Rollendes Risiko: Kleintransporter ohne Assistenzsysteme

Ein automatischer Notbremsassistent hätte den Unfall wohl verhindert
Ein automatischer Notbremsassistent hätte den Unfall wohl verhindert© ADAC/Uwe Rattay

Der Skandal fährt weiter: Auch nach den alarmierenden Euro NCAP-Testergebnissen 2020 bieten die Fahrzeughersteller ihre Lieferwagen der "Sprinter-Klasse" in Deutschland serienmäßig immer noch ohne lebensrettende Assistenzsysteme an.

  • ADAC Auswertung: Kleintransporter mit Serienausstattung

  • Gefährlich: Kein einziges Modell mit Notbremsassistent!

  • Plus: Die Euro NCAP-Liste mit Vollausstattung

Der Onlinehandel boomt – und mit ihm der innerstädtische Lieferverkehr. Frisch angeheuerte Fahrer hetzen mit ihren bis zu 3,5 Tonnen schweren Kleintransportern von Kunde zu Kunde, checken unter Zeitdruck während der Fahrt Lieferadressen, planen Routen für mögliche Retouren. Kein Wunder, wenn da schon mal die nötige Aufmerksamkeit für den Verkehr verloren geht.

Wäre es da nicht hilfreich, wenn sie und alle anderen Fahrer von Kleintransportern Assistenzsysteme hätten, die Unfälle verhindern oder zumindest deren Folgen verringern könnten? Ein Notbremssystem zum Beispiel, das vor plötzlich auftauchenden Stauenden automatisch bremst. Oder einen Spurhalteassistent, der zurücklenkt, bevor das Fahrzeug von der Straße abkommt.

Alarmierende Unfallzahlen mit Kleintransportern

Ab in den Randstreifen? Ein Spurhalteassistent könnte warnen! © ADAC/Uwe Rattay

Die Zahlen des Statistischen Bundesamts untermauern den dringenden Handlungsbedarf. So waren Kleintransporter bis 3,5 Tonnen im Jahr 2019 bei 14.128 Unfällen mit Personenschaden beteiligt. In 66 Prozent der Fälle waren sie der Unfallhauptverursacher, verursachten also 9.288 Unfälle mit Personenschaden, in denen 126 Menschen ums Leben kamen.
Doch über ein Drittel der von Kleintransportern verursachten Auffahrunfälle sowie Unfälle mit Fußgängern und Radfahrern könnte durch gängige Sicherheitsassistenzsysteme wie Notbrems- oder Spurhalteassistent vermieden oder zumindest in der Schwere abgemildert werden.

Weil die Unfallfolgen mit Kleintransportern statistisch gravierender ausfallen als bei Pkw, sind viele dieser Assistenzsysteme ab Juli 2022 für neue Typgenehmigungen auch gesetzlich vorgeschrieben. So müssen neben Pkw auch Nutzfahrzeuge und Busse bis 3,5 Tonnen ab Juli 2022 – Neufahrzeuge ab Juli 2024 – mit einem autonomen Notbremssystem ausgestattet sein, für Systeme mit Fußgänger- und Radfahrererkennung dauert es sogar noch zwei Jahre länger.

Doch diese Systeme sind bereits vorhanden: Fahrzeughersteller bauen sie in Pkw schon seit vielen Jahren ohne Aufpreis bis in die Kleinstwagenklasse ein. Nur: Für die Kleintransporter-Modelle bietet kein einziger Hersteller im Test die lebensrettende Technik serienmäßig an! Der ADAC hat deshalb – analog zum neuen Euro NCAP-Rating in Vollausstattung – die folgenden Assistenzsysteme der Modelle in der mageren deutschen Serienausstattung untersucht und bewertet:

  • Notbremsassistent mit Erkennung für Autos, Fußgänger, Radfahrer

  • Spurverlassenswarner/Spurhalteassistent/Toter Winkel

  • Geschwindigkeitsassistent (Info/Limiter)

  • Insassenüberwachung (Gurtwarner, Aufmerksamkeitsassistent)

ADAC Bilanz: 18-mal nicht empfehlenswert!

Das Ergebnis ist erschreckend: Bei einem Euro NCAP-Test mit der deutschen Serienausstattung hätte nur der Mercedes Vito knapp die Bronze-Wertung erreicht. Kein einziger Transporter hätte überhaupt ein Label bekommen.

