Warum Reparaturkosten am Auto immer höher werden

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Von Jochen Krauß

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Mechaniker wechseln die Windschutzscheibe eines Autos aus
Komplex: Ein Austausch der Windschutzscheibe erfordert meist die Neukalibrierung der Kamerasysteme© iStock.com/Valerii Apetroaiei

Warum steigen die Kosten für Kfz-Reparaturen stetig an? Eine ADAC Untersuchung von gängigen Schadensszenarien zeigt: Vor allem die komplizierte Technik moderner Fahrzeuge sorgt für hohe Rechnungen.

  • Oft Tausch gesamter Bauteilgruppen nötig

  • Komplexe Sensorik als Kostentreiber

  • ADAC fordert reparaturfreundliche Modelle

Autofahrende stehen im Falle eines Unfallschadens vor einer neuen Realität: Bagatellen wie ein Parkrempler, die früher überschaubare Kosten verursacht haben, ziehen dieser Tage schnell Werkstattrechnungen im vierstelligen Bereich nach sich.

Modulbauweise verteuert Reparaturen

Ein Mechaniker poliert die Stoßstange eines Autos
Beim angenommenen Frontschaden lagen die Kosten meist zwischen 4000 und 5000 Euro© Quality Stock Arts / Shutterstock www.shutterstock.com/th/g/kornfoto

Verantwortlich dafür sind nicht nur Inflation und gestiegene Löhne, sondern vor allem die komplexe Fahrzeugtechnik moderner Autos. Hochsensible Sensoren, Kameras und modulare Bauteile erhöhen die Reparaturkosten – selbst bei vermeintlich kleinen Schäden. So lassen sich beispielsweise defekte Leuchtmittel im Scheinwerfer kaum noch einzeln tauschen.

Stattdessen müssen meist die kompletten LED‑, Matrix‑ oder (wie z.B. bei manchen BMW-Modellen) Laser-Scheinwerfer ersetzt werden, was schon bei den Ersatzteilkosten mit mehreren Tausend Euro zu Buche schlagen kann. Hinzu kommt, dass zahlreiche Sensoren für Assistenzsysteme wie Spurhalteassistenten oder Totwinkelwarner präzise neu kalibriert werden müssen, sobald sie ausgebaut oder beschädigt werden.

Reparaturkosten im Vergleich

Wie teuer Reparaturen mittlerweile geworden sind, hat der ADAC untersucht. Um die Reparaturkosten verschiedener Modelle transparent vergleichen zu können, hat ein unabhängiger Sachverständiger im Auftrag des Clubs gängige Fahrzeugmodelle anhand von drei identischen Schadensszenarien bewertet.

Dazu wurden standardisierte Kostenvoranschläge auf Basis dreier fiktiver, aber realitätsnaher Unfallschäden erstellt:

  • Tausch der Windschutzscheibe

  • Tausch des Scheinwerfers vorne links sowie des Stoßfängers aufgrund eines leichten Unfalls

  • Tausch des hinteren Stoßfängers wegen eines Parkremplers hinten links

Diese Schäden kommen im Alltag regelmäßig vor, betreffen viele Fahrzeugbesitzer und machen im Vergleich besonders deutlich, wie sehr moderne Technik Reparaturkosten in die Höhe treiben kann.

Tabelle: Reparaturkosten im Vergleich

Folgende Posten wurden in die Berechnung der Kostenvoranschläge mit einbezogen: Preise für Ersatzteile inkl. 2 Prozent für Kleinteile, Nebenkosten, Arbeitslohn, Lackierarbeiten und 19 Prozent Mehrwertsteuer.

Frontscheibe: Kalibrierung der Kameras treibt Kosten

Mechaniker wechseln die Windschutzscheibe eines Autos aus
Beim Tausch der Frontscheibe müssen die Kamerasysteme moderner Autos neu kalibriert werden© Alexander Novikov

Assistenzsysteme – insbesondere Kameras für Spurhalteassistenten oder Fernlichtautomatik – sitzen bei modernen Fahrzeugen oft unmittelbar hinter der Frontscheibe. Ein Austausch der Scheibe erfordert deshalb nicht nur den Ausbau der Kameras, sondern auch eine exakte Kalibrierung. Beispiel: Beim VW Golf und beim Audi A3 fallen allein für die Neukalibrierung der Kameras rund 825 Euro netto an.

