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Der ADAC

Euro NCAP-Test: Wie sicher sind Transporter?

Dieses Video wird über YouTube abgespielt. Es gelten die Datenschutzbestimmungen von Google. Bild: © ADAC/Uwe Rattay

Euro NCAP hat europaweit die Sicherheit von 19 leichten Transportern getestet. Das Ergebnis: Mit erheblichen Defiziten bei der Sicherheitsausstattung werden viele Lieferwagen der "Sprinter-Klasse" zum rollenden Risiko.

  • Noch am besten: Transporter von VW, Ford und Mercedes

  • Schlusslichter: Nissan, Renault, Opel, Fiat

  • Im europäischen Vergleich: Mangelnde Sicherheit in Deutschland

Seit mehr als zwei Jahrzehnten testet die Crashtest-Organisation Euro NCAP erfolgreich die aktive und passive Sicherheit von Personenkraftwagen. Jetzt steigt Euro NCAP in die Welt der Sicherheit von Transportern ein, die gerne für kommerzielle Zwecke eingesetzt werden, da sie eine hohe Flexibilität bei der Ladung bieten und ohne strenge Gesetzesregelung wie Fahrtzeitüberwachung betrieben werden können.

Der Boom des Onlinehandels hat zu einem Anstieg der Nachfrage nach Lieferdiensten geführt, die Zahl der Transporter steigt. Und deren Fahrer haben es nicht leicht: Lange Fahrtstrecken, Termindruck, den ganzen Tag allein im Auto, Übermüdung: Mit mehr Lieferwagen auf den Straßen der Städte steigt das Risiko von Unfällen mit Transportern automatisch.

19 Transporter im Sicherheits-Test

Bronze Silber Gold Labels 2021 von Euro NCAP
So sehen die neuen Euro NCAP-Labels aus ∙ © Euro NCAP

Ein Großteil davon ist auf Unaufmerksamkeit bei Front- und Heckaufprallen zurückzuführen. Wirksame Assistenzsysteme könnten also viele Transporter-Unfälle verhindern. Doch sind solche Sicherheitssysteme überhaupt an Bord? Oder können sie zumindest bestellt werden? Euro NCAP hat dafür 19 der beliebtesten Transporter Europas mit bis zu 3,5 Tonnen zulässigem Gesamtgewicht unter die Lupe genommen und bewertet – zur besseren Vergleichbarkeit in der möglichen Bestausstattung.

Passive Sicherheit zeigt starke Lücken

Ein Transporter wird gegen einen PKW gecrashed
Erhöhtes Risiko für alle: Transporter trifft auf Pkw ∙ © ADAC/Uwe Rattay

Dass die Bestausstattung an Assistenzsystemen prinzipiell keine schlechte Idee ist, beweist ein Offset-Crash, den der ADAC für Euro NCAP zum Testauftakt durchführte. Er sollte die grundsätzlich vorhandene passive Sicherheit dokumentieren, wenn ein moderner Pkw (Nissan Juke) mit einem halbbeladenen Transporter (Nissan NV400) mit jeweils 50 km/h zusammenstößt. Das Problem: Transporter sind größer und schwerer und haben in der Regel ihre steifen Strukturen in einer größeren Höhe als Pkw. Bei einem Unfall sind die Insassen des kleineren Fahrzeugs durch das geometrische Missverhältnis, die steifen Strukturen und die höhere Masse der Transporter benachteiligt.

Das war auch das Ergebnis des ADAC Crashtests: Fahrer und Beifahrer des Pkw zeigten im Vergleich zu einem "normalen" Pkw-Crash ein deutlich erhöhtes Risiko für Brust, Becken, Oberschenkel, Knie und die unteren Extremitäten.

Doch auch wenn das größere Auto den Unfall klar dominiert: Fahrer und Beifahrer des mit einem halbbeladenen Gewicht von 2,8 Tonnen fast doppelt so schweren Transporters weisen ebenfalls ein hohes Verletzungsrisiko für Brust, Becken, Oberschenkel und Knie auf.

Ein grundsätzliches Risiko: Transporter sind mit passiven Sicherheitssystemen wie Airbags oder Gurtstraffern in der Regel nur spartanisch ausgerüstet. Denn Fuhrparkleiter, die ein knappes Budget verwalten müssen, sparen sich bei der Bestellung schon mal den Haken in der Ausstattungsliste.

Das Fazit des Crashtests: Durch die hohe Masse der Transporter ist deren Gefahrenpotential höher, weshalb Assistenzsysteme hier nicht nur für die Fahrer selbst, sondern auch den Unfallgegner unverzichtbar sind. Eine serienmäßige Ausstattung ist deshalb noch wichtiger als im Pkw!

Euro NCAP fordert mehr Assistenzsysteme

Ein Transporter fährt auf einen Fußgängerdummy zu
Im Euro NCAP Test: Notbremsassistent für Fußgänger ∙ © ADAC/Uwe Rattay

Während Euro NCAP bisher nur fortlaufend Pkw (Klasse M1) testete, untersucht die neu etablierte Euro NCAP Testkampagne leichte Transporter (N1) – vom VW Bus bis zum Mercedes Sprinter, dem umgangssprachlichen Namensgeber der Fahrzeugklasse. Mit den getesteten 19 Modellen sind fast 98 Prozent der 2019 in Europa verkauften Transporter abgedeckt.