Euro NCAP-Test 2022 mit Vollausstattung

Während beim Euro NCAP-Test die Pkw-Modelle immer in der Basisausstattung beurteilt werden, steht bei den Transportern zur besseren europäischen Vergleichbarkeit das Modell in Vollausstattung, also mit allen aufpreispflichtigen Sicherheitssystemen auf dem Prüfstand. Mit den getesteten 19 Modellen sind fast alle in Europa verkauften Transporter abgedeckt. Und dann sieht das Ergebnis schon erheblich besser aus. Hier das Euro NCAP-Ergebnis 2022:

Das neue Euro NCAP-Label

So sehen die neuen Euro NCAP-Labels aus © Euro NCAP

Nach dem Test erhalten die Modelle ein Label, das sich an Verbraucher, Handwerker, Flottenbetreiber, aber auch an die Politik richtet. Es soll helfen, den zunehmenden Lieferverkehr in Städten sicherer zu machen. Das neu entwickelte Label von Bronze bis Platin kann auf den Transporter geklebt werden und zeigt, wie gut die Assistenzsysteme im Wagen arbeiten. Ein Problem: Das Label gilt für das vollausgestattete Modell – aufkleben können es auch die mager ausgestatteten Basisversionen!

Euro NCAP-Ergebnisse: Nicht für den deutschen Markt

Im Euro NCAP-Test: Notbremsassistent für Fußgänger © ADAC/Uwe Rattay

Euro NCAP hat bewertet, wie sicher die Fahrzeuge unter Ausschöpfung aller für das Modell verfügbaren Assistenzsysteme sind – und so erhält allein der Fiat Ducato das Platin-Label. Doch ist er unter den Kleintransportern das sicherste Fahrzeug? Zumindest in Deutschland nicht: Alle Assistenzsysteme sind nur optional gegen Aufpreis an Bord. In der Standard-Serienausstattung sind lediglich Gurtwarner verbaut, mehr nicht.

Euro NCAP hat jeweils die Bestausstattung getestet, die in irgendeinem europäischen Land zumindest gegen Aufpreis erhältlich war. Das Problem: Auch wenn das Auto vom gleichen Band läuft, bestimmen die Länderorganisationen der Hersteller, welche Optionen sie ihren Kunden anbieten.

Auf der Euro NCAP-Homepage* findet man neben den ausführlichen Datenblättern der Modelle dafür auch eine interaktive Karte, mit der man die spezifischen Länderangebote abrufen kann. Wer hier Deutschland anklickt, kann es kaum glauben: Im gesamteuropäischen Vergleich wirken die angebotenen Serienkonfigurationen ärmlich.

Und die ADAC Experten sind sich sicher: In der Realität wird aus finanziellen Gründen in der Regel nur die Basisausführung geordert. Und Privatkunden entscheiden sich lieber für Sonderausstattungen wie Ledersitze oder Alufelgen als ihr Erspartes für Assistenzsysteme auszugeben.

Passive Sicherheit zeigt starke Lücken

Erhöhtes Risiko für alle: Transporter trifft auf Pkw © ADAC/Uwe Rattay

Denn dass die Bestausstattung an Assistenzsystemen prinzipiell keine schlechte Idee ist, beweist ein Offset-Crash, den der ADAC für Euro NCAP zum Testauftakt 2020 durchführte. Er sollte die grundsätzlich vorhandene passive Sicherheit dokumentieren, wenn ein moderner Pkw (Nissan Juke) mit einem halbbeladenen Transporter (Nissan NV400) mit jeweils 50 km/h zusammenstößt. Das Problem: Transporter sind größer und schwerer und haben in der Regel ihre steifen Strukturen in einer größeren Höhe als Pkw. Bei einem Unfall sind die Insassen des kleineren Fahrzeugs durch das geometrische Missverhältnis, die steifen Strukturen und die höhere Masse der Transporter benachteiligt.

Das war auch das Ergebnis des ADAC Crashtests: Fahrer und Beifahrer des Pkw zeigten im Vergleich zu einem "normalen" Pkw-Crash ein deutlich erhöhtes Risiko für Brust, Becken, Oberschenkel, Knie und die unteren Extremitäten.

Doch auch wenn das größere Auto den Unfall klar dominiert: Fahrer und Beifahrer des mit einem halbbeladenen Gewicht von 2,8 Tonnen fast doppelt so schweren Transporters weisen ebenfalls ein hohes Verletzungsrisiko für Brust, Becken, Oberschenkel und Knie auf.

Ein grundsätzliches Risiko: Transporter sind mit passiven Sicherheitssystemen wie Airbags oder Gurtstraffern in der Regel nur spartanisch ausgerüstet. Denn Fuhrparkleiter, die ein knappes Budget verwalten müssen, sparen sich bei der Bestellung schon mal den Haken in der Ausstattungsliste.

