 200 km/h Spitze
Batterie, Reichweite Lithium-Ionen-Akku mit 70 bzw. 84 kWh, 430 bzw. 510 km
Maße  L 4,85 m / B k.A. / H k.A.
Kofferraum  k.A.
Leergewicht 2300 kg
Preis ca. 48.000 bzw. 55.000 €

  • Das hat uns gefallen: Große Akkus mit guter Reichweite. Gute Fahrleistungen. Gute Verarbeitung. Innovatives Ladekonzept.
  • Das hat uns nicht gefallen: Hohes Gewicht. Interieur (noch) nicht europatauglich.

Text: Thomas Geiger. Fotos: Nio.

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