Die Unterschiede zu den Pkw-Tests sind die höhere Beladung (halbe Zuladung), das ältere Testprotokoll (ohne die Euro NCAP-Änderungen von 2020) und vor allem: Während die M1-Modelle immer in der Basisausstattung beurteilt werden, steht hier das Modell in Vollausstattung, also mit allen aufpreispflichtigen Sicherheitssystemen auf dem Prüfstand.

Nach dem beispielhaften Crashversuch wurden bei jedem Modell folgende Assistenzsysteme untersucht und bewertet:

  • Notbremsassistent mit Erkennung für Autos

  • Notbremsassistent mit Erkennung für Fußgänger

  • Notbremsassistent mit Erkennung für Radfahrer

  • Spurhalteassistent

  • Geschwindigkeitsassistent

  • Insassenüberwachung (Gurtwarner, Aufmerksamkeitsassistent)

Nach dem Test erhalten die Modelle ein Label, das sich an Verbraucher, Handwerker, Flottenbetreiber, aber auch an die Politik richtet. Es soll helfen, den zunehmenden Lieferverkehr in Städten sicherer zu machen. Das neu entwickelte Label von Bronze bis Platin kann auf den Transporter geklebt werden und zeigt, wie gut die Assistenzsysteme im Wagen arbeiten. Ein Problem: Das Label gilt für das vollausgestattete Modell – aufkleben können es auch die mager ausgestatteten Basisversionen!

Trotz Vollausstattung: Fünf Modelle fallen glatt durch

Das Ergebnis: Keiner bekommt Platin, zumindest dreimal gibt es Gold, fünfmal Silber und sechsmal Bronze. Aber fünf Modelle können auch in Vollausstattung europaweit nicht empfohlen werden.

Notbremsassistenten mit Radfahrererkennung sind Mangelware: Die gibt es nur in fünf Modellen. Obwohl Spurhalteassistenten für einige Modelle verfügbar sind, schneiden sie im Test schlecht ab: Sie erfüllen die Testkriterien nicht und fahren zu weit über die Spurmarkierungen. Den Gurtwarner für Beifahrer haben nur Daimler und der VW Crafter. In Kombination mit häufig fehlenden Beifahrerairbags: beunruhigend.

Weitere Detailauswertungen zu den einzelnen Transportern und Videos finden Sie auf der Euro NCAP-Homepage.*

In Deutschland schwache Sicherheitsausstattung

Ein Transporter fährt auf einen Fahrradfahrerdummy zu
Bremsassistent für Radfahrer: In Deutschland keine Serienausstattung ∙ © ADAC/Uwe Rattay

Euro NCAP hat jeweils die Bestausstattung getestet, die in irgendeinem europäischen Land zumindest gegen Aufpreis erhältlich war. Das Problem: Auch wenn das Auto vom gleichen Band läuft, bestimmen die Länderorganisationen der Hersteller, welche Optionen sie ihren Kunden anbieten. Auf der Euro NCAP-Homepage findet man neben den ausführlichen Datenblättern der Modelle dafür auch eine interaktive Karte, mit der man die spezifischen Länderangebote abrufen kann.

Wer hier Deutschland anklickt, kann es kaum glauben: Im gesamteuropäischen Vergleich wirken die angebotenen Serienkonfigurationen ärmlich! Oder anders ausgedrückt: Bei einem Euro NCAP-Test mit der deutschen Serienausstattung hätte kein einziger Transporter ein Label bekommen. Ausrufezeichen!

Weil aber auch die ADAC Ingenieure an die Einsicht einiger Autokäufer oder das große Herz der Fuhrparkleiter glauben, haben sie eine zugegeben optimistische Tabelle nach der Verfügbarkeit am deutschen Markt erstellt: Bei serienmäßig verbautem System wird das Testergebnis zu 100 Prozent angerechnet, für nur optional angebotene und hoffentlich bestellte Systeme zu 50 Prozent. Nach dieser Logik bleibt immerhin achtmal Bronze und einmal Silber übrig, aber zehn Modelle fallen immer noch durch.

Fazit: Ohne gesetzliche Regelungen geht es nicht

Die Sicherheit der Insassen von Transportern hat in den letzten zehn Jahren kaum von den Fortschritten in der Fahrzeugsicherheit profitiert: Die Ausstattung mit fortschrittlichen Rückhaltesystemen ist in der Regel schlecht. So bieten von den 19 untersuchten beliebten Transporter-Modellen nur sechs serienmäßig zwei Frontairbags an, keines hat serienmäßige Seitenairbags. Eine echte Sicherheitslücke! Das ist vor allem deshalb unverständlich, weil solche Ausstattungen in den Pkw-Varianten der Modelle Serie sind.

Immerhin: Ab 2022 werden für neue Fahrzeugtypen (M1 und N1) in der EU die meisten der Systeme verpflichtend eingeführt. Bis dahin muss man sich noch durch den Konfigurator mühen und den Aufpreis verkraften. Doch liebe Fuhrparkleiter: Assistenzsysteme lohnen sich auch wirtschaftlich, wenn Unfälle dadurch vermieden werden. Und auch wenn das Budget zu knapp ist: Der Notbremsassistent sollte auf jeden Fall rein!

Fachliche Beratung: Andreas Rigling, ADAC Technik Zentrum

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Thomas Kroher
Redakteur
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