Das Fazit des Crashtests: Durch die hohe Masse der Transporter ist deren Gefahrenpotential höher, weshalb Assistenzsysteme hier nicht nur für die Fahrer selbst, sondern auch den Unfallgegner unverzichtbar sind. Eine serienmäßige Ausstattung ist deshalb noch wichtiger als im Pkw!

Fazit: Ohne gesetzliche Regelungen geht es nicht

Die Sicherheit der Insassen von Transportern hat in den letzten zehn Jahren kaum von den Fortschritten in der Fahrzeugsicherheit profitiert: Die Ausstattung mit fortschrittlichen Rückhaltesystemen ist in der Regel schlecht. So bieten von den 19 untersuchten beliebten Transporter-Modellen nur sechs serienmäßig zwei Frontairbags an, keines hat serienmäßige Seitenairbags. Eine echte Sicherheitslücke! Das ist vor allem deshalb unverständlich, weil solche Ausstattungen in den Pkw-Varianten der Modelle Serie sind.

Immerhin: Ab Juli 2022 werden für neue Fahrzeugtypen (M1 und N1) in der EU die meisten der Systeme verpflichtend eingeführt. Bereits im Markt befindliche Modellreihen sind erst 2024 dran. Bis dahin muss man sich noch durch den Konfigurator mühen und den Aufpreis verkraften. Doch liebe Fuhrparkleiter: Assistenzsysteme lohnen sich auch wirtschaftlich, wenn Unfälle dadurch vermieden werden. Und auch wenn das Budget zu knapp ist: Der Notbremsassistent sollte auf jeden Fall rein!

Transporterkauf: ADAC Tipps für die Kunden

  • "Kein Unfall" ist der beste Schutz für Insassen und Unfallbeteiligte: Schützen Sie sich und andere Verkehrsteilnehmer aktiv durch moderne Sicherheitsassistenzsysteme.

  • Neben der Verringerung der Gefahr von Verletzungen und damit Beeinträchtigungen durch Personenausfälle entfällt auch viel Ärger mit der Abwicklung des Sachschadens, wenn ein Unfall verhindert werden konnte.

  • Sicherheitsassistenzsysteme können auch dann eingreifen und unterstützen, wenn die Verkehrs- oder Fahrsituation schwierig oder unübersichtlich ist.

  • Im Berufsumfeld werden zahlreiche Sicherheitsvorkehrungen getroffen, um Personenschäden auszuschließen. Sicherheitsassistenzsysteme im Fahrzeug sollten fester Bestandteil davon sein.

  • Ein Notbremsassistent für Fußgänger- und Radfahrererkennung sollte mindestens an Bord sein.

  • Der wirtschaftliche Nutzen von Sicherheitsassistenten ist durch Studien belegt. Ein Aufpreis lohnt sich daher auch finanziell.

  • Auch ESP ist ein wertvoller Sicherheitsassistent. Achten Sie beim Kauf von Gebrauchtfahrzeugen, ob er an Bord ist.

ADAC Empfehlungen an Hersteller und Gesetzgeber

  • Modernste Sicherheitsassistenten sollten in vollem Umfang serienmäßig eingesetzt werden.

  • Die Verhinderung von Unfallopfern darf nicht eine Frage der Kosten und Marge sein.

  • Sicherheitsassistenzsysteme (in gewerblichen Fahrzeugen) müssen fester Bestandteil des Unfallschutzes für Mitarbeiter und Gewerbetreibende sein.

  • Durch Förderprogramme für die Beschaffung optionaler aktiver Sicherheitssysteme im Fahrzeug kann die Zahl der Unfallopfer im Straßenverkehr durch Kleintransporter schon vor der Verpflichtung durch die General Safety Regulation nennenswert verringert werden. Bestes Beispiel ist der Abbiegeassistent für Lkw. Denn: Jedes Menschenleben zählt!

Fachliche Beratung: Burkhard Böttcher, Andreas Rigling/ADAC Technik Zentrum

* Durch Anklicken der Links werden Sie auf externe Internetseite weitergeleitet, deren Inhalte der jeweilige Seitenbetreiber verantwortlich ist.

Das ADAC Video zum Euro NCAP-Test

Durch Anklicken des Vorschaubildes mit dem Play-Button werden Sie auf die Internetseite von YouTube weitergeleitet. Für deren Inhalte und Datenverarbeitung ist der jeweilige Seitenbetreiber verantwortlich. ∙ Bild: © ADAC/Uwe Rattay