Hersteller wie Nissan sind dabei etwas günstiger, aber ebenfalls deutlich teurer als früher. Besonders überraschend fällt der Kostenvergleich zwischen Toyota Corolla und Suzuki Swace aus. Obwohl beide Modelle baugleich sind und im selben Werk produziert werden, unterscheiden sich die Ersatzteilpreise deutlich. Die Windschutzscheibe ist bei Suzuki deutlich teurer – ohne ersichtlichen Grund.

Der chinesische Hersteller MG zeigt, dass es auch günstiger geht. Beim MG4 liegt der Gesamtpreis für den Austausch der Windschutzscheibe unter 1000 Euro, inklusive Kameraprogrammierung.

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Heckschaden: Sensoren verteuern kleine Unfälle

Ein Mechaniker lackiert das Heck eines Autos neu
Lackierung kostet extra: Bei unserem fiktiven Parkrempler war der hintere Stoßfänger fällig© Copyright 2023 JU.STOCKER/Shutterstock. No use without permission.

Beim fiktiven Heckschaden zeigt sich erneut der Einfluss der Sensorik. Radarsensoren für Totwinkelassistenten sitzen oft hinter dem Stoßfänger. Einige Hersteller schreiben vor, diese Sensoren zu ersetzen, sobald sie berührt oder minimal beschädigt werden. Nur ein Beispiel: Der Hyundai Tucson verursacht rund 1000 Euro höhere Kosten als der technisch nahe Verwandte Kia Sportage aus dem gleichen Konzern – allein wegen der teuren Sensoreinheit.

Frontschäden: Hightech-Licht als Kostentreiber

Ein Mechaniker wechselt den Scheinwerfer eines Autos
Ein moderner Scheinwerfer mit LED- oder Laserlicht kann Tausende Euro kosten © Shutterstock/Anatoliy Cherkas

Die größten Preisunterschiede zeigen sich bei den fiktiven Frontschäden. Hier lautete die Vorgabe für den Kostenvoranschlag, dass neben dem vorderen Stoßfänger auch der linke vordere Scheinwerfer ersetzt werden sollte.

Und das kann ins Geld gehen. Ein Laserlicht-Scheinwerfer wie beim BMW 330e kostet als Ersatzteil rund 3300 Euro netto – eine enorme Summe, die die Brutto-Rechnung für die gesamte Reparatur auf fast 8000 Euro hochtreibt. Auch der Volvo XC60 liegt aufgrund teurer LED-Scheinwerfer und lackierter Stoßfängerabdeckungen im oberen Kostenbereich.

Wäre "nur" ein LED-Scheinwerfer verbaut, könnte man sich bei der Reparatur etwa 1700 Euro netto sparen. Hinzu kommt, dass sich die Vorteile des teuren Laserlichts beim Fahren stark in Grenzen halten. Mittlerweile hat sich BMW daher dazu entschieden, die Scheinwerfer mit Laserlicht aus dem Programm zu nehmen.

Auch beim Frontschaden fallen die baugleichen Modelle Toyota Corolla und Suzuki Swace wie beim Tausch der Frontscheibe durch unerklärliche Ersatzteilpreisunterschiede auf. Beim Suzuki ist der Scheinwerfer über 500 Euro teurer als beim Toyota, obwohl es sich offenbar um das gleiche Bauteil handelt.

Teuer: Manche Hersteller verbieten Nachlackieren

Ein Mechaniker poliert die Stoßstange eines Autos
Beim fiktiven Frontschaden musste auch der vordere Stoßfänger getauscht und lackiert werden© Bhakpong

Ein weiteres kurioses Detail: Viele Hersteller verbieten das Nachlackieren der Stoßfänger, weil sich die Lackschicht auf die unter den Stoßstangen verbauten Radarsensoren auswirken kann. Das widerspricht der Tatsache, dass die Stoßfänger oft nur grundiert geliefert werden und anschließend sowieso lackiert werden müssen.

Trotzdem führt diese Vorgabe der Hersteller dazu, dass Stoßfänger komplett ersetzt werden müssen – ein unnötiger, aber teurer Eingriff.

Autoversicherung: Finanzielle Belastung steigt

Die hohen Kosten für Reparaturen sind ein Hauptgrund dafür, dass die Kosten für Autoversicherungen seit Jahren teils drastisch ansteigen. Laut der Verivox Versicherungsvergleich GmbH sind die Prämien für Autoversicherungen bei Neukunden allein von 2024 bis 2025 um 16 Prozent gestiegen – ein Zeitraum von gerade einmal zwölf Monaten.

Innerhalb der vergangenen drei Jahre sind die Kosten für Neukunden gar um durchschnittlich etwa 50 Prozent gestiegen. Dieser Anstieg wirkt sich auf die Unterhaltkosten für jeden Halter und jede Halterin aus. Versicherungsprämien von weit über 1000 Euro pro Jahr für eine Vollkasko-Versicherung bei "normalen" Autos sind keine Seltenheit mehr.

Ältere Autos werden schnell unrentabel

Aus Sicht des ADAC ist das eine kaum noch zu rechtfertigende finanzielle Belastung für Autofahrende. Bei älteren Fahrzeugen führt diese Entwicklung ebenfalls zu einer bedenklichen Entwicklung: Bereits leichte Unfälle können wirtschaftliche Totalschäden zur Folge haben.

Um die ausufernden Reparaturkosten bei modernen Fahrzeugen einzudämmen, sollten die Hersteller künftig komplexe Bauteile so gestalten, dass einzelne Baugruppen zumindest separat getauscht werden können.

Verbraucher und Verbraucherinnen sollten im Zweifel vor einer Kfz-Reparatur immer eines tun: die Preise vergleichen und prüfen, ob die Reparatur in einer vom Versicherer vorgegebenen Partnerwerkstatt in der Region erfolgen muss. Dann haben die Versicherungsnehmer oftmals den Vorteil eines niedrigeren Versicherungsbeitrages im Vergleich zu einem Vertrag ohne Werkstattbindung.

ADAC Forderungen an die Hersteller

  • Bauteile modular aufbauen: Ersatzteile sollten so konstruiert werden, dass die darin verwendeten Baugruppen einzeln austauschbar sind. Das erhöht die Reparaturfreundlichkeit und sorgt für geringere Kosten bei Reparaturen.

  • Keine reinen Prestige-Techniken verbauen: Technik, die im Alltag keinen nennenswerten Vorteil bringt, wie beispielsweise Laser-Scheinwerfer, Kameras statt Außenspiegel oder elektrisch ausfahrbare Türgriffe, kosten bei Herstellung und Reparatur viel Geld, bringen aber wenig bis keinen Mehrwert.

  • Haltbarkeit und Reparaturfreundlichkeit wieder in den Fokus stellen. Empfindliche Mechanik und Elektronik ist dafür prädestiniert, irgendwann einen technischen Defekt zu erleiden. Hier sind elektrisch ausfahrbare Türgriffe ein gutes Beispiel. Ein stabiler Bügeltürgriff hat viele Vorteile gegenüber seinem elektrischen Pendant, ist technisch ausgereift und hält dadurch praktisch ewig.

Tipps für Verbraucher

  • Vor einer Reparatur Kostenvoranschlag machen lassen und Preise vergleichen.

  • Ein wesentlicher Kostentreiber der hohen Reparaturkosten sind die Stundenlöhne. Diese können je nach Region sehr unterschiedlich ausfallen. Oftmals liegen die Stundenlöhne außerhalb großer Städte auf deutlich geringerem Niveau. In der Regel sind freie Werkstätten günstiger als Vertragswerkstätten.

  • Komplexe Extras wie Laser-Scheinwerfer oder Kameras statt Außenspiegel bieten im Alltag keinen echten Mehrwert, kosten aber beim Fahrzeugkauf viel Geld. Im Zweifel lieber nicht mitbestellen.

  • Bei älteren Autos muss es nicht immer ein Neuteil sein. Auch viele elektronische Bauteile können mittlerweile von spezialisierten Firmen repariert werden. Im Karosseriebereich können gebrauchte Ersatzteile eine Alternative sein.

  • Bei Fahrzeugen, die baugleich von anderen Herstellern verkauft werden, lohnt sich im Falle einer Reparatur der Blick zur anderen Marke. Damit kann man bei gleicher Qualität gutes Geld sparen.

Fachliche Beratung: Maximilian Bauer, ADAC Technik Zentrum